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Was wissen wir zu Nutzen und Risiken der Corona-Impfung?

Wo du im Netz verlässliche Infos und Entscheidungshilfen findest

11.12.2020
5 Minuten
Die Pflege-Fachkraft May Parsons (rechts) impft die 90-jährige Margaret Keenan (links) als erste Person in Großbritannien gegen Covid-19 mit dem Impfstoff von Pfizer/BioNtech Covid.

Dieser Text gehört zu einer Serie der ZukunftsReporter und von Plan G, in der wir in das Corona-​​Jahr 2021 blicken. Wir werden über die Pflege in Krankenhäusern und Zuhause schreiben, über die Logistik der Impfungen, Informationen zu Nutzen und Risiken der Impfstoffe (dieser Text) und die Situation auf den Intensivstationen.

Update 15.05.2021

Inzwischen sind einige Gesundheitsinformationen erschienen, die viele der unten beschriebenen Wünsche erfüllen. Sie beschäftigen sich getrennt mit den einzelnen verfügbaren Impfstoffen und werden fortlaufend aktualisiert.

Impfstoff-Porträts bei gesundheitsinformation.de

Überblick und Informationen zu den verschiedenen Impfstoffen bei Medizin transparent

Faktenboxen zu den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna

Entscheidungshilfe zur Corona-Impfung von Share to Care

Informationen zu den Impfstoffen bei der Stiftung Gesundheitswissen

Für Menschen mit wenig Zeit ist vielleicht die Entscheidungshilfe „COVID-Cube“ des Deutschen Netzwerks Gesundheitskompetenz interessant.

Wenn dich nur einzelne ausgewählte Aspekte rund um die Impfungen interessieren, wirst du vielleicht auch in der FAQ zur Corona-Impfung bei Riffreporter fündig.

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„Und, lässt du dich gegen Corona impfen?“ – diese Frage höre ich in diesen Tagen öfter mal. Danach folgen oft Diskussionen mit Familie, Freund:innen oder Bekannten, die sich grob in 3 Gruppen unterteilen lassen:

  1. Einige stehen quasi schon in den Startlöchern, um sich impfen zu lassen, sobald es Impfstoff gibt und sie an der Reihe sind.
  2. Andere fühlen sich eher wie Versuchskaninchen und halten das Risiko der ersten zugelassenen Impfstoffe ihrer Art* für zu hoch.
  3. Und der Rest steht irgendwie dazwischen: Sie hoffen zwar sehr, dass die Impfstoffe die Pandemie bald beenden, sind aber wegen der schnellen Entwicklungs- und Zulassungsprozesse verunsichert.

Schlagzeilen und Gerüchte treiben die Gefühle zusätzlich in die eine oder andere Richtung, manche verstärken die Unschlüssigkeit noch. Wie soll man da eine gute Entscheidung treffen? Klar ist: Weder Euphorie noch Furcht sind gute Ratgeber.

Wenn ich mir jetzt schon eine Meinung bilden will, ist das auch deshalb schwer, weil es manchmal mit den Veröffentlichungen Schlag auf Schlag geht (erst die Zulassungsbehörden [1] und dann auch noch in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift [2]) und ich mit dem Sichten und Sortieren kaum hinterher komme. Wir wissen aber jetzt schon, dass selbst mit den Zulassungsentscheidungen und der Verfügbarkeit der Impfstoffe noch nicht alles klar sein wird. Wir werden uns also für oder gegen eine Impfung entscheiden müssen, ohne auf alle Fragen vollkommen sichere Antworten zu haben. Warum das auch sonst Gesundheitsentscheidungen so anstrengend machen kann, haben wir in diesem Artikel beschrieben.

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Was ich mir von guten Impfinformationen wünsche

Hilfreich wäre es in dieser Situation, wenn es dann zumindest zeitnah zur Zulassung und zum Beginn der Impfungen verlässliche und gut verständliche Informationen zu den Impfstoffen gäbe.

