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Chef des Erftverbands: „Der Weg kann nicht sein, die Hochwasserbecken immer höher zu bauen.“

Der Hydrologe Bernd Bucher widerspricht Vermutungen, die RWE habe Hochwasser verschlimmert / Naturschutzgebiete dämpften Flutwelle ab / Kohleausstieg als Chance für Hochwasserschutz

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18.07.2021
6 Minuten
Luftbild des Schlosses in Bechem, neben dem die Landschaft komplett ausgespült ist.

Bis vor wenigen Tagen war die Erft ein schmaler, weitgehend unbekannter Fluss, der aus der Eifel kommend westlich von Köln vorbei über 107 Kilometer hinweg in den Rhein fließt. Durch die Flutkatastrophe ist die Erftregion zum Schauplatz eines schrecklichen Geschehens und weltweit bekannt geworden. Insgesamt 46 Tote hatte Nordrhein-Westfalen bis zum 18. Juli 2021 zu beklagen.

Mit im Zentrum des aktuellen Geschehens steht Bernd Bucher, Vorstand des Erftverbands, eines Zusammenschlusses von rund 250 Mitgliedern “aus Kommunen, Landkreisen, Elektrizitätswirtschaft, Gewerbe, Industrie, Wasserversorgung, Fischerei, Landwirtschaft und Bergbau”. Der Erftverband ist für die Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Erft zuständig – und damit auch für den Umgang mit dem Kohletagebau.

Bucher hat an der Universität Freiburg Geographie mit Schwerpunkt Hydrologie studiert und arbeitet seit 1995 für den Erftverband, den er seit 2018 leitet.

***

Herr Bucher, das Hochwasser an der Erft hat die Region hart getroffen. Haben Sie schon Zeit für eine erste Analyse gehabt, was falsch gelaufen ist?

Bucher: Nein, das wird uns über Wochen, Monate und länger beschäftigen. Wir müssen analysieren, warum unsere Rückhaltebecken überflutet wurden, wie Hochwassermaßnahmen überlastet waren, die auf ein Ereignis ausgelegt wurden, das einmal pro tausend Jahre passiert – und wie Wasser sogar über Dammkronen laufen konnte. Wir werden uns genau anschauen müssen, wie wir das alles robuster oder anders machen können.

Welche Optionen gibt es?

Dafür, das genau zu sagen, ist es viel zu früh. Der Weg kann auf jeden Fall nicht sein, die Hochwasserbecken immer höher zu bauen, denn wenn sie dann im Katastrophenfall doch versagen und brechen, machen sie die Dinge noch schlimmer als ohnehin schon und schlimmer, als es ohne Becken wäre. Da braucht es sorgfältige Untersuchungen und die schüttelt man nicht aus dem Ärmel.

In sozialen Medien kursiert die Behauptung, die RWE hätte, um ihre Tagebaue zu schützen und eine Überschwemmung wie in Inden zu vermeiden, Wasser in die Erft abgepumpt, aber damit das Hochwasser schlimmer gemacht. Stimmt das?

Es wird im Normalfall – also ohne Hochwasser – das sogenannte Sümpfungswasser in die Erft eingeleitet. Und das geschieht grundsätzlich auch im Hochwasserfall. Die Tagebaue brauchen eine permanente Grundwasserabsenkung, und wenn im Fall von starkem Regen oder Hochwasser große Wassermengen in den Tagebau reinlaufen, dann müssen die wieder weg, damit die Böschung nicht kollabiert, sondern sicher bleibt.

Also stimmen die Behauptungen?

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Idyllisches Kleinstadt, durch die der Fluss Erft fließt.
Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Die Altstadt von Bad Münstereifel mit dem Fluß Erft fotografiert am 18.08.2014.
Ein Auto liegt in dem Fluss Erft mitten in der stark beschädigten Altstadt.
Bad Münstereifel am 18. Juli 2021. Die über die Ufer getretene Erft hat erhebliche Schäden angerichtet.

