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Wann, wenn nicht jetzt?

Die Corona-Krise entwickelt sich weltweit in vielen Städten als Verkehrswende-Booster. Deutschland droht diese Gelegenheit zu verpassen

13.05.2020
6 Minuten
Ein Teil einer Autostraße in Berlin wird durch Pylone abgetrennt und zu einem Radweg umgewidmet.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

In vielen Städten rund um die Welt wird aufgrund der Coronakrise im Eiltempo mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer geschaffen. Eine einmalige Gelegenheit, um mehr Menschen für alternative Mobilität jenseits des privaten PKW zu begeistern und die dringend benötigten Verkehrswende in Schwung zu bringen. Während rund um den Globus neue Fahrradspuren praktisch über Nacht entstehen, tut sich in Deutschland so gut wie nichts. Verschlafen deutsche Verwaltungen diese Gelegenheit oder ist Verkehrswende politisch nicht gewollt? Ein Kommentar von Daniela Becker

München, den 14. Mai 2020

Mit Routinen zu brechen und das Verhalten dauerhaft zu ändern ist schwierig. Für den Klimaschutz ist aber genau das notwendig, insbesondere in den Bereichen, auf die Menschen großen Einfluss haben: zum Beispiel unsere Mobilität.

Wer nichts anderes kennt, als sich mit dem Auto von zuhause zum Arbeitsplatz zu bewegen, tut sich schwer, ohne Anlass darauf zu verzichten.

Für saubere Luft und mehr Klimaschutz ist es aber dringend notwendig, dass viele Menschen in Zukunft ohne eigenes Auto mobil sind und stattdessen auf Sharing-Systeme, Fahrrad sowie Bus und Bahn umsteigen.

Die psychologische Forschung weiß sehr genau, wann Menschen besonders offen für Veränderung sind. „Gute Gelegenheiten dafür sind Lebensumbrüche – also ein Umzug, der Wechsel des Arbeitsplatzes, die Geburt von Kindern, der Eintritt in die Rente. Das sind einschneidende Situationen, in denen sich die Menschen umorientieren. Die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren, ist dann besonders groß“, sagt Mobilitätsforscherin Sophie Becker in einem Interview mit Busystreets.

Nun ist eine Pandemie keine Situation, die man sich gewünscht hätte, um Veränderung anzustoßen, aber ohne Zweifel ist die Coronakrise für viele Menschen ein einschneidendes Erlebnis.

Verkehrswende: Nie war die Gelegenheit günstiger

In wenigen Wochen haben Menschen viele neue Dinge gelernt: Abstand beim Einkaufen halten, Maske tragen, dauerhaft im Home-Office arbeiten, mit Freunden und Familie über Videokonferenzen in Kontakt bleiben. Wegen der Gefahr der Ansteckung mit dem Virus werden öffentliche Verkehrsmittel gemieden; viele lange nicht genutzte Fahrräder wurden entstaubt und aus der Garage geholt. Durch die neue Lust am Outdoor verzeichnen Fahrradhändler einen nie dagewesenen Boom.

Selten zuvor war die Gelegenheit günstiger, einer großen Menge Menschen zu zeigen, dass man Strecken unter zehn Kilometer problemlos mit dem Rad bewältigen kann und dass sich Einkäufe auch damit oder zu Fuß erledigen lassen. Wann, wenn nicht jetzt, ist ein guter Zeitpunkt, über ein Sharing-Angebot mal einen E-Roller oder E-Vespa auszuprobieren?

Es ist die Stunde der Kommunen

Die Städte haben es in der Hand. Sie können jetzt mit gezielten Angeboten insbesondere jene Menschen motivieren, die alternativen Formen der Mobilität eher kritisch gegenüber standen. Die wichtigste Maßnahme ist dabei, für Menschen, die nun zu Fuß, auf dem Rad oder mit anderen Kleinstvehikeln unterwegs sind, Platz zu schaffen, damit sie sicher ans Ziel kommen. Ohnehin sieht man ja schon häufig, dass Fußgänger auf die eher leeren Straßen ausweichen, weil auf den Gehwegen sonst eine Begegnung mit Mindestabstand überhaupt nicht mehr möglich ist.

Madrid hat daher zum Beispiel kurzerhand 29 Straßen in Fußgängerzonen umgewandelt. Jogger*innen freut das, weil viele Parks noch immer geschlossen bleiben.

