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Urlaub in Tunesien: Ja, aber

Corona ist besiegt, das Sicherheitsprotokoll strikt, die Sonne scheint: damit wirbt Tunesien um Gäste. Jetzt fehlen den Stränden und Hotels nur noch die Touristen. Am 27. Juni öffnet das Land seine Grenzen.

17.06.2020
10 Minuten
Leerer Pool des Hotel Le Sultan in Hammamet, Tunesien

„Hier kommen die Kunden an. Der Check-In verläuft elektronisch und die Magnetkarten für die Zimmer sind natürlich desinfiziert. Im Restaurant kommen Scheiben vor das Buffet und die Kellner geben das Essen aus. So können die Gäste sich auswählen, was sie essen möchten, aber es fassen nicht alle das Vorlegebesteck an.“ Noch ist das Hotel „Le Sultan“ in Hammamet fast menschenleer, doch Besitzer Mehdi Allani hat schon alles vorbereitet. Während er durchs Hotel führt erklärt er im Detail, wie er und sein Team die Sicherheit der Urlauberïnnen und der Angestellten garantieren wollen.

Abstandsregeln und Bodenmarkierungen, Mitarbeiterïnnen mit Masken und Fiebermessgeräte am Einlass: diese Saison wird eine besondere, auch für Allani, der das Hotel seit 23 Jahren führt und nach dem politischen Umbruch 2011, den Anschlägen auf Touristen 2015 und der Thomas Cook-Pleite im vergangenen Jahr nicht die erste Krise der Branche erlebt. Die große Herausforderung für ihn sei es „einerseits das Hygieneprotokoll zu respektieren und gleichzeitig zu garantieren, dass die Kunden einen angenehmen Aufenthalt haben. Das Protokoll darf sich nicht negativ auf die Qualität auswirken.“

„Wir haben Corona im Griff“

Aber kommen die Urlauber denn überhaupt? Seit Anfang Juni hat das „ Le Sultan“ für tunesische Kunden wieder geöffnet. Nur ein gutes Dutzend sind im Moment dort zu Besuch, doch das Telefon am Empfang klingelt regelmäßig. Nach und nach trudeln weitere Reservierungen ein. Theoretisch können ab dem 27. Juni auch wieder ausländische Urlauber nach Tunesien kommen. Dann öffnet das Land am Mittelmeer seine Grenzen.

Zwei Flüge aus Italien sind schon angekündigt, doch in Deutschland steht Tunesien nach wie vor auf der Liste der 160 Länder, für die eine Reisewarnung gilt, wie zum Beispiel auch Malta, wo ebenfalls noch verschärfte Einreisebestimmungen gelten. Das Robert-Koch-Institut stuft das Land allerdings nicht als Risikogebiet ein: Tunesien hat äußerst früh reagiert, um die Pandemie einzudämmen, und inzwischen das Schlimmste schon hinter sich. Es gibt derzeit nur noch weniger als hundert aktive Covid-19-Fälle bei einer Bevölkerung von rund elf Millionen. Gut 1100 waren es insgesamt, seit Anfang März der erste Erkrankte in Tunesien registriert wurde. Die überwiegende Mehrheit der noch Erkrankten sind Tunesierinnen und Tunesier, die vor kurzem repatriiert wurden und in Quarantänezentren untergebracht sind. „Wir haben Corona in den Griff gekriegt“, verkündete Nissaf Ben Alaya, Direktorin der Beobachtungsstelle für neuartige Krankheiten, letzte Woche offiziell. In einem Videospot wirbt Tunesien mit diesem Erfolg: Im beliebten Urlaubsland könne man sicher Ferien machen.

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Nachdem Deutschland die Reisewarnung bis Ende August verlängert hat, hat sich der tunesische Verband der Reisebüros (FTAV) dem Aufruf des Deutschen Reiseverbandes (DRV) angeschlossen und eine Einzelfallregelung für Länder wie Tunesien gefordert, die die Pandemie in den Griff bekommen haben. Allani glaubt eher an ein politisches Problem. „Es mangelt nicht an Informationen oder an Lobbyarbeit. Alle Entscheidungsträger wissen, wie die Situation in Tunesien ist. Aber die EU will den Binnentourismus und die europäische Wirtschaft stärken“, vermutet er. Tourismusminister Mohamed Ali Toumi zeigte sich im tunesischen Staatsfernsehen vergangene Woche optimistisch, dass mit Deutschland bald eine Individuallösung gefunden werden könne.

