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Birdwatching in Zeiten von Corona: Eulen beim Balzgesang lauschen

Der Eulenschützer Wilhelm Breuer über wunderbare Begegnungen mit den Geschöpfen der Nacht

18.03.2020
6 Minuten
Ein Steinkauz sitzt vor seiner Bruthöhle

Update: Bitte folgen Sie als VogelbeobachterIn unbedingt den Vorgaben der Behörden und den Empfehlungen auf der Webseite des Dachverbands Deutscher Avifaunisten. Wir Flugbegleiter unterstützen die Aktion #StayHomeAndWatchOut als Antwort von VogelbeobachterInnen auf die akute Gefahr.

Menschenansammlungen meiden – das ist die Devise in Zeiten der Corona-Epidemie. Deshalb haben wir nach garantiert ungefährlichen Formen des Naturerlebens in der Krise gesucht und sind fündig geworden: Wer sich nachts allein zu einsamen Orten begibt und Eulen beim Balzgesang lauscht, ist auf der sicheren Seite, was das Virus und Ansteckungsgefahren anbelangt.

Und wer könnte über die Faszination der Eulenbeobachtung besser Auskunft geben als Wilhelm Breuer, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen?

Porträtfoto von Wilhelm Breuer
Wilhelm Breuer ist Geschäftsführer der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen. Er hat auch zwei Jugendbücher zum Thema Eulen geschrieben: In „Die Uhus vom Dom“ nimmt er die jungen LeserInnen mit auf eine Zeitreise durch die Jahrhunderte und „Wo die Eule schläft“ will für das „Abenteuer Naturschutz“ werben. Bezug über EGE e.V.
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Keiner der Edgar-Wallace-Filmklassiker der 1960er Jahre kam ohne den schaurig-schönen Ruf des Waldkauzes aus


Ist noch rechtzeitig dran, wer jetzt im März Eulen bei der Frühjahrsbalz hören will? Und zu welcher Nachtzeit ist es am aussichtsreichsten?

Uhus und Waldkäuze haben bereits mit der Brut begonnen. Sie lassen aber mit Einbruch der Dunkelheit immer noch von sich hören. Diese Zeit ist günstig fürs Verhören von Schleiereule und Steinkauz. Mit Ausdauer und Glück sollten sich auch Waldohreulen bei ihren beeindruckenden Balzflügen beobachten lassen. Trockene und möglichst windschwache Nächte bieten gute Voraussetzungen.

Wenn Sie jemanden die unterschiedlichen Balzrufe unserer heimischen Eulen erklären sollten, wie würden Sie das tun?

Um den Ruf des Waldkauzes zu erklären, genügt für den, der sie kennt, der Verweis auf die Edgar-Wallace-Filmklassiker der 1960er Jahre, die nicht ohne einen Käuzchenschrei auskamen. Der Uhu macht die Erklärung leicht, und auch das Schnarchen der Schleiereule lässt sich leicht vermitteln. Inzwischen kann man sich aber dank Internet und Apps lautmalerische Anstrengungen sparen.

Ein Waldkauz döst in einer Nische in einem Backsteinbau
Waldkäuze sind bereits mitten im Brutgeschäft. Ihren kann man sie aber bei Dunkelheit immer noch.

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Begegnung auch mit Fuchs, Hase oder einem Weihbischof

Jetzt geht es ja um Abstandhalten, aber wer oder was ist Ihnen auf Eulenpirsch schon mal begegnet?

Das kommt ganz darauf an. Im Wald und auf dem Feld natürlich Fuchs und Hase, die sich gute Nacht sagen. Am Hildesheimer Dom, in dessen Umfeld ich mir wegen der dort brütenden Uhus am häufigsten die Nacht um die Ohren schlage, von Uhus begeisterte Bischöfe. Weihbischof Hans-Georg Koitz beispielsweise. Mit Anspielung auf seinen Namen versicherte er mir, er sei sehr für die Uhus – aber auch für die Käuze.

Welche Begegnungen mit Eulen sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Es ist vor allem die Erinnerung an eine Schleiereule, die viele Jahre bei uns daheim auf dem Bauernhof lebte. Sie war zuvor halbtot mit einer Schussverletzung unterm Kirchturm aufgefunden worden. Das war am Neujahrstag 1975. Der Flügel war nicht mehr zu retten, aber wir bekamen sie wieder auf die Beine und sie wuchs uns ans Herz, bevor sie in einem Artenschutzprojekt für zahlreiche Nachkommen sorgte.

Was muss man beachten, um balzende Eulen nicht zu stören?

