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Der wahre Preis des Goldes

Wie die indigenen Völker in Amazonien für den globalen Goldrausch bezahlen

22.06.2021
11 Minuten
Luftaufnahme von verwüstetem Wald auf dem Gebiet der Yanomami im Bundesstaat Roraima im April 2021

Mehr als 20.000 illegale bewaffnete Goldschürfer verwüsten das Land der Yanomami in Nordbrasilien. Der neue Goldrausch beschleunigt die Zerstörung des Waldes, vergiftet die Flüsse und bedroht die Indigenen Völker – angetrieben durch den globalen Goldmarkt und die Politik von Präsident Jair Bolsonaro. Was ist der wahre Preis des Goldes?

Ein paar Hütten stehen verstreut auf den grünen Hügeln im Norden des brasilianischen Bundesstaates Roraima, Amazonien. Es ist das Dorf Palimiú. Hier sitzen an einem ruhigen Vormittag die Frauen mit ihren Kindern auf dem Arm und blicken auf den Uriracoera-Fluss, der unten vorbeizieht. Plötzlich schießen Motorboote heran und eröffnen das Feuer auf die Bewohnerïnnen. Die Frauen flüchten sich mit den Kindern in den Wald.

Ein Video dieses Angriffs hat eine Organisation der Yanomami auf sozialen Netzwerken verbreitet. Es seien Goldsucher gewesen, versichern die Dorfbewohnerïnnen. In der panischen Flucht vor dem Angriff seien zwei Kinder, die unten am Fluss gespielt hatten, ertrunken, bestätigten die Yanomami-Organisation Hutukara.

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Als am nächsten Tag die Militärpolizei den Fall untersuchen will, greifen die „Garimpeiros” auch sie an. Unverrichteter Dinge zieht sie sich zurück und überlässt die Dorfbewohnerїnnen ihrem Schicksal, berichtet Amazonia Real.

„Ich will keine Garimpeiros hier. Wir sind in großer Gefahr. Heute Nacht werden sie wiederkommen. Ich will nicht jeden Tag weinen vor Angst, ohne Hoffnung auf Schutz“, ruft Darlene Yanomami, eine Bewohnerin von Palimiú in die Kamera des brasilianischen Fernsehsenders Globo. Doch bis heute schützt niemand das Leben der Bewohnerїnnen von Palimiú.

Seit Mai eskaliert die Situation

Das Land der Yanomami ist mit 96.650 Quadratkilometern größer als Portugal und erstreckt sich entlang der Grenze zwischen Brasilien und Venezuela. In mehr als 360 Dörfern leben Yanomami, Ye´kuana und weitere Yanomami-Gruppen ohne Kontakt zu den anderen Indigenen Völkern oder zur übrigen brasilianischen Bevölkerung. Insgesamt etwa 27.000 Menschen.

Ihnen gegenüber stehen über 20.000 illegale Goldsucher, die im Laufe der letzten 30 Jahren hier Land okkupieren. „Die Garimpeiros dringen immer weiter in unser Territorium ein. Das setzt uns sehr zu. Die Eindringlinge bedrohen unsere Familien, unseren Wald, die Tiere, die Artenvielfalt, sie verschmutzen die Luft und verseuchen unsere Flüsse”, sagt Dário Kopenawa. Er ist der Vize-Präsident der Yanomami-Organisation Hutukara.

Seit dem 10. Mai eskalieren die Zusammenstöße zwischen den Goldsuchern und den Yanomami im Bundesstaat Roraima. Ihre Situation ist keine Ausnahme, denn der brasilianische Amazonas ist voll von illegalen Goldschürfern. Aktuell zählt der brasilianische Think Tank Insituto Igarapé 321 illegale Schürfstellen. Der neue Goldrausch betrifft neben den Yanomami und Ye´kuana vor allem die Mundurukú und die Kayapó im Bundesstaat Pará, die Karipuna und Uru-Eu-Wau-Wau in Rondônia und die Guajajára, Awa Guajá und die isoliert lebenden Awá im Bundesstaat Maranhão. Doch die Yanomami sind gut organisiert und können auf diese bedrohliche Situation aufmerksam machen.

Auf der Landkarte sieht man die das Land der Yanomami und die Gemeinde Palimiú am Uraricuera-Fluss. Mit einem gelben Flugzeugsymbol sind die heimlichen Landepisten eingezeichnet.
Auf der Landkarte sieht man die das Land der Yanomami und die Gemeinde Palimiú am Uraricuera-Fluss. Mit einem gelben Flugzeugsymbol sind die heimlichen Landepisten eingezeichnet.

