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Natur im Anthropozän: Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

Es ist höchste Zeit, den Grundirrtum westlichen Denkens zu korrigieren. Ein Essay über Wölfe, alte Bäume und die neue Rolle des Menschen

10.12.2020
8 Minuten
Die Illustration zeigt einen Wolf, der neben einem abgebrochenen Baumstamm sitzt und den Betrachter anschaut.

Im Norden Berlins steht ein Baum, sein Stamm ist breit und gefurcht, es braucht fünf oder sechs Menschen, um ihn zu umfassen. Äste hat er erst weit oben, es sind zu wenige für den mächtigen Stamm. Man sieht dem Baum an, dass sein Leben zu Ende geht. Es war lang, 450 oder 800 Jahre, genau weiß man es nicht. So oder so ist die „Dicke Marie“ berühmt, sie gilt als der älteste Baum Berlins.

Sie war schon da, als im 17. Jahrhundert die ersten Schiffe von Europa nach Nordamerika segelten, an Bord Menschen, die auf dem unbekannten Kontinent ein neues Leben beginnen wollten. Sie war da, als ein englischer Weber 1770 eine Spinnmaschine erfand und die Idee der Massenproduktion in die Welt kam. Sie war da, als 1826 in Berlin auf dem Boulevard Unter den Linden Gaslaternen angingen und 1969 zum ersten Mal Menschen den Mond betraten. In der Lebenszeit der Eiche stieg die Weltbevölkerung von etwa 500 Millionen auf sieben Milliarden und die durchschnittliche Lebenserwartung von 30 auf 70 Jahre.

Drei Viertel der Erde sind schon vom Menschen verändert

Die Welt hat sich verändert. Die Eiche ist die gleiche geblieben. Genau wie der See, an dessen Ufer sie liegt. Die Wildschweine, die sich die wenigen Eicheln holen, die die Dicke Marie noch abwirft, sahen vor ein paar hundert Jahren auch nicht anders aus. Braucht es da die Frage, was Natur im 21. Jahrhundert ist? Ist sie nicht die gleiche Natur wie immer? Wäre es nicht wichtiger, zu fragen, wie sie in Zukunft bewahrt werden kann?

Ja. Und nein.

Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, wie es um die Natur steht. Eine Million von geschätzten acht Millionen Arten könnten in diesem Jahrhundert verschwinden. Wälder werden abgeholzt, damit Äcker und Weideflächen entstehen, Städte wachsen können. Das Eis der Arktis schmilzt. Die Meere sind leergefischt und versauern. Sogar in 10 000 Meter Tiefe liegt Plastik. Drei Viertel der Landfläche der Erde hat der Mensch schon tiefgreifend verändert. Wissenschaftler haben ermittelt, dass die vom Menschen gemachten Gegenstände inzwischen mehr wiegen als alle Lebewesen zusammen.

Die Weltgemeinschaft weiß, dass sie handeln muss, nicht zuletzt aus Eigennutz. Ohne biologische Vielfalt wäre auch die Existenz unserer Art beendet. 2010 beschlossen 193 Staaten in Nagoya in Japan Ziele für den weltweiten Schutz von Natur, Arten und Ökosystemen, die zehn Jahre später erreicht sein sollten. 2020 war dann klar: Jedes einzelne dieser Ziele wurde verfehlt.

Der Irrtum westlichen Denkens: Natur als Maschine

Dass dies passieren konnte – dass sich der Mensch Anfang des 21. Jahrhunderts gewahr wird, dass er dabei ist, die Natur und damit nicht zuletzt seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören – hat auch damit zu tun, wie er in der Vergangenheit die Frage beantwortet hat: Was ist das eigentlich, Natur? Was haben wir Menschen mit ihr zu tun? Warum gibt es Pflanzen, gibt es Tiere?

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Für den Menschen, so hieß die Antwort im Wesentlichen seit über 2000 Jahren, im westlichen Kulturkreis jedenfalls. Die berühmteste Handlungsanweisung steht im Alten Testament. Der Mensch solle herrschen „über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht“. Aristoteles nannte den Menschen „das vernünftige Tier“ und schrieb „Pflanzen existieren um der Tiere willen, und die wilden Tiere um des Menschen willen“. Diese Sichtweise schien sich zu bestätigen, als mit der Aufklärung erstmals Gesetzmäßigkeiten offenbar wurden, nach denen die Natur organisiert ist.

Sie funktioniere, so folgerte mit besonderem Eifer der Philosoph René Descartes, wie eine Maschine. Eine Maschine kann man auseinandernehmen, verbessern und wieder zusammenbauen, und so verfuhr der Mensch mit der Natur. Sie wurde zu einer Art Baukasten, dessen Bestandteile man auf ihren Wert für den Menschen hin prüfte. Was nutzlos war, wurde ignoriert oder gar aussortiert. So verschärfte sich der Kontrast zwischen einer nutzbar gemachten, Nahrung und Rohstoffe liefernden Natur und dem, was unbrauchbar schien und gern einer besser zu meidenden Wildnis zugeschlagen wurde – Hort des Beängstigenden, Unkontrollierbaren, bevölkert von verhassten Tieren wie dem Wolf.

