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  3. Wie es Europas Vögeln geht – Die neue Rote Liste ist da

Jede dritte Vogelart in Europa nimmt im Bestand ab

Die neue Rote Liste der Vögel in Europa bestätigt: Immer mehr Vogelarten werden immer seltener. Aber es gibt auch Lichtblicke

19.10.2021
8 Minuten
Eine Steppenkragentrappe schleicht sich geduckt davon.

Das Timing hätte kaum besser gewählt werden können. Während im chinesischen Kunming Delegationen aus fast 200 Staaten in der vergangenen Woche das anhaltende Artensterben beklagten und über ein neues globales Naturschutzabkommen berieten, stellten Expertinnen und Experten des Vogelschutz-Dachverbandes BirdLife International die neueste Rote Liste für europäische Vogelarten vor. Die Ergebnisse unterstreichen die Dringlichkeit für mehr und einen effektiveren Naturschutz auch auf unserem Kontinent auf erschreckende Art und Weise. “Vögel sind seit Millionen von Jahren am Himmel unseres Planeten unterwegs“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Untersuchung. „Ihre Existenz sollte jedoch nicht als selbstverständlich angesehen werden.“

Mindestens jede fünfte Art bedroht, jede dritte im Sinkflug

Nach der neuen Analyse ist jetzt mindestens jede fünfte Vogelart in Europa bedroht oder steht wegen drastischer Bestandsverluste auf der Vorwarnliste. Angesichts der sehr strikten Kriterien der Internationalen Naturschutzunion IUCN für die Einstufung als bedroht, ist das ein erschreckender Befund.

„Die Feststellung, dass 20 Prozent der Arten bedroht sind, bedeutet nicht, dass es den anderen 80 Prozent gut geht“, betonte auch Ian Burfield, der Wissenschaftskoordinator von BirdLife International. bei der Vorstellung des Reports. Das hat zwei Gründe: Erstens werden nach dem Konzept der IUCN Arten automatisch als ungefährdet eingestuft, wenn drastische Bestandseinbußen nicht ausreichend belegt sind. Zweitens sind die Hürden für die Einstufung einer Art in eine der Bedrohungskategorien hoch. Um beispielsweise in der niedrigsten der Rote-Liste-Kategorien „gefährdet“ gelistet zu werden, muss eine Vogelart innerhalb von zehn Jahren (oder drei Generationen) mindestens ein Drittel (30 Prozent) ihres Bestandes verlieren.

Durch diese Systematik wird der verbreitete Abwärtstrend vieler Vogelarten nicht vollständig über die Rote Liste abgebildet, denn viele Arten nehmen in etwas langsameren Ausmaß oder über einen längeren Zeitraum ab. Werden diese Arten mitberücksichtigt, zeigt sich, dass in den vergangenen Jahrzehnten sogar jede dritte Vogelart in Europa abgenommen hat.

Tortengrafik der einzelnen Bedrohungskategorien
71 europäische Vogelarten sind in einer Bedrohungskategorie gelistetet, acht Arten in der höchsten Stufe „vom Aussterben bedroht“. 15 Arten sind stark gefährdet und 48 gefährdet. Weitere 34 Vogelarten stehen auf der Vorwarnliste. Fünf Vogelarten sind seit Veröffentlichung der letzten Liste 2015 für ausgestorben erklärt worden.
Grafik, in der die gefährdeten Arten nach Lebensräumen aufgeführt werden.
Agrarlandschaft und Küsten sind die Lebensräume, in denen besonders viele Vogelarten gefährdet sind.

