Wie geht es im Herbst mit Corona weiter? Womit Experten rechnen und was sie raten

Am Ende der Sommerferienzeit fragen sich viele Menschen, worauf sie sich im Herbst einstellen sollen. Wird Corona erneut den Alltag verändern? Und was bedeuten die neuen Varianten? Oder wird es in der kalten Jahreszeit wieder so wie vor der Pandemie? Was Experten erwarten

vom Recherche-Kollektiv Corona:
9 Minuten
Weiße FFP2-Maske liegt in buntem Laub

Über Covid-19 wird wieder mehr gesprochen, in den Medien und auch im Freundeskreis. Die Berichte von Menschen, die eine Corona-Infektion aus dem Urlaub mitgebracht haben, häufen sich. Der Eindruck, dass die Coronazahlen im Moment steigen, täuscht nicht. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet in seinem aktuellen Wochenbericht „für COVID-19 seit der 27. Kalenderwoche einen steigenden Trend, auch die Daten aus der Abwassersurveillance zeigen mehrheitlich steigende Nachweiswerte.“

Was heißt das für den Herbst? Kommen Corona-Maßnahmen zurück? Wird es eine allgemeine Maskenpflicht geben? Was ist mit den Impfungen? Und wie steht es um neue Varianten?

Wie ist die aktuelle Lage?

Es gibt viele Fragen, über die sich auch Expert:innen Gedanken machen. Wie ist also zum Beispiel die aktuelle Situation auf den Intensivstationen?

„Im Moment haben wir eine stabile Situation in Hamburg und in Deutschland. Es sind vereinzelte Patienten mit Corona im Krankenhaus, weil sie wegen anderer medizinischer Probleme aufgenommen werden.“

Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE, Stefan Kluge, sagt, insgesamt seien in ganz Deutschland circa ein Prozent der Intensivfälle Corona-Patienten, derzeit 182 Menschen. Das seien vor allem Ältere oder Menschen mit Störungen des Immunsystems. Am 5. September 2022 waren übrigens 766 Corona-Patient:innen auf Intensivstationen in Behandlung und ein Jahr zuvor 1323. Im Januar 2021 betrug die Zahl der Intensivpatient:innen 5744, ein Höchststand. Die Statistik zeigt allerdings auch ein Muster. In den vergangenen Jahren verdoppelte sich die Zahl der Intensivpatient:innen jeweils von September bis Oktober. Wird das auch in diesem Jahr so sein?

Dem Intensivmediziner Kluge fällt auf: Gerade stecken sich wieder mehr Menschen an, die im Krankenhaus arbeiten. Und auch bei Patient:innen, die wegen anderer Krankheiten in der Klinik behandelt werden müssen, findet man wieder mehr Corona-Infektionen. Hängt das schon mit den neuen Varianten zusammen, die in einigen Ländern gefunden wurden, unter anderem in Dänemark, Großbritannien und Israel? In Israel werden deshalb nun wieder alle neu in Krankenhäuser aufgenommene Patient:innen getestet, vor allem, um die Infektionsdynamik besser beurteilen zu können.

Welche neuen Corona-Varianten sind aufgetaucht?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zwei neue Varianten auf die Liste der unter Beobachtung gestellten Varianten gesetzt: EG.5, auch Eris genannt, und BA.2.86, unter dem Namen Pirola bekannt. Beide sind Sublinien von Omikron.

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sagt: „Bisher wurde in Deutschland die Pirola-Variante nicht nachgewiesen.“ Doch das bedeute nicht, dass sie hier noch nicht angekommen seien. Vielmehr geht die Virologin davon aus, dass das nur eine Frage der Zeit sei: „Wir gucken nicht besonders gut nach.“

Sequenzierungen bei Sars-CoV-2-Funden werden in Deutschland nicht mehr vergütet und finden nur noch eingeschränkt statt. Deshalb ist die Forscherin – so wie alle ihre deutschen Kolleg:innen – auf Daten aus dem Ausland angewiesen. Ciesek bedauert das, denn am liebsten würde sie gerne selbst an den neuen Varianten forschen.

Vor allem Pirola hat die Forscher:innen überrascht. Denn diese Variante weist am Spike-Protein über 30 Genveränderungen im Vergleich zur aktuell kursierenden Variante XBB auf. Welchen Verbreitungsvorteil Pirola dadurch hat, muss sich noch zeigen. Erste Daten weisen darauf hin, dass sie den Immunschutz besser umgehen kann als die andere neue Variante Eris. Doch ist es noch zu früh, um einschätzen zu können, ob die Pirola-Variante dadurch wirklich dominant werden kann. Auch zur Frage, wie schwer krank sie die Infizierten macht, gibt es noch keine belastbaren Daten. Nur erste Hinweise, die Grund zur Entwarnung geben. Die Eris-Variante ist laut RKI-Bericht sehr häufig und japanische Daten aus Tiermodellen weisen darauf hin, dass diese Variante Infizierte insgesamt nicht schwerer krank macht, allerdings wieder vermehrt Lungenschäden verursacht.

