1. RiffReporter /
  2. Umwelt /
  3. „Überall hier wird auf Schreiadler geschossen“

„Überall hier wird auf Schreiadler geschossen“

Bericht vom Tatort: Axel Hirschfeld vom „Komitee gegen den Vogelmord“ ist im Libanon, um gegen die Wilderei vorzugehen

von
02.10.2019
8 Minuten
Ein von Wilderern getöteter Schreiadler – Libanon, September 2019

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

In Deutschland hatten die Schreiadler eine gute Brutsaison. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, wo die letzten Brutpaare in Deutschland vorkommen, konnten die Elterntiere erfreulich erfolgreich Junge großziehen. Doch auf ihrem gefahrvollen Weg in die Winterquartiere in Afrika befinden sich dieser Tage wieder Tausende Adler aus Europa in Lebensgefahr – durch illegalen Abschuss.

Ein Hotspot für den Durchzug ist der Nahe Osten. Im Libanon droht den Schreiadlern und anderen Vögeln besondere Gefahr. Dort lauern ihnen Wilderer auf, die Vögel abschießen oder mit Netzen fangen – aus reiner Jagdlust und zum Verkauf als Delikatesse. Im vergangenen Jahr haben wir anhand des Schicksals von Schreiadler „Dieter“ über das Massaker an Zugvögeln im Libanon berichtet.

Mehrere Teams des „Komitees gegen den Vogelmord“, eines privaten Vereins, der sich international an den Hotspots der Vogelverfolgung für deren Schutz einsetzt, sind auch dieses Jahr vor Ort, um die Lage zu beobachten und mit Hilfe der lokalen Polizei das Schlimmste zu verhindern. Das Team von Einsatzleiter Axel Hirschfeld versucht Wilderer auf frischer Tat zu ertappen, Beweismaterial zu sammeln, Öffentlichkeit herzustellen und Verstöße gegen libanesische Gesetze zur Anzeige zu bringen.

Wie sieht es aktuell aus?

An einem wichtigen Konzentrationspunkt des Zugs von Großvögeln wie Störchen, Pelikanen und Adlern bei Eghbe im Libanongebirge hat sich die Lage gegenüber dem Vorjahr offenbar gebessert, es werden in weitaus geringerem Umfang Adler und andere Zugvögel geschossen.

Dagegen berichtet Hirschfeld von erschütternden Szenen aus dem Gebirge nahe Akkar, ebenfalls im Nordlibanon.

In den folgenden Nachrichten aus dem Feld, die Hirschfeld uns gesendet hat und die wir zu einer Aufnahme zusammengesetzt haben, beschreibt der Vogelschützer die Entdeckung eines neuen „Blackspots“ und spricht von einem „Massaker“. Im Hintergrund sind Wachtelrufe zu hören. Sie kommen aber von einem Tonband, das Jäger einsetzen, um die Vögel in die Fallen locken.

Kostenfreier Newsletter: Die Flugbegleiter

Tragen Sie sich hier ein – dann bekommen Sie jeden Mittwoch die neuen Beiträge über Natur und Vogelwelt von den Flugbegleiter-Journalisten zugeschickt.

Das folgende vom Komitee gegen den Vogelmord aufgenommene Video zeigt, wie ein Wilderer einen Wespenbussard abtransportiert, den er soeben geschossen hat. Allein an diesem Morgen beobachteten die Vogelschützer, wie in dem Gebiet nördlich von Akkar wahllos auf alle Vögel geschossen wurde, die vorbeiflogen: Schreiadler, Zwergadler, Schwarzstörche, Schlangenadler, Schwarzmilane, Wespenbussarde, Mäusebussarde, Turmfalken und Schmutzgeier: Alles, was Flügel besitzt, wurde beschossen.

Anhand dieses Films wurden immerhin drei Gewehre beschlagnahmt. Innerhalb der letzten Woche hat die Arbeit der Komitee-Mitglieder und ihrer Partner aus dem libanesischen Vogelschutz sowie einer Vereinigung nachhaltig orientierter Jäger dazu geführt, dass elf Gewehre beschlagnahmt und 16 Wilderer vorübergehend festgenommen wurden.

