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Schwung holen im Stillstand

Wie bringen wir nach der Coronakrise den Klimaschutz voran? – eine Analyse

31.03.2020
7 Minuten
Ein Kinderkarussell mit Auto, Pferd und Gockel ist mit rot-weißem Flatterband umgeben. An den Stangen zum Baldachin hängen Zettel: Gesperrt. Im Hintergrund sind Regale mit Baby-Artikeln und Kosmetika zu erkennen. Einziger Vorteil für die übrigen Kunden: Das ewige Gedudel der Begleitmusik ist verstummt.

Die Diskussion über die Parallelen von Corona- und Klimakrise ist längst im Gange. Sie sind in der Struktur und Entstehung der gesellschaftlichen Verwerfungen klar zu erkennen, aber die Reaktionen von Regierung und Bevölkerung unterscheidet sich diametral. Wer sich bisher bemüht hat, effektive Maßnahmen gegen die globale Erwärmung durchzusetzen, ist damit oft genug gescheitert. Jetzt aber verblüfft vor allem die Bereitwilligkeit, mit der Menschen im Zeichen der Pandemie-Bekämpfung ihr Verhalten verändern. Lässt sich daraus etwas lernen, davon etwas kopieren? Wir versuchen hier, die Argumente der Debatte zu sortieren und auf spätere Eignung zu untersuchen.

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Einführung der KlimaSocial-Artikelserie „Schwung holen im Stillstand“

Deutschland macht Pause. Nicht freiwillig und nicht nur um halb zehn, wie es uns die Werbung für einen Schokoriegel suggerieren will. Sondern in Vollzeit und von oben verordnet. Staunend verfolgen Millionen sonst durchaus eigenwilliger Bundesbürger die im Tagesrhythmus verschärften Einschränkungen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Straßen sind leer, Büros verwaist, Restaurants geschlossen, Kinos dicht.

Die Sorge um die Gesundheit und die Liebsten, um Arbeitsplatz und Einkommen, um Input und Output in häuslicher Isolation dominieren Denken und Tun. Deutschland ist in eine Art Duldungsstarre verfallen. „Das ganze Land steht still, aber die Gedanken all seiner Bewohner rasen“, schreibt ein Zeit-Reporter. [Q1; Links finden sich jeweils am Ende des Artikels]

Eine Halle im Flughafen Quito, keine Passagiere, keine Angestellte an den Schaltern im Hintergrund. Im Vordergrund stehen Stangen und Bänder; sie waren ursprünglich dazu gedacht, den Ansturm in geregelte Bahnen zu lenken. Doch Ansturm gibt es auch hier am Flughafen Quito nicht, wo fast keine Maschinen mehr starten.
Die Stangen und Bänder waren ursprünglich dazu gedacht, den Ansturm in geregelte Bahnen zu lenken. Doch Ansturm gibt es auch hier am Flughafen Quito nicht, wo fast keine Maschinen mehr starten.

Verblüfft bis fassungslos ist vor allem auch, wer sich in der Zeit vor Corona näher mit dem Klimawandel und der nötigen, bisher fehlenden Reaktion der Gesellschaft auf diese globale Bedrohung beschäftigt hat. Was jetzt binnen Tagen als notwendige Maßnahme durchgewunken und mehr oder minder klaglos akzeptiert oder sogar begrüßt wird, die Reduktion der Flugpläne, der Stopp der Fließbänder für übermotorisierte Geländewagen, das Predigen von Verzicht im Alltag durch konservative Politiker, die Solidarität der Gesellschaft, um Gefährdete zu schützen – kaum ein Klimaaktivist hätte auch nur zu träumen gewagt, solche Veränderungen über einen Zeitraum von Jahren in Gang setzen zu können.

Schon mahnen die ersten Vordenker der Klimabewegung, den Stillstand der Maschinen nicht vorschnell als Fortschritt zu begrüßen. „Bitte hört damit auf, den Coronavirus als eine Art versteckte Wohltat zu feiern, nur weil die Luftverschmutzung wegen der Quarantäne zurückgegangen ist“, twittert Jamie Margolin, die Mitgründerin der Jugend-Klimagruppe Zero Hour. Sie distanziert sich scharf vom Satz: „Die Schwachen werden sterben, aber das ist okay, weil es dem Klima hilft.“ Das sei „keine Klimagerechtigkeit, sondern Öko-Faschismus“ [Q2].

Der Stillstand selbst ist kein hilfreiches Thema

Die psychologischen Unterschiede zwischen Corona- und Klimakrise sind schnell erklärt: die akute Bedrohung verdrängt die langfristige aus dem Bewusstsein [Q3]. Aber auch die Verwunderung über die konkreten Auswirkungen hält nicht lang an. „In der Kurve der globalen Emissionen sieht man die Wirtschaftskrisen immer sehr deutlich, aber die Klimaabkommen kaum“, sagt Astrid Dannenberg von der Universität Kassel. Letztere müssten ja die Steigung der Kurve nachhaltig reduzieren, was offensichtlich nicht geschieht. Und der Einbruch durch eine weltweite Rezession zeichnet sich oft noch dadurch besonders markant ab, dass der Ausstoß von Treibhausgasen danach schnell wieder auf den alten Pfad zurückspringt.

