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Hilfe, der Akku ist gleich leer!

Schweißflecken und dumme Sprüche: Vor zehn Jahren war die Fahrt im Elektroauto noch ein echtes Abenteuer. Ein Rückblick ins Jahr 2011.

von
02.06.2021
4 Minuten
Ein elektrischer Smart fährt durch die Fußgängerzone. Ein Kellner geht vorbei.

Hinweis: Dieser Artikel wurde 2011 erstmals veröffentlicht. Inzwischen haben sich Elektroautos deutlich verbessert.

Schwitzend klammern sich die Hände des Fahrers ums Lenkrad. Wird es die Öko-Karre noch schaffen? Oder endet die Testfahrt unfreiwillig auf der A5, mitten in der Baustelle, wo 40-Tonner den schwächelnden E-Smart hupend überholen? Nur noch zehn Kilometer bis zur ersehnten Ausfahrt! Mit jeder Sekunde rutscht die Nadel der Akku-Anzeige ein wenig mehr in den roten Bereich.

Zehn Kilometer – sie kommen mir vor wie eine Ewigkeit.

Vier Stunden vorher: Der brandneue E-Smart saust durch die Durbacher Weinberge. Aus dem Auspuff kommt – nichts. Denn er existiert gar nicht. Kein klimaschädliches CO2, noch nicht mal ein Motorgeräusch. Nur ein leichtes Quietschen, das an den Sound eines elektrischen Spielzeugautos erinnert.

Den ersten Einparkversuch hat der Zweisitzer, den es offiziell noch gar nicht zu kaufen gibt, schon hinter sich. In den chronisch verstopften Gassen rund ums Ortenau-Klinikum konnte er überzeugen: klein, wendig, geräumig. Nur die Rundumsicht könnte besser sein.

Ein kleines Elektroauto fährt über eine Landstraße. Weinberge sind zu sehen.
Der E-Smart saust durch die badischen Weinberge.

Jetzt rauscht der abgasfreie Wagen mit Höchstgeschwindigkeit – also 99 Stundenkilometer – auf der Landstraße. Auf Schloss Staufenberg nehmen Spaziergänger das Fahrzeug sofort ins Visier: »Schafft der den Berg auch wieder runter?«, spöttelt ein älterer Mann.

Ein anderer kann sich eine ironische Bemerkung nicht verkneifen: »Da steht ›öko‹ drauf, aber wo kommt der Strom denn her? Aus dem Atomkraftwerk?«

Einzig eine junge Frau zeigt wahres Interesse: »Was ist das denn für ein Modell? Kann man den schon kaufen?«

„Sie haben ein Elektroauto? Dann bekomm’ ich 20 Euro“

Natürlich schafft er es wieder den Berg runter. Dass die Batterien frühzeitig aufgeben könnten, ist für mich zu diesem Zeitpunkt undenkbar. Laut E-Werk Mittelbaden, dem Verleiher, liegt das Limit schließlich bei hundert Kilometern pro Ladung. Mindestens. Das »Tanken« beim ADAC in Offenburg ist deshalb lediglich ein Test.

»Sie haben ein Elektroauto?«, fragt die Mitarbeiterin der ADAC-Geschäftsstelle ungläubig. »Dann bekomm’ ich 20 Euro.«

20 Euro? Der elektrische Schuss soll doch kostenlos sein? »Das ist nur das Pfand«, erwidert die Dame und reicht ein dickes blaues Ladekabel über den Tresen. Tatsächlich ist es nötig, denn der mitgelieferte »Tankschlauch« passt nicht in den Anschluss. Auch sonst scheint niemand aufs Aufladen vorbereitet zu sein: Die Parkbucht vor der Zapfsäule ist besetzt, die ADAC-Mitarbeiterin muss erst wegfahren. Aber das kennt man ja von echten Tankstellen.

