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40 Jahre nach KOYAANISQATSI: Der Film über das aus dem Gleichgewicht geratene Leben

Der Film ohne Worte hat sich in das kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Hat er das Anthroprozän angekündigt, den Weltuntergang? Wie haben wir ihn erlebt und was sagt er uns heute? Drei Expertïnnen haben Worte gefunden.

8 Minuten
Man sieht den roten Schriftzug Koyaanisqatsi auf schwarzem Hintergrund, es ist der Titel des ersten Films der Trilogie von Godfrey Reggio, der vor 40 Jahren in die Kinos kam.

Die einen hat die gewaltige Montage aus Bild und Klang inspiriert, die anderen in einen suggestiven Flow gebracht oder gar verwirrt – doch kaum jemanden hat das experimentelle und visionäre Filmerlebnis KOYAANISQATSI kalt gelassen.

Der Film von Godfrey Reggio wurde über sieben Jahre hinweg gedreht und 1982/83 veröffentlicht. Er ist ein Meilenstein in der Filmgeschichte und zeigt in eindrucksvollen Luftaufnahmen Landschaften und städtische Szenen in Zeitlupe und Zeitraffer, wie sich die Menschheit von der Natur getrennt hat. Koyaanisquatsi ist ein Begriff aus der Hopi-Sprache und bedeutet: das aus dem Gleichgewicht geratene, das verrückte Leben.

War der Film ein künstlerischer Blick auf die zerstörerische Menschheit? Ein erster Film über das Anthropozän- über eine neue geologische Epoche, die mehr von der Menschheit geformt wurde als von der Natur?

Dazu haben wir die Filmhistorikerin Claudia Engelhardt, den Musikdokumentarfilmer Michael Meert und den Ethnologen und Religionswissenschaftler Óscar Calavia Saéz befragt. Ihre Antworten haben wir, ähnlich wie im Film, unkommentiert zusammengestellt.

Claudia Engelhardt: Bei KOYAANISQUATSI fallen einem zunächst die traumhaften Kamerafahrten und Naturaufnahmen ein. Panoramen von Seen und Flüssen, Wolkenbilder, ein Flug über die endlose Wüste von Arizona im Süden der USA. Dazu die sphärische, minimalistische Musik von Philipp Glass, seine erste Filmmusik.

Revolutionär mit visueller Wucht

Claudia Engelhardt: Der Film mit diesem geheimnisvollen Titel eröffnete 1982 eine komplett neue Seh- und auch Hörerfahrung. Gängige Dokumentarfilme hatten entweder einen Off-Kommentar oder ließen die porträtierten Menschen vor der Kamera zu Wort kommen. Filme, die vor allem mit visueller Wucht ihre Geschichten erzählen, die auch lange Einstellungen wagen und sich eher den hochwertigen Look eines Spielfilms geben, wie DARWINS NIGHTMARE (2004) von Hubert Sauper oder Nikolaus Geyrhalters ERDE (2019), mussten erst noch gedreht werden.

Mit seinem radikalen Konzept fiel KOYAANISQATSI völlig aus dem Rahmen und ließ die Kinobesucherïnnen tief beeindruckt, aber auch verunsichert zurück.

Auf einer Felsenwand im „Desert View Watchtower“ der Wüste von Arizona sieht man rechts eine menschliche Gestalt und links dahinter eine Kachina-Geistfigur, die zwischen Menschen und Göttern vermitteln.
Die zeremonielle Kultur der Hopi stellt einen extremen Gegensatz dar zur Hektik und dem Lärm der industriellen Gesellschaft. Die Zeichnung aus dem „Desert View Watchtower“ stammt vom modernen Hopi-Künstler Fred Kabotie (circa 1900 – 1986) und zeigt einen Menschen und eine Katchina-Figur.

Am Ende des Kultfilms sieht man eine Rakete in den Himmel steigen, die jedoch trudelt und in Brand gerät. In Zeitlupe zerfällt sie. Danach ist eine von den Hopi überlieferte Prophezeiung zu lesen:

„Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, laden wir das Unglück ein. Wenn der Tag der Reinigung nah ist, werden Spinnweben hin und her über den Himmel gezogen. Ein Behälter voller Asche wird vom Himmel fallen, der das Land verbrennt und die Ozeane verkocht.“
In einer Filmszene von Koyaanisqatsi schaart sich eine Menschenmenge wie wimmelnder Ameisenhaufen um die Wettschalter einer Rennbahn.
In einer Filmszene von Koyaanisqatsi schaart sich eine Menschenmenge wie wimmelnder Ameisenhaufen um die Wettschalter einer Rennbahn.

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Ulrike Prinz

Ulrike Prinz

Ulrike Prinz ist promovierte Ethnologin und Journalistin. Sie lebt in München und Barcelona.


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