Der Stillstand ist also kein wirklich hilfreiches Thema; er erlaubt es immerhin, diesen Artikel und die folgende Serie mit einigen ungewohnten Anblicken zu illustrieren. Die Gedanken aber eilen schnell in die Zukunft. So wird Deutschland sein bereits aufgegebenes Klimaziel für 2020 vermutlich doch erreichen [Q4] – wer hätte das gedacht, aber nutzt es viel? Reißt das Land ohne strukturelle Reformen dann eben die Vorgabe für 2021 fort folgende? Beginnt nach dem Pandemie-Schutz eine wirtschaftliche Aufholjagd mit gelockerten Bremsen, in der Klimaschutz als lästiges Hindernis weggewischt wird?

Die Gefahr droht, aber es muss nicht so kommen. Trotz der Unterschiede haben kluge Köpfe längst damit begonnen, die Parallelen beider Krisen genau herauszuarbeiten, und Argumentations-Linien vorzubereiten und aufzupolieren, die später „nach Corona“ den Klimaschutz voranbringen. Sie nutzen sozusagen den Stillstand, um Schwung zu holen – so wie ein Elektroauto beim Bremsen seine Batterien lädt.

Auf den Punkt gebracht hat die Parallelen vielleicht am besten der Klimaökonom Gernot Wagner von der New York University. „Covid-19 is climate change on warp speed“, twitterte er [Q5]. Die neue Lungenkrankheit, vor der die ganze Welt Deckung nimmt, ist wie der Klimawandel, beschleunigt von der Antriebskraft des Raumschiffs Enterprise. Es kommt entscheidend darauf an, diese Verknüpfung später glasklar darlegen und die Unterschiede einordnen zu können, weil sich Corona – das muss man zumindest annehmen – für mindestens eine Generation als Referenzpunkt für alles gesellschaftliche Reformdenken etablieren wird. „Die Entscheidungen, die Menschen und Regierungen in den kommenden Wochen treffen, werden die Welt vermutlich für etliche Jahre in der Zukunft prägen“, schreibt der Historiker Yuval Noah Harari in der Financial Times [Q6].

Wie weit reichen die Parallelen?

Es gibt einige Slogans und Zitate, die man sich in dieser Zeit beiseite legen kann, um sie später in der wieder aufflammenden Klimadebatte hervor zu holen. Ein offensichtliches Beispiel ist der Hashtag #flattenthecurve [Q7]. Die Steigerung der jährlichen globalen CO2-Emissionen zu bremsen, zu stoppen und umzukehren ist eine genauso dringende Aufgabe, wie die Zahl der Infektionen pro Tag zu begrenzen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

Schön ist auch der Satz von Gesundheitsminister Jens Spahn bei einer Pressekonferenz: „Jeder kann auf ein Stück Alltag verzichten.“ Oliver Welke sagte in der Heute-Show am 27. März: „Macht das mit dem Schutz von Menschenleben gern auch nach der Coronakrise weiter.“ Einige Zeitungskommentare enthielten ebenfalls bemerkenswerte Aussagen. So schrieb Kurt Kister, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung: „Wenn viele Einzelne ihre Freiheitsrechte so interpretieren, dass sie das wichtigste Grundrecht, das Recht auf Leben, vieler anderer durch ihr Verhalten gefährden, dann ist eine Einschränkung der Freiheit aller nicht nur legitim, sondern geboten.“ [Q8]

Es ist erwartbar, in Klimadebatten den Vorwurf zu hören, man reiße solche Zitate aus dem Zusammenhang. In dem Fall muss man den Zusammenhang und die Parallelen eben herstellen und begründen. Solche Gründe finden sich weiter oben in diesem Artikel genauso wie in der internationalen Natur der Krise sowie in der Tatsache, dass die Kenntnis über deren Ausmaß in beiden Fällen weit hinter dem Eintreten von Schäden zurückbleibt. Bei Corona sieht man an Testergebnissen bestenfalls, wer sich vor zehn bis 14 Tagen angesteckt hat; die momentanen Trends lassen sich daraus nicht ablesen. Beim Klimawandel wiederum könnte es sein, dass die Eisschilde von Grönland oder der Westantarktis bereits unwiderruflich auf komplettes Abschmelzen programmiert sind, und keine Emissions-Senkung mehr den Anstieg des Meeresspiegels um etliche Meter in den kommenden Jahrhunderten verhindern kann (aber etliche andere Gefahren schon).

