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Klima und Naturschutz: „Polarisierungen nützen am Ende nur den falschen Kräften“

Gespräch mit dem Naturschützer Magnus Wessel

12 Minuten
Der Verwaltungsrechtler, Geograf und Geobotaniker Magnus Wessel ist beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für die Naturschutzpolitik federführend zuständig.

Stehen Klimaschutz und Naturschutz in der Praxis nicht allzu oft gegeneinander? Stichwörter wie Windmühle – Rotmilan, Solarfeld – Feldwiese, Biogas – Biodiversität erinnern an erhebliche Konfliktpotenziale. Wie unterschiedlich sind die Zielsetzungen von Klima- und Naturschützern? Und wie kommen sie zu einer gemeinsamen Realitätsbeschreibung?

Über diese Fragen sprach Christiane Schulzki-Haddouti mit Verwaltungsrechtler, Geografen und Geobotaniker Magnus Wessel, der beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für die Naturschutzpolitik zuständig ist.

Christiane Schulzki-Haddouti: Worin sehen Sie die größere Gefahr, das Artensterben oder die Erhitzung? Müssen wir Prioritäten setzen oder ist es eher Ausdruck einer einzigen Krise?

Magnus Wessel: Am Ende ist es, glaube ich, vor allen Dingen ein Ausdruck der Krise des menschlichen Verhaltens. Wir sind fast acht Milliarden Menschen, von denen sich viele, insbesondere im globalen Norden, noch immer so verhalten, als wären sie nicht so viele. Aber bei einer begrenzten Oberfläche und begrenzten physischen Ressourcen führt das genau zu dem, was wir heute haben: eine Biodiversitätskrise und eine Klimakrise. Wobei falsche Landnutzung sehr viel schneller zu katastrophalen Ergebnissen führt, aber auch rascher wieder zu korrigieren ist.

Naturschutz und Klimaschutz zusammendenken

Schulzki-Haddouti: Was ist das Risiko, wenn wir beide Debatten, wie es im Moment scheint, noch trennen?

Wessel: Wir sehen bei der Debatte um die Planungsbeschleunigung gerade was passieren kann, wenn wir die Probleme getrennt angehen: technische Eingriffe werden vorrangig vor Naturschutz behandelt. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir über Beschleunigung des Windkraftausbaus reden und für Autobahnen ganze Landschaften verändern, die gleichen Durchsetzungsinstrumente aber weder für den Biotopverbund noch die Umsetzung von Artenschutzmaßnahmen benutzen. Oder dass das bundesweit genutzte Budget für technischen Klimaschutz das Naturschutzbudget um Milliarden überragt.

Was passiert, wenn wir Klima- und Naturschutz zusammendenken?

Denken wir die Baustellen in der gleichen Geschwindigkeit zusammen wird es komplex: Die durchschnittliche Errichtung einer Windkraftanlage liegt nach Branchenangaben bei 2,5 Tagen, je nach Standort. Die Erholung einer lokalen Feldhamsterposition dauert deutlich länger. Trennen wir die Themen, klappt weder der schnelle und naturverträgliche Ausbau der erneuerbaren Energien noch retten wir bedrohte Arten und Lebensräume. Denken wir beides zusammen, gewinnen alle. Letztlich geht es aber um unsere ureigenste Verhalten, politische Handlungslogik und um eine außer Kontrolle geratene Marktlogik.

„Ein klarer Rechtsrahmen, der durchgesetzt wird“

Was sollte sich in der Kommunikation, wie sie heute betrieben wird, grundlegend ändern, damit wir unser Verhalten besser reflektieren und tatsächlich etwas ändern können?

Für mich stellt sich über die Jahre die Frage, ob große Kommunikationskampagnen wirklich zu Verhaltensveränderungen führen. Ich glaube, dass das an vielen Stellen noch ein zu intellektueller Prozess ist. Es braucht beides: klare durchgesetzte Grenzen und Unterstützung bei der Veränderung. Da gleichen sich Corona, Klimakrise und Artensterben.

Was könnte tatsächliche Veränderung herbeiführen?

40 Jahre Verbandsarbeit haben mir gezeigt, dass ein paar Basics einfach stimmen müssen, damit es funktioniert: Erstens ein stabiler Rechtsrahmen, der auch durchgesetzt und kontrolliert wird, und zweitens muss auch das Geld für die notwendigen Änderungen da sein. Ohne das Engagement aber sind die ersten beiden Punkte häufig fast egal: Wenn jemand aus einem Herzensbedürfnis heraus handelt, wird angepackt, um etwas zu ändern.

Kraniche vor Mond
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Der Ausbau von WIndkraft befindet sich im Konflikt zwischen Naturschutz und Klimaschutz.
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Rotmilan
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Christiane Schulzki-Haddouti

Christiane Schulzki-Haddouti

schreibt seit 1996 über das Leben in der Informationsgesellschaft, seine Chancen und Schwierigkeiten. Für Riffreporter befasst sie sich mit praktischen und theoretischen Fragen der Kommunikation, Organisation und Vernetzung im Rahmen der Klimakrise.


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