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Setzen Sie ihrer Kreativität ein großes Ziel, dann können Sie es lösen

Sie wollen ja nicht von der Teppichkante springen

von Astrid Csuraji
4 Minuten
Montage einer weißen Rakete auf dem Weg zum Mond

Ein Ziel darf verrückt sein

Als wir unser WDR Sensorprojekt Superkühe angefangen haben, war unser Ziel klar: Wir wollten mit einem Sensor live aus einer Milchkuh senden. Ein Jahr später waren wir so weit: Wir empfingen Temperatur-Daten aus dem Pansen der Milchkühe Connie, Emma und Uschi. Und wir konnten sie live zeigen. Wir hatten den Kühen eine Stimme gegeben. Live aus dem Kuhpansen senden, das mag ein fernes Ziel gewesen sein. Und wir sind ziemlich sicher, Sie haben andere Ziele. Aber dieses fast unerreichbare Ziel, der Kuhpansen, hat unsere Kreativität beflügelt. (Auch wenn wir es, unerfahren wie wir waren, nie so notiert haben. Ein gemeinsames Ziel hätte uns manche spätere Zieldiskussion erspart.)

Hier ist der Schlüssel zur Zeitmaschine

“Am Ende zu beginnen ist, wie die Schlüssel zu einer Zeitmaschine ausgehändigt zu bekommen.” So schreiben es Jake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz in ihrem Buch “Design Sprint”. Sie haben recht: Ein guter Kreativprozess beginnt am Ende. Das heißt vor allem: Weit weg vom Problem, das Ihnen gerade Kopfzerbrechen bereitet. Widerstehen Sie unbedingt dem Impuls, das Klein-Klein zu beseitigen. Auch wenn das Team bereit steht und nichts lieber täte, als das Produkt zu polieren. Wagen Sie den Schritt nach vorn. Als Erstes fragen Sie: Was soll im Idealfall das Ergebnis sein? Denken Sie optimistisch: Sie wollen auf dem Mond landen, den Nobelpreis gewinnen oder den Journalismus neu erfinden. Schreiben Sie Ihr Ziel oben auf das Whiteboard. Bei uns würde da stehen: “Live aus dem Kuhpansen senden!”

Nur mit dem Ziel vor Augen können die wild hervorgeschossenen Ideen eingehegt werden. Und man sitzt am Ende nicht unter einer explodierten Brainstormwucherbaumkrone, derer man genauso wenig Herr wird wie einem verwilderten Kirschlorbeer im Garten. Die Sprint-Erfinder sind sich sicher: Kein Problem ist zu groß für einen Sprint. Eine Woche genügt, um Lösungen für jedes Problem zu finden. Wenn das Team divers besetzt ist, fokussiert und zügig arbeitet. Und wenn das Ziel klar ist. Für die Expedition Zukunft muss Ihr Team nicht mal am Rechner sitzen. Meist reichen auch Papier, Stift und Washi-Tape. Mit diesem Rapid Prototyping kommen Sie Ihrem Ziel schnell einen großen Schritt näher. Es gilt: Keine Angst vor Übermut!

Wer zum Mond will, muss Mut haben

Vielmehr gilt es, das eigene Ziel ernst zu nehmen, so verrückt es auch sein mag. Wir denken dabei immer an ein Schwarzweißfoto. Es zeigt die Mathematikerin Katherine Johnson an ihrem Schreibtisch. Mit einem Rechenschieber und dem „Celestial Training Device“ hat sie die Eroberung des Weltalls berechnet. Als „Human Computers“ trugen Frauen wie Johnson maßgeblich zum Erfolg der Mondlandung bei. Ihre Miene entschlossen, der Bleistift fest umklammert. Alles an ihrer Haltung zeigt, dass sie weiß, wo sie hinwill. „Sie sagen mir, wann und wo sie landen soll, und ich gehe von dort aus rückwärts und berechne, wann sie starten soll.“ So soll Johnson gesagt haben, bevor sie begann, die Expedition ins Weltall des “Project Mercury” zu berechnen.

Die Mathematikerin Katherine Johnson sitzt an ihrem Schreibtisch und schreibt mit ihrem Rechenschieber und dem „Celestial Training Device“.
Die Mathematikerin Katherine Johnson an ihrem Schreibtisch mit ihrem Rechenschieber und dem „Celestial Training Device“.

