Grenzlinien, Fußabdrücke, Erschöpfungstage: Was hinter den Alarmrufen zum Zustand der Erde steckt

Wie misst man, wie stark die Menschheit die Erde ausbeutet? Gleich mehrere Ansätze sollen die Zerstörung greifbar machen. Doch ausgerechnet der „Erdüberlastungstag“ als populärster Ansatz wirft mehr Fragen auf als er beantwortet

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Abdruck eines Schuhs in Erde.

Parallel zu Wetterextremen in vielen Teilen der Welt schwappten im September düstere Warnungen um den Globus: „Erde laut Wissenschaftlern bereits weit außerhalb des sicheren Handlungsspielraums für die Menschheit“, titelte der „Guardian“. Ähnlich lauteten die Schlagzeilen in vielen anderen Medien – „Die Erde am Limit“ hier bei RiffReporter. Anlass war eine frisch im Journal „Science Advances“ erschienene Studie, an der auch Wissenschaftler aus Deutschland beteiligt waren. Die Menschheit hat demnach die für sie förderlichen Umweltbedingungen bereits in sechs von neun untersuchten Bereichen hinter sich gelassen.

„Es reicht nicht aus, sich auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zu konzentrieren, wenn wir das Erdsystem vor irreversiblen Schäden schützen wollen“, sagt Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Erfinder des Konzepts der „planetaren Grenzen“. Die Grafiken, mit denen das Forscherteam seine Erkenntnisse präsentiert, leuchten in Warntönen von Gelb, Rot und Lila. Allein in den Bereichen Ozonloch, Aerosole und Ozeanversauerung ist ein beruhigendes Grün zu sehen. Nur innerhalb der grün eingezeichneten „planetaren Grenzen“ ist den Analysen zufolge ein nachhaltiges Leben möglich.

Die 2009 erstmals publizierten „planetaren Grenzen“ sind aber nicht der einzige Versuch, die vom Menschen verursachten Umweltgefahren in einem leicht zugänglichen Bild zu fassen. Der medial populärste Ansatz dafür ist der „Earth Overshoot Day“. Der „Erdüberlastungstag“ ist längst zu einem jährlichen Ritual von Medien und Umweltorganisationen geworden. Der Tag markiert den Organisatoren zufolge den Punkt, „an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann“.

Für solche Aussagen muss man ein ungemein komplexes Geschehen auf einen Nenner bringen: Zahllose Veränderungsprozesse haben mehr oder weniger stark miteinander zu tun und fallen regional teils sehr unterschiedlich stark aus. Es gibt mehrere Wege, in dieser Gemengelage die riskantesten Prozesse zu erkennen und zusammen zu betrachten.

Wie kann man 1,7 Erden verbrauchen?

Aber ist so viel Vereinfachung überhaupt aussagekräftig? Das Modell der „planetaren Grenzen“ ist wissenschaftlich solide erarbeitet und hält, was es verspricht. Anders ist das hingegen beim „Erdüberlastungstag“. 2023 sei er auf den 2. August gefallen, teilte das „Global Footprint Network“ mit, das die Datumswahl verantwortet.

Ab diesem Datum, so die Botschaft, lebt die Menschheit über ihre Verhältnisse. „Seit dem 2. August machen wir ökologische Schulden“, titelte die französische „Le Monde“. Beliebt ist in dem Kontext auch der Vergleich, wie viele Erden die Menschheit bräuchte, um ihre Bedürfnisse decken zu können: Aktuell würden wir 1,7 Planeten benötigen, heißt es in der Datenbank des „Global Footprint Network“, die an der kanadischen York University betreut wird.

Dass der „Earth Overshoot Day“ im Vorjahr für den 28. Juli berechnet worden war, die Menschheit also im Wettrennen gegen die Erderschöpfung fünf Tage dazugewonnen hat, wurde flugs relativiert: „Die tatsächlichen Fortschritte machen weniger als einen Tag aus“, teilten die Organisatoren mit. Die verbleibenden vier Tage seien nur „der Integration verbesserter Datensätze in die Neuauflage der Konten geschuldet“. Diese knappe Mitteilung ließ immerhin erkennen, dass der „Erdüberlastungstag“ auf Berechnungen beruht, die verbesserungsfähig sind.

Entwickelt hat die Methode des „ökologischen Fußabdrucks“, die den Datumsrechnungen zu Grunde liegt, der Nachhaltigkeitsadvokat Mathis Wackernagel bereits in den 1990er Jahren im Rahmen seiner Doktorarbeit an der University of British Columbia. Inzwischen prangt das eingekreiste „R“ für eingetragene Markenzeichen neben dem Namen „Global Footprint Network“.

Vereinfachung mit komplizierten Rechenverfahren

Wer sich fragt, wie es sein kann, dass die Menschheit in einem Jahr angeblich 1,7 Erden verbraucht, aber die Erde noch immer da und nicht komplett abgegrast ist, wird in Ausführungen zu den Methoden fündig: Es geht gar nicht um die Summe aller Umweltprobleme, sondern viel enger darum, welche Nutzfläche jährlich nötig ist, um den Bedarf an nachwachsenden Ressourcen zu decken.

