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Corona-Pandemie: Wie wir das Gesundheitssystem missbrauchen

Das Fehlen einer Pandemie-Strategie, die den Namen verdient, hat Deutschland in eine paradoxe Lage gebracht: Gerade, weil wir das Gesundheitssystem nicht überlasten wollten, haben wir es schwer beschädigt.

25.11.2021
5 Minuten
Eine Pflegekraft mit Maske und Visier zeigt Zeichen von Erschöpfung

Michael Hallek holt tief Luft, bevor er sein Eingeständnis macht. „Wir haben uns in eine Falle locken lassen“, sagt der Direktor der Klinik I für Innere Medizin des Universitätsklinikums Köln während einer Runde von Intensivmedizinern, das vom Science Media Center Deutschland organisiert wurde. Mit „Falle“ meint er das Ziel, das die deutsche Pandemiepolitik seit 21 Monaten verfolgt. Es klingt eigentlich sehr vernünftig: „Wir dürfen das Gesundheitssystem nicht überlasten“. Kanzlerin Angela Merkel, oft für ihre Klugheit gerühmt, hat es formuliert und viele andere auch. Es ist ein typischer Merkel-Satz. Wie sollte man widersprechen?

Hallek jedoch spricht aus, was das in der Konsequenz bedeutet und verdeutlicht so den Wahnsinn dieser Strategie: „Wir haben so getan, als sei es okay, wenn die Intensivmedizin mit den Covid-Fällen gerade noch eben klarkommt.“ Nach dieser Logik ist es tolerierbar, wenn täglich mehrere hundert Covid-Patienten in deutsche Intensivstationen kommen. Hallek hält dagegen: „Die Intensivstation ist für die Patienten eine Folter. Sie ist das Ringen um Atemluft oder der Tod.“

Die vierte Welle entlarvt das falsche Ziel

Halleks Bedauern kommt freilich spät. In der aktuellen vierten Welle der Pandemie entlarvt sich die falsche Strategie von selbst. In 21 Monaten Pandemie hat sie das Gesundheitssystem zermürbt, statt es zu schonen. Entweder arbeitete das Personal am Anschlag, weil sich gerade eine Covid-Welle durchs Land wälzte. Oder es war wegen der Patienten am Limit, deren Behandlungen in der letzten Infektionswelle verschoben worden waren.

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Die Dauerbelastung erschöpfte viele Pflegekräfte so sehr, dass sie den Job kündigten oder ihre Arbeitszeit verkürzten. Deshalb habe Deutschland seit Jahresbeginn etwa 4000 Intensivbetten verloren, wie der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, Ende Oktober mitteilte.

Nun erleben Deutschlands Kliniken, trotz genügend Impfstoffs, die schlimmste Notlage in der bisherigen Pandemie. Es zeigt sich: In einer schweren Pandemie wäre eine Strategie nötig gewesen, die diese Bezeichnung verdient.

Als im März 2020 die erste Welle durchs Land schwappte, firmierte das falsche Ziel unter „Flatten the Curve“. In der damaligen akuten Lage, frisch schockiert von den Bildern aus Bergamo, war das naheliegend: Zu versuchen, die steil ansteigende Kurve hoffentlich so weit abzuflachen, dass sie gerade noch unter die Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems passt. Es fühlte sich an wie eine Vollbremsung, von der man nicht weiß, ob sie noch vor dem Abgrund endet.

Die Belastungsgrenze lässt sich als Zielmarke nicht fassen

Mangels Ambitionen, das Virus wirksam einzudämmen, hat sich das falsche Ziel verstetigt. Wer aber dauerhaft am Abgrund entlang balancieren will, stürzt irgendwann ab. Als Dauerlösung verstanden, wird das Ziel der Nicht-Überlastung zwangsläufig verfehlt. Es war eben der Notnagel in der akuten Anfangssituation und kein Kriterium für das Management einer viele Monate dauernden Pandemie.

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Denn die Belastungsgrenze lässt sich als Zielmarke nicht fassen. Selbst in der aktuellen Lage, in der zwar einzelne Intensivstationen wie in Dresden oder München voll laufen, kann man noch argumentieren, dass ja letztlich jeder Notfallpatient ein Intensivbett bekommt, wenn auch oft erst nach stundenlanger Suche.

