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„Moral muss man sich leisten können“

Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord über die schwierige Lage des Naturschutzes im Libanon

von
12.08.2020
5 Minuten
Schreiadler Gruppe ziehend

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Die Explosionskatastrophe im Libanon hat mehr als 160 Menschen das Leben gekostet und Hunderttausende obdachlos gemacht. Die Detonation riesiger Mengen Ammoniumnitrats inmitten der Hauptstadt Beirut erschüttert aber auch die ohnehin brüchige politische Lage des Landes. Denn nur ein totales Staatsversagen als Folge von Vetternwirtschaft und Korruption macht eine solche Katastrophe überhaupt möglich. Tausende Menschen gehen seit Tagen auf die Straße, um grundlegende Veränderungen zu fordern. Stimmt alles, werden nun einige Leserinnen und Leser denken. Aber was hat das mit Natur und Vögeln zu tun, den Themen der Flugbegleiter? Einiges, Denn neben der weiteren Verschärfung der schon jetzt wegen einer Megainflation und Corona dramatischen Wirtschaftslage für viele Menschen könnte die Explosion auch für den Naturschutz weitreichende Konsequenzen haben. Und das in einem der wichtigsten Transitländer europäischer Langstreckenzieher nach Afrika. In den vergangenen Jahren haben internationale und libanesische Vogelschützer erste Fortschritte im Kampf gegen das immense Ausmaß der Verfolgung von Zugvögeln erreichen können, die nun möglicherweise in Frage stehen. Mehr dazu hier. Ein Augenzeugenbericht aus dem vergangenen Jahr hier.

Welche Folgen hat die Katastrophe für die Arbeit von Vogelschützern vor Ort? Darüber sprach Thomas Krumenacker mit Axel Hirschfeld vom Bonner Komitee gegen den Vogelmord.

Axel Hirschfeld schaut in den Himmel, ein Fernglas in der Hand haltend.
Axel Hirschfeld leitet seit vielen Jahren Vogelschutzcamps im Libanon. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern vom Komitee gegen den Vogelmord (CABS) ist es ihm gelungen, international politische Beachtung für das Thema der illegalen Verfolgung von Vögeln entlang einer der wichtigsten Zugrouten der Erde zu schaffen.


Wie geht es euren Leuten im Libanon?

Mindestens ein Dutzend Menschen aus Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind direkt betroffen. Das sind vor allem die Mitarbeiter der Gesellschaft zum Schutz der Natur im Libanon (SPNL) aus Beirut. Auch SPNL-Präsident Assad Serhal ist direkt betroffen. Seine Wohnung ist erheblich beschädigt worden und er selbst hat Schnittwunden durch herabstürzendes Glas im Gesicht erlitten. Von unserem engeren Team vor Ort ist niemand, zumindest was die direkte eigene Gesundheit betrifft, schwer betroffen. Aber natürlich haben viele auch im näheren oder weiteren Umfeld Tote zu beklagen.

Was bedeutet diese Katastrophe für das Land und eure Arbeit dort?

Der erste Gedanke, den ich hatte, als ich von der Explosion erfuhr, war: Wie ungerecht! Nicht schon wieder der Libanon! Die Menschen leiden unter Corona und unter einer verheerenden Wirtschaftskrise. Seit wir im Oktober vergangenen Jahres zuletzt dort waren, ist der Wert der Währung um 70 oder 80 Prozent gefallen. Das Geld ist nichts mehr wert. Die Leute verlieren ihre jobs und dann kommt sowas. Selbst Deutschland würde es schwerfallen, mit so etwas klarzukommen. Und jetzt ist ein Land betroffen, das sowieso am Boden liegt. Ich denke jetzt erstmal garnicht an Vögel. Das Land als solches braucht erst einmal jede Hilfe, die es kriegen kann. Wir hoffen, dass Libanon nicht allein gelassen wird, denn die schaffen es nicht alleine.


„Die Gruppe ist coronabedingt kleiner, aber wir wollen an den Brennpunkten der Vogelverfolgung präsent sein, weil wir aus Erfahrung wissen, dass allein durch unsere Anwesenheit viel weniger gejagt wird“


Der Herbstzug vieler Vogelarten steht bevor und damit ein alljährliches Massaker beispielsweise an vielen Tausend Greifvögeln, die dadurch in ihrer Existenz bedroht werden. In den letzten Jahren haben eure Vogelschutzcamps erste Fortschritte gebracht. Sind unter den gegenwärtigen Bedingungen Aktionen in diesem Jahr überhaupt denkbar?

