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Klimakrise und Naturzerstörung: Wie sicher ist Deutschlands Trinkwasserversorgung?

Dürre, Extremwetter, trockengelegte Feuchtgebiete –der Griff zum Wasserhahn könnte auch bei uns in Zukunft nicht mehr selbstverständlich sein

von
15.08.2021
16 Minuten
Niederschlag fällt aus einer dunklen Wolke auf flaches Land.

Es ist ein Luxus, der für uns Normalität geworden ist: Trinkwasser in bester Qualität kommt aus der Leitung. Es kostet nicht viel – und steht jederzeit zur Verfügung. Doch können wir uns darauf auch in Zukunft verlassen? Die Klimakrise macht sich auch beim Wasser bemerkbar.

In den öffentlichen Debatten über die Auswirkung der Klimakrise für Deutschland liegt der Fokus meist darauf, dass es in Zukunft zu wenig Wasser geben wird. Doch im Juli 2021 zeigte sich das andere Extrem: viel zu viel Wasser, in Form von flächendeckendem Starkregen, stürzte die Menschen an Ahr und Erft, Rur, Inde, Wupper und Ruhr, im Osterzgebirge und im Berchtesgadener Land in schreckliche Flutkatastrophen. Allein an der Ahr kostete die Katastrophe mehr als 145 Menschen das Leben.

Stressfaktor 1: Zu viel Wasser

Normale Hochwassersituationen an großen Flüssen mit breiten Talauen wie dem Rhein oder der Elbe sind für die Wasserversorgung meist kein gravierendes Problem, weil das Wasser langsam steigt und man genug Zeit hat, sich vorzubereiten. „Aber das ist mit der Flut im Ahrtal nicht zu vergleichen. Da hatte man, wenn man Glück hatte, eine halbe Stunde Vorwarnzeit, teilweise ging das sogar im Minutentakt“, sagt Berthold Niehues vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW).

Die Organisation erarbeitet unter anderem technische Regeln für die Wasserversorgung. „Im Ahrtal ist in vielen Gemeinden die Infrastruktur für die Wasserversorgung im größeren Ausmaß zerstört. Da versucht man jetzt, mit einer Behelfslösung zumindest einen Großteil der Bevölkerung wieder an die öffentliche Wasserversorgung anzuschließen.“ Bei den Provisorien werde es noch lange bleiben, weil man unter anderem noch nicht wisse, wo neue Häuser und Straßen zerstörte ersetzen werden.

Haus, dessen Vorderfront vom Hochwassers zerstört wurde, im Vordergrund eine kraterförmige Pfutze, gefüllt mit Wasser
Die extreme Hochwasserflut im Juli hat an der Ahr viele Menschen das Leben gekostet, vielen Hab und Gut genommen, sowie Häuser und Infrastruktur zerstört, zu der auch Wasserleitungen gehören.
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Viele Häuser des Ortes Dernau stehen nach Überflutungen an der Ahr  im Wasser.
Allein im Ahrtal haben die Starkregenfälle und Überschwemmungen im Juli 2021 Verwüstungen auf 40 Kilometer entlang des Flusses hinterlassen.

Wenn Schmutzwasser einsickert

Starkregen mit Hochwasser kann, wie sich vor allem im Ahrtal zeigte, auch die Wasserversorgung gefährden. Etwa, wenn es durch überflutete Brunnenschächte in Grundwasservorkommen, aus denen Trinkwasser entnommen wird, eindringt und diese verschmutzt. Oder in Sturzbächen schlammiges Wasser in Talsperren spült.

Wasser bringt bei Flutkatastrophen Krankheitskeime aus zerstörter oder überlasteter Kanalisation und überschwemmten Kläranlagen mit sich. Heizöl aus geborstenen Tanks, Kraftstoff aus fortgespülten Autos, Pestizide aus mitgerissenen Vorräten von Landwirten, gelangten bei den Flutkatastrophen im Juli ebenso ins Wasser.

Auch solche Chemikalienbehälter können eine Gefahr für die Wasserressourcen darstellen. Aber wie sich das auf Trinkwasserressourcen auswirkt, lässt sich nach den Worten von Berthold Niehuis immer nur in Einzelfall sagen, denn: „Es gibt in Deutschland kein Wasserversorgungssystem von der Stange, sondern rund 6000 verschiedene.“ Je nachdem, wie tief ein Grundwasservorkommen im Untergrund liegt, in welchen Gestein es fließt und wie es natürlich abgedichtet ist, ist es gut oder weniger gut geschützt. Je nachdem, ob im Einzugsgebiet einer Talsperre Wald steht oder Landwirte ihre Äcker bestellen, bereiten Wasserwerke es mit wenig oder großem Aufwand zu Trinkwasser auf.