Ein Zauberbutton klingt nach einer einfachen Lösung

Ein Zauberbutton Ziele können groß und fern sein wie der Mond. Oder klein und unscheinbar wie ein Button. Nehmen Sie unseren Zauberbutton. Wir wollten im Herbst 2018 eine Software entwickeln, die Text in Audio verwandeln kann. Unser Entwicklungsbudget reichte für eine Woche mit den Entwickler:innen. Auf der Suche nach der besten Lösung haben wir vor dem Sprint verschiedene Journalist:innen befragt: Wie muss unsere Idee eurer Meinung nach funktionieren? Die Gespräche mit Print- und Hörfunkredakteur:innen, Festangestellten und Freien, Podcaster:innen und Digitalstrateg:innen haben wir per Video-Call geführt, aufgezeichnet und später mit unserem Team geteilt. Diese Recherche im Vorfeld hat uns geholfen, Gedanken zu sortieren und ein Ziel für den Sprint festzulegen: Die Befragten wünschten sich eine Zaubermaschine, die ihre Artikel in von Menschen eingesprochene Audiodateien übersetzen kann. Sprecher:innen sollten engagiert werden können, ein Preis berechnet. Vor allem wollten sie dafür möglichst wenig Knöpfe drücken, möglichst wenig Schieber betätigen, um zum Ziel zu gelangen, dem Zauberbutton “Make Audio!”. Der Wunsch nach diesem Button ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Ein großes Ziel! Wir machten uns an die Arbeit. Aus dem Ziel wurde Spacemuffin, einer unserer schönsten Prototypen auf dem Friedhof der Prototypen. Spacemuffin hatte einen wunderschönen, magentafarbenen Button. Er funktionierte, die Magie zu ermöglichen, war einfach zu teuer. Trotzdem sagen wir manchmal, wenn wir vor dem Whiteboard stehen und nachdenken: “Es müsste so gut aussehen, wie der Zauberbutton im Spacemuffin.”

Und jetzt: Eine Prise Pessimismus

Wenn Sie ihr Ziel gefunden haben, atmen Sie kurz durch und reisen Sie in die Zukunft und werden kurz pessimistisch: Ihr Vorhaben ist gescheitert. Was waren die Gründe? Was ist schief gelaufen? Woher kam der Shitstorm? Schreiben Sie diese Ereignisse auf Post-its. Begrenzen Sie das Angsthaben auf fünf Minuten. So verwandeln Sie Unsicherheit in Neugier – wenn auch erst mal sprachlich. Rechts heften Sie das Ziel der Expedition an. In der Mitte platzieren Sie Post-its mit Hindernissen auf dem Weg. Jetzt können Sie die optimale Reise planen. Machen Sie jetzt auf gar keinen Fall ein Brainstorming! Mit dem Ziel vor Augen werden Sie die Hindernisse gekonnt umschiffen. Und auf gar keinen Fall von der Teppichkante springen.

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Jakob Vicari

Jakob Vicari

Jakob Vicari ist Wissenschaftsjournalist und Lead Creative Technologist bei tactile.news. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt im Journalismus der Dinge: Für den WDR produzierte er das Sensorjournalismus-Projekt Superkühe. Er hat die Nachrichtentasse Newsmug erfunden und den Storytrolley, einen vernetzten Einkaufswagen für Verbraucherjournalismus vor dem Kühlregal. Mit Unterstützung von Google Digital News Initiative hat er den Prototypen eines smarten Nachrichtenmöbels gebaut. Mit dem Start-up tactile.news macht er den Journalismus mit Technologie besser. Das WDR-Projekt #bienenlive wurde mit dem Deutschen Reporterpreis 2019 ausgezeichnet. (Foto: Heinrich Holtgreve, Styling Ines Könitz)


Nie wieder Brainstorming

Setzen Sie Ihre Kreativität frei

Wenn Sie eine Tür zu ihrem Kopf öffnen könnten, würden Tausende Gedanken herausströmen. Ein paar Schwere würden auf den Boden schlagen wie Wassertropfen. Einige würden träge herumschweben wie Staubkörner, bevor sie sich in irgendeiner Ritze ablagern. Mancher Faden würde schweben und sich irgendwo verfangen wie ein Spinnfaden. Die guten Gedanken aber würden ihre Flügel ausbreiten und fliegen wie Schmetterlinge. Sie würden einen Tanz aufführen, dem Sie sich nicht entziehen können. Sie sind kreativ!

Was Sie nicht wissen, ist, wie sie die Gedanken aus ihrem Kopf befreien, die lästigen, die langweiligen und die brillanten. Was Sie lernen müssen, ist sie freisetzen und den Mut zu haben, sie fliegen zu lassen. Denn viele Meetings entlocken uns nur die staubigen Gedanken, in ewigen Brainstormings quetschen Sie die Körnchen heraus, die vielleicht kurz aufblitzen, aber doch selten Goldstaub sind.

Folgen Sie uns in die Welt ihrer Kreativität! Jakob Vicari, Lead Creative Technologist im Innovationslabor tactile.news nimmt sie mit. Entdecken Sie, wie aus hässlichen Ideenskizzen neue Produkte heranreifen. Erlauben Sie ihren Ideen zu Dingen zu reifen. Finden Sie heraus, wie Sie mit ihren Ideen die Welt ein Stück anders gestalten können.

Denn die Kreativität ist die Kraft, die uns stolz macht. Die unsere Welt zum Besseren machen kann.

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