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Eine Wüstengrasmücke auf Sand.
Eine Neubewertung hat dazu geführt, dass die Wüstengrasmücke nun nur noch als „gefährdet“ und nicht mehr als in Europa ausgestorben gilt.
Ein Wermutregenpfeifer im milden Abendlicht
Auch der Wermutregenpfeifer wurde nach einer Neubewertung von der Liste der in Europa ausgestorbenen Vogelarten gestrichen. Er bleibt aber als vom Aussterben bedroht eingestuft. Vermutlich gibt es noch etwa zwei Dutzend Vögel in der europäischen Nachbarschaft seines asiatischen Kernverbreitungsgebietes.
Eine Steppenkragentrappe läuft wachsam mit ausgestrecktem Hals durch die Wüste.
Die Steppenkragentrappe ist in Europa nun für ausgestorben erklärt worden. Kleine, ebenfalls stark gefährdete Populationen existieren noch in asiatischen Regionen und im Nahen Osten.
Zwei Schelladler, einer davon der Morphe fulvescens.
Eine wenig nachvollziehbare Entscheidung in der neuen Roten Liste ist die Herabstufung des Schelladlers, eines der seltensten Greifvögel Europas, von „stark gefährdet“ auf „gefährdet“. Dahinter verbirgt sich nicht etwa eine Bestandserholung, sondern eine Neuberechnung der Lebenserwartung der Vögel. Dem Schutz der Art hilft das falsche Signal durch diese als „unecht“ bezeichnete technische Herabstufung nicht. Den Beständen auch nicht: Sie nehmen im wichtigsten Verbreitungsgebiet der Art, im europäischen Teil Russlands, in den vergangenen Jahrzehnten um zwischen 30 und 49 Prozent ab – und dies bei einer Gesamtpopulation von nur noch etwas mehr als 2000 geschlechtsreifen Vögeln. Das Foto zeigt zwei Schelladler, der helle Vogel gehört der extrem seltenen fulvescens-Morphe an.
Eine Bekassine stochert im Schlammboden.
Der Bekassine geht es europaweit immer schlechter. Sie wird in der Roten Liste nun als gefährdet geführt. Dennoch darf sie weiter auch legal bejagt werden.
Ein Steppenkiebitz in Nahaufnahme auf einem Feld.
Megararität: Der Steppenkiebitz ist eine der seltensten europäischen Vogelarten. Sein Überleben als Art steht auf der Kippe.
Ein Rotmilan läuft auf einer Wiese
Der Rotmilan gilt nach Bestandserholungen und einer Ausweitung seines Vorkommensgebietes nun als ungefährdet.
Eine Gruppe Spießenten im Flug.
Wegen anhaltender Abwärtstrends wurde die Spießente nun als „gefährdet“ klassifiziert. Bislang galt sie als ungefährdet.
Zwei Eisvögel, einer kommt gerade angeflogen, der andere sitzt bereits auf einem Ast.
Trotz anhaltender Bestandsverluste wurde der Eisvogel aus der europäischen Roten Liste gestrichen, weil das Tempo seines Niedergangs sich verlangsamt hat.
Eine Gruppe Saatkrähen fliegt vor dem Hintergrund des Berliner Flughafens Tempelhof.
Auch häufig anmutende Arten können schnell auf der Roten Liste landen: Die Bestände der Saatkrähe sind europaweit um mehr als 30 Prozent gesunken. Die Art gilt nun als in ihrem Bestand gefährdet. In Europa gilt vor allem die Zerstörung der Nester in den oft großen Kolonien als Ursache für den Rückgang.
Eine Silbermöwe fliegt flach über das Wasser, Nahaufnahme.
Selbst die Silbermöwe – ein häufiger Begleiter bei Spaziergängen an Stränden – ist wegen anhaltender Populationsverluste von mehr als 30 Prozent nun als gefährdet eingestuft.
Zwei Papageitaucher in einer Kolonie, einer fliegt, der andere sitzt auf einem Felsen.
Papageitaucher gehören in der Gruppe der fast ausschließlich in Europa vorkommenden Vogelarten zu den am stärksten gefährdeten Arten. Die Verschmutzung und Überfischung der Meere sind Ursachen dafür.
Ein Häherkuckuck sitzt in einem kahlen Baum.
Der früher sehr häufige Häherkuckuck ist nun gefährdet. Er ist ein Beispiel für die vielen Vögel des Offenlandes, die in Europa besonders stark unter der Intensivlandwirtschaft leiden.
Ein Jungfernkranich und ein Schelladler auf einer Wiese.
Zwei der seltensten Vogelarten Europas – und doch mit gegensätzlicher Einstufung. Neue Daten zeigen, dass der Bestand des Jungfernkranichs stark abgenommen hat. Deshalb wurde diese Art nun in der Roten Liste von „ungefährdet“ auf „stark gefährdet“ umgestuft. Der Schelladler dagegen wurde trotz anhaltender Bestandsverluste in die Kategorie „gefährdet“ herabgestuft.
Eine Uferschnepfe im hohen Gras.
Während sich Vogelschützer europaweit Sorgen um das Überleben der Uferschnepfe machen, streicht BirdLife sie aus der Roten Liste. Diese Art zeigt das Dilemma des an Gesamtzahlen über ein riesiges Gebiet ausgerichteten Konzepts: Denn angesichts steigender – möglicherweise vom Klimawandel beförderter – Bestände auf Island bleibt die Zahl von Uferschnepfen in Europa unter dem Strich stabil. Dort leben 47 Prozent aller Uferschnepfen Europas. In den kaum weniger wichtigen Populationen in den Niederlanden und Russland – zusammen beherbergen die beiden Länder 45 Prozent der europäischen Population – bricht der Bestand dagegen ein. Angesichts der Tatsache, dass die Einstufungen auf Roten Listen auch die Finanzierung von Schutzmaßnahmen stark beeinflusst, sendet die technisch zwingende Streichung der Uferschnepfe aus der Roten Liste ein fatales politisches Signal.
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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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