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Tunesien: Zehn Jahre Aufstand in zehn Punkten

18.12.2020
19 Minuten
Meterhohes Wandbild von Mohamed Bouazizi über der Post von Sidi Bouzid an der Hauptstraße der Stadt.

Zehn Jahre sind seit der Selbstverbrennung Mohamed Bouazizis vergangen – doch was hat sich seitdem geändert? Darüber streiten viele Tunesierinnen und Tunesier leidenschaftlich. Wenig, sagen die einen, fast alles die anderen. Auch über andere Kernfragen sind sich längst nicht alle einig: Was ist die angemessene Bezeichnung für das Ereignis – Aufstand, Umbruch, Revolution oder gar Jasminrevolution? Und was ist das entscheidende Datum? Der 17. Dezember, Tag der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi? Oder der 14. Januar, Tag der Flucht von Machthaber Ben Ali?

Der 17. Dezember in Sidi Bouzid: wie alles losging

Am 17. Dezember 2010 übergoss sich Mohamed Bouazizi in der zentraltunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid vor dem Gouvernorat, der Regionalverwaltung, mit Benzin und zündete sich an. Der 26-Jährige hatte dort regelmäßig von einem Karren aus Gemüse und Obst verkauft. Bereits in der Vergangenheit war er verwarnt worden, weil er keine Erlaubnis besaß. Am 17. Dezember hatte eine Polizistin ihm nicht nur seine Ware und die Waage konfisziert, sondern ihn offenbar auch geohrfeigt. Aus Wut und Verzweiflung zündete er sich an. Im selben Jahr hatten sich in Tunesien bereits zwei andere junge Männer verbrannt. Doch Mohamed Bouazizi wurde zum Symbol einer ganzen Generation arbeits- und perspektivloser junger Menschen, die versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen. Er wurde mit schweren Verletzungen in ein Spezial-Krankenhaus für Verbrennungsopfer in Tunis verlegt, wo er am 4. Januar 2011 starb.

Ali Bouazizi, ein entfernter Cousin, der damals für das Regionalbüro einer der wenigen legalen Oppositionsparteien die Medienarbeit machte, erinnert sich noch genau an diesen Tag. „Sein Onkel Salah Bouazizi arbeitet in der Apotheke, die nicht einmal hundert Meter entfernt ist. Als Mohamed sich angezündet hat, wusste er noch gar nicht, dass es sich bei dem jungen Mann um seinen Neffen handelt, den Sohn seiner Schwester. Er hat mich angerufen und gesagt: ‚Ali, komm schnell, da hat sich jemand vor der Regionalverwaltung angezündet." Mein Laden ist ja auch nicht weit entfernt die Hauptstraße runter. Als ich angekommen bin, haben wir beide erst realisiert, dass es Mohamed war, der sich da verbrannt hat. Ich habe dann ein paar Mitglieder unserer Partei, ein paar befreundete Anwälte und Gewerkschaftler angerufen und die Leute haben sich versammelt. Und gleichzeitig habe ich das aufgezeichnet.“ Ali kontaktierte damals direkt ausländische Medien, und noch am selben Abend gingen die ersten Bilder bei Al Jazeera auf Sendung.

Die Vorgeschichte

„Es war klar, dass das Regime seit Anfang der 2000er Jahre ein großes gesellschaftliches Problem hatte. Trotz des eigentlich ganz respektablen Wirtschaftswachstums in den 1990er Jahren ist die Arbeitslosigkeit nie gesunken. Dazu kam die Haushaltskrise. Das Regime von Ben Ali war nicht in der Lage, wirkliche Reformen umzusetzen oder den Markt zu öffnen, “ so der Politikwissenschaftler Hamza Meddeb.

Zine El Abidine Ben Ali hatte seit seiner Machtübernahme 1987 ein autoritäres Regime aufgebaut: Überwachung, Zensur und Folter politischer Gegner waren an der Tagesordnung. Zwar hatte er zu Beginn seiner Amtszeit freie Wahlen und Demokratie versprochen, doch dieses Versprechen nie eingelöst. Nach außen hin präsentierte sich Ben Ali als Stabilitätsanker in Nordafrika, zwischen dem im blutigen Bürgerkrieg versinkenden Algerien auf der einen und Libyen mit seinem exzentrischen Machthaber Gaddafi auf der anderen Seite. Dies führte dazu, dass ihm die meisten europäischen Staaten bis zum Ende zur Seite standen.