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Auch im Recht sind solche Parallelen zu erkennen, erklärt der Jurist Thomas Schomerus von der Universität Lüneburg im Verfassungsblog: „Infektions- und Klimaschutz dienen verschiedenen, sich teilweise überschneidenden Zielen des Grundgesetzes und der Umsetzung entsprechender staatlicher Schutzpflichten. […] Beide, die Corona- wie die Klimakrise, bedürfen freiheitsbeschränkender Maßnahmen. Je früher und energischer diese festgelegt und umgesetzt werden, desto eher ist der überlebenswichtige Erfolg zu erwarten.“ [Q9] Die Freiheit im Sinne der Klimakrise zu beschränken kann zum Beispiel ein Tempolimit bedeuten, eine Verteuerung von großen Autos, des Heizens mit fossilen Brennstoffen oder des Fleischs fürs Grillfest. Von Verboten, sich bei Sonnenschein im Park zu treffen, spricht da niemand.

Natürlich werden die aufgezeigten Parallelen nicht bei Jeder oder Jedem gut ankommen. Einen Hinweis darauf liefert zum Beispiel Ralf Fücks, ein Politiker der Grünen und Ex-Vorstand von deren nach Heinrich Böll benannter Parteistiftung. Er hat danach eine Denkfabrik namens „Zentrum Liberale Moderne“ gegründet und ist nicht mehr überall in seiner Partei gut angesehen. Er schreibt über die Beziehung von Corona- und Klimakrise: „Eine Virenepidemie ist monokausal. Dagegen ist der Klimawandel eine hoch komplexe Angelegenheit. Er speist sich aus vielen Quellen: Energieproduktion und Verkehr, Landwirtschaft und Industrie, Wohnen und Städtebau. (…) Dazu kommt ein völlig unterschiedlicher Zeithorizont: Die Einschränkungen zur Bekämpfung der Virus-Epidemie sind temporär. Wir akzeptieren sie in der Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität des modernen Lebens. Angewandt auf den Klimawandel müssten sie auf Dauer gestellt werden: nicht für Monate, sondern für immer.“ [Q10]

Soziale Annäherung statt sozialer Distanz

An beide Teile dieses Zitates schließt Fücks in seinem Text Zweifel an der Geisteskraft derer an, die es anders sehen als er. Das spricht in der Regel nicht für einen Diskussionsbeitrag, der die Sache wirklich vorwärts bringen will. Aber der Einwand, dass die momentanen Einschränkungen der Rückkehr zum Status Quo dienen, während sie im Fall der Klimakrise diesen Status Quo auf Dauer verändern sollen, ist nicht so leicht wegzuwischen. Er dürfte in der Debatte immer wieder aufkommen. Man müsste dann mit Fücks und anderen darüber streiten, was „normal“ bedeuten soll und ob ihre Vorstellung vom „modernen Leben“ nicht etwas antiquiert ist.

Zwei große Unterschiede zwischen Corona- und Klimakrise sollen zum Abschluss erwähnt werden. Zum einen zielt die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft ja gerade darauf, die Veränderungen sanft, aber entschieden in Gang zu bringen, möglichst niemanden zurückzulassen oder zu überfordern. Innerhalb von Tagen Grundrechte außer Kraft zu setzen, ist keinesfalls der Plan.

Zum anderen ist das Rezept des „social distancing“, das zum Grundpfeiler der Pandemie-Vorsorge erklärt wurde, in der Klimakrise vollkommen unnötig. Im Gegenteil: eine Grunderkenntnis von Psychologie und Kommunikationsforschung ist, dass die nötigen Verhaltens-Umstellungen am besten gelingen, wenn man soziale Zusammenhänge betont, verstärkt, intensiviert und neu verknüpft. Dieses Rezept könnte man „social convergence“ nennen – soziale Annäherung. ◀

Wie geht es weiter?

An zunächst fünf weiteren Punkten wollen wir in dieser Serie die Parallelen und Argumente betrachten. Es ist eine erste Auswahl; gut möglich, dass in den kommenden Wochen andere Aspekte ins Blickfeld rücken – dann setzen wir von KlimaSocial die Serie fort. Die ersten Punkte sind folgende:

Wie wir mit Risiko und Disruption umgehen: die erlebten Blockaden in Wirtschaft und öffentlichem Leben machen ähnliche Probleme in der Klimakrise handlungsrelevant.

Öffentliche Güter sind vernachlässigt worden: Gesundheit, Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz stehen bisher unter Finanzierungsvorbehalt – das sollte sich ändern.

Die Wissenschaft gewinnt an Statur: Zurzeit orientiert sich die Regierung eng an den Aussagen von Forschern, während sie das in der Klimapolitik eher nur behauptet.

Was Konjunkturprogramme bewirken können: Die Hilfe jetzt müsse man an Bedingungen knüpfen, verlangen manche. Aber ist das eine gute Idee, kann das klappen?

Erwartbare Forderungen der Wirtschaft kontern: Damit Klimaschutz nach der Corona-Rezession nicht als Hindernis aus dem Weg geräumt wird, sollte man vorsorgen.

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Christopher Schrader

Christopher Schrader

Christopher Schrader, einer der Gewinner des AAAS Kavli Prize for Science Journalism, war 15 Jahre Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, bevor er sich 2015 mit den Themen Klimaforschung, Energietechnik, Umwelt, Physik und Geowissenschaften selbständig machte.


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