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„Zu viele und zu gefährlich“

Gedankenexperiment: Ersetzen Sie in allen Texten über E-Roller das Wort „E-Roller“ durch „Auto“.

von
06.08.2019
4 Minuten
Eine Frau fährt einen E-Tretroller.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

E-Roller, die achtlos auf Fußwegen abgestellt werden, sind nervig. Übertrieben viele Texte darüber auch. Gedankenexperiment: Ersetzen Sie in allen Texten über E-Roller das Wort E-Roller" durch Auto".

München, den 6. August 2019

Vor ein paar Jahren startete „Scholz&Friends“ eine sehr erfolgreiche Werbekampagne mit dem Slogan „Umparken im Kopf“. Den Werbern ging es darum [1], der als „bieder“ wahrgenommenen Marke „Opel“ ein neues Image zu verpassen. Dazu druckten die Kreativen populäre Irrtümer und Vorurteile als Teaser auf Plakatwände. Vom Verbraucher wurde die Transferleistung erwartet, das auf die Marke zu übertragen.

Betrachtet man die aktuelle Berichterstattung zum Thema „E-Roller“, müsste Deutschland mal ganz dringend im Kopf umparken. Wie sehr die autozentrierte Denkweise in den Köpfen von Politikern und Medienmachern verankert ist, zeigt die Rezeption der E-Roller, die seit wenigen Wochen auch in deutschen Städten zunehmend das innerstädtische Stadtbild prägen.

Folgendes Experiment: Ersetzen Sie bitte bei folgenden Aussagen das Wort „E-Roller" durch „Auto":

Die BILD [2] schreibt zum Beispiel:

„Seit mehr als einem Monat dürfen E-Tretroller in Deutschland fahren – doch Unfälle, Verkehrsdelikte und die Rücksichtslosigkeit vieler Fahrer sind nun Alltag.“

Der WDR [3] berichtet:

Polizei und Stadt Köln haben […] die Verleiher von E-Scootern in einem sogenannten Sicherheitsgespräch aufgefordert, mehr für die Sicherheit ihrer Kunden zu tun. Außerdem sollen die Verleiher dafür sorgen, dass die elektrischen Tretroller keine Wege blockieren. Das Ordnungsamt will nach eigenen Angaben falsch geparkte E-Scooter künftig auf Kosten der Eigentümer abtransportieren lassen.

Die Tagesschau [4] fasst zusammen:

„Außerdem müsse sichergestellt werden, dass die Fahrzeuge nicht überall herumstehen und dabei zum Teil andere beeinträchtigen oder behindern.“

In der Schweiz [5] nennt man die Plage biblischen Ausmaßes zwar ganz niedlich „E-Trottis“, stellt aber fest:

„Zu viele und zu gefährlich“

Und in diesem Video sinniert Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, darüber, dass sein Bezirk „buchstäblich von diesen neuen Angeboten überrollt wird“ – im Hintergrund eine mehrspurige Straße mit stockendem Verkehr.

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Sie ahnen, worauf ich hinaus will? Erst wenn man in all diesen Texten das Wort „E-Roller“ durch „Auto“ ersetzt, ist die Verhältnismäßigkeit wieder hergestellt.

Bitte, damit hier keine Missverständnisse auftauchen: Selbstverständlich dürfen E-Tretroller nicht so geparkt werden, dass andere Verkehrsteilnehmer behindert oder gefährdet werden. Natürlich ist es mehr als fragwürdig, wenn Roller in kürzester Zeit kaputt gehen und sich dann nicht reparieren lassen sollten. Und, ja klar, müssen sich E-Roller-Fahrer wie alle anderen an die Verkehrsregeln halten.

Aber en masse Texte und Statements über die Gefährlichkeit von E-Rollern publizieren und dabei außer Acht lassen, wer der echte Gefährder ist?

