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„In vielerlei Hinsicht haben wir vergessen, wie sich die Welt anfühlt.“

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09.06.2021
16 Minuten
Blau schimmernde Libelle sitzt auf einem Grashalm über einem Bach.

In seinem Buch „Wasserpfade“ teilt Torsten Schäfer seine Erlebnisse auf Streifzügen durch die Landschaft an einem kleinen Fluss in Südhessen. Er möchte Menschen mit der Natur verbinden. Damit sie sie wertschätzen.

Die Modau hat ihren Ursprung im Odenwald, fließt zunächst nach Norden. Vor dem Ort Ober-Ramstadt bei Darmstadt bildet ihr Bett eine Kurve nach Westen und führt ihr Wasser durch das Hessische Ried. 44 Kilometer quellabwärts mündet die Modau bei Stockstadt in eine Altrheinschlinge, die noch mit dem großen Strom verbunden ist.

Die Modau ist der rote Faden in Torsten Schäfers Schilderungen vom Leben mit und in der Landschaft, das vom Fluss und seinem Wasser geprägt ist. Klimawandel, Verschmutzung und andere menschliche Eingriffe setzen Fluss und Landschaft zu. Dafür bemüht Torsten Schäfer keine akademischen Analysen mit nüchternen Vergleichszahlen: Er erlebt, was das bedeutet und lässt seine Leserïnnen teilhaben – ebenso wie er die Freude an den schönen Aspekten teilt.

Prototyp für kleine Flüsse

Große Ströme wie Nil, Wolga, Rhein oder Donau sind unübersehbar auf jeder Karte und in der Geschichte der Landschaften. Sie haben Kulturen und Gesellschaften geprägt und Menschen über große Entfernungen zusammengebracht – oder Menschen an gegenüberliegenden Ufern voneinander getrennt. Doch die großen Ströme stellen nur einen Bruchteil der Gewässer. In Deutschland beispielsweise sind alle Flüsse und Kanäle zusammengerechnet mehr als eine halbe Million Kilometer lang. Nur auf einem Achtzigstel der Strecke sind sie so groß, dass sie als Wasserstraßen der Berufsschifffahrt genug Platz bieten.

Torsten Schäfer geht es um die anderen, die kleinen Flüsse, „die sich dem bundesweiten Blick entziehen. Weil sie lokale Umwelten sind, die sich stark voneinander unterscheiden, gleichzeitig aber viele Erfahrungen und Probleme gemeinsam haben.“ Auch die Modau gehört zu dieser Kategorie als einer von Tausenden Flüssen in Deutschland. „Deshalb ist sie ein Prototyp, steht für ein gemeinsames Schicksal. Und für die Schönheiten, die jedem Fluss zu eigen sind.“

Porträt und Oberkörper eine Mannes vor grüner Hecke
Der Umweltjournalist und Wildnispädagoge Dr. Torsten Schäfer ist Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt. Er leitet das Projekt gruener-journalismus.de, ein Internetportal für Journalismus und Nachhaltigkeit. Im nachfolgenden Audio-Interview mit Flussreporter Rainer B. Langen gibt er u. a. Tipps, wie man Flüsse besser kennenlernen kann.

Torsten Schäfer besucht Quellen. Quellen sind Biotope. 500 Tierarten in Europa leben in und an Quellen, zitiert der Autor den Bayerischen Bund Naturschutz. Doch der Landschaftsfraß für Siedlungen, Gewerbebauten und Verkehrswege macht vor ihnen nicht halt. Viele werden zugeschüttet, planiert oder verrohrt und damit ökologisch entwertet. Dabei sind die Quellen Orte, an denen sich die Verbindung von Menschen zum Wasser in der Landschaft beobachten lässt. Ausflüglerïnnen zieht es an Wochenenden zu ihnen. In einem Darmstädter Ortsteil trifft er Brunnenputzer. Sie halten ehrenamtlich und unermüdlich alte Brunnen im Wald in Schuss. Er trifft zwei Frauen, die an einer Quelle im Wald Wasser holen, zum Trinken die eine, als ideales Nass fürs heimische Aquarium die andere.

Ökologische Verarmung im Fluss

Bei seinen Streifzügen erlebt und beschreibt der Autor alles, was zum geografischen Inventar einer Flusslandschaft gehört: Aue, Auwald, Bäume am Bachufer, die Schatten spenden und das Wasser und die Tiere darin vor zu viel Wärme der Sonne bewahren.

Der Odenwaldrand und das hessische Ried, durch das die Modau fließt, sind kein idyllisches Märchenland. Fluss und Bäche, die ihn speisen, sind nicht weniger begradigt und aufgestaut als andernorts. Tristesse, Verschmutzung und ökologische Verarmung und deren Ursachen werden ebenso intensiv beschrieben wie die schönen Erlebnisse und Beobachtungen.

„Der Fluss war auch ein guter Ort, um die ökologische Zäsur besser zu verstehen, die wir gerade erleben“, erinnert sich der Autor an seine Streifzüge.

Da ist zum Beispiel ein Damm, der die Modau in ein Rückhaltebecken des Hochwasserschutzes aufstaut. Ein kleiner See ist so entstanden, für Anwohnerïnnen und Ausflüglerïnnen bietet der Weg drumherum eine beliebte Spazierstrecke. Die Mitglieder eines Angelvereins und Modellbootfahrerïnnen gehen am See ihrem Hobby nach.

