Wissenschaft warnt vor Artenschwund, doch UN-Naturgipfel droht fünfte Verschiebung

In einer „Berliner Erklärung“ fordern führende Forscher die Bundesregierung zu sofortigem Handeln auf. Kontroverse um Termin und Austragung von großer UN-Umweltkonferenz

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Blick in das Archiv eines Museums mit Gläsern voller in Formaldehyd konservierten Tieren

Ein Bündnis führender Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler schlägt in der Biodiversitätskrise Alarm und fordert die Bundesregierung zu einem stärkeren Engagement für den Schutz der Biodiversität, also der natürlichen Vielfalt von Lebensformen, Arten und Ökosystemen, auf. Die Ausrichtung der dafür entscheidenden Weltnaturkonferenz gerät unterdessen zunehmend zur Groteske.

In ihrer am Donnerstag veröffentlichten „Berliner Erklärung“ fordern rund 40 Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft von der Bundesregierung unter anderem eine sofortige Verdoppelung der Mittel für die internationale Naturschutzfinanzierung und mittelfristig eine Verzehnfachung.

Eine Million Arten könnten bis 2100 aussterben

Deutschland müsse zudem seine derzeitige Präsidentschaft in der Gruppe führender Industrienationen (G7) nutzen, um die stockenden Verhandlungen für das Weltnaturabkommen voranzubringen und dafür zu sorgen, dass es zur Verabschiedung eines ausreichend ambitionierten globalen Rahmenabkommens zur Bewahrung der Natur komme, fordern die Erstunterzeichner der Erklärung. „Kein Land ist dafür besser aufgestellt, keine Aufgabe ist dringlicher“, heißt es in der von rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als Erstunterzeichnern unterstützten Erklärung unter Federführung der drei Leibniz-Naturforschungsmuseen.

In ihrem Positionspapier verweisen die Wissenschaftler auf Erkenntnisse des Weltbiodiversitätsrats IPBES und des Weltklimarates IPCC, nach denen innerhalb weniger Jahre bis zu einer Million von insgesamt geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten aussterben könnten und auf deren Warnung, dass auch zentrale Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens verfehlt werden, wenn es nicht gelinge, die anhaltende Naturzerstörung zu beenden und den globalen Umbau zu einer nachhaltigeren Lebensweise einzuleiten.

Zweite große Umweltkrise neben dem Klima

Die Lage der Natur ist dramatisch: Seit dem 16. Jahrhundert sind bereits fast 700 Wirbeltierarten ausgestorben. Nach Prognosen könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte 40 Prozent aller Insekten weltweit aussterben, warnen die Wissenschaftlerïnnen. Aktuell werden mehr als ein Viertel der auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN geführten Arten der höchsten Bedrohungskategorie Vom Aussterben bedroht zugeordnet.

Auch der Großteil der von der Staatengemeinschaft gesetzten Nachhaltigkeitsziele sei ohne eine Trendwende in der Biodiversitätskrise nicht zu erreichen, warnen die Forscherinnen und Forscher. Bereits heute seien mehr als drei Milliarden Menschen von der Verschlechterung der Ökosysteme betroffen, zitieren sie den aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarates.

„Dreißig Jahre nach dem ersten Weltnaturgipfel in Rio de Janeiro sind der Verlust der Artenvielfalt und der globale Klimawandel die größten und drängendsten Herausforderungen der Zukunft“, heißt es in dem Papier. „Nichts weniger als unsere eigene Existenz steht auf dem Spiel.“

Die „Berliner Erklärung“ sieht in der stärkeren Förderung sogenannter naturbasierter Lösungen des Klimaschutzes ein zentrales Instrument für Fortschritte sowohl im Kampf gegen das Artensterben als auch gegen die Erderwärmung. Zudem fordern die Forscher die Bundesregierung zur Unterstützung für die Ziele auf, im neuen Weltnaturabkommen den Schutz von 30 Prozent der Land- und der Meeresfläche der Erde sowie zur Renaturierung von 20 Prozent der Fläche zu verankern. Dies wird auch von Naturschutzverbänden gefordert und entspricht auch bereits den Verhandlungsposition der EU und Deutschlands.

Werben für gemeinsamen Klima- und Naturschutz

Das Konzept der naturbasierten Lösungen sieht Erhalt und Renaturierung solcher Lebensräume vor, die einerseits überlebenswichtige Refugien für viele Tiere und Pflanzen sind und andererseits große Mengen von Kohlenstoff speichern. Das sind an Land etwa alte Wälder, Moore oder Grünland und in Küsten- und Meereslebensräumen etwa Seegraswiesen oder Mangrovenwälder. Wissenschaftler gehen davon aus, dass über naturbasierte Lösungen etwa ein Drittel der Treibhausgaseinsparungen erreicht werden können, die für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels nötig sind. Dies gelte aber nur, wenn gleichzeitig sofort der Treibhausgasausstoß radikal reduziert werde.

