Klimaneutrale Wüstenstädte: Zukunft oder Größenwahn?

Die saudische Regierung plant mit „The Line“ eine angeblich klimaneutrale Stadt mitten in der Wüste. Auch deutsche Unternehmen sind beteiligt. Doch wie nachhaltig ist das futuristische Projekt wirklich?

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Man sieht einen Teil des spiegelverkleideten Gebäudes an der Küste. Man sieht eine Bucht und das Meer im Hintergrund.

In der Stadt der Zukunft gibt es keine Straßen und keine Autos. Wohnungen, Arbeitsplätze, Parks, Fußgängerzonen und Schulen sind vertikal übereinandergeschichtet und in einzelnen modularen Gemeinschaften organisiert. Alles, was die Bewohner brauchen, ist in fünf Gehminuten erreichbar. Über den Köpfen surren Drohnen und Flugtaxis. Unter den Füßen rasen Hochgeschwindigkeitszüge von einem Ende der Stadt zum anderen. Die Energie- und Wasserversorgung ist vollständig erneuerbar dank Windparks und Solarpanelen.

Noch ist „The Line“ eine Zukunftsvision, eine Utopie des saudischen Kronprinzen und Premierministers Mohammed bin Salman, die in zahlreichen Imagevideos öffentlichkeitswirksam vermarktet wird. Die hochverdichtete Planstadt soll sich in nicht allzu ferner Zukunft als spiegelverkleidete Linie von der Küste des Roten Meers durch die Arabische Wüste bis ins Gebirge ziehen: 170 Kilometer lang, 200 Meter breit und 500 Meter hoch. Erste Gruben werden ausgehoben, Rohre verlegt und Fundamente gegossen. Das futuristische Projekt soll eine Antwort auf den Klimawandel und die Überbevölkerung sein. Ein Meilenstein in der Zukunftsplanung des Landes für die Ära nach der Ölförderung.

The Line: Eine nachhaltige Stadt mitten in der Wüste

Die Stadt, die nur zwei Prozent der Fläche herkömmlich gewachsener Großstädte einnehmen und trotzdem neun Millionen Menschen Platz bieten soll, ist eine von vier geplanten Maßnahmen innerhalb des Siedlungsprojekts NEOM. Der Name setzt sich zusammen aus „neo“ (altgriechisch für „neu“) und dem Buchstaben „m“ (Anfang des arabischen Wortes „mustaqbal“, was so viel heißt wie „Zukunft“). Auf einer Fläche fast so groß wie Belgien entstehen neben „The Line“ noch ein luxuriöses Inselreiseziel im Roten Meer („Sindalah“), eine Industrie- und Hafenstadt, in der bis 2030 rund 90.000 Einwohner leben sollen, („Oxagon“) und eine Gebirgsstadt mit Ski-Resort („Trojena“). Das Ganze ist Teil des saudischen Zukunftsplans Vision 2030, mit dem Kronprinz bin Salman die Transformation des Landes in ein postfossiles Zeitalter einleiten will. Bis 2060 soll Saudi-Arabien klimaneutral sein.

Man sieht die geplante Stadt Oxagon am Roten Meer aus der Vogelperspektive. Im Hintergrund sieht man die Wüste im Sonnenlicht.
Die geplante Hafenstadt Oxagon soll südlich des Suezkanals ins Rote Meer hinausragen.
Man sieht die geplante Insel Sindalah aus der Vogelperspektive. Sie liegt im blauen Meerwasser.
Das Reiseziel Sindalah ist für Luxustourismus gedacht.

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Redaktion: Laura Anninger