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Das Merkel-Lexikon: Von Gastgeschenke über Gentechnik und Grüne bis G20

28.04.2019
etwa 1 Stunde
Die Hände von Kanzlerin Merkel, zur Raute geformt.

Gabriel, Sigmar

Mit SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte Merkel schon in ihrer ersten Amtszeit als Kanzlerin zusammengearbeitet, damals war er Umweltminister. In Erinnerung blieb vor allem das gemeinsame Foto in roten Anoraks vor einem Gletscher in Grönland 2007. Beide hielten den Kontakt auch in der Zeit der schwarz-gelben Regierung – unterbrochen nur durch die SMS-„Affäre“ im Juni 2010, als eine Merkel-SMS an den SPD-Vorsitzenden öffentlich wurde (s. Verschwiegenheit). Merkel war aber rational genug, um nach kurzer Verstimmung wieder eine Arbeitsbeziehung zur größten Oppositionspartei zu suchen. Gabriel lud die CDU-Vorsitzende zum 150. Geburtstag der SPD im Mai 2013 nach Leipzig ein, sie sagte sofort zu.

Angesichts der Streitereien vieler Unionisten mit dem Koalitionspartner FDP galt das betont lockere Getuschel der beiden in Leipzig schon als Wink Richtung zweiter großer Koalition. Seither pflegen beide eine Zusammenarbeit, in der sie sich gelegentlich, aber dann nur vorsichtig beharken – und ansonsten einigermaßen reibungslos zusammenarbeiten und sich übereinander wundern. Beide betonen, die große Koalition sei keine Liebesheirat, sondern ein Zweckbündnis. Aber Gabriel hat Respekt – und bezeichnete sich selbst an ihrem 60. Geburtstag schon mal scherzhaft als „Vorsitzender des sozialdemokratischen Fanklubs“.[1]

Merkel kritisierte ihren Vizekanzler selten öffentlich – aber es kommt vor. So verwahrte sie sich vor der Unionsfraktion gegen eine Gabriel-Aussage, sie habe ihm eine Kohleabgabe zugesagt. Gabriel wiederum plauderte erneut aus vertraulichen Gesprächen, als er im Mai 2015 betonte, die Kanzlerin habe ihm gegenüber zweimal verneint, dass der BND gegen deutsche Unternehmen im Auftrag des US-Geheimdienstes NSA Wirtschaftsspionage betrieben habe. Als Gabriel vor den Landtagswahlen im März 2016 vor einer Neiddebatte warnte, in der sich Deutsche gegenüber Flüchtlingen zurückgesetzt fühlten, griff sie aber heftiger ein. Diese Äußerung Gabriels sah Merkel als brandgefährlich an, weil sie aus ihrer Sicht letztlich den AfD-Vorwurf einer angeblichen Benachteiligung Deutscher unterstützte (s. SPD). Im Spätsommer 2016 gerieten beide häufiger aneinander – in ihren unterschiedlichen Tonlagen. Gabriel kritisierte immer wieder Merkels „Wir schaffen das“ und erklärte das TTIP-Abkommen für gescheitert. Die Kanzlerin nannte sein Verhalten „ungewöhnlich“.[2]

Gabriel ärgerte sich in seiner Zeit an der SPD-Spitze gelegentlich darüber, dass Merkel erst Absprachen mit dem CSU-Chef traf, obwohl er sich als den erkennbar verlässlicheren Koalitionspartner ansah. Wie in jeder guten Dreierbeziehung zeigte sich aber auch Seehofer verschnupft, dass Merkel manchmal zuerst Gabriel konsultierte – der im Übrigen wie sie dem Bundeskabinett angehörte und in Berlin präsent war. Merkel wiederum schüttelt den Kopf, wenn CSU und SPD wie in der Rentendebatte gemeinsame Sache machten. Mehrfach hat sie über die Jahre intern gesagt, dass sie Gabriels Fähigkeiten als Redner und Parteichef in einer nicht einfachen Lage sehr respektiere. Allzu schlecht redet man auch in Gabriels Familie offenbar nicht über das Verhältnis. „Guck mal, Mama, da ist die Frau vom Papa“, soll seine Tochter gesagt haben, als sie Merkel im Fernsehen erblickte.[3]