Nein, sie sind abwegig. Denn an der Erft gibt es schon seit den 1960er Jahren eine Überleitung von Erftwasser durch einen Stollen über den Kölner Randkanal zum Rhein, den sogenannten Ville-Stollen. Diese Überleitung wird im Hochwasserfall aktiviert.

Was geschehen ist?

Ja, die RWE hat die Pflicht, im Hochwasserfall bei Kerpen mindestens so viel Wasser aus der Erft in den Rhein zu pumpen, wie sie weiter unten in die Erft einleiten. Das ist die sogenannte Hochwasser-Kompensation. Das wird gemacht, genau um zu verhindern, dass Hochwasser nicht durch die Einleitung von Sümpfungswassern verstärkt wird. Der Ville-Stollen wurde extra dafür angelegt, erst kürzlich ertüchtigt und nun auch genau dazu eingesetzt.

Die RWE hat also so viel Wasser aus der Erft rausgenommen, wie sie reingepumpt hat?

Im jetzigen Fall war es sogar so, dass RWE rüberpumpt, was sie rüberpumpen kann und damit sogar überkompensiert. Dazu kommt noch, dass es dort, wo sie das Sümpfungswasser einleiten, nämlich in Bergheim an der Wiebachleitung, gar kein richtiges Hochwasser gab. Ab Bergheim runter nach Bedburg und Grevenbroich ist die Erft gar nicht ausgeufert. Das Hochwasser ist weiter oben durch verschiedene Maßnahmen und Ereignisse sozusagen abgedämpft worden. Selbst wenn nicht kompensiert worden wäre, hätte RWE das Hochwasser nicht verstärkt. Es gibt also zumindest dieses Mal keinen Grund, RWE auf die Anklagebank zu setzen.

Hätte man Tagebaue als Zwischenspeicher für Flutwasser nutzen können?

Nein, das geht nicht. Man kann nicht Wasser wild die steilen Böschungen eines Tagebaus runterlaufen lassen. Das ist ja die höchste Gefahr. Erst wenn Tagebaue aufgegeben werden, werden die Böschungen als Restseemulden sehr viel flacher gemacht als zuvor beim Abbau. Das wird etwa im Tagebau Hambach so gemacht, wo seit ein paar Jahren ja kaum noch Kohle herausgeholt wird. Dort werden hauptsächlich flachere Böschungen modelliert, damit man später das Wasser einleiten kann.

Mancher Klimaschützer wünscht sich wahrscheinlich, dass Tagebaue sehr schnell zu Seen werden…

Es wäre völlig abwegig, aktive Tagebaue zu nutzen, um bei einem Hochwasser gezielt Wasser einzuleiten. Da stehen ja auch Großbagger und die sogenannten Absetzer, die können Sie ja nicht einfach absaufen lassen. Das sind Hirngespinste.

-wvb- 03.12.2020, Elsdorf, Germany Ein riesiger Schaufelradbagger arbeitet im Braunkohle Tagebau Hambach.
Ein riesiger Schaufelradbagger im Einsatz im Braunkohletagebau Hambach, 2020. In sozialen Medien kursierten nun Behauptungen, der Eigner RWE hätte zum Schutz des Tagesbaus das Hochwasser verschlimmert – was der Erftverband dementiert.

Sie sagten, das Erft-Hochwasser sei abgedämpft worden. Wodurch?

Die Schutzgebiete Kerpener Bruch und Parrig haben viel Wasser aufgenommen. Wir haben zudem ein Regenrückhaltebecken in der Nähe von Kerpen-Mödrath, das zum Einsatz kam, und wir haben eine riesige Ausdehnungsfläche, die ja viel Wasser aufgenommen, aber auch zu den Problemen (Anm. wie dem Volllaufen der Sandgrube in Erftstadt-Blessem) geführt hat. Diese Überschwemmungen oberhalb halfen den Ortschaften weiter unten, den Unterliegern. Das ist zwar makaber, aber es ist so.

Warum konnte das Schutzgebiet Kerpener Bruch so viel Wasser aufnehmen?