Die wirtschaftlichen Indikatoren schienen ihm recht zu geben, doch in Wahrheit bereicherte sich vor allem der Familienclan von Ben Alis Ehefrau Leila Trabelsi, der alle wichtigen Branchen des Landes kontrollierte. Geschäftsleuten, die sich nicht mit der Familie arrangieren wollten, wurde de facto der Marktzugang verwehrt. Unterdessen war vor allem das Landesinnere von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschnitten. Seit Ende der 2000er Jahre mehrten sich daher die Proteste. 2008 hatten Unruhen ein halbes Jahr lang die Bergbauregion um Gafsa, rund einhundert Kilometer südwestlich von Sidi Bouzid erschüttert, nachdem der größte Arbeitgeber in der Region, die staatlichen Phosphatwerke, kaum Arbeitssuchende aus der Region eingestellt hatte, sondern solche mit guten Verbindungen in die Staatspartei RCD. Im Sommer 2010 protestierten Kleinbauern aus der Region vor dem Gouvernorat, darunter auch Mohamed Bouazizi und sein Onkel Salah, der Apotheker. Ihnen und weiteren Familien wurden wegen ausstehender Kreditrückzahlung von der tunesischen Landwirtschaftsbank ihre Ländereien konfisziert. Im gleichen Zeitraum kam es an der Grenze zu Libyen zu Protesten und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auch hier ging es um sozio-ökonomische Fragen. In der Hauptstadt Tunis bildeten sich seit dem Frühjahr kleine Initiativen, die gegen die Zensur protestierten. Ende November wurden Wikileaks-Dokumente veröffentlicht, in denen auch die korrupten Praktiken tunesischer Offizieller und der Präsidentenfamilie benannt wurden.

„Die Zeit war reif“, so Ali Bouazizi, denn die Tunesier und Tunesierinnen hätten durch diese Proteste langsam ihre Angst vor dem Regime verloren. Außerdem sei die politische Elite in sich gespalten gewesen, so Hamza Meddeb. „Ein Teil des Regimes hat ihm die Loyalität gekündigt und Ben Ali und seine Familie geopfert. Dezember 2010, Anfang Januar 2011, als das Regime völlig überfordert war und die Bewegung sich ausgebreitet hat, als die Sicherheitskräfte, die bis dahin das Rückgrat von Ben Alis Regime gewesen waren, überfordert waren, hat sich die Armee entschieden, Ben Ali fallen zu lassen.“ Gleichzeitig standen in der Staatspartei RCD damals die jungen Parteikader den Entscheidungsträgern zunehmend kritisch gegenüber. Die vorwiegend alten Herren im Umfeld des damals 74-jährigen Ben Ali gewährten ihnen kaum Aufstiegschancen, so dass auch innerhalb des Regimes die Front seiner Unterstützer zu bröckeln begann.

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Im November 2010 veröffentlichte der tunesische Rapper El General seinen Song „Rais el Bled“ (Präsident des Landes). Nie zuvor hatte ein systemkritisches Lied so eine große Öffentlichkeit erreicht. Der Musiker wurde kurz vor dem Sturz Ben Alis festgenommen.

Revolution oder nicht?

„Ich sage Revolution, ohne zu zögern“, meint die Zeithistorikerin Kmar Bendana. „Ich habe die Gewissheit, dass ich durch dieses Ereignis nicht mehr dieselbe bin und deshalb sage ich, es ist eine Revolution. Wenn es viele Menschen wie mich gibt, die durch 2011 verändert wurden, dann ist es auch für das ganze Land eine Revolution.“ Während Revolution der Begriff ist, der sich in Tunesien im Alltag durchgesetzt hat, weil alle wissen, was gemeint ist, stellen dennoch viele Bürgerinnen und Bürger den Begriff in Frage – weil die einen der Meinung sind, dass die Aufstände keinen Anführer hatten, die Umwälzungen nicht weit genug gegangen sind und das politische und gesellschaftliche System nie von Grund auf reformiert wurde und nach wie vor zu viele Mitglieder des alten Regimes in den staatlichen Strukturen tätig sind, oder weil die anderen genau diese die politischen Umwälzungen seit 2011 ablehnen.

Die Mütter von mehreren Opfern der Revolution bei der ersten öffentlichen Anhörung der Wahrheitskommission 2016
Die Mütter von mehreren Opfern der Revolution bei der ersten öffentlichen Anhörung der Wahrheitskommission 2016

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Sarah Mersch

Sarah Mersch

Sarah Mersch berichtet als freie Korrespondentin aus Tunesien. Sie ist Mitglied von Weltreporter.net.


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