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Der Sommer der Extreme: Bilder einer weltweiten Krise

Merkel im Ahrtal: Dafür gibt es kaum Worte / Überschwemmungen in Mitteleuropa, Hitze in Nordamerika, Brände in Russland – und das arktische Eis schrumpft

von
18.07.2021
6 Minuten
Ein Karpfen liegt auf der zerstörten Fahrbahn der B265.

Der Juli 2021 wird als Monat der Wetterextreme in die Geschichte eingehen. Deutschland, Belgien, die Niederlande und Österreich werden von Starkregen heimgesucht, der teilweise Rekorde sprengt. Riesige Wassermassen wälzen sich Täler hinab, überraschen Menschen im Schlaf und reißen ganze Häuser mit.

Überschwemmungen und Hochwasser hat es schon immer gegeben, aber Ausmaß und Intensität der aktuellen Ereignisse lässt viele Menschen fragen, ob das eintritt, wovor Klimaforscherinnen und -forscher schon lange warnen.

„Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag bei ihrem Besuch im Katastrophengebiet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Gespräch vor einem zerstörten Haus
18. Juli: Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht die Ortschaft Schuld im Ahrtal.

Das Wasser kam aus einem Tiefdruckgebiet, das von heißen Luftmassen im Osten blockiert wurde und deshalb über der Grenzregion zwischen Deutschland und Belgien abregnete. Dann setzte sich die Flut gen Niederlande in Bewegung. Die Maas ist deshalb derzeit Überschwemmungsgebiet.

Weiträumig überschwemmmte Landschaft
Die Maas bei Roermond am 16. Juli 2021 während schwerer Überschwemmungen.

Entlang der Maas herrscht eine angespannte Stimmung. Künstliche Barrieren werden errichtet, man hofft, dass sie halten.

Ein Mann steht vor einer Aluwand auf einer Leiter und deutet auf das dahinterliegende Wasser
Ein freiwilliger Deichwächter untersucht am 16. Juli 2021 das temporäre Hochwasserschutzsystem an der Maas im niederländischen Arcen.

In Deutschland herrscht Entsetzen über die Ereignisse im Ahrtal. In Rheinland-Pfalz wurden bis zum 18. Juli 110 Tote geborgen. Mit weiteren Opfern wird gerechnet.

Das Dorf liegt im Flusstal und ist komplett überschwemmt.
Das Dorf Insol in Rheinland-Pfalz am 15.Juli 2021.

Die Wassermassen sind mit riesiger Gewalt in die Ortschaften eingedrungen und haben alles durcheinandergewirbelt, was Menschen aufgebaut hatten.

2 junge Menschen stehen vor einem zerstörten Haus
Mit Zerstörung konfrontiert: In Altenahr ist seit dem Hochwasser nichts mehr wie vorher.

Schon am Tag nach der Flut begannen die Aufräumarbeiten. Doch es wird lange dauern, bis die Schäden beseitigt sind.

Ein junger Mann schiebt eine Schubkarre durch durch Fußgängerzone, die komplett mit Schutt und Abfall gefüllt ist, im Hintergrund weitere Menschen bei Aufräumarbeiten.
Aufräumarbeiten im Ahrtal: Anwohner und Ladeninhaber versuchen, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen.

Auch die Überschwemmungen entlang des Flusses Erft haben für Entsetzen gesorgt – und für Anblicke, die man nur in Katastrophenfilmen sehen möchte. Horrorszenarien wurden Wirklichkeit.

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Die Bundesstraße ist komplett überschwemmt, leere Autos stehen im Wasser.
Apokalyptischer Anblick: In der Nähe von Erftstadt blieben Autofahrer im Hochwasser stecken und ließen ihre Fahrzeuge zurück.

In der Nähe von Erftstadt ergoss sich die Flut in eine Sandgrube – und riss dabei die Häuser von Anwohnern und Felder mit.

Luftaufnahme von Blessem: Felder und der Rand der Siedlung sind einer großen Abbruchkante gewichen, Wasser fließt hinab in die Sandgrube.
Dramatisches Geschehen: Die Wassermassen ließen die Ränder der Sandgrube einstürzen.

Am Wochenende gingen auch über Südbayern und der Region um Salzburg gewaltige Regenmengen nieder und führten zu Überschwemmungen.

Braunes Hochwasser schießt einen Fluss hinunter
Hochwasser bei Hallein in Österreich: Derzeit ergießen sich in den Alpen riesige Wassermengen.

In Kufstein standen Keller unter Wasser, für den Alpenrand gilt Katastrophenalarm.

Überschwemmtes Wohnviertel bei Nacht im Blaulicht
Starkregen hat in der Nacht auf den 18. Juli 2021 unter anderem in Kufstein zu Überschwemmungen geführt.

Nicht nur in Europa leiden Menschen unter starken Regenfällen. In Uganda in Ostafrika wurden Straßen und Landwirtschaft durch heftigen Regen von einer Flut zerstört.

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Im Oman kamen mehrere Menschen durch die Folgen heftiger Regenfälle ums Leben.

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Während die Menschen in Westeuropa, Uganda und dem Oman unter zu viel Wasser litten, suchten viele in Osteuropa in den vergangenen Tagen wegen ausgeprägter Hitze kühlende Orte auf.

