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Ein Jahrzehnt verlieren

Forscher zählen die Lebensjahre, die die Corona-Pandemie kostet. Sie zeigen, dass das Virus mehr Lebenszeit rauben kann als die häufigste Todesursache.

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10.03.2021
6 Minuten
Junge Frau hält sich das Bild einer Alten vor ihr Gesicht

Ein Fragezeichen schwebt über der aktuellen Corona-Pandemie. Wie schlimm ist es eigentlich, dieses Virus, dessen Eindämmung ja auch Leid, Stress und wirtschaftliche Schäden verursacht?

Was die meisten Menschen wohl als kostbarstes Gut ansehen, ist Lebenszeit – insbesondere jene, die man gesund verbringt. Nicht vorzeitig zu sterben: Das hat hohen Wert. Möglichst lange ohne gesundheitliche Einschränkungen zu leben, sicher auch.

Das neue Coronavirus verursacht eine Krankheit, Covid-19, die zehntausende Menschen vorzeitig in den Tod schickt, oder zumindest für Wochen ans Krankenbett fesselt. Die Summe der so verlorenen Lebenszeit bietet ein Maß für die Schwere der Pandemie. Auch die Last, die einem Land durch andere Krankheiten entsteht, Lungenkrebs oder Schlaganfall etwa, beziffern Epidemiologen mit verlorenen Lebensjahren. Das Maß drückt aus, was durch Prävention für die Gesellschaft an Lebenszeit zu gewinnen wäre. So ist es möglich, bei der Bekämpfung von Krankheiten Prioritäten zu setzen. Beispielsweise gehen durch die ischämische Herzkrankheit in Deutschland täglich fast 5000 Lebensjahre verloren. Die Erkrankung ist die häufigste Todesursache. Es lohnt sich also, präventiv gegen sie vorzugehen, etwa durch mehr Früherkennung oder mehr Sport.

Gegenüber dem bloßen Zählen von Covid-19-Toten liefert die verlorene Lebenszeit einen weiteren Mehrwert: Sie berücksichtigt das Alter der Toten. Menschen im Alter um die 80 Jahre haben eine weit geringere verbleibende Lebenserwartung als jene um die 40. Die jüngeren Toten erhöhen den Lebenszeitverlust stärker als die älteren.

Man kann an diesem Maß zweifeln: Vielleicht tötet das Coronavirus ja gerade Menschen, deren verbleibende Lebenszeit deutlich unterdurchschnittlich gewesen wäre. Schließlich haben laut Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 90 Prozent von ihnen mindestens eine Vorerkrankung. Doch Statistiken über Vorerkrankungen bei Covid-19-Toten bestätigen dies nicht.

Menschen unter 70 verloren ein viertel Jahrhundert

Dazu später mehr. Zunächst einmal die Ergebnisse. Forscher um Alexander Rommel vom Robert-Koch-Institut haben die im Jahr 2020 durch Covid-19 verlorenen Lebensjahre berechnet. Demnach verlor in Deutschland ein Covid-19-Toter im Schnitt 9,6 Lebensjahre. Männern kostete der Tod durch das Virus etwas mehr Lebenszeit als Frauen: 11 Jahre nämlich gegenüber 8,1 Jahren. Ein recht großer Teil der verlorenen Lebensjahre entfiel auf relativ junge Opfer des Virus, da ein früherer Tod freilich mehr Lebensjahre kostet. Im Schnitt verloren Menschen unter 70 Jahren 25 Jahre Lebenszeit.

Die Schwere des bisherigen Pandemieverlaufs in Deutschland lässt sich mit der Summe der verlorenen Lebensjahre schätzen. Deutschland dämmte die Epidemie im letzten Jahr recht erfolgreich ein: Zum Jahreswechsel waren rund 1,7 Millionen Coronatests positiv ausgefallen. Auch mit der Dunkelziffer unerkannter Infektionen dürften sich weniger als ein Zehntel aller Deutschen angesteckt haben. Obwohl die Pandemie noch lange nicht so weit in die deutsche Bevölkerung vorgedrungen ist, wie sie könnte, ergibt sich eine recht hohe Summe von knapp 304.000 verlorenen Lebensjahren. Knapp ein Drittel der verlorenen Lebenszeit entfiel auf Menschen unter 70.

Pro Tag gingen Deutschland im letzten Jahr im Schnitt 833 Lebensjahre durch Covid-19 verloren. Zum Vergleich: Bei der ischämischen Herzkrankheit waren es knapp 5000 pro Tag, knapp 3000 bei Lungenkrebs und knapp 2000 bei Schlaganfall.