„Je nach Gegebenheiten können gefährliche Bakterien und Stoffe gar nicht, langsam oder schnell in eine Wasserressource eindringen.“ Dann komme es darauf an, dass der Wasserversorger diese engmaschig überwache und sie gegebenenfalls von der Wasserversorgung einer Kommune zeitweise abtrenne, erläutert der DVGW-Wasserexperte Berthold Niehues.

Wichtig sei für solche Fälle, dass zum Beispiel die Wassernetze benachbarter Kommunen miteinander verbunden seien, damit man einander im Notfall aushelfen könne. Wobei das auch nichts nütze, wenn die Katastrophe beide Nachbarorte gleichzeitig trifft. „Mit einer Katastrophe von diesem Ausmaß hat eben niemand gerechnet, “ sagt Berthold Niehues.

Und genau darin besteht das Risiko: Extremwetterereignisse wie im Ahrtal werden mit zunehmender Erhitzung immer wahrscheinlicher. Was früher nur einmal pro Hundert Jahre passiert ist, kann künftig zwei, fünf oder zehn Mal pro Jahrhundert passieren – je nachdem, wie stark die CO2-Konzentration in der Atmosphäre noch steigt.

Stressfaktor 2: Zu wenig Wasser

Vor den Hochwasserkatastrophen im Juli 2021 hat die Klimakrise in Deutschland in drei aufeinanderfolgenden Jahren dazu geführt, dass zu wenig Wasser da war.

Ein weißer Tankanhänger  steht auf dem Hof der Freiwilligen Feuerwehr Lauenau.
Wegen der Corona-Pandemie im Sommer 2020 verzichteten viele Einwohnerïnnen von Lauenau auf Reisen. Zuhause verbrauchten sie so viel Wasser, das die Leitungen nicht mehr genug lieferten. Das technische Hilfswerk lieferte Wasser in Tankwagen.

Im heißen Juni 2020 ging im Odenwald-Dorf Frankenhausen eine besondere Ampel in Betrieb: eine Internet-Trinkwasserampel. Und sofort zeigte sie die Farbe „gelb“ an. Gelb heißt: Der Verbrauch ist größer als die Wassergewinnung. Und das bedeutet für die Einwohnerïnnen unter anderem: Wasser sparen, Garten höchstens zweimal pro Woche bewässern, Schwimmbecken und Zisternen nicht nachfüllen und das Auto bleibt ungewaschen.

Ein Jahr zuvor wäre dieselbe Trinkwasserampel sogar auf „rot“ gesprungen – so schlecht stand es im Sommer 2019 an zwei Tagen um die Wasserreserven in Frankenhausen, einem Ortsteil der Gemeinde Mühltal in der Nähe von Darmstadt. Bei „rot“ gilt: Wasser drastisch sparen, Rasen und Gärten dürfen gar nicht mehr bewässert werden, lediglich für Neuanpflanzungen gilt eine Ausnahme.

Wer große Trinkwasserentnahmen beobachtet, soll dem Wasserwerk Bescheid geben. Die strengen Maßnahmen sind nötig, weil das 700-Einwohner-Dorf nicht in ein übergeordnetes Leitungsnetz eingebunden ist. Es hat seine eigenen Grundwasserbrunnen und Quellen. Deren Wasser pumpen Wasserwerker in einen hoch gelegenen Speicherbehälter. Von dort führen die Leitungen in die Häuser. Doch im langen heißen Sommer 2019 gab es Tage, an denen der Vorrat im Speicher sank und sank. Erstmals pendelte ständig ein Tankwagen zwischen Frankenhausen und einer Zapfstelle in einem anderen Ortsteil hin und her: Er lieferte den dringend nötigen Nachschub für den Wasserspeicher des Dorfes. Mit drastischem Sparen vermieden die Frankenhausenerïnnen den Notstand beim Trinkwasser.