Spuren in die tiefe Zukunft

Hier Mensch und Kultur, da die Natur – dieses Gedankengebäude stellte erst Alexander von Humboldt in Frage, der übrigens ganz in der Nähe der Dicken Marie aufgewachsen ist und ihr zusammen mit seinem Bruder sogar den Namen gegeben haben soll – in Anspielung auf die beleibte Köchin im Humboldtschen Haushalt. Ihm wurde bei seiner fünf Jahre dauernden Reise nach Südamerika klar, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt, sich beeinflusst. Ein Organismus, keine Maschine. Er sah einen See, der Wasser verlor, weil damit Äcker bewässert wurden, er sah Böden, die nach der Rodung von Wald austrockneten, und er begriff, dass der Mensch diesen Organismus durch seine Eingriffe verändern, ihm schaden konnte – und am Ende sich selbst.

Das Konzept von der belebten Welt als einem dynamischen, verletzlichen Netzwerk hat sich seit Humboldt wissenschaftlich immer fundierter bestätigt. Gehandelt hat der Mensch aber weiterhin nach der alten Überzeugung, dass der Planet und alles, was er hervorbringt, für ihn da ist.


Dieses Tun ist inzwischen von solcher Wucht, dass wir gerade eine fundamentale Erfahrung machen: Uns wird klar, dass wir eine die Erde verändernde Macht geworden sind. Wir löschen Arten in einer Geschwindigkeit aus, wie es noch nicht vorgekommen ist, seit es auf der Erde Leben gibt, und sorgen dafür, dass die klimatischen Bedingungen, die unsere Zivilisation haben entstehen lassen, sich ändern. Wir hinterlassen Spuren, die noch in vielen tausend Jahren in den Gesteinsschichten zu finden sein werden: Plastik, radioaktiver Niederschlag, Beton. Der Mensch hat, so sehen es inzwischen nicht wenige Geologen, das Holozän beendet und nach fast 12000 Jahren eine neue Erdepoche eingeläutet: das Anthropozän.

Ein menschgemachtes Konzept braucht neue Bedeutung

In dieser Diagnose steckt die Notwendigkeit, Natur neu zu denken, gewissermaßen mit drin. Zum einen, weil der beim Begriff Natur bislang immer mit gedachte Dualismus – Natur ist, was nicht Kultur, nicht menschengemachte Sphäre ist – fragwürdig wird, wenn vermeintliche Naturereignisse wie schwere Hurrikans oder Dürren die Folge menschlicher CO2-Emissionen sind. Zum anderen, weil es genau diese gedankliche Trennung war, die uns in das Anthropozän hat schlittern lassen. Der Mensch hatte nicht vor, das Klima zu ändern und das sechste Artensterben einzuläuten. Es ist ihm in seinem ja auch bewundernswerten Drang, zu forschen, zu erfinden, ein besseres Leben zu haben, einfach passiert.

Passieren konnte es aber wegen der Vorstellung, die sich der Mensch von der Natur gemacht hat: als Ressource, als beliebig zu nutzenden Rohstoff, als formloser Kontrast zum Gestaltungswillen des Menschen.

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Natur ist immer nur das, was wir so benennen – es ist letztlich ein menschengemachtes Konzept. In den Geisteswissenschaften ist schon seit einer Weile ein Naturbegriff en vogue, der den alten Dualismus in eine neue unauflösliche Verbindung verwandelt. Die Wissenschaftshistorikerin, Biologin und Feministin Donna Haraway spricht von „Natureculture“, um eine Sphäre der Abhängigkeiten zu beschreiben – von anderen Lebewesen, aber auch von Technologien. Ihre Vision: artübergreifende solidarische Beziehungen.

Für den Philosophen Bruno Latour ist das Gegensatzpaar Natur versus Kultur nicht mehr hilfreich, um die kritische Lage zu reflektieren, in der wir uns befinden. Er belebt den Begriff der Gaia neu, nach der griechischen Göttin der Erde, der in den 70er-Jahren schon einmal in Mode war. Latour benennt damit ganz nüchtern die angesichts der Weite des Universums äußerst schmale Zone vom Erdboden bis zur Grenze der Atmosphäre, in der jede Form von Leben entsteht und vergeht. Ein Netzwerk von Akteuren, die, vom Bakterium bis zum Menschen, alle dem Impuls folgen, ihre Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu gestalten – etwas, das die hergebrachte Sicht von Natur nur dem Menschen zubilligt.

