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Deutschland und die Delta-Variante: Ist die vierte Welle noch zu verhindern?

Niedrige Inzidenzen und steigende Impfquote lassen viele denken, die Pandemie sei schon vorbei. Doch das kann das Coronavirus mit großer Wucht zurückbringen

von
12.07.2021
7 Minuten
Menschen sitzen in Restaurants und Bars in Berlin-Friedrichshain.

Vielerorts könnte man in Deutschland den Eindruck bekommen, die Corona-Pandemie sei vorbei. Cafés und Restaurants sind voll, Menschen kommen ohne Masken zum Feiern zusammen. Außenminister Heiko Maas (SPD) spricht über eine Aufhebung aller Schutzmaßnahmen. Der Spitzenkandidat der CDU/CSU für die Bundestagswahl, Armin Laschet, schließt weitere pauschale Schließungen des öffentlichen Lebens kategorisch aus.

Die Inzidenzzahlen scheinen allen Recht zu geben, die gedanklich die Pandemie bereits zur Vergangenheit zählen.

Im Winter traten bis zu 190 Infektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche auf, starben mehrere hundert, teils mehr als tausend Menschen am Tag an Covid-19. Auf Landkarten, die das Corona-Risiko anzeigen, war Deutschland in die Warnfarben Dunkelrot, Lila und Schwarz getaucht.

Eine Impfung reicht nicht

Derzeit sieht die Lage viel besser aus: Die Inzidenz lag am 8. Juli bei fünf Ansteckungen pro 100.000 Einwohner. Es sterben weiterhin Menschen an Covid-19, aber deutlich weniger. Die Corona-Landkarte des Analyseunternehmens Risklayer zeigt ein hoffnungsvoll grünes Deutschland. Entsprechend ist die Stimmung auf den Straßen und Plätzen.

Doch diese Stimmung könnte sich schnell als trügerisch erweisen. Um Deutschland herum mehren sich die Warnzeichen, dass die Lage schnell wieder kippen kann. Grund ist die Delta-Variante, eine Mutation des Erregers Sars-CoV-2, die deutlich ansteckender ist als das ursprüngliche Coronavirus des Jahres 2020. Nur eine vollständige Impfung bietet den bestmöglichen Schutz. Bei nur einer Impfung können infizierte Menschen immer noch schwer erkranken. Eine Ausnahme ist der Impfstoff von Johnson&Johnson, bei dem eine Impfdosis für den vollen Impfschutz ausreicht. Alle anderen Impfstoffe sind erst nach zwei Impfungen gut wirksam.

Zahlreiche Länder bekommen derzeit hart zu spüren, wie gefährlich die Delta-Variante ist.

Europakarte der im Text beschriebenen Inzidenzen.
Zwei Europas: Deutschland und östliche Nachbarländer haben Mite Juli 2021 mehrheitlich niedrige Inzidenzen, in Großbritannien, den Niederlanden und Spanien sieht es anders aus.
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Großbritannien: Neue Welle trotz Impffortschritten

Nachdem die Delta-Variante zuerst in Indien detektiert wurde und dort vielen Zehntausend Menschen das Leben kostete, trat sie in Großbritannien auf und breitet sich dort trotz der hohen Impfquote massiv aus. Allein am Montag wurden 34.471 Neuinfektionen registriert, die 7-Tages-Inzidenzen liegt bei über 300 Fällen pro 100.000 Einwohnern, regional bei 600 und höher. Die britische Regierung verweist auf niedrigere Zahlen von Krankenhauseinweisungen und Toten und will am 19.7. fast alle Restriktionen aufheben. Zugleich warnt Premierminister Johnson: „Diese Pandemie ist bei weitem nicht vorbei. Diese Krankheit gefährdet weiterhin Sie und Ihre Familien“

Spanien: An der Schwelle zum Hochinzidenzgebiet

Zu einem erheblichen Teil von britischen Urlaubern importiert, macht die Delta-Variante auch auf der iberischen Halbinsel die Runde. In Spanien stieg die Inzidenz Anfang Juli sprunghaft an und liegt mit knapp 200 an der Grenze zur offiziellen Einstufung als Hochinzidenzgebiet. Auch die spanische Regierung verweist auf auf niedrigere Zahlen von Krankenhauseinweisungen und Toten – doch regional werden Maßnahmen wieder verschärft.

