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Neuer CO2-Rekord: Die hochgefährliche Kurve, die weit in die Zukunft weist – und steigt und steigt

Anfang April 2021 haben Klimaforscherïnnen erstmals einen Kohlendioxid-Anteil von über 420 ppm in der Atmosphäre registriert – ein Fanal.

von
07.04.2021
7 Minuten
Symbolbild der Atmosphäre mit Wolken und Horizont, die Bildebene ist schief, die Farben wirken bedrohlich.

Inmitten der Corona-Zahlen, die uns tagesaktuell Krankheit, Leid und Sterben vermitteln, ist eine Kurve in den Hintergrund gerückt, die dasselbe tut, nur in viel langfristigeren Dimensionen.

Auf dieser Kurve haben Wissenschaftlerïnnen des Mauna-Loa-Observatoriums auf Hawaii, das seit 1958 die global umfangreichste Messung des Kohlendioxid-Anteils in der Atmosphäre durchführt, am 3. April 2021 einen neuen Rekordwert eingezeichnet: 421 ppm Kohlendioxid (CO2).

Die Kurve bildet den Zeitraum von 5. März 2021 bis 6. April 2021 ab. Es ist der drittletzte gelbe Punkt, der den Durchschnittswert am 3. Apri anzeigt. Er sieht nach etwas aus, das Statistikerïnnen einen „Ausreißer“ nennen. Das könnte ein Messfehler sein oder ein extremer Wert, der das Geschehen aber nicht wirklich repräsentiert.

Dem ist aber nicht so.

Das Bild zeigt CO2-Werte aus dem Monat seit 5.März, der drittletzte Wert liegt bei 421 ppm.
Zwischen Anfang März und Anfang April 2021 stieg der in Mauna Loa gemessene CO2-Wert auf einen neuen Rekord-Tageswert von 421ppm.

Selbst wenn in den folgenden Tagen und in den nächsten Wochen niedrigere Werte gemessen werden, wird der neue Rekord – wie frühere Rekorde – nur ein Vorgeschmack auf das sein, was kommt. Und auf das, was steigende CO2-Werte nach sich ziehen: eine gefährliche Zukunft.

Ein Anteil von 421 CO2-Molekülen an 1 Million Molekülen in der Luft, das klingt nur noch in den Ohren der hartnäckigsten Wissenschaftsleugnerïnnen nach wenig.

Längst ist es allgemein bekannt und zigtausendfach in Studien beschrieben, dass die Luft, die wir heute Lebenden atmen, den höchsten CO2-Wert seit vielen Millionen Jahren hat. Wir haben sie durch rund 200 Jahre Industrialisierung und die Verbrennung von Kohle, Erdöl, Erdgas, Mooren und Wäldern selbst mit diesem Treibhausgas angereichert.

Längst ist auch bekannt, was ein steigender CO2-Wert mit sich bringt: Die wenigen positiven Effekte werden von einem Tsunami von Gefahren hinfortgespült. Wir erfahren das schon heute in Form absterbender Korallenriffe, austrocknender Flüsse und sich häufender Temperaturrekorde. Und wir versuchen – in Form von Vereinbarungen zwischen den Nationen, in denen sich die Menschheit organisiert –, etwas gegen die drohenden Folgen unseres Tuns zu unternehmen.

„Und interessiert das jemanden?“

2015 besiegelten in Paris – nach zwanzigjährigen Verhandlungen – knapp 200 Staaten den Weltklimavertrag, dessen Ziel es ist, die durchschnittliche Erwärmung im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen und in jedem Fall auf 2 Grad Celsius. (Zum Vergleich: Die Temperaturdifferenz zum Maximum der letzten Eiszeit, als sich bis weit nach Mitteleuropa hinein Eismassen Hunderte Meter hoch türmten und unsere heutigen Landschaften Kaltwüsten waren, betrug rund 5 Grad Celsius. Schon eine Verschiebung um 1,5 Grad hin zu einer Heißzeit ist also massiv.)

Bereits fünf Jahre vor dem Klimavertrag von Paris setzte sich die Staatengemeinschaft beim Weltnaturschutzgipfel von Nagoya das Ziel, die Ökosysteme, die Kohlenstoff speichern und bei ihrer Zerstörung freisetzen – also etwa Regenwälder, Mangroven und Moore – und auch jene, die von der Erderhitzung bedroht sind, wie Korallenriffe, effektiv zu schützen.

Doch den hehren Worten sind bis heute zu wenige Taten gefolgt. Das ist seit dem Pariser Klimagipfel bis Anfang 2021 mit dem CO2-Anteil in der Atmosphäre passiert:

Graphik mit CO2-Werten seit 2016 – von knapp über 400 ppm stieg der Wert in dieser Zeit stetig Richtung 420ppm.
In den vergangenen fünf Jahren sind die auf Mauna Loa gemessenen CO2-Werte stetig gestiegen.

Als rotes Zickzack ist das jahreszeitliche Ein- und Ausatmen der Biosphäre durch Wachstum und Zerfall der in der Nordhemisphäre geballten Vegetation zu sehen, als schwarze Linie der Durchschnitt. Es handelt sich um eine Chronik des Scheiterns.