Das evolutionäre Gedächtnis hat die Verbindung gespeichert

Bestechend an Latours Konzept ist, dass es die Idee von Natur als einem idealen, statischen Urzustand, der erst vom Menschen gestört wurde, aufhebt. Der Planet hat sich immer schon verändert und auch Organismen hervorgebracht, die in zerstörerischer Weise auf andere zurückwirkten. Ein solches Ereignis hat den eindrücklichen Namen „Große Sauerstoffkatastrophe“ – vor 2,45 Milliarden Jahren gab es keinen Sauerstoff in der Atmosphäre, der begann sich dort erst anzureichern, als Bakterien mit einem neuartigen Stoffwechsel Sauerstoff als Abfallprodukt produzierten. Ein Todesurteil für die damals lebenden Einzeller, und zugleich der Beginn der Evolution von Lebensformen, wie wir sie kennen.

Diese Perspektive macht klar, dass auch der Mensch nur ein Ergebnis bestimmter Konstellationen im Erdsystem ist, und wieder verschwinden kann, wenn diese sich ändern. Sie zeigt, wie fest er eingewoben ist in das Netz der Abhängigkeiten. Es ist eine ernüchternde und auch demütige Sicht. Eine Sicht, die jetzt not tut.

Die Illustration zeigt eine fiktive Ausgrabungsstätte der Zukunft, aus der Artefakte der Moderne herausragen, darunter radioaktiver Müll und ein Buch von Alexander von Humboldt, das die Zeit überstanden hat.
Was wir Menschen heute produzieren, wird die Geologie der Zukunft prägen – von radioaktivem Müll bis zu den Hinterlassenschaften der Museen.

Und doch ginge etwas verloren, wenn wir den Begriff der Natur ganz aufgäben. Allein dass es ihn gibt, zeigt, dass wir nicht anders können, als uns ins Verhältnis zu setzen zu dem, was uns umgibt. Der Mensch ist nun mal, wie Johann Gottlieb Herder Ende des 18. Jahrhunderts schrieb, „ein über sich, ein weit um sich schauendes Geschöpf“.

Und wenn das, was er da erblickt, ein Berggipfel ist, ein still daliegender See, ein paar Rehe auf der Wiese, war er immer schon bewegt. Der Drang zur Natur, das Wohlgefühl, das sie auslöst, sogar mit nachweislich positiven gesundheitlichen Folgen, hat damit zu tun, dass sie unsere Art vor 300.000 Jahren hervorgebracht hat. Auf dieser Zeitskala ist es erst ein paar Generationen her, dass sich das menschliche Leben fast nur noch in menschengemachten Umgebungen abzuspielen begann. Das evolutionäre Gedächtnis hat die alte Verbindung noch gespeichert, „Biophilie“ nennt das der Biologe Edward O. Wilson.

Natureculture zum Anfassen

Wir fühlen uns unserer natürlichen Umwelt verbunden und nehmen sie zugleich als das Andere wahr. Das ist keine schlechte Grundlage für das Verständnis von Natur, das wir jetzt brauchen. Anders als die Cyanobakterien, die ungerührt Sauerstoff ausstießen, bis es um sie herum kein Leben mehr gab, kann der Mensch erkennen, was er anrichtet und Verantwortung übernehmen. Es bedeutet, eine Doppelrolle zu akzeptieren, die sich wohl nie mehr ändern wird: Wir sind selbst zur Naturgewalt geworden mit unseren Erfindungen und sind den Kräften, die wir entfesseln, zugleich ausgesetzt. Natureculture, untrennbar.

Natur im 21. Jahrhundert ist eine des geteilten Raums, mit fließenden Grenzen, und darin kann auch Hoffnung liegen. In einer Stadt wie Berlin gibt es mehr Tier- und Pflanzenarten als in der sie umgebenden Landschaft. Auf Brachen entstehen Biotope, Stadtökologen sprechen von urban-industrieller Wildnis.

In Brandenburg werden frühere Truppenübungsplätze sich selbst überlassen. In der Erde stecken noch Granaten und Minen, aus dem Boden ragen Bunker. Wölfe siedeln sich hier an. In den Bunkern nisten und überwintern seltene Fledermausarten. Dass ihr Platz für den Winterschlaf menschengemacht ist, kümmert sie nicht. Und auch nicht, dass sich der Mensch im Anthropozän von der Idee verabschieden muss, dass echte Natur nur sein kann, wo er nicht ist.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Dieser Beitrag wurde von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Petra Ahne

Petra Ahne

Petra Ahne war bis Ende 2020 Wissenschaftsredakteurin der Berliner Zeitung und ist Autorin der Bücher „Wölfe“ (2016) und „Hütten“ (2019) bei Matthes & Seitz. Sie interessiert sich besonders für das komplizierte Verhältnis von Mensch und Natur.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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Petra Ahne

E-Mail: petra.ahne@riffreporter.de

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Grafik: Marissa Kimmel
Illustration: Lennart Colmer
Lektorat: Anne Brüning
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