Und Frankenhausen ist nicht der einzige Ort, der mit Wasserknappheit zu kämpfen hatte. Wie das Dorf im Odenwald machte in den langen Trockenzeiten der Jahre 2018 bis 2020 zum Beispiel Rheinböllen im Hunsrück Schlagzeilen mit knappem Wasser. Oder der 4000 Einwohner-Ort Lauenau in Niedersachsen, wo es am Feuerwehrhaus Brauchwasser abzuholen gab – etwa für die Toilettenspülung. Wasser zum Trinken kauften die Lauenauerïnnen im Supermarkt.

Bereits vereinzelte Engpässe

Engpässe bei der Trinkwasserversorgung, von denen Bürgerïnnen etwas mitbekamen, wie in Lauenau, Rheinböllen oder Frankenhausen, sind bislang Einzelfälle.

„Prinzipiell ist Deutschland eigentlich ein wasserreiches Land. Wir haben über ganz Deutschland gesehen genug Wasser“, sagt der Gewässerökologe Markus Weitere von Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Magdeburg .

188 Milliarden Kubikmeter umfassen laut Umweltbundesamt (UBA) die erneuerbaren Süßwasserressourcen in Deutschland.

Würden 20 Prozent davon genutzt, wäre das für Hydrologïnnen und Wasserwirtschaftlerïnnen das Alarmsignal für Wasserstress. Doch Deutschland liegt mit 13 Prozent deutlich unter dieser Marke.

Das mag zum sorglosen Umgang verleiten.

Doch auf anderen Gebieten hat sich schon drastisch bemerkbar gemacht, dass wegen der Klimakrise beim Wasser nicht mehr alles beim alten ist. Bäume leiden an Wassermangel. Einzelne Exemplare und ganze Waldflächen mit Dürreschäden kann in vielen Wäldern niemand mehr übersehen. Berichte über Bauern, die im Sommer schon ihre Heuvorräte für den Winter angreifen mussten, weil auf den Weiden das Gras für ihre Tiere verdorrt war, über Flussschiffe, die nicht mehr genug Wasser unter dem Kiel hatten und Kraftwerke, denen Kühlwasser fehlte, füllten in den trockenen Sommern 2018 bis 2020 viele Nachrichtenspalten und Sendungen.

Die Versorgung mit Trinkwasser sei nach den Trockenjahren 2018 bis 2020 auf kurze und mittlere Sicht noch sicher, schreibt der Hydrobiologe Dietrich Borchardt, der am UFZ den Themenbereich Wasserressourcen und Umwelt leitet, in einem Kommentar zur Nationalen Wasserstrategie.

Trinkwasser-Versorgung im Stresstest

Wie es bei den Versorgern während der langen Trockenheiten 2018 und 2020 aussah, hat der DVWG bei 180 Wasserversorgern erfragt. 2018 habe es einzelne Probleme gegeben; zum Beispiel sei in mancher Talsperre das Wasser knapp geworden oder auf einigen Leitungen der Druck zu schwach gewesen.

Auch, wenn bundesweit die für die Wasserförderung wichtigen Grundwasserspiegel um durchschnittlich einen halben Meter abgesunken seien, habe die Branche den Belastungstest bestanden. 93 Prozent der befragten Unternehmen erwarten für 2021 keine oder allenfalls geringe Beeinträchtigungen der Versorgungssicherheit. Die Branche hat die Klimakrise fest im Blick. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie für die nächsten zehn Jahre mit 1,2 Milliarden Euro Investitionen in Klimaanpassungen rechnet. Das ist dreimal so viel wie im vergangenen Jahrzehnt.

Für Frankenhausen, das Dorf im Odenwald, steht Anfang Juli 2021 die Trinkwasserampel auf grün. Das heißt nicht, Wasser marsch aus allen Hähnen, sondern: immer mal wieder auf die Ampel gucken. Besonders, bevor Verbraucherïnnen größere Mengen Wasser abzapfen oder Bewässerungsanlagen programmieren, sollten sie nachsehen, ob die Ampel immer noch grün zeigt.

Ferne Quellen werden wichtiger

Frankenhausen gehört zu den Orten in Deutschland, die ausschließlich auf eigene Grundwasserbrunnen und Quellen angewiesen sind. Das Dorf hat eine so genannte Inselversorgung. Sein Leitungsnetz ist nicht mit anderen Netzen verbunden.