Was bedeuten die neuen Varianten für den Herbst?

Weder Intensivmediziner Kluge noch Virologin Ciesek machen sich größere Sorgen, dass die aktuellen und neuen Varianten allein eine hohe Infektionsdynamik in Gang setzen. Auch der Direktor der Abteilung für Infektiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Leif Erik Sander, ist zuversichtlich. Er verweist auf den Immunitätsstatus in der Bevölkerung.

„Wir haben Impfstoffe, die die allermeisten schon sehr gut schützen. Wir haben eine sehr starke Immunität aufgebaut. Deswegen ist auch die Sterblichkeit und die Gefährlichkeit dieses Virus für jeden Einzelnen deutlich reduziert worden im Vergleich zu der Zeit bevor wir geimpft waren.“

Leif Erik Sander, Charité Berlin

Da auch die bald verfügbaren Booster-Impfstoffe an die aktuell dominierende Variante XBB angepasst sind, erwarten die Expert:innen, dass sich die Immunität in der Bevölkerung weiter verbreitert. Infektiologe Sander sagt: „Zurzeit schaut es so aus, dass wir Impfstoffe haben, die die derzeit zirkulierenden Varianten gut neutralisieren können.“

Die offenen Fragen rund um die Varianten und die Tatsache, dass es auch im Sommer Infektionswellen gibt, bewerten die Expert:innen als Zeichen dafür, dass das Coronavirus noch nicht eindeutig als saisonal eingestuft werden kann. So wie wir es von anderen endemischen, also heimischen Erregern kennen, ist es bei Sars-CoV-2 noch nicht, nämlich dass es erwartbar in der kalten Jahreszeit häufigere und höhere Infektionswellen gibt und das Virus in der übrigen Zeit quasi in Vergessenheit gerät.

„Wir sind in einer ruckeligen Übergangszeit, in der sich das Virus noch verändert.“

Sandra Ciesek, Universitätsklinik Frankfurt

Jede Änderung im Erbgut des Virus kann die Infektionsdynamik antreiben. Aber das gilt auch für andere Faktoren, wie zum Beispiel Umweltbedingungen und das Verhalten der Menschen. Im Herbst und Winter kommen oft mehrere Faktoren zusammen, die wieder für steigende Infektionszahlen sorgen können – unabhängig davon, ob sich das Virus verändert.

Wie viele immunnaive Menschen findet das Virus vor, also Menschen, die weder geimpft sind noch infiziert waren? Wie schwer ist es für den Erreger, viele neue Viruspartikel in infizierten Personen zu produzieren, die dann an andere Menschen weitergegeben werden? Und wie viele Gelegenheiten geben die Menschen dem Virus, weitere Menschen zu infizieren?

Welche Impfungen werden angeboten und was bringen sie?

Je mehr Menschen bereits den empfohlenen dreifachen Kontakt mit dem Coronavirus hatten – ob durch Impfung oder durch Infektion –, desto schwerer wird es für das Virus, hohe Infektionswellen und vor allem hohe Krankheitswellen auszulösen. Impfungen und andere Schutzmaßnahmen reduzieren die Wahrscheinlichkeiten für diesen Erfolg. Wie sehr, lässt sich allerdings nur schwer in Zahlen fassen.

Traditionell habe Deutschland schlechte Impfquoten, wenn es um den Schutz vor saisonalen Erregern, wie etwa dem Grippe-Virus, gehe, so Sander. Die Empfehlungen der Stiko zum Grippe- und Covid-Impfschutz zeigen große Übereinstimmungen: Menschen ab 60 sollen sich impfen lassen, solche mit Vorerkrankungen und jene mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, dem Virus „zu begegnen“ (zum Beispiel das Personal in Gesundheitseinrichtungen). Leif Erik Sander weist darauf hin, dass beide Impfungen zusammen verabreicht werden können.

Impfungen senken zudem das Risiko für Long Covid und Post Covid. Um wie viel Prozent lässt sich nicht leicht herausfinden. Aus Studien sind unterschiedliche Werte bekannt. Sie variieren zwischen 30 und 50 Prozent. Infektiologe Sander betont, dass Impfungen auch vor anderen schwerwiegenden Folgen nach Infektionen schützen können: „Wir kennen den Zusammenhang zwischen Virusinfektionen und anderen Folgeerkrankungen sehr gut. Zur Influenza gibt es sehr beeindruckende Daten.“ Wenn man Patienten, die zum Beispiel einen Herzinfarkt hatten, im Herbst gegen die Grippe impfe, würden im folgenden Jahr wesentlich weniger Patienten an den Folgen dieses Herzinfarktes sterben als diejenigen, die sich nicht impfen ließen. „Und da ist Covid nicht anders als andere Erreger, die das auch auslösen können, “ sagt Sander. Auch deshalb hält er es für wichtig, frühzeitig auf Impfangebote hinzuweisen.

