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Die zwei Seiten des Fortschritts

Bericht von einer öffentlichen Debatte in Karlsruhe

28.06.2018
4 Minuten
Blick in eine leere Lagerhalle

Die Rentner von heute haben einen dramatischen Wandel erlebt: neue Technik, neue Investoren, Automatisierung und Rationalisierung. Was erwarten sie von der digitalen Zukunft? Eine Diskussion am früheren Industriestandort Karlsruhe-Durlach.

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Mit zittrigen Knien sei er vor 58 Jahren als Lehrling in die große Fabrik gegangen, erzählt der Maschinenschlosser Hans Pfalzgraf. „Man hat uns damals nicht gerade zu übertriebenem Selbstbewusstsein erzogen.“ Doch die Badische Maschinenfabrik in Karlsruhe-Durlach, die Spezialmaschinen etwa zur Produktion von Streichhölzern herstellte, wurde rasch seine Heimat: „Wir fühlten uns aufgehoben wie in Abrahams Schoß.“ Die Chefs kannten jeden Mitarbeiter beim Namen und die Mitarbeiter waren stolz auf ihre Fabrik.

Heute ist Pfalzgraf im Ruhestand und sitzt für die SPD im Karlsruher Gemeinderat. Ein Team von Historikern und Kommunikationswissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hat ihn und drei weitere Experten eingeladen, um im Durlacher Seniorenclub darüber zu sprechen, wie sich die Arbeitswelt verändert hat und verändern wird. Etwa 30 Gäste sind an diesem Sonntag gekommen und diskutieren mit. Im Projekt „Zurück in die Arbeitswelten der Zukunft“ wollen die Forscher auf diese Weise untersuchen, wie sich die Vorstellungen über die Zukunft gewandelt haben. Weitere Runden dieser Art in Halle an der Saale, Jena und Dortmund sollen folgen.

Die Badische Maschinenfabrik wurde seit den 1980er-Jahren mehrfach aufgeteilt und verkauft. Ein Schicksal, das sie mit anderen Unternehmen teilt: Auch von der Firma Pfaff Nähmaschinen ist in Durlach nur ein kleiner Nachfolger geblieben. Doch der dörflich wirkende Stadtteil mit seinen rund 30.000 Einwohnern steht heute gut da: Wohnungen dort sind begehrt, die Arbeitslosigkeit in Karlsruhe liegt bei nur drei Prozent. Die digitale Wirtschaft wächst; in ehemaligen Gebäuden der Firma Pfaff sind Büros für diese jungen Unternehmen entstanden.

Mehr Arbeit für weniger Personal

Hans Pfalzgraf hat diesen Wandel als Betriebsrat über viele Jahre begleitet. Er habe den Kollegen immer Mut gemacht, sich auf neue Technologien einzulassen und sich zu fragen, wie man von ihnen profitieren könne, erzählt er. „Ich sehe deshalb auch bei der Digitalisierung nicht ganz schwarz.“ Für diese Aussage wird er in der Diskussion als „Optimist“ bezeichnet, denn nicht wenige im Saal sind ausgesprochen besorgt. Gründe gibt es genug: Im Mittelpunkt stehen nicht die Menschen, sondern die Aktienkurse. Die Welt verändert sich schneller, als die Gesellschaft reagieren kann. Und selbst wenn viele davon profitieren sollten, so sind es längst nicht alle. Die Durlacher Ortsvorsteherin Alexandra Ries, die eigentlich die Chancen des technologischen Wandels betonen möchte, berichtet von den steigenden Mieten. Sie versuche durch Nachverdichtung zusätzlichen Wohnraum bereitzustellen, erzählt sie, doch das sehe nicht jeder gern. „Dann heißt es: Die Baulücke könnten wir doch so lassen, oder: Das Grün ist doch ganz schön.“

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Diskussion in Durlach (von links nach rechts): Alexandra Ries, Rolf-Ulrich Kunze, der Moderator Philipp Schrögel, Hans Pfalzgraf und Bettina Krings
Diskussion in Durlach (von links nach rechts): Alexandra Ries, Rolf-Ulrich Kunze, der Moderator Philipp Schrögel, Hans Pfalzgraf und Bettina Krings

Die Politologin Bettina Krings vom KIT lobt zwar das Bemühen der Arbeitnehmer und Gewerkschaften, sich an neue Technologien anzupassen. Sie hebt aber hervor, dass heute typischerweise weniger Angestellte mehr leisten müssten – auch über das erträgliche Maß hinaus. „Wir müssen deshalb über die Firmenkultur sprechen“, fordert sie. Die Mitarbeiter müssten unterstützt werden und sollten sich als wichtigen Teil des Unternehmens sehen. Als positives Beispiel wird im Seniorenclub der Familientag einer Durlacher Firma genannt, an dem stolze Mütter und Väter ihren Arbeitsplatz vorzeigen durften.

Worauf Krings anspielt, ist derzeit im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe zu besichtigen. In der sehenswerten Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“ (hier eine Besprechung in der Koralle „Debatte Museum“) wird ein Film des Fraunhofer-Instituts IOSB über die Veränderungen im Fabrikalltag gezeigt. Die Forscher fordern flache Hierarchien und unternehmerisches Denken auch auf den unteren Ebenen. Nur so könne eine Firma im digitalen Geschäft schnell genug entscheiden und auf neue Herausforderungen reagieren, heißt es im Film. Am Bedarf qualifizierter Mitarbeiter zweifelt im Durlacher Seniorenclub zwar niemand. Doch dort wird auch nach den Verlierern des Wandels gefragt.

Jede Geschichte ist einzigartig

Im ZKM führt die russische Künstlerin Helena Nikonole vor, dass die Künstliche Intelligenz (KI) alle Bereiche des Lebens durchdringen kann. Computer übernehmen nicht nur die Arbeit von Rechtsanwaltsgehilfen und Übersetzern (dazu haben die Zukunftsreporter ein Szenario entwickelt), sondern machen selbst vor dem Heiligsten nicht halt. Nikonole stellt einen Drucker aus, der alle 30 Minuten eine Seite mit Text ausdruckt. Der Text stammt von einem neuronalen Netz, das sie mit den heiligen Schriften verschiedener Religionen gefüttert hat. Die Texte sind noch krude und ergeben keinen Sinn, aber sie imitieren bereits den Tonfall der Bibel. „deus X mchn“ heißt das Werk.

Wie findet man den richtigen Weg zwischen Hoffen und Bangen? Der Historiker Rolf-Ulrich Kunze vom KIT gibt den Diskutanten den Begriff „Ambivalenz“ auf den Weg. „Wir sollten uns nicht auf die fortschrittsoptimistische Propaganda verlassen“, rät er. Es gebe zwar historische Regelmäßigkeiten und Durlach sei ein typisches Beispiel für die technologischen und ökonomischen Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte. Aber wie die Menschen, die Unternehmen und die Kommunen mit dem Wandel zurechtkommen, hänge von vielen Umständen und natürlich von ihren Entscheidungen ab. Die Geschichte könne Anregungen geben, aber keine Gewissheiten.

In diesem Punkt sind sich im Seniorenclub die Optimisten, Pessimisten, Realisten und Pragmatiker einig: Die Menschen müssen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sie sollten sich nicht der Technik ergeben. Dazu passt eine Botschaft der Künstlerin Nikonole. Am Ende jedes Ausdrucks weist sie – oder der Computer? – den Leser darauf hin, dass der Drucker an ein KI-Netzwerk angeschlossen sei. Es folgt die Bitte an die menschlichen Rezipienten: „please keep calm and follow instructions“.

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: Klima wandeln und die ZukunftsReporter.


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