Niederlande: Premier bittet um Entschuldigung für Öffnungen

Seit die Niederlande Anfang Juli die Restriktionen weitgehend gelockert hat, ist die Zahl der Infektionen sprunghaft gestiegen, am 10. Juli waren es erstmals wieder mehr als 10.000 Fälle am Tag, ein Wert, der zuletzt im Winter erreicht wurde. Der niederländische Premierminister Rutte verschärfte deshalb die Maßnahmen erneut und bat bei seinen Landsleuten für vorschnelle Öffnungen um Entschuldigung.

Rund um die Welt zeigt die Delta-Variante, wie gefährlich sie ist. In den USA steigt die Zahl der Infektionen derzeit nach einem kontinuierlichen Rückgang wieder an, in Indonesien wird medizinischer Sauerstoff knapp, neue Friedhöfe werden angelegt, um die zahlreichen Toten zu beerdigen. Und in Südafrika wurde ein neuer Lockdown verhängt, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Bleibt Deutschland davon verschont? Das kann derzeit niemand sagen. Es ist nicht mehr als eine Hoffnung.

Rückgang der deutschen Impfzahlen

Tatsächlich steigt nach Wochen des Rückgangs nun erstmals auch in Deutschland wieder die Inzidenz leicht an, bei 6,4 lag der Wert zweite Tage nach dem Tiefstand. Gut möglich, dass es sich nur um einen kurzfristigen Trend handelt. Aber schon mehrfach wurden aus anfänglich kleinen Steigerungen neue Infektionswellen. Es gehört zum exponentiellen Wachstum, mit dem sich das Virus ausbreitet, dass es am Anfang vergleichsweise harmlos aussieht – nur um schnell zur realen Gefahr zu werden. Die Delta-Variante kann wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Wie schnell es gehen kann, zeigt das Beispiel eines Nachtclubs in Karlsruhe: Am 2. Juli war dort eine infizierte Reiserückkehrerin aus Mallorca unter rund 200 Feiernden, nach Erkenntnissen der Behörden steckten sich darüber 34 Menschen an.

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Die größte Gefahr für Deutschland ist es derzeit, dass die Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen. Erst 42,6 Prozent der Bevölkerung (Stand 12. Juli) sind vollständig geimpft, 58,2 Prozent wenigstens einmal. Das kann man als großen Fortschritt sehen – die Quote der Erstgeimpften ist derzeit in Deutschland höher als in den USA. Doch es heißt eben auch: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist noch nicht gegen die Delta-Variante geschützt.

Hinzu kommt, dass die Zahl der täglichen Impfungen seit Mitte Juni rückläufig ist. Am 14.6. lag der 7-Tages-Durchschnitt der täglichen Impfungen bei 863.000, seither ist er kontinuierlich auf 634.000 (Stand 10. Juli) gesunken. Experten warnen vor Impfmüdigkeit und davor, dass Menschen wegen Annehmlichkeiten wie der Urlaubsplanung die zweite Impfung nicht wahrnehmen oder aufschieben. Eine Diskussion ist entbrannt, ob Impfungen statt bei Ärzten und in Impfzentren nicht besser vor Supermärkten und in Fußgängerzonen stattfinden sollten, also ohne Terminabsprachen und Zugangshürden.

Spahn appelliert: Bitte impfen lassen

Am Sonntag wurden in Deutschland nur 221.720 Impfungen verabreicht, so wenige wie seit Monaten nicht mehr – für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein Alarmsignal: “So wenig Erstimpfungen wie gestern hatten wir zuletzt im Februar – anders als im Februar ist nun aber genug Impfstoff da”, tweetet der Minister am Montag und appelliert: “Es bleibt dabei: Bitte impfen lassen!”

Um das Coronavirus zuverlässig in Schach zu halten, müssten zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Das wird aber frühestens gegen Ende des Jahres der Fall sein. Immer größere Teile der Bevölkerung sind zwar vollständig geimpft – doch der gegenwärtige Impffortschritt könnte zu langsam sein, um eine vierte Welle aufzuhalten.

Was diese ausgelassene Stimmung am meisten bedroht, sind nicht fortgesetzte Schutzmaßnahmen. Es ist vielmehr der Verzicht darauf – und die trügerische Annahme, die Pandemie sei hierzulande schon so gut wie vorbei.

Die ausbleibende “Herdenimmunität” durch Impfung erhöht zudem ein unterschätztes Risiko: die Gefahr weiterer Mutationen. Trifft die Delta-Variante auf eine nur teilweise geimpfte Bevölkerung, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Varianten mit Veränderungen im Erbgut durchsetzen, die den Impfschutz umgehen können. Entstünde in dieser Situation jetzt eine Variante, gegen die die gängigen Impfmittel nur schlecht oder gar nicht wirksam sind, wäre die Katastrophe perfekt, dann würde die Pandemie quasi von vorne beginnen. Auch das spricht dafür, die Infektionszahlen niedrig zu halten.