Die Erkenntnis, dass Klima-und Biodiversitätskrise sich nur gemeinsam lösen lassen, setzt sich auch in den politischen Prozessen immer stärker durch. So hat sich der Weltklimarat in seinem gerade veröffentlichten zweiten Teil des neuen Sachstandsberichts so ausführlich wie nie zuvor mit den Wechselwirkungen von Klimawandels und dem Biodiversitätsverlust auseinandergesetzt. Dem Erhalt von Tier- und Pflanzenarten sowie der Ökosysteme misst der IPCC darin erstmals eine mitentscheidende Rolle für einen erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel zu. Der Biodiversitätsschutz wird damit in seiner Bedeutung auf Augenhöhe mit der Schlüsselmaßnahme einer radikalen und sofortigen Reduzierung des Treibhausgasausstoßes gesehen. Auch führende Vertreter beider Organisationen gehören zu den Unterzeichnern der Erklärung.

Der Entwurf für das neue Weltnaturabkommen sieht vor, über naturbasierte Beiträge etwa ein Drittel des gegenwärtigen Ausstoßes einzusparen. Auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat die Förderung naturbasierter Lösungen zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit erklärt und ein Aktionsprogramm dazu auf den Weg gebracht, das beispielsweise die Wiedervernässung von Mooren fördert.

Verschiebung des Weltnaturgipfels – zum fünften Mal?

Unterdessen liefern sich die Organisatoren des Weltnaturgipfels hinter den Kulissen eine groteske Auseinandersetzung über die Austragung der Konferenz. Der Gipfel hätte eigentlich bereits im Herbst 2020 stattfinden sollen, wurde aber bislang viermal verschoben – vor allem wegen der Corona-Pandemie. Allerdings wurden die Vertragsstaatenkonferenzen der Geschwisterabkommen zum Klimaschutz und gegen Wüstenbildung trotz Pandemie abgehalten.

Nach offiziellen Angaben soll die Konferenz nun möglichst im August oder September im chinesischen Kunming stattfinden. Daran gibt es nach Angaben von Insidern indes erneut erhebliche Zweifel.

Zunächst berichtete das gewöhnlich gut informierte französische Nachrichtenportal AEF info, die Konferenz werde möglicherweise in den Dezember verschoben und nach Kanada – den Sitz der Konvention – verlegt.

Eine Verlegung angesichts der ungelösten Corona-Krise in China war auch nach Informationen von RiffReporter den chinesischen Gastgebern bereits angeboten worden. Im Gespräch waren neben Montreal auch Genf, wo vor kurzem eine zweiwöchige Vorbereitungskonferenz stattgefunden hatte. Offenbar weigert sich die chinesische Führung aber, das prestigeträchtige Gipfeltreffen in ein anderes Land zu verlegen.

Weil das neue Abkommen eigentlich bereits unmittelbar konkrete Schritte zur Rettung der Natur ab 2020 vorsieht, ist eine andauernde Verschiebung mehr als eine Formalie: Jeder Tag ohne verbindliche Vorgaben eines Abkommens verschärft die Öko-Krise.

Wochen vor dem Gipfel-Termin ist nur eines klar: Nichts ist klar

Das Sekretariat der Konvention äußerte sich nicht offiziell zu den neuerlichen Verschiebungsplänen, kann aber auch keinen verbindlichen Termin nennen.

Es ist beispiellos für einen Gipfel mit mehr als 190 Teilnehmerstaaten, dass nur Wochen vor dem Großereignis immer noch unklar ist, ob es zu dem Treffen kommt, wann es stattfindet und wo es abgehalten wird.

Nach Informationen von RiffReporter aus Kreisen Beteiligter könnte eine Entscheidung unmittelbar bevorstehen. Danach wolle die chinesische Regierung dem Sekretariat in Kürze mitteilen, dass eine Konferenz in China noch in diesem Jahr wegen der Corona-Lage nicht möglich sei. Gleichzeitig beharre Peking aber darauf, das Treffen in China auszurichten. Dies würde die fünfte Verschiebung bedeuten.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichten wir mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert. Sie können weitere Recherchen mit einem Abonnement unterstützen.

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Thomas Krumenacker


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