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Leben mit Corona

Wie geht es weiter mit den Beschränkungen? Der Ethikrat fordert eine bessere Impfstrategie und will die Sieben-Tage-Inzidenz durch andere Messzahlen ersetzen.

08.02.2021
6 Minuten
Abstraktes Foto des Corona-Virus unter dem Mikroskop. Der Artikel handelt über die Folgen und das Lernen aus der Epidemie

Der deutsche Ethikrat lehnt Lockerungen der Corona-Einschränkungen für Geimpfte ab. Die Begründung der Expertïnnen liefert viele Ansätze, wie Impfungen die Rückkehr zu einem normalen Leben mit dem Virus ermöglichen könnten. An die Stelle der Sieben-Tage-Inzidenz soll die Zahl der belegten Krankenhausbetten treten. Ein Kommentar.

Darf es in der Corona-Pandemie besondere Regeln für Geimpfte geben? Für diese kompliziert klingende Frage findet der Deutsche Ethikrat eine kurze Antwort: „Nein“. Der Kern der Begründung ist etwas länger. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verbietet sich die individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen nach Ansicht des Ethikrates schon deshalb, weil die Möglichkeit einer Weiterverbreitung des Virus durch Geimpfte nicht hinreichend sicher ausgeschlossen werden kann“, heißt es in der Adhoc-Empfehlung des Gremiums. Verlässliche Daten, ob die Impfung auch die Ansteckung anderer Personen verhindere, erwarten die Expertïnnen frühestens im März. Bis dahin muss man befürchten, dass auch Kontakte von geimpften Personen untereinander das Virus weiterverbreiten und später zur Infektion noch nicht geimpfter Personen führen können. Jede Sonderveranstaltung für Geimpfte könnte zum Super-Spreader-Event werden. Die Forderung nach Ausnahmen suggeriere die falsche Sicherheit, von den Geimpften würde keine Infektionsgefahr ausgehen, sagt die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx.

Bevölkerung schlecht informiert

Die Debatte über Sonderregeln kommt zu früh und sie lenkt ab. Dass sie so intensiv geführt wird, ist ein Beleg für die Kommunikationsschwäche der Politik. Auch zweieinhalb Monate nach Ankündigung der Impfkampagne haben viele Menschen nicht verstanden, was der Pieks in den Arm verhindern kann und was nicht. Die Verantwortlichen können die Ziele ihrer Impfstrategie nicht vermitteln. Verwunderlich, denn die Erklärung fällt leicht. Der Impfstoff soll schwere Krankheitssymptome verhindern, die im Krankenhaus behandelt werden müssen und lebensbedrohlich werden können. Für dieses Ziel liegen für die bisher zugelassenen Impfstoffe eindeutige Daten vor. Die Impfung bewirkt die sogenannte klinische Immunität, also das Ausbleiben oder Abschwächen von Krankheitssymptomen bei den Geimpften selbst. Das ist eine gute Nachricht, weil dadurch die Krankenhäuser entlastet werden.

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Zum anderen soll die Impfung die Infektionskette unterbrechen. Für dieses zweite Ziel fehlen derzeit noch verlässliche Daten. Der Impfstoff aktiviert zwar die Bildung von Antikörpern im Blut, aber es ist nicht sicher, ob er auch eine Virusvermehrung in den Zellen des oberen Atmungstraktes verhindert. Doch das ist eine zentrale Frage. Wenn sich Sars-Cov-2 weiterhin im oberen Nasenraum verbreiten kann, kann der Virenträger andere anstecken, ohne selbst zu erkranken.

Sieben-Tage-Inzidenz nicht mehr zeitgemäß

Dennoch zeigt die Stellungnahme des Ethikrats einen Ausweg aus den Beschränkungen des Lockdowns. Keinen Sonderweg für Einzelne, sondern eine Chance für alle. „Das Impfprogramm müsste relativ rasch dazu führen, dass die Zahlen schwerer Erkrankungs- und Sterbefälle sinken“, schreibt der Ethikrat. Das Gremium empfiehlt eine neue Messzahl für die Gefährdung der Bevölkerung. Der Ethikrat will primär die Hospitalisierungszahlen bzw. die Zahlen schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle als Maß heranzuziehen. Dieser Wert könnte an die Stelle der Sieben-Tage-Inzidenz treten.

