Krise des Mülls, Krise des Systems in Tunesien

Eine Großstadt wird ihren Abfall nicht mehr los – und illustriert beispielhaft, wie der Staat seit Jahren systematisch versagt

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Müllsäcke türmen sich am Straßenrand

Ein Schwarm Fliegen steigt in die Luft, aufgeschreckt von einer Straßenkatze, die auf der Suche nach Essbarem auf den Müllsäcken rumklettert. Diese stapeln sich am Straßenrand. Der Bürgersteig ist schon nicht mehr passierbar, der metallene Abfallcontainer in der Mitte des Berges von Mülltüten kaum noch zu erkennen. In den Gestank des verrottenden Mülls mischt sich der von schmelzendem Plastik. Rund zweihundert Meter weiter qualmt ein weiterer Abfallhaufen, die Hälfte des Mülls ist schon verbrannt. Kilometerweit zeichnete sich im Herbst ein ähnliches Bild an den Ausfallstraßen von Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens, dem wichtigsten Industriestandort des Landes.

Seit Ende September wurde dort der Hausmüll nicht mehr abgeholt. Das betrifft nicht nur die rund 600 000 Einwohner des Großraums Sfax, sondern insgesamt eine Million Bewohner des gleichnamigen Verwaltungsbezirks. Denn die einzige Deponie der Region ist seitdem geschlossen, ohne dass es eine alternative Entsorgungsmöglichkeit gibt. Der Grund: eine über Jahre gewachsene politische Blockade, in der sich die verschiedenen Beteiligten gegenseitig die Schuld zuschieben. Ergebnis katastrophaler Kommunikation der zuständigen Behörden und eines systemischen Staatsversagens, so Beobachter aus der Region. Auch die kurzfristig gefundene Lösung Anfang Dezember, nur Tage vor einem angedrohten regionalen Generalstreik, vertagt und verschiebt das Problem nur.

Im Zentrum des Konflikts: die nationale Abfallbehörde ANGED. Diese wurde erst 2005 überhaupt gegründet, seitdem werden eine Reihe ihrer Projekte mit Geldern der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der GIZ unterstützt. Das Ziel bei ihrer Gründung: die Behörde sollte den Abfallsektor regulieren und landesweit Deponien schaffen, die die unkontrollierten Müllhalden ablösen. In diesem Rahmen entstand auch die Deponie von Agareb, einer Kleinstadt rund eine halbe Stunde von Sfax entfernt. 2008 eröffnet sollte dort zunächst für fünf Jahre der Haushaltsmüll der Region Sfax kontrolliert vergraben werden.

Macht der Müll krank?

Wer in Agareb krank ist, geht erstmal in die Hausarztpraxis von Bassem Ben Ammar. Die betreibt der Allgemeinmediziner schon seit zwanzig Jahren. Das enge Wartezimmer ist voll mit Patienten. Seit Beginn der Müllkrise kommen auch immer mehr Journalistïnnen bei dem Allgemeinmediziner vorbei. Denn er sagt, seit die Müllkippe eröffnet wurde, haben bestimmte Krankheiten in Agareb massiv zugenommen.

„Jetzt gibt es Krankheiten, die es vorher nicht in dieser Häufigkeit gab: Atemwegserkrankungen, wie Asthma zum Beispiel, und eine Reihe an Hautkrankheiten. Viele Allergien, vor allem bei denen, die direkt an der Deponie wohnen. Und natürlich Krebserkrankungen, vor allem Leukämien und Lungenkrebs.“ Eine offizielle Statistik, in der solche Krankheiten nach Region aufgeschlüsselt sind, gibt es nicht, doch er führe ein kleines Register. Die Zahl der Krebserkrankungen, die er in seiner Praxis sehe, haben sich vervierfacht, berichtet er. Dies liege an der zunehmenden Verschmutzung von Luft und Wasser, vermutet er.

Ein Mann im Arztkittel sitzt an einem Schreibtisch
Bassem Ben Ammar macht die Mülldeponie für die Gesundheitsprobleme der Bevölkerung verantwortlich

Außerdem gäbe es zunehmend Infektionskrankheiten, die eigentlich extrem selten sind. Dies läge an nicht angemessen behandelten Haushaltsabfällen, die einen Nährboden für Keime bildeten und dann zum Beispiel von Insekten oder durch direkten Kontakt übertragen wurden.

Vor zwei Jahren hatte der Fall einer Zwanzigjährigen aus Agareb in Tunesien für Aufruhr gesorgt. Sie war an der sehr selten auftretenden Mukormykose gestorben, dem sogenannten Schwarzen Pilz. Der Pilz, der bei geschwächten Personen eine oft tödlich verlaufende Erkrankung auslöst, entsteht unter anderem in verrottenden organischen Abfällen. Die Bewohnerïnnen von Agareb machen daher die Müllkippe der Stadt für den Tod der jungen Frau verantwortlich.

Auch Sondermüll landet auf der Deponie

Die Betriebserlaubnis der Deponie wurde 2013 verlängert, denn der Bedarf war da. Allein die Stadt Sfax produziert mehr als 600 Tonnen Hausmüll pro Tag. Doch mit der Verlängerung des Betriebs nahmen auch die Probleme zu. Die Situation wurde über die Jahre immer komplexer, eine Lösung, mit der alle Betroffenen zufrieden sind, ist kaum noch zu finden.

Bild der Stadt Agareb
Agareb liegt in einer Senke. Der ganze Gestank werde direkt in die Stadt geweht, beklagen sich die Anwohner
Blick auf ein schwarzes Becken mit Olivenresten
Die Reste der Olivenölproduktion müssen fachgerecht entsorgt werden, sonst schädigen sie die Umwelt
Ein Mann in Pulli mit graumeliertem Bart zeigt auf die Stadt Agareb
Sami Bahri kämpft seit Jahren gegen die Mülldeponie vor den Toren seiner Heimatstadt Agareb
Grafitti zeigt das Porträt eines jungen Mannes
An den Mauern von Agareb erinnert ein Grafitti an den verstorbenen Demonstranten
Ein älterer Mann mit Schnurrbart lehnt sich in einem Stuhl zurück
Hafedh Hentati ist einer der wenigen tunesischen Journalisten, der sich auf Umweltthemen spezialisiert hat.

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