Baggern im Biotop

Warum renaturieren wehtut, und was es bringt

5 Minuten
Vor einer Reihe ausgerissener Wurzelstrünke von Schwarzerlen sitzt field writer Gerhard Richter an seinem Klappschreibtisch. Die Wurzeln zeigen rote Stellen, wo ihre Rinde verletzt ist.


Jeden Morgen auf dem Weg zur Kita fahren wir mit dem Lastenrad am Ufer der Dosse entlang. In den Erlen, den Weiden und oder im Schilf entdecken wir Meisen, Spechte und Eichelhäher. Sogar Rehe standen einmal auf einer Wiese und starrten uns durch den Frühnebel an. Mit meinen Kindern durch dieses kleine Biotop mitten in der Stadt zu radeln, ist wie ein Kurzurlaub.

Doch Anfang Oktober bekam ich Bauchschmerzen. Was passierte da? Laster brachten Sand, Raupen schoben ihn über eine ausgerollte Plane, Walzen drückten ihn platt. Auf dieser Baustraße schoben sich Bagger durchs Dickicht bis zum Ufer und hoben lange Eisenrohre in den Fluß. Die Rohre hatten schon seit Jahren auf der Brachwiese nebenan gelegen. Und wieder kam ein Laster und kippte Sand über die Rohre. Das Wasser der Dosse strömte nun durch die Rohre. Über den Sand rollte der Bagger auf seinen Ketten hinüber ans andere Ufer, in den unberührten Auwald hinein.

Eine Brücke in unberührte Natur

Am anderen Ufer wird die Dosse von einem schmalen Streifen Auwald begleitet. Nicht breiter als 50 Meter, und voller Leben. Von einer uralten Pappel mit einem Stamm so dick wie ein Dixie-Klo hingen angebrochene Äste. Die Astspitzen versanken modernd im weichen Boden. Ein Traum von einem Lebensraum für Insekten, Vögel und alle Arten von Bodenlebewesen. In ehrfürchtigem Abstand rund um die alte Pappel balancierten junge Schwarzerlen auf ihren Herzwurzeln im morastigen Grund.

Zwischen den Rillen der Kette eines Raupenbaggers wird lockere Auwalderde zu dichten Klumpen
Zwischen den Rillen der Kette eines Raupenbaggers wird lockere Auwalderde zu dichten Klumpen

Mehrere Gutachter haben sich die einzelnen Flussabschnitte vorher angesehen. Haben gehorcht, gespäht und Leitern an Bäume gestellt. Sie haben nach Insekten, Vögeln und Fledermäusen gesucht. Haben die Folgen dieses Eingriffs vorhergesehen und versucht zu mildern. Und dennoch: Spechte, Stare, Zilpzalpe, Kleiber, Ringeltauben, Bachstelzen, Nebelkrähen, Kohlmeisen, Gartenbaumläufer, Trauerschnäpper, Girlitze, Buchfinken, Elstern und Eichelhäher werden in diesem Frühjahr ihren gewohnten Brutbaum möglicherweise nicht wiederfinden. Langfristig werden sie vom Fluss-Umbau aber profitieren.

Verletzt man die Rinde von Schwarzerlen, färbt sich das Holz darunter rot. Mit Kettensägen fällten die Arbeiter die Schwarzerlen und zerteilten die Stämme. Die Bagger rissen die Wurzelstrünke aus der Erde und lagerten sie nebeneinander ab. Blutrot leuchteten die Bisse der Baggerschaufel. Der Streifen Auwald verwandelte sich in wenigen Tagen in ein Schlachtfeld. Die Bäume abgeholzt, der nachgiebige Waldboden aufgewühlt von Raupenketten aus Stahl.

Wer macht sowas?

Natürlich war ich wütend auf den Verursacher. Was könnte man Wertvolleres mit diesem Stück Ufer anstellen, als es der Natur zu überlassen? Wollte einer der Eigenheimbesitzer dahinter ein Ufergrundstück bebauen? Wozu diese brutale Rodung? Kein Schild gab Aufschluss. Die Arbeiten weiteten sich aus – der Weg am Ufer entlang zur Kita wurde gesperrt. Ich konnte den Anblick der verwüsteten Natur sowieso nicht mehr ertragen.

Zwei Bagger arbeiten am Ufer der Dosse und beräumen Gestrüpp. Hier sollen zugeschüttete Altarme des Flusses wieder ausgehoben werden.
Zwei Bagger arbeiten am Ufer der Dosse und räumen den Auwald für neue Altarme

Seitdem ich mich mit Boden und den dort lebenden Mikroorganismen beschäftige, schrecke ich bei jedem Eingriff, den ich sehe, innerlich zusammen. Mit tonnenschweren Baggern weichen Auwaldboden zu verdichten, bedeutet, ihn zu vernichten. Die winzigen Hohlräume, Lebensraum für Millionen von Lebewesen, werden einfach plattgedrückt. Ich bereue es manchmal, eine Ahnung von der Lebensvielfalt im Boden zu haben. Jedes Mal, wenn jemand achtlos mit Boden umgeht – und das passiert sehr häufig – bekomme ich Bauchschmerzen. Im Fall der Bagger am Dosse-Ufer hatte ich jedoch Glück und die Absicht hinter der Baumaßnahme versöhnte mich nach und nach.