Ein elektrischer Smart parkt quer zwischen zwei Autos.
Was nicht passt, wird passend gemacht: Der E-Smart passt im Notfall auch quer in eine Parklücke.
Zwei analoge Anzeigen informieren über den Akku-Zustand des E-Smarts.
Noch ist der Akku gut gefüllt. Doch das wird sich schnell ändern.

13 Uhr: Ich wage einen Abstecher auf Offenburgs Cappuccino-Meile. Im allgemeinen Stimmengewirr bleibt der Öko-Smart zunächst unbemerkt. Das elektrische Surren ist so leise, dass auch niemand aus dem Weg geht. Hoffentlich läuft mir niemand vors Auto!

Dann, endlich, richten sich die Augen auf den Flitzer.

»Den hört man ja fast gar nicht«, ruft ein vollbärtiger Mann mittleren Alters, während er unbeirrt seine Pizza weitermampft. Der verwundert schauende Kellner bleibt abrupt stehen: »Soll er mal einen Tisch umfahren, dann hört man’s!«

„Finanzieren muss es der Steuerzahler“

Das große Verlangen nach Elektroautos – in Offenburg sucht man es vergeblich.

»Diese Dinger sind eine energetische Katastrophe«, belehrt mich ein älterer Mann mit Krawatte und Wildlederjacke durchs offene Fenster. »Alle drei Jahre müssen Sie sich eine neue Batterie für zehntausend Euro kaufen. Da halten ja Laptop-Akkus länger.«

Ein weiterer Herr – braungebrannt, Bier trinkend – schaut skeptisch von seinem Tisch auf: »Für so was will unsere Physikerin, Frau Merkel, also Milliarden lockermachen. Und finanzieren muss das Ganze auch noch der Steuerzahler.«

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Ein E-Smart fährt durch eine Fußgängerzone. Passantinnen laufen daran vorbei.
Hippe Fußgängerzone: Der E-Smart provoziert neugierige Blicke und dumme Sprüche.

17.30 Uhr: Auf der A5 neigt sich die Testfahrt dem Ende zu – und mit ihr der Akku. Binnen Minuten ist die Anzeige von über der Hälfte in den roten Bereich gefallen.

Mein Herz schlägt schneller: Was, wenn dem Wagen mitten in der Baustelle der Saft ausgeht? Wo soll ich jetzt bloß »tanken«? Nicht mal eine Standspur ist in Sicht. Und noch immer sind es zehn Kilometer bis zum Ziel!

Nachdem der dritte Lkw überholt hat, kommt endlich die ersehnte Ausfahrt. In Lahr, wo das E-Werk seine elektrifizierte

Flotte stationiert hat, kommt der Flitzer für die nächsten zwölf Stunden an die Steckdose. Das waren die längsten zehn Kilometer meines Lebens.

Ein elektrischer Smart fährt einen Berg hinauf. Oben schaut ein Mann über eine Schlossmauer auf den Weg.
Guck mal, was da fährt: Ein Besucher schaut vom Durbacher Schloss auf den E-Smart herab.

Der Text ist 2011 in der Mittelbadischen Presse erschienen. Die Fotos hat freundlicherweise Ulrich Marx zur Verfügung gestellt.

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


Zukunft Elektroauto

Immer mehr Menschen sind mit Elektroautos unterwegs. Dank staatlicher Subventionen, besserer Akkus und einer größeren Modellauswahl werden sie das Verkehrsgeschehen zunehmend prägen. In meinem Themenmagazin "Zukunft Elektroauto" berichte ich für Sie über aktuelle Debatten und Neuigkeiten rund um E-Mobilität. Ich stelle technische Entwicklungen und neue Autos vor und analysiere politische Entwicklungen. Im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz, Rohstoff-Knappheit und Ladesäulen-Wirrwarr ordne ich für Sie Chancen und Risiken ein, die der elektrische Wandel mit sich bringt. Mit einem Abonnement meines Magazins oder einem Riff-Abo können Sie meine Recherchen fördern. 

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