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Corona-Pandemie: Die häusliche Pflege wird immer noch vergessen!

Pflegende Angehörige bekommen in der Corona-Krise kaum Unterstützung. Dabei wäre es leicht, ihnen zu helfen. Ein Kommentar.

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Wutschrei einer Frau: Pflegende Angehörige wie sie bekommen in der Pandemie viel zu wenig Unterstützung.

Pflege ist dieser Tage ein heißes Thema: Intensivbetten in den Kliniken müssen abgemeldet werden, weil Pflegerïnnen fehlen. Es wird viel über die schlechten Arbeitsbedingungen diskutiert, über die Dauerbelastung, die Erschöpfung der Klinik-Mitarbeiterïnnen. Der Pflegenotstand ist in der öffentlichen Diskussion angekommen. Endlich, könnte man meinen, kommen die Probleme auf den Tisch. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ein Bereich wird weiter ignoriert: die häusliche Pflege.

Dabei ist häusliche Pflege kein Nischenthema. 3,3 Millionen Pflegebedürftige leben zu Hause. Acht von zehn Menschen, die Hilfe und Unterstützung im Alltag brauchen, werden von Angehörigen versorgt. Von Frauen, Männern und sogar Kindern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die sich dafür selbst einschränken, eigene Bedürfnisse zurückstellen, hohe finanzielle Risiken eingehen – und dadurch unser Pflegesystem vor dem Kollaps bewahren. Ganz zu schweigen davon, dass der Staat viele Milliarden Euro einspart.

Keine Entlastung, keine Auszeiten

Man könnte erwarten, dass diese Menschen großzügig unterstützt werden, zumal die Corona-Pandemie die Versorgung zu Hause erheblich erschwert. Viele professionelle Einrichtungen waren über Monate geschlossen. Mit Konsequenzen für die Pflege zu Hause: Betreuungsgruppen, Entlastungsangebote – all das fiel lange Zeit weg oder die Zugänge waren eingeschränkt. Pflegedienste konnten und können nicht garantieren, dass ihr Personal geimpft ist. Wer kümmert sich stattdessen? Die Angehörigen, wer sonst. Was tut der Staat? Er stockte den eh schon geringen Anspruch auf Freistellung von der Arbeit mit Lohnfortzahlung minimal von 10 auf 20 Tage auf. Aber Achtung: Wer vor der Pandemie schon mal für die Pflege eines Angehörigen zu Hause blieb, bekommt diese Tage abgezogen. 20 Tage – X, bei inzwischen fast zwei Jahren Pandemie. Das muss man sich mal vorstellen!

Großkonzerne schickten ihre Mitarbeiterïnnen monatelang auf Staatskosten in Kurzarbeit und schütteten gleichzeitig Gewinne aus. Für berufstätige pflegende Angehörige wurde es ein klitzekleines bisschen weniger kompliziert, (Familien)-Pflegezeit zu nehmen. Wohlgemerkt: unbezahlt!

Risiko zu Hause – ach egal

Auf allen Kanälen wird gewarnt, wie gefährdet alte und kranke Menschen sind. Pflegeheime haben sich zu den traurigen Hotspots der Pandemie entwickelt, in Talkshows wurden und werden die neusten Ideen zum Schutz der Bewohnerïnnen diskutiert: Mobile Impfteams, Boostern, Test- und Impfpflicht für Pflegekräfte! Zeitgleich erzählten pflegende Angehörige, dass sie nach langer Warterei am Impfbus abgewiesen wurden, weil sie die – da noch geltende Altersgrenze von 70 Jahren – knapp verfehlten. Dass sie zu Hause einen hoch verletzlichen Menschen betreuen, aber trotzdem einkaufen, zum Arzt und unter Menschen müssen, also ein immer höheres Risiko haben, die Ansteckung nach Hause zu bringen – alles egal!

Ein Missgeschick? Nein, die fehlende Anerkennung für pflegende Angehörige zieht sich wie ein roter Faden durch die Nachrichten. Die Ständige Impfkommission empfahl im Oktober zwar, Pflegebedürftige und Pflegende zu boostern. Sie meinte aber nur Menschen, die in Einrichtungen leben oder dort arbeiten. Pflegebedürftige zu Hause und pflegende Angehörige wurden mit keinem Wort erwähnt. Nochmal: acht von zehn Pflegebedürftigen werden von Angehörigen versorgt! Aber diese Menschen waren der Stiko nicht einen Satz wert.

