Selbstbestimmt und lebenshungrig

Zwei Schwerbehinderte radeln auf einem Tandem nach Tokio

4 Minuten
Sven Marx ist auf dem Tandem im Sattel und lenkt, Jürgen Pansin sitzt in der Sitzschale vor dem Lenker. Er tritt in die Pedale, er ist der sogenannte Heizer

Busy Streets – Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Der eine sieht nichts, der andere sieht alles doppelt. Gemeinsam fahren sie in den kommenden sechs Monaten von Berlin nach Tokio zu den Paralympics – auf einem Tandem durch die Wüste Gobi und über das Altai-Gebirge.

Für Außenstehende klingt die Reise wie ein großes Wagnis. Die beiden erfüllen sich mit der 15.000 Kilometer langen Tour einen Traum und beweisen: Auch Schwerbehinderte können selbstbestimmt leben. Sie wollen anderen Menschen mit ihrer Reise Mut machen.

Sven Marx weiß nur zu gut, dass seine Lebensweise viele irritiert. Als der 52-Jährige vor drei Jahren zu seiner ersten Weltreise aufbrach, entgegneten ihm sowohl Fremden als auch Freunden ungläubig: „Aber du bist doch behindert!“ Er lächelt dann und sagt: „Na und?“

Das war 2017. Die Solotour mit Zelt und Fahrrad durch 17 Länder wie Kambodscha, Malaysia und Neuseeland hatte Marx sich zum 50.Geburtstag geschenkt. Dass er damals überhaupt noch lebte, war ein Wunder. Acht Jahre zuvor hatten die Ärzte bei ihm einen Hirntumor diagnostiziert. Damals war er Tauchlehrer in Ägypten. Bei der OP konnten die Mediziner den Tumor nur zur Hälfte entfernen, Tage später hatte Marx schwere Komplikationen. Die Ärzte gaben ihn auf. Seiner Frau sagten sie, ihr Mann sei nun ein Pflegefall.

Doch damit wollte sich der gelernte Dachdecker nicht abfinden. Hartnäckig kämpfte sich der damals 42-Jährige zurück ins Leben. Erst mit dem Gehwagen im Wald der Rehaklinik, wo er heimlich übte, weil er immer wieder aufs Gesicht fiel, später alleine auf dem Fahrrad zu Hause in Berlin.

Sein Ziel war das Brandenburger Tor. Sieben Kilometer trennten ihn von dem Wahrzeichen. Fast ein Jahr trainierte er. Dann fuhr er los. „Das war meine erste Weltreise“, sagt er heute. Nach 45 Minuten war er da. Fix und fertig, aber glücklich.

Bei demTandem sitzt der Beifahrer in einer Sitzschale vor dem sogenannten Captain, der das Rad steuert. Der Beifahrer sitzt in der Liegeradposition deutlich tiefer als der Captain im Fahrradsattel.
Das Pino Tandem von Hase ist ein sportliches Stufentandem. Das heißt: Der Beifahrer sitzt in einer Sitzschale vor dem Lenker des sogenannten Captains, der das Rad steuert.
Die beiden sitzen auf dem Tandem und halten ihre hochgereckten Daumen ins Bild. Sie sind auf einer ihrer Testfahrten in der Stadt unterwegs.
Pansin ist der Heizer, auch Stoker genannt, und sorgt fürs Tempo
Mit ihrem vollbepackten Tandem stehen Marx und Pansin auf dem  höchsten Berg im Harz und zeigen auf die Gipfeltafel, die 1142 Meter anzeigt.
Testfahrt auf den Brocken: Zwei Mal mussten die Abenteurer an Steigungen schieben.

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