Der illegale Bergbau im brasilianischen Amazonasgebiet ist in den vergangenen Jahren explodiert. Er hat sich vor allem in die weit entlegenen Gebiete gefressen, in indigenes Land und in die Naturschutzgebiete. Denn je weiter entfernt, desto bessere Chancen haben die Unternehmen auf eine Ausbeutung ohne Störung durch die Behörden, sagt das Instituto Igarapé in seinem Bericht über die Auswirkungen des illegalen Bergbaus auf das Leben in Amazonien. Neben der Umweltzerstörung, die den Amazonas an den befürchteten „Tipping Point“ schiebt, also den Punkt, an dem das gesamte Ökosystem Amazonas unwiederbringlich zusammenbricht, bedroht der illegale Bergbau aktuell vor allem das Leben der Indigenen.

Die Corona-Pandemie befeuert den Goldrausch

Angeheizt hat diesen Goldrausch vor allem die Corona-Pandemie – und das auf mehrfache Weise. Immer, wenn Krisen die Finanzmärkte bedrohen, setzen die Anlegerïnnen vermehrt auf Gold, weil es als inflationssichere Ersatzwährung gilt. Schmuckindustrie, private Investorïnnen, Zentralbanken und Technologieunternehmen: Alle verlangen nach Gold.

Nachdem der Preis des Edelmetalls zunächst durch die Pandemie einbrach, stieg er ab der zweiten Jahreshälfte 2020 um 27 Prozent. Die Politik der US-Zentralbank FED hatte die Investorïnnen dazu gebracht, mehr Gold anzukaufen. Mitte Mai diesen Jahres kletterte der Preis für eine Feinunze (31,1034768 Gramm) auf 1.600 Euro.

Doch während der Goldpreis Rekordwerte erzielt und die Anlegerïnnen jubeln, bezahlen Menschen im Amazonasgebiet mit ihrem Lebensraum, mit ihrer Gesundheit und manchmal sogar mit ihrem Leben. Während des Lockdowns konnten Bergleute ungehindert vordringen. Sie schleppten das Virus bis in den hintersten Winkel des Waldes.

Das dort illegal geschürfte Gold kommt ohne größere Probleme auf den globalen Goldmarkt. „Es wird normalerweise in legalen Bergbaubetrieben registriert, mit gefälschten, handgeschriebenen Rechnungen, als ob es von dort käme“, sagt Luiz Henrique Reggi Pecora. Pecora arbeitet für die Organisation Instituto Socioambiental und ist auf Menschenrechte spezialisiert. „Das Gold aus diesen legalen Goldminen wird von den staatlichen Organen kaum kontrolliert.“

Zwei überlagernde Fotos zeigen einen jungen Krieger der Yanomami und das typische Rundhaus, den shabono.
In ihrer Serie „Träume der Yanomami“ macht die Fotografin Claudia Andujar die sich überlagernden Realitäten von Traum und Wirklichkeit sichtbar.

Genozid per Gesetzesentwurf

Hinzu kommt die rassistische und Indigenen-feindliche Politik des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Seit seinem Amtsantritt sind die illegalen Landbesetzungen von indigenem Land um 135 Prozent in die Höhe geschnellt, 60 Prozent davon im Amazonasgebiet. Hier wurden auch die meisten Menschen getötet: 27 von insgesamt 32 allein im Jahr 2019.

Auch in den Nationalparks des Landes ist die Umweltkriminalität weit verbreitet. Allein im brasilianischen Teil von Amazonien zählte das Umweltschutz-Netzwerk Amazon Geo-Referenced Socio-Environmental Information Network (RAISG) mehr als 450 illegale Bergbaustätten.

Die Rechte der Indigenen waren im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern in Brasilien relativ fortgeschritten. Doch genau hier legte der rechtsradikale Präsident die Axt an. „Keinen Zentimeter Land mehr für Indigene!“, hatte er geschworen. Mit verschiedenen Gesetzesentwürfen will er die in der Verfassung garantierten Rechte der Indigenen aushebeln und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen auf indigenen Gebieten erlauben.

Hunderte Indigenen haben dagegen am 18. Juni vor dem Kongress und vor der Indianerschutzbehörde Funai in Brasilia protestiert. Die Polizei nebelte sie mit Tränengas ein.