Unter dem Eindruck des neuen Rekordwerts von 421 ppm fragte der ZDF-Wetter- und Klimaexperte Özden Terli auf Twitter: „Und interessiert das jemanden?“

Man könnte sagen: Warum sollte es? Die Geschichte der CO2-Kurve ist eine Geschichte des Anstiegs. Als die Aufzeichnungen von Mauna Loa 1958 begannen, lag der Wert bei rund 310 ppm. Seitdem gab es nur eine Richtung: nach oben. Noch jedes Jahr hat neue Rekorde gebracht. Dass die Marke von 420 gerissen wurde, ist so schlimm wie ein Rekordwert von 417, 418, 419…

CO2-Kurve seit 1960, ein stetiger Anstieg von 310ppm nach oben in Richtung von 415 bis 420 ppm heute.
Dramatischer Anstieg: Seit dem Beginn der Aufzeichnung auf Mauna Loa ist der gemessene CO2-Wert stetig gestiegen. Die roten Zacken geben den jahreszeitlichen Rhythmus wieder, die schwarze Linie zeigt den Durchschnitt.

Und doch ist die Marke von 420 ppm ein Einschnitt.

Es ist gerade einmal sieben Jahre her, dass am 9. Mai 2013 die Marke von 400 ppm erstmals seit dem Pliozän überstiegen wurde. In dieser Erdepoche lag der Meeresspiegel um viele Meter höher als heute und es war im Durchschnitt um drei bis vier Grad wärmer. Es gab viele Tier- und Pflanzenarten, die inzwischen ausgestorben sind, und etwas gab es nicht: 7,6 Milliarden Menschen, die zu einem erheblichen Teil in Küstenstädten leben und deren Ernährung und friedliches Zusammenleben von einem stabilen Klima abhängen.

Anstieg des Anstiegs

Es dauerte nur wenige Jahre, dann war der Rekordwert von 2013 das neue Jahreslevel. Damals zitierte das Onlinemedium Yale E360 Ralph Keeling, den Sohn des Begründers der Mauna-Lao-Station und Professor am Scripps Institution of Oceanography, mit den Worten : „Wir sind in einer neuen Zeit und alles geht sehr schnell.“ Bald, warnte Keeling, “werden wir bei 410 angelangen. "

Das war Anfang 2017.

Die volle Wucht und Härte der CO2 -Zahlen zeigt sich beim Blick nicht nur auf deren Wachstum, sondern auf das Wachstum des Wachstums: In den 1960er Jahren ging der CO2-Anteil um knapp ein ppm pro Jahr nach oben. Im vergangenen Jahrzehnt waren es knapp 2,5 ppm pro Jahr. Die Graphik ist ein Spiegelbild des kollektiven Unvermögens, auf die Klimakrise zu reagieren, zu der eigentlich schon seit den 1970er Jahren alles bekannt ist, was man wissen muss. Das trifft vor allem auf die Industrieländer zu, die einen Großteil der historischen Emissionen verursacht und Mächten wie China und Indien ein schlechtes Beispiel dafür gegeben haben, was „Fortschritt“ und “Wohlstand” bedeuten.

Die Graphik zeigt die jährliche Wachstumsrate der CO2-Konzentration nach Jahrzehnten. Sie ist von knapp unter 1 ppm im Durchschnitt der 1960er Jahre stetig auf heute 2.5 ppm jährlich gestiegen.
Wachstum des Wachstums: Der jährliche Zuwachs der CO2-Emissionen lag in den 1960er Jahren bei knapp unter 1ppm, heute liegt er bei rund 2,5ppm. Eine kleine Unterbrechung lieferte nur der Kollaps der energieintensiven Wirtschaft des Ostblocks in den 1990er Jahren.

Wenn das Wachstum so weitergeht wie in den vergangenen zehn Jahren, wird die wegen irreparabler Schäden gefürchtete Marke von 450 ppm bereits in den 2030ern erreicht. Und wenn das Wachstum des Wachstums so weitergeht, stehen wir im Jahr 2050 – dann ist Greta Thunberg 47 Jahre alt – beim geradezu höllischen Wert von 520 ppm.

Brutale Stressfaktoren

Ja, die Staaten haben geschworen, dass es nicht soweit kommt. Sehr viele Firmenvorstände und Menschen sind bereit, dazu beizutragen. US-Präsident Joe Biden hat den Kampf gegen die Klimakrise mit ins Zentrum seiner Regierungspolitik gestellt, die EU-Staaten wollen die wirtschaftliche Erholung von der Pandemie mit dem Klimaschutz verbinden und auch China bekennt sich zum Ziel der Klimaneutralität und zum Weltklimavertrag.

