Experte: „Man hat mit Baggern und Planierraupen genau das Falsche gemacht“

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal zieht der Biologe Wolfgang Büchs eine negative Bilanz des Wiederaufbaus. Fehler aus der Vergangenheit würden wiederholt, die Situation im Tal sogar teils verschlimmert

11 Minuten
Luftbild des Ahrtals, auf dem neben den steilen Hängen eine beschädigte Bundesstrasse und Flächen für Kläranlagen zu sehen sind

Nachdem sich in der Nacht auf den 15. Juli 2021 im Ahrtal eine der schlimmsten Flutkatastrophen in der deutschen Geschichte ereignet hatte, begann die Suche nach Ursachen und Lehren. In dieser Diskussion meldete sich der Biologe Wolfgang Büchs zu Wort, ein hervorragender Kenner des Ahrtals. Das RiffReporter-Interview mit ihm brachte Büchs die Aufmerksamkeit der ZEIT, der tagesschau und der New York Times ein.

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe zieht Büchs Bilanz, was seither im Ahrtal geschehen ist und was für den Hochwasserschutz getan wurde.

Kurz nach der Flutkatastrophe im Ahrtal sagten Sie vor einem Jahr, jetzt müsse „alles auf den Prüfstand, damit so eine Katastrophe nicht nochmal passiert“. Ist das seither geschehen?

Büchs: Nein, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es hat sich im Ahrtal leider vieles in eine Richtung entwickelt, so dass die nächste Flut ähnlicher Größenordnung wieder richtig zuschlagen kann. Man hat mit Baggern und Planierraupen genau das Falsche gemacht: Die Ahr und ihre Zuflüsse sind sehr stark eingeengt worden. Dadurch wurde einem Düseneffekt Vorschub geleistet, der den Abfluss beschleunigt. So wurde etwa der Sahrbach, ein Zufluss der Ahr mit quasi unbewohntem Tal zu einem kanalartigen Rinnsal verengt. Beim nächsten Starkregen rauscht das Wasser durch diese verengten Stellen mit umso höherer Geschwindigkeit und Wucht ins Tal

Nach der Flutkatastrophe 2021 betonten Experten, die Ahr habe gezeigt, wo sie bei Starkregen fließen wolle. Wie ist man mit diesen Informationen umgegangen?

Die Ahr hat bei der Flut Strukturen wie Abbruchkanten, Strudeltöpfe und Kiesinseln geschaffen. Davon hätte man lernen können und diese Strukturen in den unbewohnten Arealen zwischen den Ortschaften erhalten sollen, wo immer es geht. Aber inzwischen gibt es nur noch ganz wenige solcher Stellen, die nach der Flut naturbelassen geblieben sind, etwa zwischen Lohrsdorf und Bodendorf und zwischen Dümpelfeld und Liers. Diese Stellen sollten unbedingt erhalten werden. Überall sonst wurden ganze Uferzonen zugeschüttet, was sehr bedauerlich ist

Warum bedauerlich?

Büchs kniet vor einem Adonisröschen in weiter Landschaft und hat eine  Kamera in der Hand.
Der Biologe Wolfgang Büchs, hier im Mai 2021 in Niedersachsen, hat lange Zeit die Natur des Ahrtals wissenschaftlich erforscht.

Wenn es auch nur zu einem mittelmäßigen Hochwasser kommt, dann wird das alles wieder abgeschwemmt.

Wolfgang Büchs
Ahrtalregion im kartographischen Überblick, die Ahr schlängelt sich westlich des Rheins
Ahrtalregion im Überblick

Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, dass da jemand Hand anlegt.

Wolfgang Büchs
Autowrack im Flussbett, dahinter stehen Bagger im Fluss.
Juli 2021: Die Flutkatastrophe hat riesige Schäden verursacht.
Die Landkarte zeigt, dass sich südlich von Altenahr eine große Flussschleife ohne begleitende Strassen und Schienen erstreckt.
Landkarte von Altenahr und Umgebung
Der Fluss fliesst zwischen Steilhängen. Der Talboden ist abgetragen, Baufahrzeuge stehen am Fluss.
Planierarbeiten nahe der Ahrtalschleife bei Altenahr.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christian Schwägerl


Pommersche Straße 11
10707 Berlin
Deutschland

www: https://christianschwaegerl.com

E-Mail: christianschwaegerl@gmail.com

Tel: +49 421 24359394

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Thomas Krumenacker