Von Jakarta in den Regenwald: Warum Indonesien eine neue Hauptstadt auf der Insel Borneo bauen will

Übervölkerung, Verkehrskollaps und Dauerüberschwemmung – es gibt gute Gründe für einen Umzug der indonesischen Hauptstadt. Über das Wann, Wie und Wo sind sich Politik, Wirtschaft und Umweltschützer jedoch uneinig.

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Blick auf die Skyline der indonesischen Hauptstadt Jakarta im Smog

Gleich nach seiner Wiederwahl 2019 verkündete der indonesische Präsident Joko Widodo, dass er die Landesregierung aus dem übervölkerten Jakarta in die dünn besiedelte Provinz Ostkalimantan auf der Urwaldinsel Borneo verlegen wolle. Jakarta solle allerdings weiterhin das Finanz- und Wirtschaftszentrum Indonesiens bleiben. Die Idee ist nicht ganz neu: Schon der Republikgründer und erste Präsident Soekarno träumte von einer Hauptstadt auf Borneo. Doch über vage Pläne kamen auch seine Nachfolger nie hinaus. Nun stimmte am 18. Januar das indonesische Parlament dem Umzug der Regierung zu. Bereits im August 2024 sollen die ersten Ministerien aus Jakarta nach Nusantara (zu Deutsch: Archipel) umziehen – so der offizielle Name der neuen Hauptstadt. Bis 2025 wird laut Plan die ganze Stadt auf einer Fläche von 256.000 Hektar hochgezogen sein, mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 1,5 Millionen. Die Kosten des Mega-Projekts sollen rund 35 Milliarden Dollar betragen.

Auch andere Staaten haben ihre Hauptstädte bereits am Reißbrett entworfen – zum Beispiel Australien, Brasilien oder Myanmar. Die augenscheinliche Eile, mit der Widodo seinen Plan vorantreibt, sowie der Zeitpunkt des Megaprojekts inmitten der coronabedingten Wirtschaftskrise lassen allerdings nicht nur oppositionelle Politiker den Kopf schütteln. Ganz offensichtlich will der amtierende Präsident als Gründer der neuen Kapitale in die Geschichtsbücher eingehen, bevor er Ende 2024 nach seiner zweiten Regierungsperiode aus dem Amt scheiden muss.

Warum braucht Indonesien eine neue Hauptstadt?

In der Tat gibt es viele gute Gründe, Jakarta zu entlasten. Mehr als die Hälfte der rund 270 Millionen Indonesier lebt heute auf der Hauptinsel Java, die nur etwa zweimal so groß ist wie die Niederlande. Fast 60 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes werden hier erbracht. Im indonesischen Teil von Borneo, immerhin so groß wie Frankreich, leben dagegen weniger als zehn Millionen Menschen. Von einem Hauptstadtumzug in die geografische Mitte des Staats aus 17.000 Inseln sollen auch die anliegenden Provinzen profitieren – in der Hoffnung, dass sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Gefälle verringert.

Vor allem aber soll die angespannte Lage im überbevölkerten Jakarta entzerrt werden: Mehr als 30 Millionen Menschen leben im Großraum um die Metropole, drei Millionen pendeln täglich aus den Vorstädten ins Zentrum, fast alle mit dem Auto oder Moped. Es sei ein guter Tag, wenn sie die 30 Kilometer von ihrem Haus zu ihrer Arbeit in zwei Stunden schaffe, erzählt die Personalmanagerin Meilina Sari. Ihr Auto ist ausgestattet mit Schlafkissen, Hygieneset und einem Minikühlschrank. Eine funktionierende Nahverkehrsanbindung gibt es nur auf wenigen Strecken, die dann wiederum völlig überlastet sind.

Drei Personen waten zu einer Moschee, die halb versunken  im Meer liegt. Dahinter ist die riesige Schutzmauer zu sehen, die Jakarta vor den steigenden Fluten schützen soll.
Eine Moschee liegt halb versunken im Meer vor der riesigen Schutzmauer, die Jakarta vor den steigenden Fluten schützen soll.
Digitaler Entwurf des neuen Präsidentenpalastes, der sich an der Form des indonesischen Wappenvogels Garuda orientiert
Den Plan für den neuen Präsidentenpalast hat der balinesische Künstler Nyoman Nuarta entworfen – angelehnt an die Form des indonesischen Wappenvogels Garuda

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