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Schlamm verstopft die Kiesbänke

Doch für den Fluss birgt der Stau große Probleme. Bachforellen, die flussaufwärts gute Laichgründe finden könnten, müssen ihre Wanderung unterhalb des Sees beenden. Das Stauwerk hält Kies aus dem Odenwald zurück. Ohne den Stau würde er Kiesbänke des Flusses auffüllen. Zwischen den Kieseln ist natürlicherweise Lebensraum für viele Kleintiere. Viele Fische brauchen Kies, den sauerstoffreiches Wasser durchströmt, damit sich ihre Eier dort gut entwickeln können. Flüsse und Bäche füllen mit ihrem Geschiebe, wie Gewässerkundlerïnnen Sand, Kies und Schotter nennen, natürlicherweise Lücken auf, lagern Uferbänke an und um, bringen Vielfalt und Lebensräume in die Landschaft. Im Stausee jedoch wird das Geschiebe aufgehalten. Es setzt sich zusammen mit viel Schlamm ab. Dieser wird ab und zu ausgebaggert. An der Modau gab es dabei 2005 einen ökologischen Unfall. Große Mengen Schlamm gelangten in das Flussbett unterhalb und verstopften die ökologisch wertvollen Zwischenräume zwischen den Kieseln. Da ist die Modau Prototyp. Es gibt kaum Bäche und kleine Flüsse in Deutschland, die nicht gestaut sind.

Trockene Trinkwasserbrunnen in der Klimakrise

Die Klimakrise können Leserïnnen an Torsten Schäfers Küchentisch miterleben, wo eine Mitschülerin seiner Tochter im Sommer 2019 erzählt, wie bei ihr zuhause beim Duschen Wasser gespart wird. In ihrem 600-Einwohner-Dorf war in der sommerlichen Trockenheit das Wasser so knapp geworden, dass Tankwagen es für die Versorgung herbeischaffen mussten. Brunnen und Quellen waren trocken und der Trinkwasser-Vorrat im Hochbehälter des Dorfes nahezu aufgebraucht. Der Autor und seine Kinder erleben die Klimakrise direkt gegenüber ihrem Haus am Waldrand: Als dort eines Tages eine alte Buche, in Stücke geschnitten, am Rand des Weges liegt. Die Trockenheit hatte sie so geschwächt, dass sie jederzeit auf den Weg stürzen und Menschen hätte verletzen oder gar erschlagen können. Und der Bauer, in dessen Hofladen der Autor einkauft, erzählt ihm, er habe für einen neuen Brunnen mehr als zwei mal tiefer bohren müssen als zuvor.

Die Klimakrise ist für viele in Deutschland noch weit weg. Oft ist zu hören, die Klimakrise komme Deutschland näher. Falsch, sagt Torsten Schäfer, sie ist schon da, und er beschreibt, wie er sie in der eigenen Landschaft „erfühlt, erläuft und riecht“.

Der Naturschriftsteller horcht, was die Natur ihm mitteilt.

Für die Klimakrise brauchte es da im trockenen Sommer 2018 keine allzu feinen Ohren:

Jetzt erzählten die Flüsse selbst die neue Geschichte, wehten die stinkenden, umgekippten Teiche sie herüber, schwiegen uns die trockenen Quellen (…) mit der Botschaft an.“

Torsten Schäfer trifft Viele, die sich um die Landschaft und das Wasser in ihr, um die Quellen, Waldbrunnen, Bäche, Flüsse, Teiche und Seen kümmern und sich sorgen. Er verbindet seine Leserïnnen auch mit diesen Personen und den Geschichten, die sie zu erzählen haben.

Doch er weiß auch, dass die Mehrheit den Flüssen und Bächen eher reserviert gegenübersteht, für die das Wasser allenfalls eine silbrige Oberfläche darstellt. Die vergessen haben, „wie sich die Welt anfühlt.“

Mögen viele von ihnen Torsten Schäfers Wasserpfade lesen, sich von seiner Begeisterung für die Natur mitreißen lassen. Dann kann das Wissen zurückkehren, wie sich die Natur anfühlt. „Ich bin mir sicher“, schreibt der Autor: „Es entsteht eine neue Verbundenheit mit der Welt, wenn an den Ufern unserer Gewässer manche Dämme und Wälle eingerissen werden und das Wilde zurückkehrt.“

gezeichneter Bachlauf zeigt Reiher mit Fisch im Schnabel, Libelle auf Grashalm am Ufer, Fisch im Wasser
Buchcover zu: Torsten Schäfer, Wasserpfade – Streifzüge an heimischen Ufern. 288 Seiten, Hardcover, ISBN 978–3–96238–226–1, 24 € (D), 24,70 € (A). Auch als E-Book erhältlich.
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Rainer B. Langen

Rainer B. Langen

Einem ganz bestimmten Fluss fühlt sich Rainer B. Langen als Rheinländer schon mal sowieso besonders nah: dem Rhein. Als freier Wissenschaftsjournalist kann er aber auch an anderen fließenden Gewässern nicht achtlos vorübergehen. Da passt es gut, dass es jetzt Flussreporter gibt.


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