Empfohlener Redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von [Vimeo], der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Wir können leider nicht beeinflussen, welche Cookies durch Inhalte Dritter gesetzt werden und welche Daten von Ihnen erfasst werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nach einer gemeinsamen Schätzung mit dem Komitee gegen den Vogelmord aufgrund eigener Analysen im nahöstlichen Zuggebiet sowie auf Basis von Bestandszahlen und Meldungen von Abschüssen kommen wir zu dem Ergebnis, dass in jedem Jahr im Libanon rund 5000 Schreiadler geschossen werden. Damit ist die illegale Verfolgung ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige, Faktor für den anhaltenden Negativtrend der Art in vielen Ländern ihrer Verbreitung.

Direkte Verfolgung wiegt für Vogelarten mit einer nur geringen Reproduktionsrate, die unter natürlichen Bedingungen durch ein langes Leben ausgeglichen wird, besonders verheerend. Immer wieder bleiben selbst gut geeignete Brutreviere im Frühjahr verwaist, weil die dort häufig über Jahrzehnte hinweg brütenden Vögel auf dem Zug abgeschossen wurden. Vom Gesetz her ist die Jagd auf die Vögel im Libanon verboten. Ein neues und modernes Jagdgesetz muss aber noch durchgesetzt werden. Internationale Aufmerksamkeit, wie sie durch die Vogelschutzcamps des Komitees geschaffen wird, hilft den vor Ort tätigen Vogelschützern, in ihrer wichtigen Arbeit ernstgenommen zu werden.

Botschaft unterstützt Vogelschutz

Georg Birgelen, der deutsche Botschafter im Libanon, wird sich am 8. Oktober gemeinsam mit libanesischen Offiziellen die Arbeit der Vogelschutzaktivisten und -aktivistinnen gegen die Wilderei ansehen und damit auch seine politische Unterstützung für einen besseren Vogelschutz zum Ausdruck bringen. Über das Kontaktformular der Botschaft kann man Botschafter Birgelen, der die Arbeit der Vogelschutzcamps stark unterstützt, darin bestärken, seinen Einsatz für den Zugvogelschutz im Libanon fortzusetzen.

Ein junger Schreiadler sitzt in einem abgestorbenen Baum
Die Schreiadler-Brutsaison in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verlief in diesem Jahr relativ erfreulich. Auch dieser Jungvogel hat sich Mitte September von seinem Geburtsort in Brandenburg auf die lange und gefahrvolle Reise in sein Winterquartier in Afrika gemacht.

Die Flugbegleiter: Guten Naturjournalismus bekommen und stärken

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für Natur und Vogelwelt interessieren! Wir sind überzeugt: Artenvielfalt, Naturschutz und Ökologie sollten in der Öffentlichkeit eine viel größere – und kontinuierliche – Rolle spielen. Dafür treten wir als Team von zwölf JournalistInnen an. Mit unserem Projekt „Flugbegleiter“ bei RiffReporter, mit unserer Arbeit für Verlage, Sender und als Buchautoren wollen wir die öffentliche Aufmerksamkeit stärken und interessierte Menschen mit gutem Journalismus versorgen.

Hier bei RiffReporter bieten wir jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Als Abonnent oder Förderabonnent (Knopf rechts unten auf dieser Seite) können Sie uns den Rücken stärken und neue, intensive Recherchen ermöglichen. Bitte tun Sie das, denn die Öffentlichkeit braucht sachkundigen Umweltjournalismus. Mit unserem kostenfreien Newsletter können Sie über unsere Arbeit auf dem Laufenden bleiben.

Abonnieren Sie „Die Flugbegleiter“. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


Die Flugbegleiter

Sie wollen guten Journalismus zu Ornithologie, Artenvielfalt, Naturschutz, Umweltpolitik? Herzlich willkommen bei den „Flugbegleitern“. Wir sind neun Journalistïnnen, die sich auskennen und für Sie recherchieren. Die UN-Dekade für Biologische Vielfalt hat uns dafür ausgezeichnet. Unsere Beiträge gibt es jeden Mittwoch im Einzelkauf, im Flugbegleiter-Abo und als Teil der RiffReporter-Flatrate. Und wir haben ein tolles Buch für Sie!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Thomas Krumenacker

Berlin

E-Mail: thomas@krumenacker.de

Tel: +49 30 86391130

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter