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Knochenarbeit in Mexiko: Zehntausende suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen

Genau vor sieben Jahren wurden in Mexiko 43 Studenten verschleppt. Weltreporter Wolf-Dieter Vogel begleitet seither immer wieder Menschen, die nach ihren verschwundene Angehörigen suchen.

23.09.2021
7 Minuten

Die Nachricht kam drei Tage nach meinem Besuch. „Stell dir vor, seitdem Du gegangen bist, haben wir zehn Körper gefunden“, schrieb mir Aracely Salcedo auf Whatsapp. Im Mai hatte ich die Mexikanerin und ihre Gruppe auf der Suche nach ihren verschwundenen Liebsten begleitet. Ihre Sätze klangen wie eine Erfolgsmeldung: Zehn weitere Leichen – nein, die Knochen, Zähne und andere sterblichen Reste von zehn Menschen – haben die Angehörigen auf einer Brache nahe der Stadt Orizaba, etwa vier Autostunden südöstlich von Mexiko-Stadt, entdeckt. Verscharrt zwischen Palmen, Kaffeesträuchern und Bananenstauden. Einmal mehr fragte ich mich: Was ist das für ein Land, in dem Menschen nach ihren verschleppten Töchtern, Söhnen, Männern oder Enkeln suchen müssen? Und warum fühlt es sich wie ein Erfolg an, wenn sie in Brunnen, Teichen oder unter der Erde verweste Körperteile finden, die von ihren so sehr vermissten Angehörigen stammen könnten?

Araceli Salcedo sucht seit neun Jahren nach ihrer Tochter Fernanda Rubi
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Über 90.000 Menschen sind in Mexiko verschwunden

Seit fast sieben Jahren begleite ich immer wieder Menschen, die Verschwundene suchen. Denn genau vor sieben Jahren, am 26. September 2014, wurden in der Stadt Iguala im südlichen Bundesstaat Guerrero 43 Studenten von Kriminellen und Polizisten verschleppt. Ein Fall, der auch international für Aufmerksamkeit sorgte und das Thema auf die politische Tagesordnung brachte.Inzwischen gelten rund 90.000 Personen in Mexiko als verschwunden, und täglich werden es mehr. Viele wurden von der Mafia entführt und gezwungen, als Drogenschmuggler, Killer oder Prostituierte zu arbeiten. Andere verschwanden, als sie sich in den Händen von Polizisten befanden. Was genau mit ihnen passiert ist, bleibt häufig unklar.

Lange Zeit haben sich die Behörden nicht um die Fälle gekümmert – nicht selten sind Beamte selbst in die Verbrechen involviert. Deshalb machen sich tausende Angehörige selbst auf die Suche. Mit Schaufeln, Eisenstangen und Macheten durchkämmen sie einsame Brachen, abgelegene Waldstücke und heruntergekommene Grundstücke.

Fundstellen: Hier könnte eine Leiche verscharrt sein

Für die Beteiligten sind die Suchgruppen zu einer zweiten Familie geworden. Das Treffen auf dem Parkplatz eines Supermarkts, die Fahrt im Kleinbus, das gemeinsame Mittagessen – vieles erinnert an Sonntagsausflüge, bei denen Kochrezepte und die neuesten Geschichten aus der Nachbarschaft ausgetauscht werden. Es erscheint zunächst verstörend, Männer und Frauen lachend zu erleben, während sie gerade etwas Unvorstellbares tun: nach den verwesten Knochen ihrer Liebsten suchen.

„Wir sind fröhlich, aber nie mehr glücklich.“

Kann ich dieses Lachen in einem Radiofeature einsetzen? Könnte man dieses heitere Zusammensein in Deutschland missverstehen? Ein wenig hilft die Antwort von Jorge Hernandez, der seit fünf Jahren seinen Sohn sucht: „Wir sind fröhlich, aber nie mehr glücklich.“

Maria Revueltas Sohn Joaquín wurde vor drei Jahren verschleppt

Für die Angehörigen ist die Suche zum einzigen Lebensinhalt geworden. Das einzige, was sie antreibt, ist zu wissen, was mit ihren Kinder oder Partnern geschehen ist. Und die Hoffnung, sie würdig beerdigen zu können. Auch deshalb erscheint die Nachricht von Araceli Salcedo wie eine Erfolgsmeldung. Seit ihre Tochter 2012 verschleppt wurde, macht die 48-Jährige nichts anderes, als Fernanda Rubí zu suchen. Mittlerweile ist sie wie viele der Angehörigen schwer krank. Sie hat Krebs, sagt sie mir beiläufig am Ende eines Interviews. Trotzdem ist sie jeden Tag, an dem es ihr möglich ist, mit der Gruppe an den Orten des Grauens unterwegs.

Die Technik mit der Eisenstange

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Der Geruch nach Verwestem

Auch María Revuelta hat körperliche Probleme. Die 64-Jährige habe ich kennengelernt, als ich eine Gruppe nahe der Erdölstadt Coatzacoalcos im Südosten Mexikos begleitete. Mit beeindruckender Energie schlug sie eine Eisenstange in den Boden. Dann zog sie sie wieder heraus und roch an der Spitze. Eine makabre Technik: Stinkt die Spitze nach Verwestem, weist das darauf hin, dass hier eine Leiche liegt. Alle Angehörigen kennen diesen Gestank ganz genau.