Durch Gabriels Rückzug von der SPD-Spitze Anfang 2017 veränderte sich das Verhältnis der beiden. Weil sein Nachfolger, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nicht dem Kabinett angehört, sprach sich Merkel immer noch häufig mit Gabriel ab, der nach seinem Wechsel ins Außenministerium den informellen Titel als Vizekanzler behalten hatte. Sogar beim Dialog der Bundesregierung mit den Sozialpartnern in Meseberg am 25. Mai 2016 stand der Außenminister bei der Pressekonferenz als SPD-Vertreter neben Merkel. Nach der Bundestagswahl 2017 und dem Ausscheiden Gabriels aus der Regierung wurden die Kontakte aber seltener.

  • [1] Gabriel auf der offiziellen Feier zum 60. Geburtstag der Kanzlerin im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, 17. Juli 2014.
  • [2] Merkel im Interview mit NDR Inforadio 1. September 2016.
  • [3] Gabriel-Aussage, zitiert in: Tanja May, Daheim ist es viel lustiger als in Berlin, Bunter 27/2016, 30, Juni 2016.
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Angela Dorothea Kasner.

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Andreas Rinke

Andreas Rinke

Andreas Rinke ist seit 2011 Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Der promovierte Historiker hat zuvor als Redakteur bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und als Politikkorrespondent in Berlin beim Handelsblatt gearbeitet. Mit Christian Schwägerl hat er das Buch „11 drohende Kriege“ (2012, aktualisiert 2015) verfasst. Sein Buch „Das Merkel-Lexikon“ ist im Herbst 2016 beim Verlag zu Klampen erschienen. Bei RiffReporter entwickelt er das „Merkel-Lexikon“ zu einem ständig aktualisierten und erweiterten Projekt fort.


Merkel als Lexikon

Mein Name ist Andreas Rinke, ich bin Berliner Chefkorrespondent einer großen Nachrichtenagentur und berichte seit vielen Jahren über Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Union.

Mein RiffReporter-Projekt „Das Merkel-Lexikon" bietet Ihnen eine einmalige, stets aktuelle Sammlung von Fakten, Wissen und Hintergründen über Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Lexikon ist aus „Süddeutscher Zeitung" und „Tagesthemen" bekannt.

Bereits seit 2005 regiert Merkel Deutschland. Die mächtigste Frau Europas hat dabei auch die EU maßgeblich geprägt. Doch nicht immer ist es einfach, die Kanzlerin zu verstehen. Als Journalist beobachte ich Angela Merkel seit ihrem Amtsantritt. Mein Beruf als „Kanzler-Korrespondent“ bringt es mit sich, dass ich Merkel in manchen Wochen täglich erlebe, bei Presseterminen, Reisen und Gesprächen. Ich berichte aus der Nähe, aber mit kritischer Distanz und ohne eigene „Agenda". Dabei versuche ich, die langen Linien in Merkels Politik ebenso herauszuarbeiten wie kurzfristige Neuigkeiten. Meine Arbeit eröffnet mir eine Vielzahl von Eindrücken – und den Blick auf das große Ganze.

Das „Merkel-Lexikon“ ist zuerst 2016 im Verlag zu Klampen als Buch erschienen. Bei RiffReporter steht Ihnen exklusiv ein aktuelles Online-Lexikon zur Verfügung. Meine „Merkelpedia" hat mehr als 350 Stichworten – und ständig kommen neue hinzu. Meine laufenden Recherchen und aktuelle Ereignisse arbeite ich fortlaufend ein. Mit einer Einmalzahlung von 12 Euro oder einem RiffReporter-Abo bekommen Sie dauerhaften Zugang zum gesamten Lexikon.

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