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Verlassenes Paradies: Seit Corona kommen kaum Touristen nach Bali

Seit Indonesien die Grenzen wegen der Pandemie geschlossen hat, steht der Tourismus auf Bali still. Trotz Wiedereröffnung im September kamen 2021 offiziell nur 45 Besucher aus dem Ausland. Für viele Einwohner bedeutet das den Ruin. Doch einige sehen die Krise als Chance.

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Leere Holzliegen mit Sonnenschirmen aus Schilf auf einem weißen Sandstrand der Party-Insel Gili Trawangan bei Bali

Sandstrände voller Palmen, Korallenriffe in kristallklarer See, saftig grüne Reisterrassen, wilde Vulkanlandschaften. Dazu eine einzigartige Kultur, in der jahrhundertealte Hindu-Traditionen neben modernstem Lifestyle existieren: Nur wenige Flecken der Erde üben so viel Anziehungskraft auf Besucherïnnen aus aller Welt aus wie Bali, die „Insel der Götter“. 6,2 Millionen internationale Touristïnnen kamen 2019 auf die indonesische Ferieninsel, die in etwa so groß ist wie Mallorca, die meisten aus China und Australien. Im ersten Corona-Jahr 2020 flogen dann immerhin noch etwas mehr als eine Million ein, ehe Indonesien Mitte März die Grenzen für ausländische Gäste geschlossen hat.

Seit Mitte September 2021 endlich dürfen Besucherïnnen aus dem Ausland wieder einreisen – allerdings ist weiterhin eine Hotelquarantäne vorgeschrieben. Zunächst waren es noch fünf Tage, dann sieben, seit Omikron zehn Tage für jeden, der aus dem Ausland nach Indonesien einreist, ungeachtet des Impfstatus. Anfang November gab das Zentrale Statistikbüro von Bali die offizielle Zahl internationaler Touristïnnen bekannt, die 2021 bis dahin eingereist waren: 45.

Das bedeutet nicht einfach einen Einbruch des Geschäfts oder eine vorübergehende Krise, sondern einen totalen Kollaps. 60 Prozent des Bruttosozialprodukts der Provinz Bali wurde vor Corona durch den Tourismus erwirtschaftet. Schätzungsweise mehr als 80 Prozent der rund drei Millionen Einwohner waren direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig. Fast zwei Jahre nach Beginn der Pandemie haben die meisten Kleinunternehmer – von Souvernirverkäuferinnen über Taxifahrer bis zu Fremdenführern und Tempeltänzerinnen – keine Reserven mehr und stehen vor dem finanziellen Ruin sowie einem tiefen gesellschaftlichen Abstieg.

Made Ardita und Ehefrau Iluh sitzen mit Sohn und Tochter auf der Veranda ihres Hauses in Sanur
Made Ardita mit Ehefrau Iluh und Kindern vor ihrem Haus in Sanur

Made Ardita zum Beispiel hat vor Corona als Chauffeur gearbeitet. Hotels haben ihn angerufen, wenn Gäste zu Sehenswürdigkeiten gefahren werden wollten. Inklusive Trinkgelder hat er umgerechnet bis zu 500 Euro im Monat verdient – in Indonesien ein gutes mittleres Einkommen. Seine Frau Iluh war als Masseurin in einem Spa angestellt. Dazu kamen Einnahmen von der Vermietung ihrer drei Mopeds und einem Gästezimmer in ihrem Haus, das nur 300 Meter vom Strand entfernt liegt.

Doch seit Mitte März 2020 kamen keine Gäste mehr, der Massagesalon ist zu. Zwei Mopeds mussten sie verkaufen, um Essen und Schulsachen für ihre beiden Kinder zu bezahlen. Immerhin: Das Haus haben sie von Arditas Großvater geerbt. Aber um zu überleben, müssen die Eltern Aushilfsjobs annehmen – etwa bei der Reisernte im Dorf von Verwandten. Mangels langfristiger Hilfsprogramme der Regierung hofft die Familie auf Privatspenden, seien es Nahrungspakete von reicheren Nachbarn oder Überweisungen früherer Kundïnnen. „Corona hat unser Leben kaputt gemacht, sagt der 59-Jährige.

Hotels hoffen auf steigendes Geschäft mit Inlandstourismus

Etwas zuversichtlicher zeigt sich Ray Suryawijaya, der Leiter des Indonesischen Hotel- und Gaststättenverbandes für den Süden Balis: „Es gibt einen kleinen Hoffnungsfunken mit der schrittweisen Rückkehr des Inlandstourismus“, äußerte er in einem Interview mit CNN Indonesia. Die Belegungsrate der Hotels liegen laut Surywijaya jetzt wieder bei 35 Prozent. Im November kamen täglich rund 20.000 einheimische Touristïnnen auf die Insel.

Dennoch: Die ersehnte Wiedereröffnung Balis im September war eine herbe Enttäuschung und die Omikron-Welle steht erst noch bevor. Während Reisende nach Thailand wieder einfach einreisen können, wenn sie geimpft sind, fehlt der indonesischen Regierung bis jetzt eine klare Strategie, wie sie zukünftig mit internationalen Besucherïnnen verfahren will. Selbst für Indonesierïnnen bestehen seit den Weihnachtsferien wieder strengere Reisebeschränkungen – ohne Test darf keiner auf die Insel, Feiern in Strandbars, Nachtclubs oder Restaurant sind während der nationalen Ferien verboten. Die Angst vor einer möglichen Omikron-Welle ist zu groß: Indonesiens Gesundheitssystem ist während der großen Deltawelle im Juli schon einmal zusammengebrochen.

Saftig grüne Reisterrassen von Jatiluwih unter wolkenverhangenem Himmel in den Bergen von Zentral-Bali
Malerische Reisterrassen von Jatiluwih in Zentral-Bali
Blick vom Lempuyang-Tempel im Osten Balis auf den Vulkan Gunung Agung
Blick vom Lempuyang-Tempel im Osten Balis auf den Vulkan Gunung Agung

Dabei liegt die Sieben-Tage-Inzidenz auf Bali Anfang Dezember bei 11, es gibt im Zusammenhang mit Covid-19 durchschnittlich einen Todesfall in der Woche. Mehr als 77 Prozent aller erwachsenen Inselbewohner sind mindestens zweimal geimpft. Einige der verbliebenen Gäste allerdings sind gar nicht so unglücklich über das vorläufige Ende des Massentourismus. „Die Strände im Süden waren sonst immer überfüllt. Jetzt kann man hier in Ruhe spazieren gehen und den frischen Wind genießen – ganz ohne das Geknatter von Motorrädern oder lautstarke Musik“, sagt Linda K. Die Rentnerin aus den USA lebt seit langem auf der Nachbarinsel Java und macht schon seit Jahrzehnten Urlaub auf Bali. „Ich hoffe nur, dass die Balinesen diese Krise als Chance sehen, sich wieder auf ihre kulturellen Werte zu besinnen und endlich anfangen, die wunderbare Natur hier ernsthaft zu schützen.“

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Christina Schott

Christina Schott

Christina Schott berichtet seit 2002 aus und über Südostasien – mit Fokus auf Gesellschaft, Kultur und Umwelt.

Sie ist Mitglied von Weltreporter.net.


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