Testpflicht für Pflegekräfte in der ambulanten Pflege? Kam erst mit der allgemeinem 3-G-Pflicht am Arbeitsplatz Ende November. Da erreichten die Inzidenzzahlen bereits wieder Rekordwerte. Mundschutz? Wird empfohlen, ist aber nicht verpflichtend, obwohl die Pflegerïnnen engsten Kontakt zu hochverletzlichen Menschen haben. Immerhin: In der Pandemie zahlt die Pflegeversicherung 20 Euro im Monat mehr für Pflegehilfsmittel wie Desinfektionsmittel und Mundschutz. Das musste lange Zeit als Schutz reichen.

Anspruch, aber kein Angebot

Diese systematische Missachtung der häuslichen Pflege in der Corona-Pandemie ist schon schlimm genug. Aber es kommt noch ein weiteres, strukturelles Problem dazu: Der Mangel an professionellen Pflegekräften hat zur Folge, dass im großen Stil Unterstützungsangebote wegbrechen. In einigen Regionen ist es mittlerweile schwierig, überhaupt einen Pflegedienst zu finden, Tages- und Kurzzeitpflege-Einrichtungen führen lange Wartelisten. So stehen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen vor der paradoxen Situation, dass sie zwar theoretisch Anspruch auf viele Leistungen haben. Nur nützen all diese Ansprüche nichts, wenn es keine (freien) Plätze gibt. Ein Extrem-Beispiel: Die Pflegestatistik weist bundesweit 260 Nachtpflegeplätze aus – bei 3,31 Millionen Pflegebedürftigen, die zu Hause leben.

Noch dazu ist das System der Pflegeversicherung wahnwitzig kompliziert. Man muss die vielen Leistungen mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen erstmal kennen. Die bürokratischen Anforderungen sind hoch: Hier lässt sich kombinieren, dort wird verrechnet, man muss Formulare ausfüllen, Bescheinigungen heranschaffen, Fristen einhalten und immer wieder Widerspruch einlegen. Das alles mutet man Menschen zu, die einen Angehörigen Tag für Tag versorgen, komplizierte Medikationspläne umsetzen, beim Anziehen helfen, kochen, zuhören, Arztbesuche koordinieren, sich kümmern. Menschen, die manchmal rund um die Uhr gefordert sind und seit Jahren keine Nacht mehr durchgeschlafen haben. Wie, bitte, sollen sie das schaffen?

Pflegen macht arm

Und wenn sie es schaffen, weil sie die Erwerbsarbeit reduzieren oder den Job aufgeben und sich ganz auf die Pflege konzentrieren, besteht ein hohes Risiko, in Armut zu landen. Care-Arbeit wird in Deutschland nicht finanziell entlohnt. Wenn es dumm läuft, stehen pflegende Angehörige am Ende für Hartz IV an.

Das Schlimme: Diese Probleme sind schon lange bekannt. WissenschaftlerInnen, Pflegeverbände und pflegende Angehörige selbst haben viele kluge Ideen, um die häusliche Pflege zu stärken – ein Budget, in dem Leistungen zusammengefasst werden, bezahlte Pflege-Auszeiten für Angehörige, Pflegebegleiter, die Familien unterstützen, eine bessere Versorgung im Quartier, um nur ein paar zu nennen.. Doch bisher fehlte der politische Wille, sie umzusetzen. Die Ampelkoalition hat sich einige dieser Forderungen im Koalitionsvertrag zu eigen gemacht. Sie müssen schnellstmöglich umgesetzt werden.

Pflegende Angehörige haben keine Lobby, sie können sich nicht mit Abgeordneten zum Abendessen treffen, Kampagnen führen, durch die Talkshows ziehen. Sie haben keine Zeit, denn sie kümmern sich um einen Menschen, der sie braucht. Wer das tut, sollte nicht auch noch um Unterstützung kämpfen müssen. Wir vernachlässigen sträflich ein Thema, das schon heute brennt, aber angesichts des wachsenden Anteils älterer Menschen in der Zukunft noch dramatischere Ausmaße annehmen wird. Es ist mehr als Zeit, dass der Staat, die Politik, wir als Gesellschaft diesen Menschen endlich wirksam helfen. Sie haben es verdient.


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Carina Frey

Carina Frey

Ich arbeite als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Der demografische Wandel, Alter, Pflege und die Bedeutung von Care-Arbeit für unsere Gesellschaft sind meine Spezialgebiete. Ich habe die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben und Das Vorsorge-Handbuch konzeptioniert.


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