Wenn das überall in Deutschland so wäre, müsste es vor Trinkwassertankwagen zum Beispiel in Frankfurt am Main nur so wimmeln – und in der Region Hannover, in Bremen, Nordbayern sowie in vielen Orten Thüringens, im Ruhrgebiet und in Berlin. All diese Orte decken ihren Trinkwasserdarf nur zu einem Teil aus Ressourcen in der eigenen Gemarkung.

Ein Großteil des Wassers, das dort aus den Hähnen fließt, kommt von weit her. Wenn Stuttgarterïnnen Durst haben, stillt ihn unter Umständen der Bodensee. Eine Fernwasserleitung verbindet die Stadt mit den Tiefen des Sees. Dort sammelt sich besonders sauberes Wasser.

In einer Halle der Bodenseewasserversorgung strömt Wasser an die Oberfläche eines runden Beckens.
Im Quelltopf Sipplinger Berg quillt Wasser empor, das Pumpen tief aus dem Bodensee fördern. Es wird zu Trinkwasser für vier Millionen Menschen in Baden-Württemberg aufbereitet.

München wird großenteils aus Quellgebieten im Loisach- und im Mangfalltal im Voralpenland versorgt.

Ein Viertel der Einwohnerïnnen Deutschlands bekommt Trinkwasser über Fernleitungen. Wasser aus Talsperren und Grundwasserquellen im und am Harz etwa fließt durch Fernleitungen in den Großraum Hannover und nach Bremen.

Ein Fluss als Quelle für Trinkwasser

Berliner Trinkwasser stammt zu einem Großteil aus der Spree. Doch das funktioniert nur, wenn die Spree auch genug Wasser führt. Den Wasserstand regulieren daher Speicherbecken in Brandenburg und Sachsen, zum Beispiel die Talsperre Spremberg in der Lausitz. Aus dem Stausee wird so viel Wasser in die Spree abgelassen, dass noch genug davon bis nach Berlin fließt.

Dort versickert Spreewasser im sandigen Untergrund des Ufers, zum Beispiel am Müggelsee. Der Sand filtert es, Wasserwerkerïnnen pumpen es hoch und machen Trinkwasser daraus. Außerdem wird Spreewasser in durchlässige Becken geleitet, wo es in Grundwasservorkommen einsickert. Aus ihnen wird ebenfalls Trinkwasser gewonnen. 60 Prozent des Berliner Trinkwassers stammen aus solchen Grundwasseranreicherungen und Uferfiltraten von der Spree, aber auch von der Havel.

Im Ruhrgebiet läuft es ähnlich. An der Ruhr können sich wegen der geologischen Verhältnisse keine großen Grundwasservorkommen bilden. Deswegen lassen Mitarbeiterïnnen in der Talsperrenleitzentrale des Ruhrverbands in Essen Wasser aus Stauseen so gezielt ab, dass die Ruhr immer einen bestimmten Wasserstand hat. Dann sickert aus dem Fluss genug Wasser in den Untergrund der Ufer ein. In Wasserwerken wird es zu Trinkwasser für fünf Millionen Menschen im Ruhrgebiet aufbereitet.

Eine Boje liegt in einem Staubecken bei Niedrigwasser auf dem Trockenen. Im Hintergrund Stauanlagen der Möhnetalsperre.
Im Staubecken der Möhnetalsperre in Nordrhein-Westfalen war im September 2020 deutlich zu erkennen, wie sich die Trockenheit auf den Wasserstand dieses wichtigen Speichers für die Wasserversorgung an der Ruhr auswirkte.

In den Stauseen muss aus Gründen der Wasserqualität immer eine bestimmte Reserve verbleiben. An der Ruhr wurde es in den Trockenjahren 2018 bis 2020 knapp. Der Ruhrverband, Betreiber der Talsperren, musste bei der nordrhein-westfälischen Landesregierung eine Ausnahmegenehmigung einholen, damit sie die Wassermenge, die durch die Ruhr fließt, drosseln konnten, um die Reserven der Talsperren zu schonen. Anfang Juli 2021 sind die Talsperren des Verbandes wieder zu 95 Prozent gefüllt.

Im Winter füllen Regen und Schnee die Stauseen in der Regel wieder. Das war auch nach den trockenen Jahren 2018 bis 2020 nahezu überall der Fall. Doch im Harz haben die Niederschläge in den vergangenen vier Wintern nur für unterdurchschnittliche Füllstände der Talsperren gereicht.