Doch es gibt starke Kräfte, die diesen Bestrebungen entgegenwirken:

  • Es ist keineswegs sicher, dass Biden in den USA seine Agenda realisieren wird. Die Republikaner wollen 2022 bei den mid-term elections die Gestaltungsmehrheit des Demokraten brechen. Da sich die Republikaner vom terroristischen Umsturzversuch ihres Anführers Donald Trump nicht glaubhaft distanziert haben und die Evidenz der Klimaforschung aktiv leugnen, sind sie zugleich Demokratiefeinde und Fossil-Lobbyisten – und haben dabei erheblichen Rückhalt in der Bevölkerung. Eine Machtergreifung und damit ein Ende jeder US-Klimaschutzpolitik bleibt möglich.
  • Die Corona-Pandemie könnte in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in einer Art aufholenden Raserei münden. Das Risiko besteht, dass nach einer so langen und ermüdenden Zeit der Krise weite Kreise keinen Nerv für noch eine weitere Krise haben, noch dazu eine, die Einschränkungen verlangt. Endlich wieder nach Mallorca, endlich wieder nach Thailand, endlich ein neues Auto, wir gönnen uns was. Eine solche Haltung wird flankiert von Politikern wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der nun vor zu strengen Klimaauflagen für die Automobilbranche warnt. Die falsche Alternative zwischen “Wirtschaft” hier und “Umwelt” da, eine Fehlwahrnehmung, die eigentlich seit den 1990er Jahren widerlegt ist, aber vor allem unter Ökonomen grassiert, könnte das rechtzeitige Umsteuern gefährden.
  • Die Natur selbst könnte damit aufhören, die Treibhausgase im Zaum zu halten. Vor allem der Ozean hat in den vergangenen Jahrzehnten Unmengen von Kohlendioxid aus der Luft aufgenommen (was ihn in Form von Kohlendioxid messbar saurer gemacht hat). Auch Wälder und Moore und andere Feuchtgebiete tragen zur Kohlenstoffspeicherung bei. Doch mit zunehmender Erhitzung und bei fortgesetzter Naturzerstörung versagen diese Mechanismen: Ozean, Moore, Wälder werden zu Quellen für Kohlendioxid und für Methan, ein noch potenteres Treibhausgas. Wenn diese Prozesse an Fahrt gewinnen, wird es noch schwieriger – und noch dringlicher –, die Ziele des Weltklimavertrags einzuhalten. Doch die gebotene Integration von Natur- und Klimaschutz hat noch nicht einmal richtig begonnen.

Es gibt keine Ausreden mehr

Aus diesen und vielen anderen Gründen ist es wichtig, den neuen Rekordwert von 421 ppm nicht einfach vorbeiziehen zu lassen, sondern als Fanal zu sehen. Die Klimakrise ist nicht irgendwann auch morgen lösbar. Dazu wurde schon viel zu viel Zeit verloren. Wer die Klimakrise jetzt auch nur einen Moment aus den Augen verliert, schickt jeden Menschen auf der Erde, der jünger als 60 Jahre ist, in eine tiefrote Hochrisikozone, in der mit den klimatischen Bedingungen und den Lebensgrundlagen unser gesamter Wohlstand in Gefahr gerät – und das nicht für eine Wahlperiode oder einen Konjunkturzyklus, sondern auf Jahrzehnte und Jahrhunderte.

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Noch immer begreifen selbst formal gebildete Menschen nicht, wie anders die Klimakrise im Vergleich zu den vielleicht im BWL- oder VWL-Studium gelernten zyklischen Krisen der Weltwirtschaft ist, an deren Ende wieder Erholung und Boom stehen: Beim Klima geht es in den Zeiträumen, die für uns relevant sind, um einen linearen Prozess, bei dem alles immer schlimmer wird.

„Nicht noch eine Krise“ – ein gefährlicher Gedanke

Für eine „Rückkehr zur Normalität“, von der in der Corona-Pandemie so oft hoffnungsvoll die Rede ist, ist in der Klimakrise der Weg versperrt. Erholung und neuerlicher Boom, etwa der Lebensvielfalt, sind höchstens in erdgeschichtlichen Zeiträumen zu erwarten.

Die Unfähigkeit, das zu verstehen, ist selbst in Medienorganisationen noch immer verbreitet. Viele schaffen es noch immer nicht, die Lebensgrundlagen wenigstens als so wichtig einzustufen wie Börsenkurse. Wenn etwa ein führender Vertreter der ARD mit den Worten zitiert wird, es könne analog zur “Börse vor Acht” kein „Klima vor Acht“ geben, weil dies als parteilich gesehen werden könnte, lässt dies tief blicken.

Die Botschaft von 421 ppm ist klar: Die Klimakrise braucht jetzt maximale politische, mediale, unternehmerische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Wer jetzt denkt “nicht noch eine Krise”, sollte genau hinhören, was die Wissenschaft sagt: Mit eskalierender Erhitzung und fortgesetzter Naturzerstörung werden neuerliche Pandemien in noch schnellerem Rhythmus immer wahrscheinlicher. Eine Zukunft, in der ein aus abgeholzten Regenwäldern freigewordenes Virus grassiert, während zeitgleich brutale Hitzewellen Menschen niederstrecken und Millionen aus ihren überschwemmten Heimatgebieten auf der Flucht sind – wollen wir das jetzt heraufbeschwören?

421 ppm heißt: Es gibt keine Ausreden mehr und keine Zeit zu verlieren.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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