Zum Artikel springen
  1. RiffReporter /
  2. International /
  3. Restitution und gefährliche Hexenmythen: Kenia-Schwerpunkt des Freiburger Filmforums

Restitution und gefährliche Hexenmythen: Kenia-Schwerpunkt des Freiburger Filmforums

Die Dokumentarfilme „If Objects Could Speak“ und „The Letter“ eröffnen spannende Diskussionen

22.05.2021
13 Minuten
Der Eingangsbereich des Nairobi National Museum

Restitution von Kulturgütern aus der Kolonialzeit, verschwörerische Hexenmythen, der gesellschaftliche Umgang mit alten Menschen, aber auch die Probleme und Herausforderungen junger Menschen – das Freiburger Filmforum – Festival of Transcultural Cinema beschäftigte sich in seinem Schwerpunktprogramm „#Junction_Nairobi“ am 15. und 16. Mai 2021 mit gesellschaftlich relevanten Debatten. Gezeigt wurde unter anderem der Dokumentarfilm „The Letter“, Kenias letztjährige Einreichung zu den Oscars. Mit „If Objects Could Speak“ feierte ein kenianisch-deutscher Dokumentarfilm Premiere, der sich dem Thema Restitution kolonialer Museumsobjekte widmet. Die große Stärke des Kenia-Schwerpunkts des Freiburger Filmforums lag in der Kombination der Screenings mit auf die Filme folgenden Gesprächsforen. Querverbindungen zwischen den Filmen wurden aufgegriffen und Debatten fortgeführt.

Lange hatten die Festival-Macherïnnen gehofft, in digital verbundenen Präsenzveranstaltungen in Freiburg und Nairobi zu ihrem Schwerpunktprogramm „Junction Nairobi“ einladen zu können, so Carsten Stark, der Kurator dieses Programms. Stark ist Ethnologe und Museologe, er forscht in Nairobi unter anderem zu Restitution.

Pandemiebedingt wurde es eine komplette Online-Veranstaltung – vielleicht sogar eine Stärke für diese Form eines kenianisch-deutschen Filmfestivals. Zoom kann demokratisierend wirken, der Zugang wird erleichtert, die Gespräche erhalten Nähe und Intensität. An den Gesprächen beteiligten sich Besucherïnnen aus Kenia und Deutschland, aber auch beispielsweise aus Tansania. Moderiert wurde aus Nairobi und Freiburg von einem kenianisch-deutschen Team.

Drei Filme, darunter zwei Premieren, und ausgehend davon geführte Debatten werden in dieser Rezension des Schwerpunktprogramms besprochen: If Objects Could Speak (Premiere), The Letter und Tales of The Accidental City (Premiere).

If Objects Could Speak – ein Film über Restitution von Objekten aus der Kolonialzeit

Zwei junge Filmemacherïnnen, Elena Schilling aus Deutschland und Saitabao Kaiyare aus Kenia trafen sich 2018 an der Filmakademie Baden-Württemberg. Der Beginn einer im wörtlichen Sinn Reise. In ihrem Dokumentarfilm „If Objects Could Speak“ thematisieren sie die Problematik der Sammlungen ethnologischer Museen. Sandra Ferracuti, die damalige Leiterin der Afrikaabteilung im Linden-Museum Stuttgart, gewährte den beiden Filmschaffenden Zugang zu den Lagerräumen, wenn auch für diesen Teil des Museums ohne Kamera.

Überwältigt von der schieren Menge an Objekten, die in den Lagern des Linden-Museums aufbewahrt werden, davon rund 500 von unterschiedlichen ethnischen Gruppen Kenias, kam es Saitabao Kaiyare so vor, als könnten die Objekte mit ihm kommunizieren, als versuchten sie ihm etwas zu sagen. Er fragte sich: „If the objects could speak? What would they say?” Was, wenn die Objekte sprechen könnten? Was würden sie sagen?

Gemeinsam mit Sandra Ferracuti suchten die beiden Filmemacherïnnen ein Objekt aus, einen besonders geschnitzten hölzernen Stab. Hiervon erstellten sie 3D-Scans, um den Menschen in Kenia das Objekt zu zeigen. Das Museumsobjekt wird der ethnischen Gruppe der Kikuyu zugeordnet, der auch Saitabao Kaiyare angehört. Gemeinsam mit Elena Schilling will er herausfinden, was die Menschen in Kenia über dieses Objekt wissen. Die Reise beginnt.

Empfohlener Redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von [Vimeo], der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Wir können leider nicht beeinflussen, welche Cookies durch Inhalte Dritter gesetzt werden und welche Daten von Ihnen erfasst werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

In den Straßen Nairobis sind die jungen Leute sehr interessiert. Doch was dieser hölzerne Stab sein könnte, wissen sie nicht. Im Nairobi National Museum konnten die Filmemacherïnnen keine Aufnahmen machen. Bei der auf das Filmscreening folgenden Diskussionsrunde beim Freiburger Filmforum nahm jedoch George Juma Ondeng‘ von den National Museums of Kenya teil, der Projektleiter des deutsch-kenianischen International Inventories Program. Von Moderator Carsten Stark darauf angesprochen, ob Geduld eine der Voraussetzungen sei, um seinen Job auszuüben, antwortet er: „In dieser Arbeit, die wir machen, da ist Geduld essentiell, nicht, weil die Kollegïnnen schwierig seien, sondern weil Institutionen Bürokratien haben“. Es habe auch auf kenianischer Seite lange gedauert, bis von Seiten der National Museums Kenia die Entscheidung getroffen worden sei, Restitutionen anzustreben.

Überhaupt war die von Carsten Stark moderierte Diskussionsrunde spannend besetzt. Neben den beiden Filmschaffenden und den Museumsexpertïnnen Sandra Ferracuti und George Juma Ondeng‘ war mit Haye Makorani-a-Mungase VII, König der Pokomo und Hüter der heiligen Trommel Ngai, eine gewichtige Stimme der Herkunfts-Communities vertreten. Sein Fazit: Es sei gut, dass man auf einem Weg von Dialog, Geduld und Beharrlichkeit sei.

Für ihren Film reisten Elena Schilling und Saitabao Kaiyare in Dörfer von „Kikuyu-Land“, der traditionellen Heimat dieser ethnischen Gruppe in Kenia. Dort fanden sie schließlich einige alte Menschen, die sich noch erinnern konnten und von der Praxis berichteten, für die dieses hölzerne Objekt genutzt wurde.

Das Rätsel des Objekts ist gelöst. Doch das Problem der Objekte in den kolonialen Sammlungen noch lange nicht. Mit seinen 31 dichten Minuten könnte „If Objects Could Speak“, ein authentisch und empathisch erzählter Film, wichtige Diskussionen eröffnen. Die Premiere beim Freiburger Filmforum – gleichzeitig in Deutschland und Kenia – sei erst der Anfang gewesen, hoffen die Filmschaffenden. Geplant gewesen sei beispielsweise ein Screening im Linden-Museum. Sie hoffen, dieses nachholen zu können, sobald dies pandemiebedingt wieder möglich sei.

Dass die begriffliche Debatte um das Wort „Objekt“ im Film nicht thematisiert wird, gerade bei einem Film mit „Objects“ im Titel, mag eine der wenigen Schwächen des Filmes sein. Gleichzeitig funktioniert er geradezu als Lehrstück um zu zeigen, weshalb die in den Kellern deutscher Museen gelagerten Kulturgüter so viel mehr als nur irgendwelche Gegenstände sind. Elena Schilling spricht im Film von der „Seele“ der Objekte und Saitabao Kaiyare führt das im Filmgespräch aus: „Ich weiß, dass ich ein rationaler Mensch bin, aber an so einem Ort, im Keller des Museums, wo es tausende von Objekten gibt, da konnte ich die Objekte sprechen hören. Ich hörte, dass sie versuchen zu sprechen. Es fühlte sich an, als seien ihre Seelen gefangen.“ Das sei der Ausgangspunkt für sie gewesen, sich auf die Suche nach den mit dem Objekt verbundenen Geschichten zu machen.

Am Ende ihrer Reise waren es die alten Menschen in den Dörfern, die ihnen von der Praxis erzählen konnten, für die der Gegenstand genutzt wurde. Wie altes Wissen bewahrt werden kann, ist eines der Themen, die mehrere Veranstaltungen von #Junction_Nairobi verbunden haben. Beispielsweise auch in dem VR-unterstützten Performance-Gespräch Sigana – Exploring African Orature in the Digital Age. Tipp: Die Aufzeichnung, wie auch von anderen Film- und Panelgesprächen, ist über die Website des Freiburger Filmforums abrufbar.