Urlaub ja, aber in strengem Rahmen

Allerdings werden sich ausländische Urlauber dieses Jahr in Tunesien auf Pauschalurlaub beschränken müssen – von dem das Land eigentlich wegen seiner Krisenanfälligkeit schon seit Jahren abkommen und sich stärker in Richtung Individualtourismus orientieren möchte. Wer nach Tunesien einreisen will, muss einen negativen Covid-19-Test vorweisen, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Reisende werden vom Flughafen direkt in die Hotels gebracht, die einem strikten Hygieneprotokoll unterliegen und maximal die Hälfte der Betten belegen dürfen. Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten und in Museen sind allerdings durchaus möglich, wenn auch nur in organisierter Form.

Update vom 25.Juni: Touristen, die in Deutschland leben, sind von dieser Regelung ausgenommen und können sich in Tunesien frei bewegen, denn das Land steht wie einige andere auch auf der „Grünen Liste“ des tunesischen Gesundheitsministeriums, die wöchentlich je nach der Ausbreitung der Pandemie aktualisiert wird. Für Reisende aus Ländern, die als orange eingestuft werden oder nicht gelistet sind, gelten weiterhin Quarantäneauflagen.

Damit soll verhindert werden, dass es zu einer erneuten Verbreitung des Virus in Tunesien kommt. „Die Tests werden der Bevölkerung die Angst nehmen und helfen, die Situation unter Kontrolle zu behalten“, hofft Mehdi Allani. Denn wenn es in einem Hotel zu einem Ausbruch käme, sei die Saison für jenes vorbei.

Schließen wäre günstiger

Die strikten Vorgaben haben ihren Preis. „Die Touristensaison wird dieses Jahr nicht stattfinden“, schreibt der Tunesische Hotellerieverband in einer wütenden Pressemitteilung. Die strikten Auflagen und der Zwang zum Covid-19-Test würden Touristen davon abhalten, in Tunesien Urlaub zu machen, denn in anderen Ländern des Mittelmeerraumes seien die Auflagen weniger strikt. Seit Bekanntgabe der Maßnahmen am Ende vergangener Woche seien bereits viele Stornierungen eingegangen. Bei einer Maximalbelegung von 50% der normalen Kapazität würden die Hotelbetreiber außerdem draufzahlen, statt Gewinn zu machen.

„Wir wissen, dass Tourismus wie in den Vor-Corona-Zeiten nicht möglich ist“, entgegnet Tourismusminister Toumi. Aber man wolle die Hotels nicht zwingen, geschlossen zu bleiben. Denn die Branche leidet, wie weite Teile der tunesischen Wirtschaft, massiv unter der Coronakrise. Die Einnahmen im Tourismus sind in den ersten fünf Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent zurückgegangen. Mindestens 400 000 Personen, mehr als zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung, leben in Tunesien direkt oder indirekt vom Tourismus.

Mehdi Allani hat für die neuen Corona-Auflagen 25 000 Dinar (rund 7800 Euro) ausgegeben. Das liegt allerdings nur daran, dass sein Hotel auch unabhängig von der Pandemie ein striktes, international zertifiziertes Hygienemanagement verfolgt, und somit die meisten Maßnahmen schon längst umgesetzt hatte.

Blick auf Pool und leere Liegestühle auf einer Wiese im Hotel Sultan in Hammamet, Tunesien.
Sie haben extra nachgemessen: maximal 60 Leute gleichen dürfen laut Corona-Protokoll gleichzeitig in den Pool – aber so voll sei es selbst in normalen Zeiten nicht, meint Mehdi Allani.
Kellner in einer leeren Bar im Hotel Le Sultan, Hammamet, Tunesien.
Noch hat der Kellner wenig zu tun. Bis zu 270 Urlauber*innen dürfen diesen Sommer gleichzeitig im Le Sultan unterkommen. Normalerweise sind es doppelt so viele.
Ein Mann auf einem Gerüst reinigt eine Skulptur aus bunten Keramikkugeln im Eingangsbereich des Hotels.
Der große Frühjahrsputz bevor es voll wird: Jedes Jahr nisten Schwalben in der Skulptur im Eingangsbereich. Erst wenn sie flügge sind, wird geputzt.
Ein Mann mit Gesichtsmaske steht im Hotelrestaurant.
Im Hotelrestaurant beschäftigt Hotelbesitzer Mehdi Allani wegen der strikten Corona-Auflagen diesen Sommer deutlich mehr Personal als sonst.

