Bundesamt für Naturschutz fordert massive Renaturierung von Flussauen

Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz: „Die Entwicklung naturnaher Auen ist eine Generationenaufgabe.“ Deiche und bisherige Maßnahmen reichen nicht aus, um Deutschland gegen weitere Katastrophen zu wappnen.

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Ein Bauern mitten in braunem Wasser, auf dem Ölschlieren schwimmen.

Die Weltnaturkonferenz der Vereinten Nationen hat in Montreal beschlossen, dass bis 2030 in rund 30 Prozent der weltweit geschädigten Ökosysteme die Renaturierung laufen soll. Doch in Deutschland klappt das bisher nicht mal dort richtig, wo die ökologische Gesundung direkt den Menschen dient: beim Hochwasserschutz.

Nach der katastrophalen Flut im Ahrtal im Juli 2021 gelobten Bund, Länder und Kommunen, den Hochwasserschutz deutlich zu verbessern. Doch nun diagnostiziert das Bundesamt für Naturschutz (BfN) massive Defizite und einen „immensen Handlungsbedarf“. Die dem Bundesumweltministerium unterstellte Behörde warnt, dass sich die Risiken teilweise verschlimmerten. Die Biologin Sabine Riewenherm ist seit September 2021 Präsidentin des BfN.

Frau Riewenherm, haben die Verantwortlichen nur geredet, nicht gehandelt?

Enormer Handlungsbedarf beim Hochwasserschutz besteht schon seit vielen Jahren, auch vor der katastrophalen Flut im Ahrtal. Das Bundesamt für Naturschutz hat darauf auch immer wieder hingewiesen. Die Hochwasserkatastrophe des letzten Jahres hat uns aber leider gezeigt, dass die Anstrengungen noch lange nicht ausreichen. Die Risiken wachsen, denn der Klimawandel schreitet voran und begünstigt sowohl extreme Hochwasser als auch Dürrezeiten.

Riewenherm lehnt sich über ein Geländer in einem Park und lacht.
Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz

Das BfN kritisiert, dass an Rhein, Elbe, Donau und Oder durch den Bau von Hochwasserschutzdeichen an vielen Abschnitten nur noch 10 bis 20 Prozent der ehemaligen Auen vorhanden sind. Warum sollten solche Deiche nicht für den Hochwasserschutz reichen, warum sollten Auen mehr leisten können?

Deiche sind vielerorts als Schutz von Siedlungen unverzichtbar, reichen aber alleine nicht aus. Nur noch ein Bruchteil der ehemals überfluteten Auen stehen zur Verfügung. Das nimmt den Flüssen den Raum, der große Wassermassen aufzunehmen vermag.

Die Bundesregierung hatte sich schon 2007 zum Ziel gesetzt, bis 2020 die überflutbare Auenfläche um 10 Prozent zu vergrößern. Erreicht wurden bis 2021 aber nur 1,5 Prozent, obwohl die Potenziale vorhanden sind. Was läuft da schief?

Wir Menschen bauen seit Jahrhunderten unsere Städte und Dörfer in Flussauen, Gewerbeflächen kommen hinzu. Dieses Ökosystem ist deshalb oft massiv verbaut, und das mit staatlicher Unterstützung. Eine Studie in unserem Auftrag zeigt, dass in den vier Jahrzehnten zwischen Mitte der 1950er und dem Beginn der 1990er Jahre in den alten Bundesländern fast 40 Milliarden Euro aus öffentlichen Kassen für den Ausbau von Flüssen und Bächen und zur Entwässerung der Landschaft ausgegeben wurden. Das zeigt, wie schwer eine Trendwende ist. Die Entwicklung naturnaher Auen ist eine Generationenaufgabe. Das stellt uns vor große Herausforderungen.

Was ist für eine Trendwende nötig?

Ein Fluss windet sich durch die Landschaft, er sieht halb künstlich, halb natürlich aus. Rechts daneben ein Kanal, am Horizont ein Kohlekraftwerk.
Die renaturierte Emscher (Mitte) am Wasserkreuz mit dem Rhein-Herne-Kanal (rechts). Die Emscher war vor der Renaturierung ein offener, oberirdischer Schmutzwasserkanal.

Wir brauchen mehr und großflächigere Maßnahmen für die Regeneration von Flussauen. Der aktuelle Auen-Zustandsbericht 2021 zeigt ja auch, was möglich ist. Dort, wo lokal oder regional renaturiert wird, verbessert sich der Zustand der Flussauen messbar, nicht nur beim Hochwasserschutz.

Wo noch?

Naturnahe Flussauen halten auch Nährstoffe aus der Landwirtschaft zurück und verbessern so die Wasserqualität. Wiedervernässte Auen und Moore speichern Kohlenstoff und tragen so zum Klimaschutz bei. Sie gehören zu den artenreichsten Ökosystemen Mitteleuropas, ihr Schutz ist also gut für die Biodiversität. Und natürlich sind sie für uns Menschen auch zur Erholung wichtig.