The Letter – ein Film über gefährliche Hexenmythen und den gesellschaftlichen Umgang mit alten Menschen

Während alte Menschen und ihr Wissen in Kenia traditionell sehr geschätzt werden, so gibt es auch das krasse Gegenteil. Der Dokumentarfilm The Letter, Kenias letztjährige Einreichung zu den Oscars, erzählt die Geschichte einer Familie, deren Großmutter als Hexe bezichtigt wird – das bedeutet akute Lebensgefahr für die alte Frau. Zehn bis fünfzehn ältere Menschen würden pro Monat in Kenia ermordet, berichtet Judy Kibinge in einer Gesprächsrunde über Dokumentarfilme. Kibinge ist die Gründerin von Docubox, einer kenianischen Organisation, die unabhängige ostafrikanische Filmemacherïnnen unterstützt. Auch Christopher King und Maia Lekow erhielten für The Letter Förderung von Docubox. King ist Australier, er lebt und arbeitet seit 13 Jahren in Kenia. Seine Ehefrau Lekow ist Kenianerin. Er war der Kameramann, sie für den Ton verantwortlich. Regie haben sie gemeinsam geführt.

Gemeinsam begleiten sie Karisa Kamango, einen jungen Mann, der in Mombasa lebt, ins Dorf zu seiner 95-jährigen Großmutter. Zuvor hatte er in einer Facebook-Gruppe gelesen, wie sein eigener Cousin die Großmutter für den Tod von Kindern im Dorf verantwortlich macht.

Empfohlener Redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von [Vimeo], der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Wir können leider nicht beeinflussen, welche Cookies durch Inhalte Dritter gesetzt werden und welche Daten von Ihnen erfasst werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Kostenfreien Newsletter bestellen

Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge dieses Magazins informiert werden? Dann bestellen Sie hier unseren kostenlosen Newsletter.

Der beobachtende Dokumentarfilm der Filmemacherïnnen Christopher King und Maia Lekow überzeugt mit langen, ruhigen Einstellungen, intensiven Gespräche und einem stimmungsvollen traurig-schönen Soundtrack. Die Musik ist von Maia Lekow und Khen Mhyr. Die Co-Produzentin fungierte auch als Sängerin. Wenn im zweiten Teil des Films ihre Stimme erklingt, während die als Hexe bezichtigte Großmutter resigniert ihrer mühsamen Feldarbeit nachgeht, fühlt es sich an als stünde die Welt still. Dabei tobt um die alte Frau ein Drama, sie ist in höchster Lebensgefahr.

Letztlich wird die Situation durch ein dubioses Cleansing, eine Art Teufelsaustreibung durch Gebete eines geschäftstüchtigen sogenannten Priesters, geklärt. Der sogenannte Priester sieht sich als christlicher Priester. Unübersehbar sind auch hier die Zusammenhänge mit Kolonialismus.

Für Judy Kibinge zeigt das Familiendrama The Letter, wie es in Kenia um Landrechte steht, was Arbeitslosigkeit bewirke und wie Hexenmythen Familien spalten können. Maia Lekow nennt in der Filmbesprechung einen Hauptgrund: Ein boomendes Geschäftsmodell stecke hinter den Hexenmythen.

Wenn Mythen auf kriminelle Geschäftemacher treffen – das ist ein weltweites Thema. Spätestens seit der Corona-Pandemie und dem Aufkommen von Verschwörungsmythen darüber wissen auch die europäischen Zuschauerïnnen, dass es nicht nur weit weg in Ostafrika, sondern auch in Deutschland Geschäftemacherïnnen gibt, die aus Falschinformationen Profit schlagen.

Chris King und Maia Lekow geht es noch um eine weitere Botschaft. Auf Twitter haben sie an den Filmtitel ein „#WatunzeWazee“ angefügt, die Aufforderung sich um die Alten zu kümmern – und zwar überall auf der Welt, wie King betont. Es gehe darum, wie wir als Gesellschaft mit den Alten umgehen. Auch in seiner Heimat Australien ein Thema, wo alte Menschen in Altersheime abgeschoben werden würden.