Die Rücknahme einer Zerstörung

Bis in die 1960er-Jahre schlängelte sich die Dosse durchs flache Land und hielt die Flächen zu beiden Seiten feucht. Dann wurde der Flusslauf begradigt: Das Wasser floss schneller in Richtung Elbe, die Röhrichte und Feuchtweisen entlang der Dosse trockneten ab und konnten landwirtschaftlich genutzt werden. Jetzt lässt das Brandenburger Landesamt für Umwelt die Dosse renaturieren. Die Altarme werden wieder geöffnet, der Fluss in die alten Schleifen gelegt. Deshalb die Bagger. Daher die gefällten Schwarzerlen.

Die Dosse verzweigt sich in zwei neue Flussarme, Inseln sind entstehen. Der Boden ist direkt nach den Bauarbeiten noch aufgewühlt und beinahe ohne Pflanzen
Neue Altarme und Inseln in der Dosse

Mittlerweile – vier Monate nach Beginn der Arbeiten – hat sich das Gelände grundlegend verändert. Der Fluss teilt sich in Seitenarme und umfließt nun Inseln, das Wasser rauscht über aufgeschüttete Kiessohlen, und die blutig geschrammten Wurzelstrünke der Schwarzerlen werden im Flussbett versenkt – als kleinteilige Schutzräume für Fischbrut. Wieder hat der Mensch Hand angelegt an die Natur, wieder haben Planer ihre Vorstellungen mit den Kräften von Bagger und Raupen verwirklicht. Dieses Mal sind die Profiteure aber nicht Landwirte, sondern die Bauchige Windelschnecke, Kröten, Edelkrebse, die Wasserfledermaus und das Neunauge, ein kleiner Flussfisch, der nun einen Kiesgrund zum Laichen findet.

Scherben, Kabel, Plastikflaschen

Noch wirkt der Auwald wie eine offene Wunde. Die Erde liegt blank und die Spuren der groben Werkzeuge sind unübersehbar. Es ist eine Operation ohne Narkose. Und es stellt sich heraus, dass der Auwald entlang der Dosse auch keine unberührte Natur ist. Die Bagger fördern zu Tage, womit die Altarme aufgefüllt wurden. Im Aushub finden sich Müll und Bauschutt. Bunte Shampoo-Flaschen leuchten heraus, zerbrochene Glasflaschen glitzern und Elektrokabel ragen aus dem Gewirr aus Erde, Wurzeln und Steinen. Und immer wieder Fetzen von Plastikfolie.

Eine Stimmung zwischen Verwüstung und Neuanfang liegt über den abgeknickten Schilfhalmen; wir Menschen haben uns mit unserem Zivilisationsmüll für Jahrhunderte in dieses Flussbett eingeschrieben. Nun hinterlassen wir eine neue Botschaft an künftige Generationen. Die wieder geöffneten Altarme bieten diverse Uferzonen: Nischen, ruhiges Wasser, Sohlschwellen sind vielfältige Orte für Paarung und Brut. Wenn die Baumaschinen pausieren, kommen schon die ersten Enten und inspizieren die seichten Ufer. Beginnt im Frühling die Brutzeit, müssen die Bagger fertig sein. In zwei oder drei Jahren wird es hier wieder summen und zwitschern. Und zwar mehr als die fünfzig Jahre zuvor. Was bedeutet diese Zeitspanne schon auf der Uhr der Natur?

Ich kann diese Baustelle wieder mit angenehmeren Gefühlen betrachten. Jetzt weiß ich: Der Altarm heiligt den Bagger. Und trotzdem bleibt die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, echte Brachen oder versiegelte Flächen zu renaturieren, anstatt mit Baggern in ein funktionierendes Biotop einzugreifen. Charakteristisch auch für das derzeitige Wirken des Menschen auf dem Planeten ist die Selbstverständlichkeit, mit brachialer Maschinenkraft in feinste ökologische Netzwerke einzudringen. Was die belebte Erde von uns Menschen wahrnimmt, sind eiserne Baggerschaufeln.

Der gute Zustand

In naher Zukunft werden noch mehr Flussläufe in Deutschland renaturiert werden müssen. Grund dafür ist die Wasserrahmenrichlinie der EU, wonach alle Oberflächengewässer in einen „guten Zustand“ versetzt werden müssen. Bis 2015 sollte dieses nationale Vorhaben abgeschlossen sein. Bislang weisen – und das ist erschreckend – erst weniger als 10 Prozent unserer Flüsse ein weitgehend natürliches Vorkommen von Pflanzen und Fischen auf.

Ein paar enten schwimmen am neuen Ufer der Dosse entlang und prüfen die seichten Stellen. Im Vordergrund von Baumaschinen zerdrücktes Schilf
Enten erkunden den neuen Flusslauf
Eine Reihe Holzpfähle sind quer zum Fluß in das Bachbett eingeschlagen. Dahinter eine Aufschüttung aus Kies als Laichraum für Fische, zum Beispiel für Neunaugen.
Eine künstliche Sohlschwelle aus Kies als Laichraum für Neunaugen

Die Recherchen zu diesem Artikel wurden im Rahmen des Förderprogramms „Neustart“ von der VG Wort aus Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert.

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Lektorat: Ulf Buschmann

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