Monia Ben Jemias „Die Mittagsruhen des Großvaters“: Worte finden für ein Verbrechen

Ein Buch über Inzest sorgt in Tunesien für Aufmerksamkeit

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Monia Ben Jemia / Cover ihres Buches „Die Mittagsruhen des Großvaters“ (französisch)

„Gott war überall, außer im Zimmer des Großvaters“, dort, wo der von allen geschätzte, lebenslustige und großzügige ältere Herr Nedras „Kindheit ermordet hat“. Nedra, inzwischen eine erwachsene Frau, denkt mit Schrecken an ihre Kindheit in einem Mittelschichtshaushalt im Tunis der 1950er und 1960er Jahre zurück. Denn sie wurde regelmäßig von ihrem Großvater missbraucht. Jetzt, wo sie schwer krank ist, stellt sich die Hauptfigur von Monia Ben Jemias Novelle „Die Mittagsruhen des Großvaters“ den Schatten ihrer Vergangenheit.

Ben Jemia ist Juradozentin an der Universität Tunis und eine bekannte Figur der tunesischen Frauenbewegung. „Die Mittagsruhen des Großvaters“ ist der erste fiktionale Text der ehemaligen Vorsitzenden des Vereins Demokratischer Frauen (ATFD), der ältesten unabhängigen tunesischen Frauenorganisation – und er hat seit seiner Veröffentlichung im Februar von sich reden gemacht.

Ben Jemia spielt dabei mit den Formen, spricht von ihrer Protagonistin Nedra mal in der dritten, mal in der ersten Person. Auf dem Cover ist die Autorin als junges Mädchen abgebildet. Nedra ist Fiktion, ist die Autorin, ist eine von unzähligen Tunesierinnen, die als Kinder von Familienangehörigen missbraucht wurden.

Der Inzest hängt dabei wie eine schwarze Wolke über den scheinbar unbeschwerten Momenten der Kindheit von Nedra, über Sommertagen am Strand und Familienfesten. „Da keiner darüber spricht, existiert der Inzest auch nicht“, so Nedra, die erst als erwachsene Frau darüber nachdenkt, ob nicht ihre eigene Mutter ebenfalls vom (Groß-)Vater missbraucht wurde, die versucht, Mosaiksteinchen zu einem stimmigen Bild zusammenzusetzen und Analogien zur Autoimmunerkrankung der Mutter und der eigenen Krebserkrankung herstellt.

Monia Ben Jemia nimmt in ihrem Buch explizit auf zwei Ereignisse der letzten Jahre in Tunesien Bezug: auf Missbrauchsfälle in einer extremistischen Koranschule, die 2019 aufgedeckt wurden, und auf die Bewegung #EnaZeda, dem tunesischen Pendant zu #MeToo, die im gleichen Jahr entstanden ist, nachdem ein Parlamentsabgeordneter von einer Schülerin dabei entdeckt wurde, wie er vor einem Gymnasium masturbierte.

Monia Ben Jemia, waren es diese Ereignisse, die den Anstoß zu ihrem Buch gegeben haben?

Ich habe bereits 2015 angefangen, es zu schreiben, nachdem ich aufgehört habe, bei der Anlaufstelle für Frauen der ATFD zu arbeiten (wo Frauen psychologische und rechtliche Beratung erhalten, Anm.d.Red.). Die Tätigkeit dort hat mich zum Schreiben motiviert. Inzest und sexueller Missbrauch innerhalb der Familie waren im Beratungszentrum sehr präsent, denn viele Frauen, die wegen Fällen von Vergewaltigung, sexueller Belästigung oder auch wegen häuslicher Gewalt zu uns kamen, waren oft in der Kindheit sexuell missbraucht worden. Außerdem kamen Frauen zu uns, weil ihr Kind von einem Familienmitglied missbraucht wurde, und da wurde mir damals schon klar, wie häufig das war. 2015 habe ich dort aufgehört, denn es wurde trotz Supervision zu belastend. Aber ich wollte über das Leid all dieser Frauen schreiben, denen ich in mehr als zehn Jahren zugehört hatte.

Inzest funktioniert letztendlich wie alle anderen Formen von Gewalt. Das Opfer hat Angst. Das Opfer schämt sich. Es ist nicht der Angreifer, der sich schämt, sondern das Opfer. Es findet eine Umkehrung des Schuldgefühls statt und es wird dafür gesorgt, dass die Frauen nicht darüber sprechen. Diese Erstarrung kann bis zum Verdrängen, zur Amnesie führen.

Gleichzeitig hat mich als Juristin die Rechtsprechung interessiert. Denn viele Fälle von Inzest haben in Freisprüchen geendet. Entweder, weil das Kind so oft verhört wurde, bis es dachte, dass die Erwachsenen ihm nicht glauben und dann widerrufen hat, oder aus Angst, wenn es mit dem Täter konfrontiert wurde, oder weil die Fälle verjährt waren. Das meine ich mit der Unsichtbarmachung von Inzest. Außerdem verfolgte ich, als ich das Buch schrieb, sehr genau die Berichte in der Gruppe #EnaZeda (eine Facebook-Gruppe, wo Betroffene auch anonym über sexuelle Belästigung und Missbrauch berichten können, Anm.d.Red.). Dort habe ich gesehen, dass es in fast 90% der Berichte der Nutzerïnnen um Inzest ging.

Protest von Frauen mit Schildern auf Arabisch, Englisch und Französisch
Auch ein Jahr nach dem Beginn der Bewegung #EnaZeda sitzt der beschuldigte Abgeordnete noch im Parlament.

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Sarah Mersch


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