Viele Städte wie Wien, Paris oder London, die bereits in den letzten Jahren engagiert an einer Verkehrswende gearbeitet hatten, beschleunigen nun diesen Prozess. Zusätzlich zu dem ohnehin vorhandenen ambitionierten Mobilitätsplan, hat zum Beispiel die Bürgermeistern von Paris, Anne Hidalgo, die Zeit der Ausgehbeschränkungen genutzt, um die Rue de Rivoli, eine mehrspurige Hauptverkehrsstraße, für Radfahrer und Roller freizugeben.

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In anderen Städten werden erstmals Straßen für den Autoverkehr gesperrt werden, um Fußgängern und Radfahrern mehr Raum zu geben. Die Liste ist inzwischen lang und reicht von Athen über Dublin bis nach Tirana.

Das Zentrum der belgischen Hauptstadt ist seit Anfang Mai offiziell eine Fußgänger- und Radfahrerzone. Fußgänger dürfen die gesamte Breite der Straßen nutzen, nicht nur die Bürgersteige. Auch Radfahrer erhalten mehr Platz. Dagegen dürfen Autos, Busse, Straßenbahnen und Lastwagen höchsten 20 Kilometer pro Stunde fahren und müssen den Vorrang von Fußgängern und Radfahrern respektieren.

Das ist nicht nur ein enormer Schritt für Bewohner der Stadt, die zuvor unter einem dauerhaften Verkehrskollaps litt. Die Umgestaltung wird auch bei vielen EU-Parlamentariern, Lobbyisten und Journalisten nicht unbemerkt bleiben, die in der Stadt leben, arbeiten oder permanent ein- und ausgehen.

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Der Bür­ger­meis­ter von Lon­don, Sadiq Khan, hat an­ge­kün­digt, Teile des Lon­do­ner Stadt­zen­trums in eine der grö­ß­ten au­to­frei­en Zonen aller Haupt­städ­te der Welt zu ver­wan­deln. Dies sei not­wen­dig, um eine physische Di­stan­zie­rung im öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr in Lon­don zu er­mög­li­chen, die zu­neh­men­de An­zahl von Fu­ß­gän­gern und Rad­fah­rern zu schützen und die Luft­qua­li­tät der Stadt zu ver­bes­sern.

Wenn nun diese Menschen, die das erste Mal seit langem oder überhaupt zum ersten Mal ohne Auto unterwegs sind, feststellen, dass Rad zu fahren nicht nur möglich ist, sondern auch noch Spaß machen kann, bestehen gute Chancen, dass sie auch langfristig auf den eigenen PKW verzichten.

Pop-Up-Bikelanes in Berlin

Während klimafreundliche Mobilität also in vielen Städten anderer Länder einen enormen Schub erfährt, lassen deutsche Städte diese Gelegenheit bislang verstreichen. Einzig in Teilen von Berlin entstehen im Eiltempo so genannte Pop-Up-Bikelanes.

Treibende Kraft ist dort Felix Weisbrich, Chef des Straßen- und Grünflächenamtes Friedrichshain-Kreuzberg, der seinen Kiez derzeit im Eiltempo umkrempelt und viel Platz für Fußgänger, Radfahrer, aber auch für Kinder zum Spielen schafft.

Wie in Wien und Paris profitiert die Verwaltung davon, dass es bereits einen schriftlich festgelegten Konsens für Maßnahmen gibt. In Berlin wurde 2018 ein Mobilitätsgesetz erlassen.

„Dass die Verkehrsinfrastruktur für Fußgänger und Radfahrer unsicher ist, gilt in der Coronakrise doppelt“, sagt er in einem Porträt im Tagesspiegel. „Zusätzlich zur Verkehrssicherheit haben wir jetzt die Eilbedürftigkeit.“

Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat deswegen „Regelpläne zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen“ aufgelegt, die teure und langwierige Ingenieursplanung durch Standardschemata ersetzen. Wo sonst Jahre ins Land ziehen, wird in Berlin innerhalb von wenigen Tagen Straßenraum umgewandelt.

Jede Verwaltung kann sofort loslegen

Temporär, so Weisbrich, bedeute in diesem Zusammenhang übrigens nicht, dass „nach Corona“ der Raum wieder an die Autos zurückgegeben wird. Vielmehr seien die neuen, breiten Radspuren aufgrund der Pandemie vorzeitig in Form einer Baustelle geschaffen. „Die feste bauliche Umsetzung folgt dann sukzessive“, sagt Weisbrich.

Die Pläne könnten sofort kommunal überall Anwendung finden. „Darüber hinaus braucht es keine weiteren Zutaten, außer politischen Willen und eine Firma, die die Abmarkierungen vornimmt“, sagt Weisbrich.

Eines von beiden scheint allerdings bislang in Deutschland wenig vorhanden.

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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


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