Kurz zur Einordnung: Das Statistische Bundesamt zählte im vergangenen Jahr 3.265 Verkehrstote. Die Zahl der Verletzten im Straßenverkehr stieg auf 394.600 Menschen. Die Zahl stieg unter anderem, weil eine Zunahme bei getöteten Fahrradfahrern verzeichnet wurde. Es ist leider sehr wahrscheinlich, dass 2019 unter den Verletzten auch viele E-Roller-FahrerInnen sein werden. Natürlich müssen sich Menschen erst an diese neue Form der Mobilität gewöhnen und Fahranfänger sind unsicher. Fahrtrainings sind eine gute Sache. Aber der Hauptgrund für Verletzte wird sein, dass E-Roller-Fahrer von Autofahrern übersehen und überfahren werden. Denn E-Roller-Fahrer haben, genauso wie Radfahrer, im ungleichen Duell gegen zwei Tonnen Stahl keine Chance. Und nein, da hilft auch kein Helm. Die logische Konsequenz wäre also einen geschützten Platz für Auto-Alternativen zu schaffen, also Autospuren für Rad- und Rollerverkehr freizuräumen.

Apropos, zwei Tonnen Stahl. Das ist in etwa das Gewicht, das ein SUV auf die Waage bringt. Ein unfassbar hoher Ressourcenverbrauch, um im Regelfall einen einzigen Menschen durch die Gegend zu kutschieren – und 90 Prozent des Tages irgendwo sinnlos rumzustehen. DAS ist unökologisch und asozial. Es mutet doch wie eine arge Verzerrung der Realität an, all das zwar den E-Roller anzulasten, nicht aber den 47 Millionen Verbrennern, die Deutschlands Klimabilanz massiv belasten.

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Klar stehen E-Roller „überall herum". Moderne Mobilitätskonzepte leben im Kern doch davon, flexiblen Individualverkehr dort möglich machen, wo er anfällt – und dabei im Idealfall eine Autofahrt ersetzen. Gelingt das? Gerne wissenschaftlich evaluieren! Kann man das bisweilen sehr rücksichtslose Abstellen optimieren und hätte man das auch schon vor der Einführung wissen können? In jedem Fall.

Wenn wir aber nun medial und politisch Abstell-Verbotszonen für E-Scooter diskutieren, wäre die naheliegende Möglichkeit, Autoparkplätze für E-Roller, Scooter und Fahrräder umzuwidmen. Ein Auto braucht im Durchschnitt zwölf Quadratmeter Stellplatz. Da passen eine Menge Roller drauf, bevor es eng wird. Es gibt auch Ideen, die erlaubte Anzahl von E-Rollern in der Innenstadt zu begrenzen. Ein fairer Vorschlag, sofern auch über eine Höchstzahl erlaubter PKW geredet wird. Das Thema, das rauf und runter diskutiert werden muss, lautet nicht nicht E-Roller sondern Flächengerechtigkeit.

Auch ist es unbedingt zu begrüßen, wenn Ordnungsämter falsch geparkte E-Scooter künftig auf Kosten der Eigentümer abtransportieren lassen wollen. Saftige Bußgelder willkommen! Aber dann bitte nicht vergessen, all die PKW, die tagtäglich ganz selbstverständlich auf Rad- und Fußwegen parken, ebenfalls abschleppen zu lassen. Das wird bislang nämlich von allzu vielen Verkehrspolizisten als „Kavaliersdelikt“ betrachtet.

Mein Favoriten-Statement ist übrigens folgendes: Unter der Überschrift „Ökologisch desaströs“ kommentiert ein Autor in der taz

„Anders als behauptet stehen die neuen E-Scooter in den Großstädten nicht für Nachhaltigkeit und CO2-Vermeidung. Deshalb sollten sie wieder weg.“

Ich kann da nur zustimmen, allerdings erst nach ein wenig „Umparken im Kopf“. Erneut also die Aufforderung in diesem Satz „E-Scooter“ durch „Auto“ zu ersetzen. Denn es ist wahr: Autos stehen in Großstädten weder für Nachhaltigkeit noch CO2-Vermeidung. Also gerne weg damit.

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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


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