Der Film Tales of the Accidental City

Gesellschaftskritische Themen bildeten den Schwerpunkt von #Junction_Nairobi des Freiburger Filmforums. Doch gab es keineswegs nur Dokumentarfilme, sondern sogar einen Film im Zoom-Format! Humorvoll wurde den Besucherïnnen des online abgehaltenen Filmforums beim Anschauen des Experimentalfilms Tales of the Accidental City ein Spiegel vorgehalten. Ausgehend von Short Stories über fiktive Figuren aus Nairobi, inszenierte Maïmouna Jallow eine Aggressionsmanagement-Gruppe, die sich, pandemiebedingt, per Zoom trifft. Ihr Film feierte beim Freiburger Filmforum seine Premiere.

Empfohlener Redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von [YouTube], der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Wir können leider nicht beeinflussen, welche Cookies durch Inhalte Dritter gesetzt werden und welche Daten von Ihnen erfasst werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Für Kurator Carsten Stark bieten die Figuren eine treffende Milieustudie der Stadt Nairobi: Postkoloniale privilegierte Oberschicht, selbstbewusste Mittelschicht, Unterschicht und verlorene Jugendliche. (Ein weiterer Filmtipp hierzu: Der ebenfalls im Schwerpunktprogramm gezeigte Film Coachez befasst sich mit dem Anwerben Jugendlicher durch terroristische Gruppen.)

Doch auch wenn es in Tales of the Accidental City um Geschichten aus Nairobi ging, um gesellschaftliche Probleme und persönliche Dramen, so konnten sich vermutlich alle Zuschauerïnnen in dem Film wiederfinden: Die Komik mancher Zoom-Situationen, das Kommentieren per Chat, die Ablenkung durchs Handy und Social Media – das sind verbindende Elemente über Kontinente hinweg.

Verbindendes über Kontinente hinweg

Das Verbindende zu zeigen, so könnte auch das Fazit lauten nach zwei Tagen Kenia-Schwerpunktprogramm beim Freiburger Filmforum – Festival of Transcultural Cinema. Carsten Stark und sein Team haben für #Junction_Nairobi nicht nur beeindruckende Filme ausgewählt, sondern auch ein Begleitprogramm erstellt, in dem die Fäden der einzelnen Gesprächsrunden in anderen aufgenommen und weitergesponnen wurden.

Unterstützen Sie „Pause“ mit einer einmaligen Zahlung. Oder lesen und fördern Sie alle Themenmagazine mit einem RiffReporter-Abo.
Ramona Seitz

Ramona Seitz

Ramona Seitz ist freie Journalistin. Tiefgründige Recherchen, teils über Jahre („Slow Journalism“) und deren kreative Umsetzung faszinieren sie. Aktuell arbeitet sie u.a. an einem Multimedia-Projekt über Verschwörungsmythen am Beispiel der Situation von Persons with Albinism in Tansania und an einem Comics-Journalismus-Projekt zu kolonialem Erbe. Auf ihren Reisen in v.a. Ostafrika recherchiert sie auch zu Gesundheitsthemen, u.a. Bilharziose, HIV oder Malaria, insbesondere in der Region am Viktoriasee. Außerdem beschäftigt sie sich mit Themen wie Achtsamkeit, Meditationen und Yoga.


Pause

Seit einigen Jahren liegt mein Fokus auf (Ost-)afrika, insbesondere Tansania. Tiefgründige Recherchen, teils über Jahre ("Slow Journalism") und deren kreative Umsetzung faszinieren mich. Aktuell arbeite ich an einem Multimedia-Projekt über Albinismus in Tansania und einem Comics-Journalismus-Projekt zu kolonialem Erbe. Seit Jahren recherchiere ich auf meinen Reisen auch zu Gesundheitsthemen, u.a. Bilharziose, HIV oder Malaria, insbesondere in der Region am Viktoriasee.

Außerdem beschäftige ich mich mit Themen wie Achtsamkeit, Meditationen und Yoga.

Den Titel "Pause" habe ich übrigens gewählt, weil ich pausieren wie das englische Verb "to pause" verstehe: als aktive Aufforderung, innezuhalten. Innezuhalten, Abstand zu gewinnen und offen zu bleiben für neue Perspektiven.

Viele interessante Momente bei der Lektüre meiner Beiträge wünsche ich Ihnen!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Ramona Seitz

Kaiser-Joseph-Straße 254
79098 Freiburg im Breisgau

www: https://www.ramonaseitz.de

E-Mail: rs@ramonaseitz.de

Tel: +49 761 55724944

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Carmela Thiele
Fotografie: Ramona Seitz
Übersetzung: Ramona Seitz
VGWort Pixel