Die gefürchtete Triage, also die aktive Entscheidung einen schwer kranken Patienten zu Gunsten eines anderen gar nicht zu behandeln, blieb immer weit genug entfernt, zumindest bislang. Und die „weiche Triage“, wie Hallek sie nennt, findet zwar statt, ihre Folgen bleiben zunächst jedoch unsichtbar. Gemeint ist damit der Zustand, wenn Ärzte durch das notgedrungene Verschieben einer Behandlung spätere Komplikationen riskieren müssen. Das können verschobene Krebsoperationen sein, was möglicherweise zu einem Fortschreiten des Tumors führen kann. Aber auch andere Eingriffe, wie die eine Erweiterung eines Blutgefäßes, das „jede Woche platzen kann“, wie der Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge erklärt. Die weiche Triage kann sich bis nach der Pandemie auswirken, auch in Form einer nachgeschleppten Übersterblichkeit.

Brutalstmöglicher Missbrauch des Berufsethos von Pflegenden

Irgendwie lässt sich das System am Laufen halten. Der Intensivmediziner Uwe Janssens bekräftigte dies am Beginn der vierten Welle in der ZDF „heute“-Sendung: Man werde es schon „wuppen“. Es möglichst zu „wuppen“ ist ja auch der Auftrag der Medizin und ihr Berufsethos lautet zurecht, allen hilfsbedürftigen Patienten zu helfen, auch solchen, die selbst zu ihrer Krankheit beigetragen haben, im Fall von Covid also auch Ungeimpften.

Aber genau damit ist die Falle gestellt. Die Gesellschaft kann sich herantasten, wie viel sie ihrem Gesundheitssystem gerade noch zumuten kann. Wie ein Kind das die Toleranzgrenzen der Eltern austestet. Sie hat sich offenbar entschieden, das medizinische Berufsethos brutalstmöglich zu missbrauchen.

Wie konnte es dazu kommen? Wie ein roter Faden durch die Pandemie zieht sich die fatale Paarung aus Öffnungsdrang und einer allzu simplen Darstellung einer in Wahrheit komplexen Pandemie. Falsche Überzeugungen festigten sich bei vielen Bürgern. Covid sei eine Krankheit der Alten, ist eine davon. Das suggeriert, dass Infektionen nicht mehr zu Krankenhauseinweisungen führen, sobald die meisten Älteren geimpft sind. In Wahrheit ändert sich nur das Verhältnis: Kamen in der zweiten und dritten Welle rund 200 von 10.000 Infizierten auf die Intensivstation, sind es in der vierten Welle dank vieler Geimpfter nur noch 80. Doch die entsprechend höheren Infektionszahlen fressen den Vorteil wieder auf.

Fatale Vereinfachung einer komplexen Pandemie

Allzu viele Politiker, Prominente und sogar Mediziner, beriefen sich auf solche Simplifikationen, wenn sie Öffnungen oder einen „Freedom Day“ forderten. Sie verniedlichten die Pandemie, um sie nicht entschieden bekämpfen zu müssen. Sie definierten Jüngere zu Unbeteiligten, um nicht die bitter nötige Solidarität einfordern zu müssen. Zu der Normalität, die sie herbeiträumten, gehörte auch, dass die Kliniken die verbleibenden schweren Verläufe abfangen. Dazu seien sie ja schließlich da. Damit war die Lizenz gedruckt, so schlecht wie nur eben möglich durch die Pandemie zu lavieren. Nötig wäre es gewesen, die Infektionszahlen möglichst niedrig zu halten.

Die Niedriginzidenzstrategie hätte nicht mehr Freiheiten gekostet als das Lavieren. Denn wenn man die Infektionszahlen so weit laufen lässt wie es die Kapazitätsgrenze der Kliniken (vermeintlich) erlaubt, muss man sie bremsen, sobald diese Grenze näher rückt. Sie später zu stoppen als früher bringt keinen Vorteil – bremsen muss man so oder so. Nur wenn man der Illusion harmloser Infektionen nachträumt, glaubt man es brächte einen Nutzen.

Anders gesagt: Das falsche Ziel hat beides zugelassen: die Kollateralschäden der Viruseindämmung und ein zermürbtes Gesundheitssystem. Die abgewanderten Pflegekräfte wird Deutschland nicht so schnell ersetzen können, es handelt sich um einen anspruchsvollen Beruf, der eine lange Ausbildung voraussetzt. Wir werden nach der Pandemie feststellen, dass wir das Gesundheitssystem nachhaltig beschädigt haben.

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Demnächst erscheint sein zweiter Thriller „Der Kandidat – Sie zielen auf dein Innerstes.“


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