Ein No-Go: Wenn es bei Überredung, Beschönigungen oder bloßen Appellen an das Vertrauen zu Behörden bliebe. Denn Vertrauen kann nur durch Transparenz entstehen: Mit verständlichen Erklärungen dazu, was wir wissen, aber auch, was wir noch nicht wissen. Ich will also auch erfahren, was unsicher ist – und Hintergrundinfos bekommen, wie ich diese Daten und Fakten einordnen kann.

Diese Aspekte sollte auf jeden Fall in einer guten Gesundheitsinformation zu den Corona-Impfungen beschrieben werden – aufgeschlüsselt für die jeweiligen Impfstoffe, die zur Verfügung stehen:

  • Was wurde in den bisherigen Studien überhaupt getestet und wie hoch war da die Wirksamkeit?
  • Was wissen wir dazu, wie lange ein möglicher Impfschutz anhält?
  • Was wissen wir dazu, ob und wieviel der jeweilige Impfstoff zu einem möglichen Gemeinschaftsschutz beiträgt, also Infektionsketten unterbrechen kann? Und was bedeutet das für mein Verhalten, wenn ich erstmal geimpft bin?
  • Welche unerwünschten Effekte sind bisher aufgefallen?
  • Auf welche möglichen Nebenwirkungen wurde in den Studien geachtet, auch wenn sie vielleicht gar nicht aufgetreten sind?
  • Welche wichtigen Gruppen, die durch das Virus besonders gefährdet sind, zum Beispiel ältere Menschen oder Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, waren an den Studien beteiligt und was wissen wir bisher zu möglichen Unterschieden bei Wirksamkeit und Sicherheit?
  • Für welche Gruppen fehlen bisher Daten?
  • Welche weiteren Daten werden zukünftig erhoben und wie soll das passieren?

Im Idealfall könnte eine solche Gesundheitsinformation auch auf die wichtigsten Mythen und Gerüchte rund um die Impfstoffe eingehen, etwa:

  • was an den Entwicklungs- und Zulassungsprozessen tatsächlich verkürzt wurde, an welchen Stellen das mehr Unsicherheit bringt, an welchen aber nicht und welche Überlegungen und Maßnahmen dazu geführt haben
  • welche Vor-Erfahrungen es mit mRNA-Impfstoffen gibt und welche Erkenntnisse und Überlegungen zur Sicherheit hinter den Studien und Zulassungen stecken

Außerdem sollten die Verantwortlichen auch darüber nachdenken, wie Menschen überhaupt an die Gesundheitsinformationen kommen: Online ist schnell und bequem, etwa über das neue Nationale Gesundheitsportal – aber was ist mit den Menschen, die digital schwer erreichbar sind? Sicherlich müsste es auch eine Print-Variante geben, die im Idealfall proaktiv verteilt wird, zum Beispiel mit den Einladungen, die wohl für die Impfung (zumindest am Anfang) an alle Berechtigten verschickt werden [3].

Unzureichend wäre es, die Infos erst zu verteilen, wenn man bereits im Impfzentrum steht und quasi schon den Arm frei gemacht hat – denn dann ist eine offene Entscheidung praktisch schwierig. Oder wenn es gar keine schriftlichen Unterlagen gibt, sondern nur eine rasche mündliche Information durch Impfärztin oder Impfarzt.

Warum gute Impfinformationen möglich sind

Das sind anspruchsvolle Wünsche, ja. Besonders weil sich die Erkenntnisse vermutlich im Laufe der Zeit weiter verändern werden und eine solche Gesundheitsinformation dann zügig aktualisiert werden müsste.