Die Forscher haben auch den zeitlichen Verlauf der verlorenen Lebensjahre berechnet. Während der zweiten Welle im Dezember verlor Deutschland täglich mehr als 5000 Jahre durch Covid-19. Für einige Wochen wog die Pandemie somit schwerer als die häufigste Todesursache. Das zeigt, wie tödlich das Coronavirus sein kann, sobald man die Kontrolle über seine Ausbreitung verliert. Dies dürfte auch dann noch gelten, wenn die meisten der Ältesten geimpft sind: Jüngere Covid-19-Opfern büßen ja mehr Jahre ein als ältere.

Lebenszeit geht indessen auch verloren, wenn man Covid-19 überlebt – durch die Krankheit selbst. Die Dauer schwerer Covid-Verläufe bezogen die Forscher um Rommel in ihre Rechnung mit ein. Dafür nutzten sie Daten zum Schweregrad der gemeldeten Fälle, sowie die schweregradtypische Krankheitsdauer. Bei schwerem Verlauf sind das 21 Tage. Die so verloren gegangenen Lebensjahre summierten sich auf 1005.

Mancherorts verloren Jüngere die meisten Jahre

Im internationalen Vergleich hat Deutschland wenig Lebensjahre an Covid-19 verloren. Forscher um Héctor Pifarré i Arolas von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona haben Daten zu 1,3 Millionen gemeldeten Covid-19-Todesfällen aus 81 Ländern untersucht. In Summe kostete die Pandemie in diesen Ländern 20,5 Millionen Lebensjahre, rechneten die Forscher aus. Im Schnitt starben die Betroffenen um 16 Jahre zu früh.

Der Unterschied erklärt sich leicht: International starben verhältnismäßig mehr jüngere Menschen an Covid-19 als in Deutschland. Daher kostet jeder einzelne Todesfall mehr Jahre. So gingen drei Viertel der Jahre an unter 75-Jährige verloren. Auf Menschen unter 55 entfiel ein Drittel der verlorenen Lebenszeit. In manchen, vor allem ärmeren Ländern Afrikas war das sogar mehr als die Hälfte der verlorenen Jahre. Dies zeigt, dass Covid-19 keineswegs nur eine Krankheit der Älteren ist. Dieser Eindruck entstand in Deutschland, weil Alten- und Pflegeheime sehr stark betroffen waren. Ob Alte oder Junge mehr Lebensjahre verlieren, hängt stark vom jeweiligen Ausbreitungsmuster des Virus in einer Gesellschaft ab. Diese kann sich freilich verändern.

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Die Studie von Pifarré i Arolas zeigt zudem, dass die Coronapandemie einzelne Länder viel schwerer getroffen hat als die saisonale Grippe. In Italien und Spanien gingen durch Covid-19 jeweils etwa sieben Mal so viele Lebensjahre verloren wie durch die jeweils schwerste Influenza-Saison. Für Deutschland berechneten die Forscher einen etwa doppelt so hohen Verlust an Jahren wie durch die schwerste Grippesaison. In Mexiko und Peru forderte Covid-19 sogar mehr Lebensjahre als Herzerkrankungen.

Reise ins Paralleluniversum ohne Covid-19

Was sagen diese Zahlen über die Schwere der Pandemie? Zunächst widersprechen sie einer Wahrnehmung, dass Covid-19 vor allem extrem alten Menschen das Leben kostet. Menschen, die die Pandemie kleinreden möchten, spitzen das noch zu: Das Virus töte vor allem Menschen, die wegen ihrer diversen Vorerkrankungen und ihres hohen Alters sowieso bald gestorben wären.

Wie lange ein Covid-19-Opfer noch gelebt hätte, ließe sich freilich nur durch einen Sprung in ein Paralleluniversum prüfen, in dem die Pandemie nicht stattgefunden hätte. Das kann man genauso wenig wissen, wie den hypothetischen Verlauf der Geschichte ohne den Fall der Berliner Mauer.

Weil der kontrafaktische Ablauf unbekannt ist, behelfen sich Forscher mit einem statistischen Wert. Für einen Covid-Toten des Alters X gehen sie davon aus, dass er oder sie ohne Covid-19 die für das Alter übliche restliche Lebenserwartung gehabt hätte. Aus der Statistik der Todesfälle der deutschen Bevölkerung lässt sich die Lebenserwartung im Alter X berechnen. Ein durchschnittlicher 30-Jähriger lebt noch 49,2 Jahre, ein 60-Jähriger 21,7 und ein 80-Jähriger noch 8 Jahre. Die verlorenen Lebensjahre entsprechen dieser Restlebenserwartung.

Dass Coronatote wegen ihrer Vorerkrankungen deutlich kürzer gelebt hätten, glaubt Alexander Rommel vom RKI indessen nicht. „Vorerkrankungen, welche die Lebenszeit verkürzen sind nichts Coronaspezifisches“, sagt der Epidemiologe. Die restliche Lebenserwartung beziehe sich nicht auf weitgehend Gesunde, sondern sei die im Mittel verbleibende Lebenserwartung im Alter X, einschließlich des mittleren Krankheitsniveaus für dieses Alter.