Durch die große Grundwasserabsenkung für den Tagebau ist der Wasserspiegel in diesem Gebiet sehr niedrig und deshalb gibt es viel Kapazität. Wir wissen schon lange, dass da große Wassermengen versickern können – und so ist es auch passiert.

Man kann also froh sein, dass es diese Schutzgebiete gibt?

Ja. Aber natürlich wird sich das ändern, wenn der Einfluss der RWE zurückgeht. Gegen Ende des Jahrhunderts wird auch die Grundwasserabsenkung dort vorbei sein und deshalb haben wir ja weiter unten entsprechende Becken zum Hochwasserschutz gebaut. Die können wir theoretisch noch erweitern und höher machen.

Was passiert mit der Sandgrube bei Blessem, in die so viel Wasser gelaufen ist: Wird sie ein künstlicher See bleiben?

Das denken wir nicht. Wir müssen jetzt erstmal wieder einen Damm für die Erft machen und dafür sorgen, dass die Erft nicht mehr in die Sandgrube reinläuft, sondern an der Grube vorbei wie früher auch. Im Moment laufen da wichtige Untersuchungen mit Geotechnikern. Es wird sicher noch ein paar Tage brauchen bis man Klarheit hat, wie man vorgeht.

Eine Art Wehr, mit der man den Wasserfluss steuern kann, inmitten der Landschaft.
Staumauer am Regenrückhaltebecken des Erftverbandes in der Nähe von Kerpen-Mödrath: Das Hochwasser-Rückhaltebecken Mödrath nutzt eine Geländemulde im ehemaligen Tagebau Frechen rund um den Boisdorfer See als Rückhalteraum. Sobald die Aue kein Wasser mehr aufnehmen kann, gelangt das Wasser über ein Schütz in das Regenrückhaltebecken dahinter, das 1,7 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann.

Müssen künftig natürliche Ausdehnungsflächen eine noch größere Rolle spielen, Stichwort Renaturierung?

Natürliche Ausdehnungsflächen für Wasser sind sicher ein wichtiger Beitrag zum Hochwasserschutz. Wir wollen ja insgesamt Gewässer renaturieren, ihnen mehr Platz geben. Aber man sollte sich keine Illusionen über die Effekte machen. Das ist kein Allheilmittel. Wir haben ja heute auch Siedlungen und Infrastruktur in den Auen, die kriegt man ja nicht einfach wieder raus. Man wird alles brauchen, Renaturierungsflächen, Becken, Dämme, und im Einzelfall entscheiden, welche Kombination den besten Schutz bietet.

Haben technische Maßnahmen auch Vorteile?

Bei einem Rückhaltebecken kann man steuern und sagen, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aufzumachen und Wasser abzulassen. Man kann mit Becken gezielter arbeiten als mit natürlichen Ausdehnungsflächen.

Sie stehen vor riesigen Aufgaben, einer ähnlichen Katastrophe vorzubeugen.

Ja, aber das Problem ist, dass Hochwasser überraschend schnell aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwinden. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Dann nehmen die Menschen nur noch hässliche Dämme und Bauwerke in der Landschaft wahr und dann kann es sein, dass sich Genehmigungsverfahren sehr lange hinziehen und es sehr mühsam wird, Hochwasserschutz umzusetzen.

Bietet der Kohleausstieg insgesamt mehr Chancen oder mehr Risiken für den Hochwasserschutz in Ihrer Region?

Mehr Chancen, denn man hat nicht mehr die Zwänge von heute, zum Beispiel dass man später keine große Mengen Sümpfungswasser mehr abführen muss. Der Kohleausstieg gibt insgesamt mehr Möglichkeiten und schafft einen gemeinsamen Willen und zudem Druck im Kessel, um solche Pläne auch umzusetzen. Wir wollen vor allem unsere Erft renaturieren. Wir bauen sie ja bereits zurück und geben ihr mehr Raum. Wir möchten die Erftaue nutzen, um die Region naturnäher und attraktiver zu machen. Das kann die Region gut gebrauchen.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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