Wer ist für eine Trendwende zuständig?

Hochwasserschutz ist erstmal Aufgabe der Länder. Der Bund kann das alleine nicht lösen. Mit dem Nationalen Hochwasserschutzprogramm hat der Bund aber deutlich mehr Verantwortung für den Hochwasserschutz übernommen. Das Programm wird nächstes Jahr zehn Jahre alt. Ziel muss es sein, gemeinsam mit den Ländern wieder mehr überflutbare Auenflächen zu bekommen. Dazu müssen wir auch Flächen ankaufen und eine angemessene Entschädigung zahlen, falls Landwirte Ertragsausfälle haben, weil sie die Auen naturverträglich bewirtschaften.

Im Ahrtal haben manche Anwohner Renaturierungsmaßnahmen für Schäden verantwortlich gemacht. Ist da was dran?

Renaturierungsmaßnahmen für die Schäden verantwortlich zu machen, führt in eine völlig falsche Richtung. Sie sorgen dafür, dass die Landschaft mehr Wasser aufnehmen und zurückhalten kann, das Hochwasserrisiko sinkt. Das ist auch beim Naturschutzgroßprojekt Obere Ahr so. So etwas ist ja auch immer sehr konkret: Beispielsweise verbessern die Maßnahmen am Trierbach den Hochwasserschutz für den Ort Müsch.

Da insgesamt Fortschritte ausbleiben: Welche Interessen arbeiten gegen den Hochwasserschutz?

Es gibt vermutlich keine Organisationen oder Personengruppen, die sich per se gegen den Hochwasserschutz aussprechen. Widerstände richten sich meist gegen konkrete Planungen oder konkrete Maßnahmen. Wenn zum Beispiel landwirtschaftliche Flächen für eine Rückverlegung der Deiche gebraucht werden, stellen die Leute, denen das Land gehört oder die es bewirtschaften, natürlich kritische Fragen.

Aber das BfN kritisiert nun, dass Gebiete, die bei Hochwasser die Fluten aufnehmen können, weiter bebaut werden – wie kann das sein?

In den festgesetzten Überschwemmungsgebieten wird nach wie vor überall in Deutschland viel gebaut. Man beruft sich dabei auf die gesetzlichen Ausnahmebestimmungen. Dadurch steigt die Gefahr von Schäden auch direkt hinter den Deichen im Hochwasserfall stark.

Bei und nach Hochwasser wird meist auf größere Flüsse geschaut. Das BfN fordert auch mehr Aufmerksamkeit für Bäche. Warum?

Schon kleinere Fließgewässern können gegen größere Hochwasserwellen helfen, die zum Beispiel durch Starkregen ausgelöst werden. Dafür ist es nötig, die Bäche wieder naturnah fließen zu lassen. Das verzögert den Abfluss des Wassers – und auch hier profitieren zudem Klima und Biodiversität.

Warum ist Sachsen nach Ihrer Analyse bundesweit Vorbild?

Viele Bundesländer haben ihre Anstrengungen beim Hochwasserschutz deutlich erhöht. Sachsen ist bei den Hochwasserentstehungsgebieten Vorreiter und hat bislang als einziges Bundesland solche Gebiete ausgewiesen. Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen bei Starkniederschlägen oder Schneeschmelze innerhalb kurzer Zeit starke oberirdische Abflüsse entstehen können. Sie als Hochwasserentstehungsgebiete auszuweisen, schafft Raum für Maßnahmen, die dem Hochwasser- und dem Naturschutz zugutekommen. So ist dort beispielsweise bei Baumaßnahmen der natürliche Wasserrückhalt und die natürliche Versickerung, wiederherzustellen.

Gibt es eigentlich Mittel und Wege, mehr Vorsorge zu erzwingen?

In den Projekten, die wir machen, setzen wir auf Freiwilligkeit.

Ist Hochwasserschutz ein Draufzahlgeschäft ?

Nein. Wenn wir Deiche auf großer Fläche weiter in das Hinterland legen, kann das gemessen an der Wirkung für den Hochwasserschutz einige Millionen bis mehr als 100 Millionen Euro sparen. Wie wirksam solche Maßnahmen sein können, zeigt die Deichrückverlegung in Lenzen an der Elbe. Während des Hochwassers im Sommer 2013 bewirkte sie, dass der Hochwasserscheitel um bis zu einem halben Meter niedriger lag, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Also muss die Gesellschaft das nötige Geld schnell aufbringen?

Wir brauchen Studien zufolge von 2010 bis 2027 ungefähr 23 Milliarden Euro, um die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen, nämlich die Fließgewässer wieder naturnäher zu machen. Das hilft dann auch dem Hochwasserschutz. Nur für das Hochwasser 2021 beziffert die Münchener Rück den Schaden in Deutschland auf 33 Milliarden Euro. Und man muss davon ausgehen, dass sich durch den Klimawandel die Wahrscheinlichkeit extremer Regenfälle und damit von Hochwasserkatastrophen erhöht.

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