Coronatote weichen davon nicht besonders ab. Zu den Risikofaktoren für einen tödlichen Covid-19-Verlauf gehören verbreitete Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. Im Schnitt hatten deutsche Coronatote 1,6 Vorerkrankungen, was ziemlich normal erscheint: Ab etwa 50 Jahren haben rund die Hälfte aller Deutschen mindestens eine Vorerkrankung, wie auch die meisten 70-Jährigen (siehe diese Studie der Stiko zur Impfpriorisierung, S.43). Als wichtigsten Risikofaktor für den Tod durch Covid-19 haben Forscher das Alter selbst ausgemacht (siehe hier und hier). Dies spiegelt sich auch in der Priorisierung der deutschen Corona-Impfkampagne wieder.

Vorbeugen für die nächste Pandemie

Daher sei der Vergleich mit anderen lebensverkürzenden Krankheiten, wie eben Herzkrankheiten, sinnvoll, meint Rommel. „Auch Personen, die an diesen Krankheiten sterben, haben häufig viele Vorerkrankungen“, sagt der Forscher. Weil der Hintergrund ähnlich ist, wirkt er sich auf den Vergleich nicht aus. Kaum jemand würde abstreiten, dass Schlaganfälle oder Herzinfarkte zum vorzeitigen Tod führen. Die Lebensjahre, die diese Krankheiten kosten, werden jedoch genauso berechnet wie die durch Covid-19 verlorenen.

Die verlorenen Lebensjahre betrachtet der Wissenschaftler als ein „Präventionspotenzial“: Die Zahl der Jahre, die sich durch Verhinderung der Krankheit gewinnen ließe. Das lässt sich auch in einem breiteren Kontext betrachten: Würde mehr Vorbeugung langfristig Zivilisationskrankheiten vermeiden, könnte ein Virus mit der Gefährlichkeit von Sars-CoV-2 viel weniger Schaden anrichten. Die Bevölkerung wäre allgemein widerstandsfähiger, potenziell auch gegen ein neu auftretendes Virus wie Sars-CoV-2.

Wie viel Lebenszeit geht auf Rechnung der Vorerkrankungen?

Dennoch gibt es Forscher, die das mit dem Einfluss der Vorerkrankungen genauer wissen wollen. Peter Hanlon von der Universität im schottischen Glasgow ist einer von ihnen. Sein Team hat abgeschätzt, wie sich speziell die bei Covid-19-Toten häufigen Vorerkrankungen auf verlorene Jahre auswirken. Zunächst verwendete sein Team die übliche Methode und kam auf durchschnittlich 14 Jahre verlorener Lebenszeit. Das war ihr Vergleichsmaßstab ohne Rücksicht auf spezielle Vorerkrankungen. Mit Daten von Covid-19-Opfern schätzten die Forscher ab, welche Kombinationen von Vorerkrankungen typischerweise vorkommen. Aus Daten von Patienten ohne Covid-19 leiteten sie dann die Lebenserwartung von Menschen her, die diese Kombinationen von Vorerkrankungen hatten. Somit hing die restliche Lebenszeit nicht mehr nur von Alter und Geschlecht ab, sondern auch von den jeweiligen Vorerkrankungen. Im Schnitt verlor demnach jeder Coronatote 12 Jahre, also zwei Jahre weniger, als mit der herkömmlichen Methode berechnet. Wie von Alexander Rommel angenommen, spielen also Vorerkrankungen bei Covid-19 kaum eine größere Rolle als bei anderen lebensverkürzenden Krankheiten.

„Die durch Covid-19 verursachte Krankheitslast über die verlorenen Jahre zu bewerten halte ich für völlig angemessen“, pflichtet Alyson van Raalte vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock bei. „Es stimmt“, sagt sie, „dass die herkömmliche Methode die verlorene Lebenszeit leicht überschätzt. Aber es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der typische Covid-19-Tote noch ein Jahrzehnt zu leben gehabt hätte. Das hat sich in vielen Ländern gezeigt.“

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Dr. Christian J. Meier

Dr. Christian J. Meier

schreibt seit 2005 Artikel und Sachbücher über Wissenschaft, Technik und Digitalisierung für verschiedene Verlage. Er hat eine Neigung für umstrittene Themen wie Nanotechnologie oder KI, die die Zukunft grundlegend verändern können. Über die Zukunft schreibt er zudem in fiktionalen Texten. Einige seiner Kurzgeschichten wurden publiziert. Aktuell ist sein erster Thriller „K.I. – Wer das Schicksal programmiert“ erschienen.


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