Für mich ist die Stange zum Sinnbild einer Verzweiflung und Hoffnung geworden, wie sie mit Worten kaum zu beschreiben sind. Selbst wenn wenig dafürspricht, hoffen fast alle Eltern oder Geschwister Verschwundener darauf, dass ihre Liebsten doch noch lebend auftauchen. Genau deshalb hat Maria Contreras Angst, bei ihrer Suche erfolgreich zu sein: „Wenn du den Körper findest, gibt es keine Hoffnung mehr, dass er noch lebt.“

„Wenn du den Körper findest, gibt es keine Hoffnung mehr, dass er noch lebt.“

Und doch geht es genau darum: Werden die Angehörigen fündig, übernimmt die Staatsanwaltschaft. Forensiker der Behörde bringen die sterblichen Reste in rechtsmedizinische Institute, in denen mittlerweile Knochen, Fingernägel und Zähne von Zehntausenden unbekannt Verstorbenen lagern. Dort sollen sie identifiziert werden, doch die Einrichtungen sind völlig überlastet.

Lehrerseminar Ayotzinapa: Eltern gedenken an ihre verschwundenen Söhne

Auf der Suche nach den Studenten

Kurz nachdem die 43 Studenten des Ayotzinapa-Lehrerseminars in Guerrero – rund 200 Kilometer südlich von Mexiko-Stadt – verschwunden waren, saß ich mit mexikanischen Anwälten in den Räumen eines Menschenrechtszentrums. Wir verglichen Listen, Fotos und Zeugenaussagen, die uns bestätigten, dass bei dem Verbrechen illegal gelieferte G-36-Gewehre der Rüstungsfirma Heckler & Koch eingesetzt worden waren. In diesem Moment erfuhr ich von den Suchtrupps. Wenige Tage später begleitete ich eine Handvoll Angehöriger durch das vertrocknete Gestrüpp der kargen Berge Guerreros.

Es war eines der ersten Male, dass sich Angehörige zur Suche entschlossen: kaum ausgerüstet, schutzlos, allein auf sich gestellt. Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass dieses Grüppchen verzweifelter Menschen in dieser unendlichen Weite fündig werden, war mir unsicher, wie es sich anfühlen wird, wenn sie auf Leichen stoßen sollten. Vielleicht war es auch einfach Angst. Als die beiden unterstützenden Forensiker dann tatsächlich Knochen ausgruben und sorgsam in Tüten verpackten, hatte alles etwas erschreckend Normales. Etwas Professionelles. Knochenarbeit.

Mit den Angehörigen und Kameramann Walter Harrich in den Bergen von Guerrero

Die Polizisten, die uns damals begleiteten, waren in dem einsamen Gelände eine ständige Bedrohung. Jeder wusste, dass viele Beamte mit den Kriminellen zusammenarbeiten. Wer versuchte, das Verschwinden seines Sohnes oder seiner Tochter anzuzeigen, musste damit rechnen, von Polizisten oder Kriminellen terrorisiert zu werden. Im Fall der Ayotzinapa-Studenten waren alle staatlichen Vertreter bemüht, die Hintergründe zu vertuschen: lokale Beamte, das örtlich stationierte Militär, die Generalstaatsanwaltschaft und die Regierung. Warum, ist bis heute nicht geklärt – ebenso wenig, was mit den jungen Männern passiert ist. Das verwundert nicht: Die meisten Menschenrechtsverletzungen in Mexiko werden nicht ernsthaft juristisch verfolgt.

„Lass uns weiter für die Verschwundenen kämpfen“

Dennoch hat sich viel getan. Angesichts des unermüdlichen Einsatzes bewundernswerter Menschen wie María Revuelta, Araceli Salcedo und den Eltern der 43 Studenten kommt die Regierung nicht mehr umhin, das Thema ernst zu nehmen. Forensische Experten, Nationalgardisten und Spezialstaatsanwaltschaften begleiten mittlerweile die Angehörigen bei ihrer Suche. Nach dem Verbrechen von Iguala hat die deutsche Regierung ein forensisches Projekt ins Leben gerufen. Experten helfen bei der Identifizierung von Knochen und anderen sterblichen Resten. Nicht zuletzt haben auch deutsche Strafverfolger ein Zeichen gesetzt: Das Stuttgarter Landgericht verurteilte die Waffenschmiede Heckler & Koch wegen der Lieferung der Sturmgewehre zu Haft- und Geldstrafen.

Es sind die kleinen Erfolge, die auch mich immer wieder antreiben, die Angehörigen zu begleiten. Und natürlich die beeindruckende Energie, mit der sie ihren hoffnungslos erscheinenden Kampf täglich fortsetzen. Jedes einzelne Gespräch, das ich mit ihnen hatte, müsste veröffentlicht werden – eine Aufgabe, die ich mir immer wieder vornehme. Wie es ihr geht, will ich von Araceli Salcedo wissen, nachdem wir uns fünf Monate nicht gesehen haben. Sie müsse gerade wegen des Tumors ständig ins Krankenhaus, schreibt sie, „aber lass uns weiter für die Verschwundenen kämpfen.“

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Wolf-Dieter Vogel

Wolf-Dieter Vogel

Wolf-Dieter Vogel lebt in Mexiko. Er arbeitet für deutschsprachige Printmedien, den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und das mexikanische Journalistennetzwerk „Periodistas de a Pie“


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Faktencheck: Wolf-Dieter Vogel
Illustration: Wolf-Dieter Vogel
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