Das „Global Footprint Network“ wirbt damit, die Wissenschaft hinter den Berechnungen sei so „einfach wie Zufußgehen“. Simpel ist die Methodik aber schon deshalb nicht, weil die Flächenbedarfe für verschiedene Länder und Nutzungsarten mit mehreren Ausgleichs- und Umrechnungsfaktoren sowie mit globalen Durchschnittswerten bearbeitet werden, um sie vergleichbar zu machen. Hinter dem Fußabdruck steht vielmehr ein komplexes und mitunter verwunderliches Rechen- und Schätzverfahren, mit dem der Flächenverbrauch für Siedlungen, Ackerbau, Viehweiden, Fischerei, Waldprodukte und die Entsorgung der CO₂-Emissionen ermittelt werden. Dem gegenüber steht die Fläche, die dafür als so genannte Biokapazität zur Verfügung steht. Der „Erdüberlastungstag“ ergibt sich am Ende aus dem Verhältnis von weltweit vorhandener zu benötigter Nutzfläche. Für einzelne Länder kann der Tag früher als im globalen Durchschnitt liegen, für Deutschland etwa wird der 4. Mai genannt.

David Lin, Chefwissenschaftler des „Global Footprint Network“, spricht von einem „Buchhaltungsverfahren, das auf Nachhaltigkeit abzielt“ und es erlaube, in der Art einer Einkommens- und Ausgabenrechnung wichtige Veränderungen zu erkennen. Das „Global Footprint Network“ räumt jedoch selbst Schwachstellen ein. Es würden „weder alle menschlichen Ansprüche, die um Raum konkurrieren, noch alle Gebiete, die Dienstleistungen erbringen, in die aktuellen Bewertungen einbezogen“, heißt es. Die Liste der wichtigen Aspekte, die außen vor bleiben, ist lang: der Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen wie Öl, Erdgas, Kohle oder Metallen; ökologische Verluste wie Entwaldung oder Erosion; Umweltverschmutzung durch giftige Substanzen; die Verwundbarkeit natürlicher Ökosysteme. Für einen echten Nachhaltigkeitsindikator fehlt auch, wie sozialverträglich aktuelle Praktiken sind.

Ist Stadt wirklich so viel wert wie Wald?

Der Begründer der Methode rechtfertigt dies damit, dass man sich „auf UN-Daten beschränkt, die nicht alle Flächenbedarfe erfassen, die Produktion zu hoch ansetzen und viele Schäden auslassen“. Deshalb „unterschätzen unsere aktuellen Zahlen die Defizitlücke zwischen Fußabdruck und Biokapazität“, teilt Mathis Wackernagel auf Anfrage mit.

„Betrachtet wird nur, was jedes Jahr an Fläche benötigt wird, um den Bedarf zu decken, und was dafür an Fläche zur Verfügung steht“, erklärt Susanne Winter, die beim WWF Deutschland für den globalen Waldschutz zuständig ist. Sie zeigt sich irritiert davon, dass das „Global Footprint Network“ beim Wald als „Biokapazität“ die maximal nutzbare Fläche ansetzt, auf der Bäume gefällt werden können. „Das ignoriert, was von dieser Fläche eigentlich aus ökologischen Gründen geschützt werden sollte“, sagt sie.

Manche Umweltprobleme definiert die Methode des „Global Footprint Network“ einfach weg: In Deutschland sehen es zum Beispiel die Bundesbehörden für Umwelt- und Naturschutz als großes Problem an, dass immer mehr Naturflächen für Siedlungen und Straßen bebaut werden. Dadurch verschwinden natürliche Lebensräume von Pflanzen und Tieren sowie Wanderrouten, oder werden zerschnitten.

Das „Global Footprint Network“ dagegen setzt den Flächenbedarf von Siedlungen und deren sogenannte Biokapazität automatisch als gleich an. In Deutschland zum Beispiel ist seit den 1990ern Jahren die bebaute Fläche um 30 Prozent gewachsen. In der Statistik wuchs die angebliche „Biokapazität“ dafür einfach mit, ökologische Folgen für Tiere, Pflanzen und Habitate bleiben unberücksichtigt. So blicken Betriebswirtschaftler auf die Umwelt, nicht aber Nachhaltigkeitsforscher.

Das Übergewicht des Kohlendioxids

Dass trotz dieser methodischen Probleme Alarm geschlagen und für den 2. August ein „Erderschöpfungstag“ angesetzt wird, liegt nur an einem einzigen Faktor: den CO₂-Emissionen. Das „Global Footprint Network“ setzt in seinem Budget nämlich an, welche Waldfläche nötig wäre, um alle menschlichen Emissionen biologisch in neuem Holz einzulagern statt wie jetzt hauptsächlich in der Luft – eine Strategie, die niemand im globalen Klimaschutz ernsthaft verfolgt. Kohlenstoffspeicherung in Wäldern ist in den Daten von 2022 für 60 Prozent des Flächenbedarfs der Menschheit verantwortlich. Dabei wird das Kohlendioxid, das der Ozean aufnimmt, in der relevanten Formel einfach abgezogen – ohne ökologische Schäden durch die Versauerung des Wassers einzubeziehen.