Kinder spielen unter riesigen Duschen, die im Stadtraum von Vilnius installiert sind.
Dringend nötige Abkühlung: Kinder in Vilnius spielen am 15. Juli 2021 während einer Hitzewelle mit bis zu 32 Grad unter kühlem Wasser.

Doch nicht nur Europa ist von Wetterextremen gezeichnet. In Nordamerika liegt ein regelrechter „Hitzedom“ über der Westseite des Kontinents. Die Dürre trägt dazu bei, das Waldbrände sich schnell ausbreiten – wie das „Sugar Fire“ in Kalifornien.

Mann blickt auf brennende Hügelkette
Flammendes Inferno: Das „Sugar Fire“ in Kalifornien verschlingt große Waldflächen.

Solche Feuer mit einer Ausdehnung von mehr als 20 mal 20 Kilometern seien nicht länger ungewöhnlich, sagte der Sektionschef der U.S. Forest Service Operations, Jake Cagle, laut Los Angeles Times. „Das ist das neue Normal – wir sprachen früher von 'historischen’ oder 'ungekannten’ Ausmaßen“ solcher Feuer. „Aber das ist vorbei.“

Vom Feuerschein in orange getauchte Feuerwehrleute stehen in einer Reihe und schauen ängstlich drein.
Bange Blicke: Feuerwehrleute der „Cal Fire’s Placerville station“ beobachten das „Sugar Fire“, das sich zum „Megafeuer“ entwickelt hat.
Outdoor-Thermometer zeigt 56 Grad, im Vordergrund ein Mann mit Hut.
Hitze pur: Im Death Valley in Kalifornien wurden am 11. Juli 2021 extreme Temperaturen gemessen.

Auch in Sibirien wüten – befeuert von Hitze und Dürre – auf riesigen Flächen Brände, wie diese Aufnahmen der NASA zeigen. Bei den Bränden werden gewaltige Mengen Kohlendioxid frei, die wiederum die Erderhitzung verstärken.

Rauchende Waldlandschaft
In der sibirischen Provinz Sache (auch als Jakutien bekannt) wüten auf riesigen Flächen Waldbrände.
Satellitenaufnahme das ein Gebiet von ca. 27×27 Kilometern zeigt, auf dem die Erde von Feuern raucht.
Ausschnitt einer Feuerkatastrophe: Dieses Satellitenbild der NASA zeigt Brände auf einer etwa 27 mal 27 Kilometer großen Fläche.
Der Himmel über Sibirien ist von Rauch bedeckt.
Rauch über Sibirien: Das Bild vom 5. Juli 2021 zeigt eine etwa 2200 mal 1600 Kilometer große Fläche.

Und als ob das alles nicht genug wäre, melden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Extrem-Sommer 2021 auch neue Tiefstände bei der Ausdehnung von Meereseis in der Arktis. Mit einer Fläche von nur 7,95 Millionen Quadratkilometer war dem National Snow & Ice Data Center zufolge am 13. Juli noch weniger Meereis vorhanden als bei früheren Minusrekorden 2012 und 2020.

Eislandschaft im Meer
Eislandschaft in der Nähe von Ilulissat, Grönland. 2021 schrumpft das arktische Seeeis wieder stark.

Die Ereignisse werden noch immer als „Naturkatastrophen“ beschrieben. Doch über allem liegen der Verdacht und die Angst, es könnte sich um konkrete Folgen der menschgemachten Erhitzung handeln – um genau das, wovor der Weltklimarat seit Jahrzehnten warnt. Einen ultimativen Beweis gibt es nicht, aber sehr wohl Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die einen Zusammenhang sowohl für die Überschwemmungen in Europa wie auch die Hitze in Nordamerika sehr stark nahelegen.

In der New York Times schreibt Somini Sengupta: „Die extremen Wetterkatastrophen in Europa und Nordamerika haben uns zwei wesentliche Tatsachen aus Wissenschaft und der Geschichte vor Augen geführt: Die Welt als Ganzes ist weder dafür bereit, den Klimawandel zu verlangsamen, noch dafür, mit ihm zu leben. Die Ereignisse der Woche haben einige der reichsten Nationen der Welt heimgesucht, deren Wohlstand erst durch mehr als ein Jahrhundert der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas möglich wurde.“

In der FAZ mahnt Joachim Müller-Jung: „Den Katastrophenfall in der Eifel als isoliertes und zufälliges Unwetter, gleichsam als Teilmenge historischer Naturereignisse zu betrachten, blendet einen entscheidenden Wissensstand der jüngeren Forschungsgeschichte aus. (…) Grob lässt sich sagen: Ein Grad Erwärmung bedeutet knapp sieben Prozent mehr Wasser in der Atmosphäre, und dieses Mehr an Wasser muss irgendwann und irgendwo abregnen.“

Und in „Spektrum der Wissenschaft“ fordert der Wissenschaftsjournalist Daniel Lingenhöhl: „Es mehren sich die Zeichen, dass sich verschiedene für das Weltklima wichtige Regionen ihren Kipppunkten nähern oder sie vielleicht sogar schon erreicht haben. (…) Die Wissenschaft hat die Daten und Prognosen geliefert. Die Politik ist nun am Zug.“

Im Projekt „Countdown Natur“ berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Der Fotoeinkauf für diesen Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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Christian Schwägerl

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