Die Betreibergesellschaft sieht darin keine Gefahr für die Trinkwasserversorgung. Präzise Prognosen – zum Beispiel zum Wetter und zum Wasserverbrauch – sollen den Leitstellen helfen, die verschiedenen Talsperren so zu steuern, dass die Versorgung sicher ist.

In Nordbayern werden viele Orte über Fernleitungen mit Wasser aus großen Grundwasservorkommen am Lech versorgt.

Grundwasser ist die wichtigste Ressource

Wenn wir in Deutschland den Hahn aufdrehen, fließt das Wasser dank einer Infrastruktur mit viel Hightech. Aber das Wasser stammt letztlich stammt immer aus natürlichen Ressourcen: Seen, Talsperren, Quellen, Uferfiltrat, angereichertes Grundwasser, dessen Vorräte durch künstliche Versickerung aufgefüllt werden, und Flusswasser liefern Trinkwasser.

Allein 62 Prozent des Trinkwassers in Deutschland kommen aus dem Grundwasser.

Deshalb ist es besonders entscheidend, dass Grundwasser nicht verschmutzt wird. Doch in vielen Regionen Deutschlands ist das Grundwasser in einem schlechten chemischen Zustand. Nahezu ein Drittel der Grundwasserkörper in Deutschland enthalten laut Umweltbundesamt zu viel Nitrat. Dieses stammt vor allem aus der Landwirtschaft.

Wasser aus Regen und Schnee versickert im Boden, bis es auf Gesteinsschichten trifft, die kein Wasser mehr durchlassen. Dann läuft das Wasser zu Grundwasservorkommen zusammen, die dem Gefälle des Untergrunds folgen. Auf dem Weg durch den Boden wird das Wasser gefiltert und gereinigt. An der Oberfläche sind um die Trinkwasserbrunnen herum Wasserschutzzonen eingerichtet, die eingeschränkt oder gar nicht bewirtschaftet werden dürfen. Damit soll verhindert werden, dass Verschmutzungen oder Keime sich mit dem Wasser auf den Weg nach unten machen. Die Zonen sind so aufgeteilt, dass das Grundwasser bis zur Entnahmestelle mindestens 50 Tage durch den Untergrund fließt. Kälte und Dunkelheit bewirken in der Regel, dass kein Virus oder Bakterium diese Passage überlebt.

Die wichtigste Jahreszeit für die Neubildung von Grundwasser in Deutschland ist der Winter, wenn es viel regnet und schneit und es wenig Verdunstung gibt.

Doch dort, wo Böden versiegelt sind – etwa durch Gebäude, Straßen und asphaltierte Parkplätze – versickert nichts und kein Grundwasser kann sich bilden. Und wenn es zu wenig Regen oder Schnee gibt, reicht die Neubildung vielerorts nicht immer aus, um Grundwasservorkommen vollständig aufzufüllen. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel waren im Mai 2021 mehr als 70 Prozent der Grundwasserspiegel niedriger als zu Beginn der Trockenheit im Jahr 2018. Für ganz Bayern war die Grundwasserneubildung im Zeitraum 2003 bis 2019 um 15 Prozent geringer als zwischen 1971 und 2000.

Seit 2017 breitet sich die Dürre aus

Bevor ehemalige Regentropfen überhaupt im Grundwasser ankommen, müssen sie die oberen Bodenschichten durchdringen. Dort versorgen sich erst einmal die Wurzeln der Pflanzen mit dem lebenswichtigen Nass – so dass oft nichts mehr im Grundwasser ankommt.

Und oft bleibt nicht einmal genug für die Vegetation. Das UFZ simuliert täglich die Bodenfeuchte in ganz Deutschland und veröffentlicht entsprechende Karten im Internet: In diesem Dürremonitor ist eindeutig zu sehen, wo und wie sich aktuell Dürren entwickeln. Und wo und wann Böden in Deutschland seit seit 1952 trocken waren. In diesen fast sieben Jahrzehnten gab es ab und zu mal Jahre, die durch regionale Dürren auffielen. Doch seit 2018 hat sich die Lage zugespitzt. Von 2018 bis 2020 lassen sich für jedes Jahr großflächige Dürren an den Karten ablesen. Teile Norddeutschlands, vor allem aber Ostdeutschland, sind dunkelbraun gefärbt – ein Zeichen für außergewöhnliche Dürre.