Lässt man das Klima außen vor und zieht nur Faktoren wie Ackerland, Wald und Fischerei heran, wird die Gesamtbilanz erstaunlicherweise sogar positiv: Die Menschheit nutzt demnach nur 68 Prozent der „Biokapazität“, die ihr eigentlich zur Verfügung steht. Ohne die Annahme, alles CO₂ in Wäldern einlagern zu wollen, gäbe es also gar keinen „Erderschöpfungstag“.

WWF-Expertin Susanne Winter hält das Verfahren für sinnvoll, sofern man nur reine Produktionskapazitäten ermitteln will. „Wir wissen aber heute viel mehr über ökologische Zusammenhänge“, sagt sie und fordert eine „Auffrischung der Definition von Biokapazität“. Dabei solle die Art der Nutzung ebenso berücksichtigt werden wie die Notwendigkeit, Flächen unter Schutz zu stellen.

Ausgerechnet die populärste und medial am meisten beachtete Methode, den Zustand der Erde greifbar zu machen, erweist sich als lückenhaft und löst nicht ein, was von Medien und Umweltorganisationen inszeniert wird.

Im Gegensatz dazu zeichnet das Konzept der „planetaren Grenzen“ ein umfassenderes Bild ökologischer Veränderungen. Identifiziert und gewichtet werden die gefährlichsten menschengemachten Veränderungen in so unterschiedlichen Bereichen wie Artenvielfalt, Chemikalien und Ozeanversauerung. Die Basis dafür bilden umfangreiche Studien, etwa des Weltklimarats IPCC und des Weltbiodiversitätsrats IPBES.

Die Forscher vergleichen die aktuellen Veränderungen mit der Phase, in der die menschliche Zivilisation entstanden ist, also der geologischen Erdepoche des Holozäns seit dem Ende der letzten Eiszeit. Daraus leiten sie Schwellenwerte ab, die nicht überschritten werden sollten – zum Beispiel, dass pro Jahr nur zehn von einer Million Arten aussterben sollten statt aktuell hunderte bis tausende.

Ein Simulator für die Grenzen der Welt

Beim Klima wird als „sicher“ eine CO₂-Konzentration der Atmosphäre von 350 ppm (Teile pro Million) angegeben, wie sie zuletzt 1986 geherrscht hat. Das entspricht einem Temperaturanstieg von unter 1,5 Grad Celsius, der das ambitionierteste Ziel der internationalen Klimapolitik darstellt. 2022 lag der CO₂-Gehalt im Jahresmittel bei 417 ppm und die Erde befand sich auf Kurs für eine Erwärmung deutlich über zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit.

Dem Nachhaltigkeitsforscher und Mitautor Johan Rockström zufolge können die „planetaren Grenzen“ auch eingesetzt werden, um einen gerechten Umgang mit künftigen Generationen zu definieren. Der „Biokapazität“ am ähnlichsten ist eine nun neu eingeführte Maßeinheit namens „HANPP“, was für „menschliche Aneignung der natürlichen Primärproduktion“ steht. Sie gibt wieder, welchen Anteil an der gesamten Fotosyntheseleistung auf der Erde Menschen für eigene Zwecke nutzen oder beseitigen.

Während der „Fußabdruck“ nur Nutzflächen betrachtet, nimmt dieser Ansatz die gesamte Biosphäre in den Blick. Den Berechnungen zufolge beansprucht die Menschheit derzeit 30 Prozent der gesamten Fotosyntheseleistung für sich. Als „sicher“ gelten 10 Prozent, 20 Prozent sollten auf keinen Fall überschritten werden. „Diese neu integrierte Einheit misst die Energie, die das Leben auf der Erde braucht, um zu funktionieren, und lässt sich gut in Erdsystemmodelle einbauen, die auch das Klima und die Ozeane umfassen“, sagt Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der diesen Teil der Studie verantwortet hat.

Ein „Erderschöpfungstag“ lässt sich aus der neuen Studie nicht berechnen. Dazu sind die Daten zu komplex und vielschichtig. Lucht hat stattdessen das Ziel vor Augen, die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Risiken stärker herauszuarbeiten, etwa wie der Klimawandel und der Verlust von Ökosystemen sich gegenseitig verstärken. Im Gegensatz zum „Fußabdruck“ erlaubt dies auch, Szenarien und Vorhersagen zu entwickeln. „Dazu müssen wir einen vollständig interaktiven planetary boundaries simulator, ein Modell für das ganze Erdsystem, entwickeln – das gibt es noch nicht, aber wir arbeiten daran“, sagt er.

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