Denn die Zahl der Ansteckungen könne kein Maß oder Anlass für Beschränkungen sein, argumentiert der Ethikrat. Nur „hohe Sterblichkeit, langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen signifikanter Bevölkerungsteile oder der drohende Kollaps des Gesundheitssystems“ könnten „die tiefgreifenden Freiheitsbeschränkungen und deren soziale, wirtschaftliche und kulturelle Begleitschäden rechtfertigen“, heißt es in der Empfehlung. Die Impfungen sollen vor allem die Menschen schützen, die ein hohes Sterberisiko bei einer Covid-19-Erkrankung haben. Wenn diese Risikogruppe einen milderen Krankheitsverlauf erlebt, werden gleichzeitig die Intensivstationen entlastet. In dem Maß, in dem dieses vorrangige Ziel der Impfstrategie erreicht werde, entfalle sukzessive die entscheidende ethische wie rechtliche Legitimationsbasis der staatlichen Freiheitsbeschränkungen, so der Ethikrat.

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Impfstoff erst für Menschen mit Vorerkrankungen

Folgt man dieser Argumentation ist klar, welche Gruppen in der Bevölkerung den Impfstoff von AstraZeneca erhalten sollten. Das Vakzin wird für Menschen über 65 Jahren nicht empfohlen. Der Impfgipfel Anfang Februar hätte einen Vorschlag liefern können, tat es aber nicht. Deshalb erlebt Deutschland ein Rätselraten zur Impfstrategie. In diesen Tagen werden viele Vorschläge laut, wer denn nun stattdessen mit dem AstraZeneca-Impfstoff versorgt werden soll: Polizei und Feuerwehr, Erzieherïnnen und Lehrerïnnen, vielleicht auch die Menschen an der Supermarktkasse. Jeder denkt an sich. Im Superwahljahr 2021 findet die Forderung, die Impfchance einem Beruf zuzuordnen, bei vielen Politikern Gehör.

Für eine Verringerung der Sterblichkeit taugt sie nur wenig. Mitarbeitende in Krankenhäusern und Altenheimen hatten schon bisher eine hohe Priorität. Danach sollten die Risikopatientinnen jünger als 65 Jahre in der Impffolge berücksichtigt werden. Das RKI stuft nach Auswertung zahlreicher Studien diese Vorerkrankungen als besonders kritisch ein: Trisomie 21, Organtransplantationen, Demenz, schwere Adipositas (BMI >30), chronische Nieren- und Lebererkrankungen, schwere Depressionen, Schizophrenien und bipolare Störungen. Wer die Sterblichkeit durch Covid-19 senken und Krankenhäuser entlasten will, muss diese Personengruppe als nächstes impfen, damit Lockerungen für alle wahrscheinlicher werden. Wenn sich die britische Variante in Deutschland ausbreitet, werden diese Impfungen umso wichtiger. Wer diese Gruppe nicht möglichst schnell impft, riskiert ihren Tod.

Sonderrechte benachteiligen Familien

Höchste Zeit also, die von Neid getriebenen Diskussionen über besondere Regeln für Geimpfte zumindest für ein paar Monate auszusetzen. Diese Debatte ist kein Schlüsselkonflikt der Pandemiebekämpfung. Wer mit einem Eintrag in den Impfpass den Zugang zu Restaurants und Urlaubsfliegern regeln will, muss sich viele Fragen stellen lassen. Derzeit haben nicht alle Menschen die Chance, sich impfen zu lassen, selbst wenn sie es wollten. Sind Regelungen sinnvoll, obwohl der Impfschutz nicht bei 100 Prozent liegt, es also auch ungeschützte Geimpfte gibt? Wollen wir einen Impftourismus für reiche Menschen, die dorthin fliegen, wo die begehrte Dosis für viel Geld angeboten wird? Familien werden benachteiligt, weil es für Kinder unter 16 Jahren keine Impfmöglichkeit gibt. Außerdem laden Sonderregelungen generell zu Missbrauch ein. Der Impfpass ist kein fälschungssicheres Dokument. Nach Medienberichten haben sich einzelne Klinikdirektoren bereits impfen lassen, obwohl ihr Personal Vorrang hatte. In Halle erhielten der Oberbürgermeister und zehn Stadträte eine Impfung, der Landrat von Wittenberg ließ sich sogar schon vor dem offiziellen Start der Impfkampagne mit einer Dosis versorgen.