Deutschland-Karten für jedes Jahr von 1952 bis 2020, wie trocken es in welchen Regionen es während der Wachstumsperiode der Pflanzen war. Für 2018 bis 2020 zeigt die Farbe braun besonders schwere, großflächige und  und lange Dürreperioden an.
Forscherïnnen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung haben bis 1952 zurückverfolgt, wann und wo Böden bis in eine Tiefe von 1,80 Meter besonders trocken waren. Sie haben jeweils die Monate von April bis Oktober betrachtet. Die Farben werden von gelb – für ungewöhnlich trocken – bis braun – für außergewöhnliche Dürre – mitzunehmener Dauer und Ausprägung der Dürre dunkler.
abgeschwemmter Boden vor einem Hang mit Maisfeld
Starkregen schwemmt bei Trockenheit eher Boden fort als dass er in dauerhaft befeuchtet.

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Wenn Starkregen auf trockenen Boden fällt

Selbst Starkregen kann nichts gegen die Trockenheit ausrichten, solange der Boden zu trocken ist. Trockene Böden zerfallen an der Oberfläche zu Staub, der das Wasser nicht festhält, sondern mit ihm wegschwimmt. Die Erosion nimmt zu, Wasser und Schlamm fließen in den nächsten Entwässerungsgraben oder Bach. „Wenn das Wasser erst einmal im Bach ist, wird es schwierig“, sagt Stephan Naumann, Gewässerexperte des Umweltbundesamtes (UBA). Über die Fließgewässer gelangt das meiste Wasser ins Meer und kann für die Bodenfeuchte nicht mehr viel ausrichten.

Damit Wasser ins Grundwasser gelangt, muss es überhaupt die Chance haben, zu versickern (Stephan Naumann)

Es gehe darum, das Wasser so lange wie möglich in der Landschaft zu halten.

Ein Mann läuft bei anhaltendem Regen im Wald mit einem Regenschirm.
Regen, der im Wald fällt, wird teilweise im Boden gespeichert und trägt unter Umständen zur Grundwasserneubildung bei.

Wie Wasser in der Landschaft bleibt

Mehr Laubbäume in den Wäldern könnten die Grundwasserneubildung unterstützen. Wälder verdunsten zwar auch Wasser, aber ihre Böden halten es vor allem erst einmal fest, lassen es langsam einsickern. Waldboden reinigt das Wasser. Und Laubbäume tragen im Winter keine Blätter, über die sie Wasser verdunsten. Die liegen am Boden und halten ihn feucht.

An Feldern können unbeackerte Randstreifen an Bächen überschüssiges Wasser aufhalten. „Bäume an solchen Bachufern mindern die Verdunstung durch ihren Schatten“, sagt Stephan Naumann.

Der Schatten von Bäumen hat noch weitere positive Effekte: Er hält die Gewässer kühler, und das wiederum macht vielen Tieren, die darin und an den Ufern leben, das Leben leichter.

Feuchtigkeit im Acker halten

Randstreifen nützen an den Rändern der Äcker. UBA-Landwirtschaftsexperte Maximilian Hofmeier betont: „Um das Wasser auch in der Fläche zu halten, bedarf es flächendeckender Maßnahmen." Konservierende Bodenbearbeitung gehöre zum Beispiel dazu. Dabei verzichten Landwirte aufs Pflügen. Stattdessen wird der Boden oberflächlich gelockert. Pflanzenrückstände der vorangegangenen Kultur bleiben auf dem Boden. Von solchen Böden verdunstet weniger Wasser als von gepflügten. Feuchtigkeit bleibt auch im Boden, wenn er bei der Aussaat mit Pflanzenmulch bedeckt bleibt.

Unbedeckte Ackerflächen seien besonders durch Austrocknung und Erosion bedroht, erläutert Maximilian Hofmeier: „Die Flächen sollten das ganz Jahr über bedeckt sein. Dafür bietet sich Zwischenfruchtanbau an. Im Winterhalbjahr halten zum Beispiel schwarzer Senf und Büschelschön die Feuchtigkeit.“

Eine Beregnungsanlage schießt im hohen Bogen einen Wasserstrahl auf einen Acker. Dabei entsteht ein Regenbogen.
Ist der Boden zu trocken, können Landwirte ihren Feldfrüchten das nötige Wasser oft nur per Beregnung bieten, wie hier auf einem niedersächsischen Acker im trockenen April 2020.