Wir hatten vor der Explosionskatastrophe eigentlich für Anfang September geplant, mit einem Team rechtzeitig zur Hauptzugzeit vor Ort zu sein. Daran wollen wir festhalten. Die Gruppe ist coronabedingt diesmal kleiner – sechs Libanesen und vier Internationale – aber wir wollen auch in diesem Jahr an den Brennpunkten der Vogelverfolgung präsent sein, weil wir aus Erfahrung wissen, dass allein durch unsere Anwesenheit viel weniger gejagt wird.

Das steht soweit noch, die Flüge sind nicht storniert. Es wäre wichtig, dass wir auch hinkönnen, um zu sehen, ob wir auch jenseits des Vogelschutzes helfen können. Wir müssen aber jetzt abwarten und auch sehen, was unsere libanesischen Freunde sagen. Ich weiß, dass einige von ihnen in den nächsten Wochen auch andere Dinge zu tun haben als uns zu helfen. Die müssen erstmal ihre zerstörten Wohnungen wieder herrichten und in ihrem Umfeld für Ordnung sorgen. Für die hat Vogelschutz jetzt überhaupt keine Priorität, das gilt besonders für viele Ehrenamtliche. Das kann ich auch voll verstehen. Insofern müssen wir sehen, ob und unter welchen Bedingungen wir im Herbst dort arbeiten können.

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„Wenn einer wirklich nichts zu beißen hat und dann Vögel fängt um zu überleben, dann werden wir ihn natürlich auch nicht der Polizei ausliefern, das ist ganz klar. Wir werden unsere übliche Strategie in der neuen Lage auch anpassen müssen“


Natur- und Vogelschutz haben es ohnehin nicht leicht in der Region. Besteht nicht die Gefahr, dass das Thema jetzt komplett aus dem Blickfeld gerät?

Das ist natürlich immer so. Moral muss man sich leisten können. Das trifft natürlich auch auf den Vogelschutz zu. Je ärmer ein Land ist und je mehr Probleme es hat, desto schwieriger ist es auch vor Ort, Leute zu überzeugen, so etwas wie illegalen Abschuss von Vögeln nicht zu machen. Gerade auch bei Leuten, die jetzt aufgrund der Wirtschaftskrise ihre jobs verloren haben und zum Beispiel das Fleisch der Wespenbussarde jetzt wirklich zu essen brauchen. Auf der anderen Seite haben wir auch gehört, dass die Munitionspreise gerade für Schrotpatronen mittlerweile so hoch sind, dass sich das kaum noch einer leisten kann. Zumindest diese Spaßschützen, die das als Hobby und Zielübung gemacht haben, beispielsweise tausende Schwalben abzuschießen, da erwarten wir auch, dass das abnimmt. Auf der anderen Seite steigt der wirtschaftliche Druck. Und wenn einer wirklich nichts zu beißen hat und dann Vögel fängt um zu überleben, dann werden wir ihn natürlich auch nicht der Polizei ausliefern, das ist ganz klar. Wir werden unsere übliche Strategie in der neuen Lage auch anpassen müssen.

Wie kann man als NGO überhaupt mit Behörden und Regierungen in einem so instabilen Land zusammenarbeiten?

Es kann gut sein, dass die Proteste gegen die weitverbreitete Korruption jetzt nochmal befeuert werden. Und das ist ja auch richtig. Im zweiten Gedanken kommt aber natürlich auch unsere Arbeit ins Spiel. Wir brauchen natürlich ein einigermaßen funktionierendes Land, um Vogelschutz machen zu können.


Im vergangenen Herbst habt ihr ja recht positive Erfahrungen mit der damals neuen Innenministerin und dem ebenfalls neuen Umweltminister gemacht. Was ist daraus geworden?

Das ist ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, dauerhafte Strukturen aufzubauen. Schon drei Wochen nach unserem Treffen, bei dem beide Minister Unterstützung zugesagt und auch in die Wege geleitet haben, waren beide nicht mehr im Amt. Nicht, weil sie ihren job nicht gut gemacht hätten, sondern weil die ganze Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri zurückgetreten ist und die Minister ausgeswechselt wurden.

Müsst ihr also von vorne anfangen?

Unsere libanesischen Partner haben uns versichert, dass die wichtigen Leute beispielsweise bei der Umweltpolizei weiterhin auch kommen, wenn sie gerufen werden und unsere Arbeit unterstützten. Im Herbst wird es aber wohl so sein, dass die ohnehin sehr geringen Polizeiressourcen für was anderes eingesetzt werden als im Kampf gegen die illegale Vogeljagd. Da haben wir natürlich auch ein gewisses Verständnis für. Problematisch ist es dennoch.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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