Deshalb ist die generelle Aufhebung der Beschränkungen durch die Verringerung der Krankenhauseinweisungen der bessere Weg.

Andere Länder werden Impfnachweis fordern

Aber der Ethikrat ist nicht naiv, er rechnet mit Sonderregeln. „Es ist durchaus vorstellbar, dass bei einem Fortschreiten des Impfprogramms in Zukunft Staaten die Einreise von einem Impfnachweis abhängig machen“, heißt es in der Stellungnahme. Die dänische Regierung treibt bereits gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden einen digitalen Ausweis als Impfnachweis voran. Er soll Reisemöglichkeiten vergrößern und macht Hoffnungen auf die Wiederöffnung von Messen, Events, Konferenzen und Konzerten. Fußball-Bundesligist Mainz möchte geimpfte Fans wieder ins Stadion lassen. Der Ticketverkäufer CTS Eventim hat technische Voraussetzung geschaffen, um die Teilnahme an Konzerten und Veranstaltungen an eine Corona-Impfung binden zu können. „Private Anbieter haben im Grundsatz die Möglichkeit, den Zugang zu ihren Angeboten frei zu regeln“, stellt der Ethikrat klar.

Ob sie das wirklich tun werden, bleibt offen. „Je schneller die Bevölkerung geimpft ist, desto schneller können auch Veranstaltungen wieder stattfinden. Für uns steht aber im Vordergrund, einen Beitrag zu leisten, damit wir alle diese Pandemie baldmöglichst überwinden“, sagt Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzender von Eventim. Der Vorbehalt bleibt ohnehin bei der Politik. Solange Konzerte verboten bleiben, können Konzertanbieter keine Sonderregeln umsetzen.

Der Ethikrat macht auf einen anderen Punkt aufmerksam, den die Politik regeln könnte, wenn sie es denn will. Die Diskriminierungstatbestände des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes erfassen den Impfstatus nicht. Derzeit ist es also nicht möglich, den Verkauf eines Tickets als Nicht-Geimpfter mit dem Verweis auf Diskriminierung einzuklagen.

Mehr Freiheiten für Altenheime möglich

Interessant ist auch, dass der Ethikrat trotz seiner Argumentation einzelne Sonderregelungen für Geimpfte sogar ausdrücklich einfordert. Nämlich bei Pflege-, Senioren-, Behinderten- und Hospizeinrichtungen (die übrigens in dieser Debatte kaum vorkommen). Eine pauschale Aufrechterhaltung der dort geltenden und besonders belastenden umfänglichen Kontaktrestriktionen mit all ihren Konsequenzen (Depressionen, Verstärkung demenzieller Veränderungen, Verlust von Lebenswillen etc.) sei nach einer Impfung nicht mehr angemessen, heißt es in der Stellungnahme. „Hier könnte man mit Augenmaß die starken Einschränkungen für Geimpfte aufheben“, sagt Alena Buyx. Diese Lockerung sei möglich, selbst wenn dort auch Nicht-geimpfte Personen wohnen. Wenn die Politik den Ethikrat bei dieser Forderung unterstützt, zeigt sie, dass es eine Idee für die schrittweise Rückkehr in den Alltag gibt.

Man darf gespannt sein, welche Wirkung die Vorschläge zeigen. „Ich maße mir nicht an, wer sich für was aussprechen sollte“, sagt Buyx auf die Frage nach einer Einordnung der öffentlichen Diskussion und ergänzt: „Wir als Ethikrat wollten vor allem Ordnung in die Debatte bringen.“

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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