Eine Schülerin wird geimpft.
Eine Schülerin einer Abschlussklasse wird im Impfzentrum an der Messe München geimpft.

Der neben raschem Impfen verläßlichste Weg, einer neuerlichen Eskalation in Deutschland vorzubeugen oder sie wenigstens so stark wie möglich abzumildern, ist etwas, das gerade nicht zur Stimmung passt: Trotz des Sommerwetters und der vergleichsweise niedrigen Inzidenzen Schutzmaßnahmen konsequent fortzusetzen.

Kontroverse um Risiken für junge Menschen

Dazu zählen Regeln für das persönliche Verhalten ebenso wie etwa Einreisebeschränkungen und Quarantänepflicht für Menschen, die aus Hochinzidenzgebieten zu uns kommen wollen. Und es gilt, für einen Herbst und Winter vorzubeugen, in dem die Delta-Variante die Ungeimpften voll treffen wird. Zu dieser Gruppe zählen nicht nur Impfskeptiker- und -gegner oder Menschen, die das Risiko einer Covid-Erkrankung unterschätzen, sondern auch mehrere Millionen Kinder unter 12 Jahren, für die es kein zugelassenes Impfmittel gibt.

Zwar wird angeführt, Kinder und Jugendliche seien nur selten von schweren Verläufen betroffen. Das stimmt für Einweisungen auf Intensivstationen und Todesfälle. Aber zugleich gibt es Kindern gegenüber eine besonderes Schutzpflicht, auch seltene schwere Verläufe zu verhindern. Hinzu kommt die Gefahr von Langzeitschäden, die noch kaum erforscht sind. Covid-19 ist nicht nur eine Lungenkrankheit, sondern kann Probleme im ganzen Körper verursachen, selbst dann, wenn die Frühphase der Infektion milde verlief. Das Virus kann direkt und über Veränderungen im Immunsystem Blutgefäße, Gehirn und andere Organe angreifen – und das nicht nur in der akuten Phase, sondern in Form von Long Covid weit darüber hinaus.

Trügerische Annahmen

Daniel Vilser, Leiter der Long-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena, warnte in den Tagesthemen, dass schon jetzt Zehntausende Kinder in Deutschland an Langzeitfolgen von Infektionen wie Erschöpfung, Kopf- und Bauchschmerzen oder Lernschwierigkeiten in unterschiedlicher Schwere litten. “Die Gefahr wird ganz klar unterschätzt”, sagte Vilser, auch weil die erste Phase der Erkrankung oft milde Verläufe. Die Rechnung sei einfach: Je mehr Kinder infiziert seien, desto mehr würden Folgeschäden erleiden.

Das bedeute, sagt der Mediziner, dass schon jetzt Vorkehrungen für einen wirksamen Schutz junger Menschen in Herbst und Winter getroffen werden müssten. Doch statt Alternativen zu prüfen, sind die Kultusministerinnen und -minister auf einem anderen Pfad: Ihre Planungen gehen davon aus, dass der Unterricht nach den Sommerferien normal beginnt. Die Auflagen, etwa ob etwa im Unterricht weiter Masken getragen werden müssen oder ob Wechselunterricht angeboten wird, unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland.

Die derzeit eher ausgelassene Stimmung in Deutschland und der sorglos anmutende Kurs der Kultusministerïnnen haben viele Gründe. Nach 18 Monaten Pandemie haben sich alle Menschen – Gegner wie Befürworter strenger Schutzmaßnahmen – danach gesehnt, wieder mit anderen zusammenzukommen und ein Gefühl des vielbeschworenen “normalen Lebens” zurückzubekommen. An den Schulen herrscht die Angst, dass weitere Monate ohne regulären Unterricht den jungen Menschen in ihrer Entwicklung schaden könnten. Kritiker halten dagegen, dass nichts schwerer wiege als der Gesundheitsschutz und dass Long Covid das Lernen schwer beeinträchtigen könne.

Was die derzeitige ausgelassene Stimmung am meisten bedroht, sind nicht fortgesetzte Schutzmaßnahmen. Es ist vielmehr der Verzicht darauf – und die trügerische Annahme, die Pandemie sei hierzulande schon so gut wie vorbei.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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