Viele Bauern haben wegen der Dürre in den vergangenen Jahren große Teile ihrer Ernte verloren. Viele versuchen, mit Bewässerung gegenzusteuern. Doch das kostet Geld – und es braucht wertvolles Grundwasser. Also die Wasserressource, die ohnehin in vielen Regionen zurückgeht – und die dringend benötigt wird, um ausreichend Trinkwasser zur Verfügung zu stellen.

Wasser, das für Beregnung auf Feldern und zum Trinken gebraucht wird und gleichzeitig aber auch für die Natur notwendig ist: Das ist ein kleiner Ausschnitt der Konflikte, die infolge der Klimakrise um Wasser entstehen können. Schifffahrt, Industrie und Energiewirtschaft haben ebenfalls Ansprüche an die knappe Ressource.

Nach den Worten der UBA-Wasserexpertin Corinna Baumgarten kommt es darauf an, jetzt zu regeln, wie solche Konflikte in Zukunft gelöst werden können. Eine sichere Trinkwasserversorgung müsse dabei besondere Beachtung finden.

Hilfreiche Feuchtbiotope

Auch Feuchtbiotope halten Wasser in der Landschaft, nützen dem Grundwasser und bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Sie mildern zudem Flutwellen nach starken Niederschlägen und geben das Wasser danach langsam an Bäche und Flüsse ab. Zahlreiche tierische Bewohner profitieren davon, dass der Wasserstand über längere Zeiträume hoch bleibt. Solche Feuchtgebiete sind ein wertvoller Puffer – ohne sie würde das Wasser in wenigen großen Flutwellen davon gespült – zurück bliebe eine ausgetrockenete Landschaft.

Tümpel in einem Feuchtbiotop sind umgeben von Gras- und Schilf.
Aus einem Regenrückhaltebecken im Donaumoos hat sich ein Feuchtbiotop entwickelt.

Feuchtgebiet für Trinkwassergewinnung reaktiviert

Seit dem 18. Jahrhundert waren auf dem Gebiet des Spandauer Forstes in Berlin Sümpfe trockengelegt worden, damit Bauern es mit Ackerbau und Viehzucht leichter hatten. Ende des 19. Jahrhunderts gingen in der Nähe der so genannten Kuhlake, einem langestreckten Gewässer im Spandauer Forst, die ersten Grundwasserbrunnen in Betrieb.

In den 1950er Jahren fiel die Kuhlake trocken. Dreißig Jahre später wurde sie revitalisiert: Damit sich mehr Grundwasser bildet, lassen die Wasserwerke seitdem aufbereitetes Wasser aus der Havel in der Kuhlake versickern. Aus ihr ist wieder ein Feuchtbiotop geworden, das sich durch den Wald zieht.

„Je ökologisch intakter ein Gewässer ist, desto besser ist seine Selbstreinigungskraft“, sagt der Gewässerökologe Markus Weitere vom UFZ. Deshalb könnten naturnahe Bäche, Flüsse und Seen auch der Beschaffung sauberen Wassers nützen. „Bei belasteten Seen, Bächen und Flüssen in schlechtem ökologischen Zustand vermehren sich mitunter nahezu explosionsartig krankmachende Keime oder Blaualgen, die Toxine freisetzen können. Wenn Sie dann an solchen Gewässern Wasser gewinnen wollen, bekommen Sie schlechtes Rohwasser.“ In ökologisch intakten Gewässern mit großer Biodiversität und wenig Nährstoffen hingegen bleibt das Wasser sauber. Je sauberer das Wasser, desto einfacher die Aufbereitung. Und desto weniger kostet es.

Allerdings sind nach der jüngsten Erhebung für die europäische Wasserrahmenrichtlinie von 2015 nur acht Prozent der Flüsse, Seen und Bäche in Deutschland in einem guten ökologischen Zustand.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Rainer B. Langen

Rainer B. Langen

Einem ganz bestimmten Fluss fühlt sich Rainer B. Langen als Rheinländer schon mal sowieso besonders nah: dem Rhein. Als freier Wissenschaftsjournalist kann er aber auch an anderen fließenden Gewässern nicht achtlos vorübergehen. Da passt es gut, dass es jetzt Flussreporter gibt.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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