In Deutschland steht für den Herbst ein Impfstoff zur Verfügung, der an die aktuell kursierende Omikron-Variante XBB.1.5 angepasst ist. Der Hersteller Biontech beginnt am 18. September mit der Auslieferung. Arztpraxen können eine Woche vorher ihre Bestellungen aufgeben. Leider sehen sie sich dabei mit organisatorischen Problemen konfrontiert: Der in Deutschland vorherrschende Impfstoff wird in Flaschen mit sechs Dosen ausgeliefert. Um möglichst wenig zu verschwenden, müssten die Praxen deshalb zeitnah sechs Impflinge einbestellen. Das ist wesentlich aufwändiger, als wenn der Impfstoff in Einzeldosen ausgeliefert würde. Der Hersteller hat aber bereits angekündigt, die Auslieferung in Einzeldosen vorzubereiten. Unklar ist derzeit jedoch, ob sie Arztpraxen tatsächlich in dieser Form zur Verfügung stehen werden (siehe Anmerkung).

Womit rechnen die Expert:innen für den Herbst?

Im Herbst und Winter werden sich wieder mehr Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Darin sind sich Sandra Ciesek, Stefan Kluge und Leif Erik Sander einig. Auch teilen sie die Einschätzung, dass die Situation in den Krankenhäusern wieder schwierig wird. Das sei aber nicht allein Covid anzulasten, sondern vor allem den strukturellen Problemen, die das Gesundheitswesen hat.

„Unser größtes Problem ist der Fachkräftemangel, gerade im Pflegebereich. Aufgrund dessen kann circa ein Viertel der Intensivbetten nicht betrieben werden.“

Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Leif Erik Sander weist darauf hin, dass davon auch der ambulante Bereich betroffen ist: „Auch in den Arztpraxen fehlt Personal.“

Diese Probleme sind schon lange bekannt und haben viele Ursachen, die nicht erst seit der Pandemie bestehen. Aber die Pandemie hat sie verschärft. Der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt, weil der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung zunimmt und gleichzeitig nicht genügend junge Menschen nachrücken, um frei werdende Stellen zu besetzen. Darüber hinaus müsste eigentlich Personal aufgestockt werden, was aufgrund der finanziellen und politischen Situation im Gesundheitswesen recht unrealistisch ist – selbst wenn es genügend Bewerber gäbe. Deshalb gefährdet jede zusätzliche Belastung die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung.

„Wenn im Herbst und Winter mehr Patienten mit Grippe, Corona und anderen schweren Virusinfektionen dazu kommen, dann bekommen wir Probleme. Gerade wenn das Personal gleichzeitig erkrankt. Darum mache ich mir die größten Sorgen.“

Stefan Kluge, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Sandra Ciesek rechnet mit einer ähnlichen Situation wie im letzten Winter, als unterschiedliche Atemwegserkrankungen zu teilweise deutlichen Mangellagen führten, auch was Medikamente betrifft.

Fazit

Es wird in der kalten Jahreszeit wieder wichtiger werden, sich vor Infektionen zu schützen. Das liegt schon im eigenen Interesse jedes Einzelnen. Wer sich Sorgen um bleibende Gesundheitsschäden nach einer Corona-Infektion macht oder auch nur eine teure Reise geplant hat, kann die Risiken einer Infektion durch Impfungen und Masketragen senken. Allerdings gehen die Expert:innen nicht davon aus, dass wieder allgemeine Schutzmaßnahmen beschlossen werden. Der Intensivmediziner Kluge erwartet jedoch, dass Gesundheitseinrichtungen die Maskenpflicht wieder einführen werden. Allein schon, um die Infektionsdynamik in den Einrichtungen zu kontrollieren.

Wie der Herbst wird, hängt also von vielen Faktoren ab. Klar ist: Menschen sind Viren nicht hilflos ausgeliefert. Sie können durch Schutzmaßnahmen die Ansteckungswahrscheinlichkeit bei sich und anderen senken. Dadurch werden auch die Krankenhäuser entlastet. Corona ist schließlich nicht das einzige Gesundheitsproblem. Kliniken müssen genügend Personal für die Versorgung anderer schwerer Krankheiten wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle zur Verfügung haben. Auch diese Erkenntnis hat sich während der Pandemie verbreitet.

„Wir sind zwar raus aus der Pandemie, aber die Viren sind noch da.“

Leif Erik Sander, Charité Berlin

Die Zitate in diesem Text sowie viele Informationen über Virus, Impfungen und Versorgungslage stammen aus einemPress-Briefingdes Science Media Centers.

Der Text wurde am 7. September 2023 um 16 Uhr aktualisiert und enthält nun einen Link zum aktuellsten Wochenbericht des RKI. Die Formulierungen wurden entsprechend angepasst. Außerdem wurden die Informationen zur Impfstoffbeschaffung in der EU ergänzt und eine Information zur Variante EG.5 präzisiert.

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