Man sollte einfach nur lauschen und selbst still sein. Nicht umherlaufen, sondern nur Ohren und Augen offenhalten.

Eine Waldohreule sitzt vor ihrem Brutplatz, einem Elsternnest
Waldohreulen brüten in den Nestern anderer Vogelarten, hier in einem Elsternnest.


„Im Eulenschutz ist das Problem nicht der Mangel an Vorschriften.“


Nutzen Sie Lockmittel, sind diese erlaubt und wie stark stören sie die Tiere?

Wer nicht gerade aus wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Gründen Eulen kartieren muss und nur des Naturerlebnisses wegen draußen ist, sollte aufs Abspielen der Klangattrappe, auch wenn das nicht untersagt ist oder gefährlich stört, verzichten und die Eulen nicht zum Antworten nötigen. Aber Sie überschätzen meine aktuellen avifaunistische Aktivitäten. Meine Arbeit für die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen findet fast ausschließlich im Büro statt. Ein Trost: Meine Wohnung ist nur einen Steinwurf von Hannovers Stadtwald entfernt. Diesem Umstand verdanke ich Waldkäuze vor dem Schlafzimmerfenster. Im letzten Sommer gab es hier erstmals junge Waldohreulen. Beide Arten sorgen für ein Hörspiel der besondere Art. So locke die Eulen nicht ich, sondern sie locken mich.

Welche ornithologische Forschungsfragen zu Eulen finden Sie besonders spannend?

Fliegen Uhus wirklich nur niedrig, wie es mit Berufung auf Ergebnisse aus Telemetriestudien heißt? Wie erklärt sich dann aber die vergleichsweise hohe Zahl an Uhus, die an Windenergieanlagen tot aufgefunden werden? Es ist bekannt, dass Uhus hohe Bauwerke wie Hochspannungsmasten, Industriebauten und Fernmeldetürme gezielt ansteuern, von dort rufen oder dort brüten. Gerade dieses Verhalten könnte erklären, weshalb die Anzahl der an Windenergieanlagen tot aufgefundenen Uhus entgegen der Erwartung zumeist niedriger Flüge vergleichsweise hoch ist. Es stellt sich deswegen die Frage, inwieweit die Ergebnisse eines Höhenflugmonitorings beim Uhu überhaupt belastbare Schlüsse auf die Raumnutzung von Uhus nach Errichtung von Windenergieanlagen erlauben.

Was wären die wichtigsten Sofortmaßnahmen für die bedrohten Arten unter den heimischen Eulen?

Es würde genügen, die bestehenden artenschutzrechtlichen Bestimmungen anzuwenden: bei der Ausweisung neuer Baugebiete, Verkehrswege, Windparks oder bei der land- und forstwirtschaftlichen Bodennutzung. Auch im Eulenartenschutz ist das Problem nicht der Mangel an gesetzlichen Vorschriften, sondern die mangende Anwendung der bestehenden Vorschriften.

Ein Uhu blickt mit seinem Jungvogel aus dem Nest in einem Schwarzstorchhorst
Ein Uhu hat einen Schwarzstorchhorst für den Eigenbedarf gekapert.
Eulen sehen in der Dunkelheit, die ihnen nützt und die sie schützt. Darüber dürfen wir allerdings nicht übersehen: Eulen brauchen mehr als den Schutz der Dunkelheit!

Die Bestandsentwicklung welcher Eulenart macht Ihnen am meisten Sorgen – und welche am meisten Freude?

Die Veränderungen der Agrarlandschaft sind dramatisch. Das Leben macht sich buchstäblich vom Acker – europaweit. Es trifft ausgerechnet die Schleiereule, die sich wie keine andere Eulenart eng dem Menschen angeschlossen hat. Gerade im ländlichen Raum ist keine Besserung oder gar Trendumkehr in Sicht. Freude bereitet mir hingegen die Selbstverständlichkeit, mit der Uhus selbst urbane Bereiche besiedeln, in denen sich noch vor wenigen Jahren niemand einen Uhu vorzustellen vermochte. Das Beispiel zeigt einerseits, wie wenig wir nach dem Verschwinden der Uhus von ihrer Anpassungsfähigkeit ahnten und andererseits, dass Wildtiere und Mensch koexistieren können – und es in der Welt von heute nicht nur Verlierer gibt, sondern auch Gewinner.

Eine Schleiereule in tiefschwarzer Nacht.
Eine Schleiereule in tiefschwarzer Nacht. „Eulen brauchen mehr als den Schutz der Dunkelheit“, sagt Wilhelm Breuer.
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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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