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Leben in Amazonien: Dzuliferi lernt zaubern

Der Zeit-Reporter Thomas Fischermann traf in Amazonien auf den Schamanenlehrling Dzuliferi Huhuteni. Dabei entstand ein Buch über das widersprüchliche Leben in Amazonien

13 Minuten
Ein im traditionellen Stil errichtetes Haus für die Schamanen, das mit Symbolen bemalt ist.

Der Amazonas-Regenwald steht vor dem Umkippen. Als Fischermann über Holzfäller und Sojabarone berichtet, die immer tiefer in den Dschungel vorrücken, lernt er verschiedene Indigene Völker kennen, die sich den Eindringlingen in den Weg stellen und den Wald verteidigen. Er ist ihr Lebensraum, nicht nur eine wirtschaftliche Ressource. Dabei wird dem Reporter klar, welcher kulturelle Verlust zur Umweltzerstörung hinzukommt, wenn das Wissen dieser Menschen verloren geht.

Sein Gesprächspartner Dzuliferi Huhuteni lebt hauptsächlich in dem 80-Einwohner zählenden Dorf Hipana am Ayari-Fluss an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien. Er ist ein Schamanenlehrling im fortgeschrittenen Alter von 58 Jahren und kämpft um den Fortbestand des alten Wissens. Doch zunächst musste er seinen eigenen Vater, Manuel da Silva Baniwa, Mandú, einen der mächtigsten traditionellen Schamanen der Region, davon überzeugen, ihm sein Wissen weiterzugeben.

Ein Gespräch über das Leben in einer bedrohten Welt, über kulturelle Übersetzungsarbeit und die Welt der Träume.

Ein indigener Mann mit Federkopfschmuck blickt prüfend auf ein Rohr.
Dzulíferi Huhuteni ist der Sohn des Schamanen, der darum kämpfen musste, dass sein Vater – einer der mächtigsten Schamanen in Nord-West-Amazonien – sein Wissen mit ihm teilt.

Ulrike Prinz: Wie genau ist das Buch „Der Sohn des Schamanen – Die letzten Zauberer am Amazonas kämpfen um das magische Erbe ihrer Welt“ entstanden?

Thomas Fischermann: Während meiner Recherchen habe ich gemerkt, dass manche Angehörige von indigenen Völkern sehr ausdrucksfreudig sein können, und dass sie bei ernsthaftem Interesse wirklich gerne antworten. Man muss nicht nur immer über sie lesen und über sie sprechen, sondern kann Wege finden, was gemeinsam mit ihnen zu machen. Allerdings musste ich mir zunächst sehr viel kulturellen Background erarbeiten, um sie zu verstehen.

Deshalb hast du wahrscheinlich auch die Form der Ko-Autorenschaft gewählt, in diesem Buch mit Dzuliferi Huhuteni. Das ganze Buch ist ja im Prinzip ein Monolog des Schamanensohns. Hat er wirklich so gesprochen? Oder hast du kleine Kunstgriffe benutzt? Du schreibst manchmal: „Du fragst mich, ob…“

Thomas Fischermann: Ich habe das auch bei meinem ersten Buch aus dem Amazonas, „Der letzte Herr des Waldes“, so gemacht. Da war es auch noch einfacher. Hauptperson in diesem Buch war ein junger Mann, der damals 19 Jahre alt war. Er war klarer zu verstehen, weil seine Position eindeutig war. Gut und Böse waren einfacher abzugrenzen… Aber auch bei ihm stellte sich die Übersetzungsfrage.

Es gibt ja dieses Phänomen im Dialog, dass man Menschen versteht, obwohl sie sich sprachlich nicht so gut ausdrücken, einfach weil man einen gemeinsamen Gesprächshintergrund besitzt. Was wir aus der klassischen anthropologischen Arbeit kennen ist, dass man das Gesagte aufschreibt und Wort für Wort übersetzt – das war vor dem großartigen Buch von Bruce Albert und Davi Kopenawa „The Falling Sky“, das ebenfalls auf eine Ko-Autorenschaft setzt. Für mich war die wortgenaue Übersetzung nutzlos, weil sie einfach nicht alles erfasst, was in so einem Gespräch wirklich „gesagt“ wird. Manchmal wird gestikuliert, andere Male wird mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken viel gesagt, und ich musste Wege finden, um die ganze Ausdruckskraft meines indigenen Gesprächspartners in deutsche Worte zu fassen.

Die Tupi-Guaraní-Sprache meines Gesprächspartners Madarejúwa im „Herrn des Waldes“ ist sehr reich an Sprachbildern und hat eine wahnsinnige Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten. Diese schickte er durch das Nadelöhr des Portugiesischen – mit verschiedenen Annahmen darüber, was ich hören kann und hören will. Sein gebrochenes Portugiesisch auf der einen und mein nicht perfektes Portugiesisch auf der anderen Seite. Am Ende kommt das dann in meiner und in der Vorstellungswelt der Leser an. Das ist ein richtiger Nadelöhr-Kommunikationsprozess.

Sich das zu vergegenwärtigen, war der erste Schritt. Ich hatte das Glück, dass ich von der Arbeit meiner früheren Frau, einer Literaturwissenschaftlerin, profitieren konnte. Sie hat sich mit neokolonialistischem Diskurs und Übersetzungsarbeiten zwischen verschiedenen Kulturen beschäftigt. Daher war mir klar, dass es perfekt wörtliche Übersetzungen, die wir uns so naiv vorstellen, nicht gibt, sondern dass eine viel größere interkulturelle Übersetzungsarbeit nötig ist.

Ein weißer Mann vor einem Fluss und wolkenverhangenem Himmel.
Der Zeit-Redakteur Thomas Fischermann während seiner Recherchen in Amazonien.
Ein junger Mann in einer Kapelle liest aus dem Katechismus.
Christlicher Glaube und indigene Traditionen leben oft nebeneinander.
Zwei junge Männer in der „Maloka“, dem traditionellen Großhaus, begleiten mit Flöten tanzend eine junge Frau.
Die Menschen in Hipana leben zwischen Tradition und Moderne. Gemeinsame Tänze und Gesänge halten das Sozialgefüge zusammen.
Ein Mädchen sammelt Ameisen mit einem Palmenblatt.
„Es ist einfach Ameisen zu sammeln. Du steckst ein Palmenblatt in ein Ameisenloch und ziehst es wieder heraus. Du kannst die Ameisen kochen oder sie für die Soße benutzen.“ (Dzuliferi)
Ein Fels mit Zeichnungen im Vordergrund, dahinter der Fluss.
Die Felszeichnungen in Hipana, am Ursprung der Welt, der Ort, an dem der Schöpfergott die Menschen aus dem Fluss gezogen hat. Die Zeichnung soll Kuwai, den „Herren der Krankheiten“, darstellen.
Ein älterer Indigener ist vertieft hinter ihm an der Wand hängt ein Bild, auf dem eine Frau zu sehen ist. Sie scheint ihm zuzugucken.
„Wer zum Zauberer wird, lernt, dass er in seinen Träumen die Welt erschaffen kann.“ Manuel „Mandú“ da Silva Baniwa

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Ulrike Prinz

Ulrike Prinz

Ulrike Prinz ist promovierte Ethnologin und Journalistin. Sie lebt in München und Barcelona.


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