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Fünf Fragen, fünf Antworten: Warum indigene Kulturen bei Klimakrise und Naturschutz im Fokus stehen

Jeder zwanzigste Mensch gehört zu einer indigenen Gemeinschaft. Doch Indigene werden weiter ausgebeutet und ausgegrenzt.

24.04.2021
3 Minuten
Ein indigener Mann steht mit geschlossenen Augen mitten auf der Straße, hinter ihm stauen sich LKW.

Was sind indigene Gemeinschaften?

Als Indigene Völker werden nach der völkerrechtlichen Definition von 1982 diejenigen ethnischen Gruppen bezeichnet, die sich als Nachfahren der Ureinwohnerїnnen einer Region verstehen – im Gegensatz zu denen, die das Land später besiedelt, kolonisiert und dabei die Indigenen meist unterdrückt, ausgebeutet und zum Teil ausgerottet haben.

Neben ihrer Selbstdefinition ist für indigene Kulturen die enge historische und emotionale-spirituelle Bindung an ihre Territorien wichtig, ihre Ausgrenzung innerhalb des modernen Staates, in dem sie leben und ihre kulturelle Differenz. Weltweit gibt es in fast allen Teilen der Welt knapp 400 Millionen indigene Menschen in einer Vielzahl unterschiedlichster Gruppen, mit Tausenden unterschiedlichen Sprachen. Ihr Rechtsstatus reicht von gesetzloser Ausgrenzung bis zur Anerkennung als autonome Gemeinschaften. Ausbeutung, Ausgrenzung und staatliche oder vom Staat geduldete Repressionen gehen in den meisten Teilen der Welt bis heute weiter. Dagegen kämpft eine Vielzahl indigener Organisationen, teils mit Unterstützung anderer sozialer Bewegungen.

Laut „Indigenous World Report 2020“ gehören Indigene zu den „verletzlichsten und am stärksten ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen weltweit, die gegen widrige sozio-ökonomische Bedingungen und Wirtschaftsinteressen ankämpfen müssen und zu den ersten Opfern des Klimawandels zählen.“ Dennoch erwiesen sich die Kulturen als „stark, resilient und in der Lage, sich zu organisieren und zu verteidigen.“

Was gefährdet das Leben indigener Gemeinschaften?

Die Territorien und Lebensweisen indigener Menschen sind konkret bedroht von Agrarindustrie, Ölförderung, Bergbau, Wasserkraft, Straßenbau sowie Drogenhandel und illegalem Holzhandel. All dies ist möglich, weil Indigenen von den Nationalstaaten, innerhalb derer sich ihre Territorien befinden, vielfach nicht die Rechte echter Landbesitzer zugesprochen werden oder ihre verbrieften Rechte von den Behörden nicht durchgesetzt werden. Hinzu kommen eingeschleppte Krankheiten wie aktuell auch die Corona-Pandemie im Amazonas, wo die medizinische Versorgung Indigener von den Regierungen vielfach vernachlässigt wird.

Die Plünderung der natürlichen Ressourcen und die Zerstörung ihrer Umwelt durch die Nationalstaaten und multinationale Konzerne bedroht nicht nur die Biodiversität der Gebiete, sondern vielfach das physische Überleben indigener Gruppen. Der Kampf um ihre Rechte ist für Indigene gefährlich. Allein in Brasilien wurden nach Recherchen der journalistischen Plattform Tierra de Resistentes im letzten Jahr fast tausend indigene Menschen bedroht, angegriffen oder vertrieben, 166 von ihnen wurden ermordet.

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Was haben Indigene mit Natur- und Klimaschutz zu tun?

Indigene machen fünf Prozent der Weltbevölkerung aus und schützen 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten des Planeten. Etwa 35 Prozent der geschützten Landflächen liegen auf indigenen Gebieten. Ihre Territorien sind Hotspots der Biodiversität und ihre Nutzungs- und Managementsysteme am effektivsten im Natur- und Klimaschutz. Über Jahrtausende haben sie die Biodiversität nicht nur erhalten, sondern vermehrt. Die von Indigenen geschützten Wälder enthalten einer Studie zufolge fast 30 Prozent des in den Wäldern Lateinamerikas gespeicherten Kohlenstoffs und 14 Prozent des Kohlenstoffs in den tropischen Wäldern weltweit.

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Was fordern Indigene beim Natur- und Klimaschutz?

Indigenes Wissen ist grundlegend wichtig für den Schutz der Natur. Die Indigenen fordern, dies anzuerkennen und ihr Wissen wie andere Wissensformen zu schützen. Zudem verlangen sie eine eigene Schutzkategorie für ihre Territorien, wo ihre Nutzungs- und Managementsysteme geschützt sind und nicht als illegale Praktiken einstuft werden können. Es geht ihnen um einen Naturschutz, der auf den Menschenrechten basiert. Zudem verlangen sie einen Platz am Verhandlungstisch mit einem echten Mitspracherecht, wenn es um ihr Wissen, ihre Erfahrung und um ihr Land geht.

Welche Aussichten auf Erfolg haben Indigene mit ihren Forderungen?

Die Aussichten, mit am Verhandlungstisch zu sitzen, stehen derzeit schlecht. Die mangelnde Einbeziehung der Indigenen bei den Verhandlungen im Rahmen der UN-Konventionen zum Schutz der biologischen Vielfalt und des Weltklimas ist ein ungelöstes Problem, das in der Struktur des Völkerrechts begründet liegt. Die Indigenen Völker haben nur beratende Funktion, ebenso wie Umweltorganisationen oder Wirtschafts-Interessengruppen. Obwohl sie fünf Prozent der Menschheit ausmachen, haben ihre Interessenvertreterїnnen nicht den gleichen rechtlichen Status wie Staaten.

Mehr zu indigenen Kulturen und Umweltpolitik finden Sie auf unserer Themenseite.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Ulrike Prinz

Ulrike Prinz

Ulrike Prinz ist promovierte Ethnologin und Journalistin. Sie lebt in München und Barcelona.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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