Teurer sind für ihn allerdings die Personalkosten. Da es keinen self service im Restaurant mehr gibt, muss er dort zusätzliches Personal bereitstellen. Im Moment kümmern sich 80 Angestellte um zwanzig Gäste. Im Hochsommer werden es rund 200 für maximal 280 Urlauberïnnen sein. „Wir machen im Moment durchschnittlich 12 000 Dinar (3750 Euro) Verlust am Tag. Es wäre günstiger, wenn wir geschlossen blieben.“

Viele Stammgäste aus Europa hätten ihn schon angerufen, um sich zu erkundigen, ob sie dieses Jahr zu Besuch kommen könnten. Gäste aus der Schweiz, deren geplanter Urlaub im Mai ins Wasser gefallen ist, haben sogar 200 Franken für die Kaffeekasse der Angestellten überwiesen, erzählt Mehdi Allani. Man merkt ihm an, dass er stolz auf den Ruf und die Kundenbindung des Hotels ist. Er setzt jetzt primär auf den tunesischen Markt und hat das Glück, dass er schon früher viele tunesische Kunden hatte. Die Coronakrise sei für sein Geschäft weniger dramatisch als die Pleite von Thomas Cook letztes Jahr, meint er. „Wir können rein über den tunesischen Markt bestehen. Aber 95% Prozent der Hotels schaffen es nicht ohne Touristen aus Europa, Russland und Algerien.“

Ein diplomatischer Balanceakt

Ein Balanceakt ist für Tunesien auch der Umgang mit den Auslandstunesierïnnen, die vor allem im Sommer anreisen, um Familie und Freunde zu besuchen und Urlaub zu machen. Mehrere Entscheidungsträger aus dem Krisenstab haben in den vergangenen Wochen die Wut vieler Auslandstunesierïnnen auf sich gezogen, unter ihnen vor allem Nissaf Ben Alaya, Direktorin der Beobachtungsstelle für neuartige Krankheiten. Sie hat sich für strikte Maßnahmen ausgesprochen haben, um das Risikio geringzuhalten. Die Auslandstunesierïnnen müssen sich, so will es das Protokoll, auch bei Vorlage eines negativen Tests nach Ankunft in eine zwei-wöchige häusliche Quarantäne begeben, die mit Hilfe einer Handy-Tracking-App überwacht werden soll. „Dann kommen wir eben diesen Sommer nicht“, kündigen daher viele auf den sozialen Netzwerken an. Sie sind sauer, dass für sie striktere Regelungen gelten als für ausländische Besucher und sprechen von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Ein weiteres politisch-diplomatisches Problem ist hingegen erstmal vom Tisch: Nachbarland Algerien behält die Grenzen zunächst geschlossen. In den letzten Jahren kamen vor allem aus dem Osten des Landes jeden Sommer zehntausende Besucher nach Tunesien. Sie haben in den Krisenjahren seit dem politischen Umbruch der Branche so manche Pleite erspart. Die hohen Fallzahlen, äußert geringe Tests und eine mutmaßlich hohe Dunkelziffer an Infektionen im Nachbarland sorgten in Tunesien jedoch für Befürchtungen, dass Reisende von dort eine neue Welle auslösen könnten. Die Grenzen zum geopolitisch so wichtigen Nachbarn jedoch geschlossen zu halten, wäre einem diplomatischen Affront gleichgekommen, der Tunesien nun erstmal erspart bleibt.

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Sarah Mersch

Sarah Mersch

Sarah Mersch berichtet als freie Korrespondentin aus Tunesien. Sie ist Mitglied von Weltreporter.net.


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