Trotzdem sind die Voraussetzungen für verlässliche und aussagekräftige Impfinformationen gut:

  • Für die beiden Impfstoffe, die vermutlich als erste zugelassen werden, sind die Prüfpläne (study protocols) bereits jetzt veröffentlicht.
  • In Behörden wie dem Paul-Ehrlich-Institut liegen bereits jetzt umfangreiche Informationen zum Beispiel zu den Ergebnissen aus Tier- und Laborversuchen vor. Denn die waren die Voraussetzung für die Genehmigung zu den Studien mit Menschen.
  • Die europäische Zulassungsbehörde hat versprochen, ihre Bewertungen mit Details zu den Studien innerhalb weniger Tage nach der Zulassung verfügbar zu machen. Wir sind also nicht darauf angewiesen, dass die Daten erst in Fachzeitschriften veröffentlicht werden [2]. Diese Publikationen enthalten in der Regel auch weniger Details als die Bewertungen der Zulassungsbehörden.
  • Es gibt in Deutschland Institutionen, die viel Erfahrung mit der soliden und verständlichen Aufbereitung von Daten haben. Das Bundesministerium für Gesundheit könnte sie schon heute beauftragen, mit den Vorbereitungen anzufangen und Informationen zu ergänzen, sobald sie etwa im Rahmen der Zulassung öffentlich verfügbar werden.

Warum gute Impfinformationen wichtig sind

Solche Informationen können Impf-Entscheidungen unterstützen, denn die sind sowieso nicht so einfach. Dafür gibt es gleich mehrere Ursachen:

Zum einen ist dabei unser Abstraktionsvermögen gefragt: Impfungen sind nicht für die Behandlung von kranken Menschen bestimmt, sondern sollen verhindern, dass gesunde Menschen krank werden oder weniger Krankheitsfolgen davontragen. Der Erfolg der vorbeugenden Maßnahme besteht darin, dass man nichts (also keine Erkrankung oder keine Komplikationen) sieht – damit ist ein Nutzen nicht so leicht erfahrbar. Mögliche Impfreaktionen sind aber oft zeitnah sichtbar. Das kann unsere Abwägung von Nutzen und Risiken verzerren.

Zum anderen wird es auch dadurch komplex, weil meine Entscheidung oft nicht nur mich, sondern auch andere Menschen betrifft – das liegt in der Natur von Infektionskrankheiten.

Gute Gesundheitsinformationen können dann dazu beitragen, dass du und ich leichter in Sachen Corona-Impfung entscheiden können – und am Ende mit der Entscheidung dann auch zufrieden sind.

Zum Weiterlesen

[1] Erste detaillierte Informationen zu den Studienergebnissen für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA am 08.12.2020 veröffentlicht. Im Vereinigten Königreich wurde die Anwendung dieses Impfstoffs bereits am 02.12.2020 vorläufig genehmigt, dafür stehen nicht ganz so detaillierte Informationen für Gesundheitsfachleute und Patient:innen zur Verfügung. Am 09.12.2020 hat auch die kanadische Zulassungsbehörde Dokumente publiziert (Information ergänzt am 11.12.2020).

[2] In der Zeit zwischen Fertigstellung (dachte ich zumindest) und Freischaltung dieses Artikels wurden die Daten aus der Zulassungsstudie zum Impfstoff von BioNTech/Pfizer im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

[3] Die Organisation der Impfung ist logistisch anspruchsvoll. Darüber berichtet etwa der Deutschlandfunk. Und derzeit sind auch noch einige Fragen zur Logistik offen, wie unser Riffreporter-Kollege Rainer Kurlemann im Magazin „Die ZukunftsReporter“ beschreibt.

* Den Wirkungsmechanismus der mRNA-Impfstoffe beschreibt unsere Riffreporter-Kollegin Ulrike Gebhardt in einem Beitrag im Magazin „Immun“. (ergänzt am 11.12.2020)

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Dr. Iris Hinneburg

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Als Pharmazeutin und Medizinjournalistin liegen mir gute Gesundheitsinformationen und informierte Entscheidungen besonders am Herzen. Deshalb schreibe ich bei den Riffreportern für die Koralle „Plan G: Gesundheit verstehen“.


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