Mit einem seiner Gesetzesentwürfe stellt Bolsonaro sogar bereits ausgewiesenes indigenes Land in Frage. Dabei geht es um riesige Flächen von 9,8 Millionen Hektar, die aufgrund der langwierigen Demarkationsprozesses noch nicht vollständig anerkannt wurden. Das Gesetz würde auf einen Schlag Hunderte von Minen auf indigenen Territorien legalisieren. Die Indigenen verlören die Autonomie über ihre Land und das exklusive Nießbrauchrecht. Außerdem würde damit der Schutzstatus für die bisher isoliert lebenden Indigenen erlöschen. Sie wären Krankheiten und all den negativen Folgen des illegalen Bergbaus ausgesetzt.

„Das Ergebnis dieser Politik ist katastrophal: ein schwindelerregender Anstieg der Aktivität, die heute halbindustrielle Ausmaße und millionenschwere Investitionen erreicht, die mit der Zerstörung des Waldes, der Verseuchung der Flüsse und der Verschlechterung der Lebensbedingungen, der Gesundheit und der Sicherheit in den indigenen Gemeinden einhergeht“, sagt Luiz Pecora.

Außerdem hat die Regierung während der Pandemie das Budget und Person von Kontrollorganen wie der IBAMA und der Nationale Bergbaubehörde so stark gekürzt, dass die Mitarbeiterïnnen der Bergbaubehörde sich in ihrer Arbeit behindert sehen. Unmöglich können 250 Angestellte die 35.000 Bergbaustätten im ganzen Land überwachen.

Luftaufnahme von verwüstetem Wald auf dem Gebiet der Yanomami im Bundesstaat Roraima im April 2021
Illegale Goldsucher verwüsten das Land der Yanomami, so zeigen es die Bilder vom Überflug über das Gebiet im Bundesstaat Roraima im April 2021

Die Luftbilder von Greenpeace sind erschreckend

Wo eben noch unberührter Amazonaswald stand, glotzen nun gelb verödete Kraterlandschaften hervor. Saugbagger auf den Flüssen, Schnellboote und Propellermaschinen auf heimlichen Landeschneisen.

Zwei Aufklärungsflüge der Organisation Greenpeace beweisen: Hier sind nicht nur ein paar verstreute Abenteurer am Werk, sondern ein halb-industrieller Bergbau mit neuesten und schweren Gerätschaften. Wenn diese Maschinerie so weiter haust, wird 2021 ein neuer Verheerungsungsrekord aufgestellt.

Denn Bergbau ist eine extrem umweltschädigende und gefährliche Aktivität. Er produziert ungeheuer viel Abfall. Tonnenweise Gestein, Erde und Wasser werden bewegt. Gerade der informelle, oftmals illegale Goldbergbau verursacht die größte atmosphärische Quecksilberverschmutzung und treibt den Verlust der biologischen Vielfalt an. Goldschürfer benützen das Quecksilber, um den Goldstaub zu binden. Es gefährdet die Gesundheit der Bergleute und der Indigenen, reichert sich in der Nahrungskette an und verursacht schwere neurologische Schäden. In einigen Yanomami-Dörfern sind 92 Prozent der Bewohnerїnnen mit Quecksilber belastet. Die Fische aus den verseuchten, „leblosen“ Flüssen können sie nicht mehr essen.

Um die Flüsse Mucajaí und Catrimani herum könnte bald eine neue Bergbaustadt entstehen, alarmiert die Organisation Hutukara in ihrem Bericht über die Kontrollflüge. Das ist ganz in der Nähe einer isoliert lebenden Gruppe von Yanomami, die auf beiden Seiten schon von den Goldschürfern eingeschlossen ist. Auch zeigen die Luftaufnahmen bereits „churrutelas“, kleine Ansiedlungen, meist mit Bordellen, die von Goldsuchern besucht werden, Fernseh- und Internetantennen und versteckte Landepisten.

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Eine Luftaufnahme zeigt ein Boot von illegalen Goldsuchern im Land der Yanomami im Bundesstaat Roraima.
Der Flug von Greepeace vom April 2021 über das Land der Yanomami dokumentiert die vielen Aktivitäten der illegalen Goldschürfer. Hier sieht man ein Boot und die Behausungen der Garimpeiros im Bundesstaat Roraima.

Gewalt im Regenwald

Mit dem Goldfieber kommen Furcht und Schrecken in den Regenwald. „Schon seit 2018 dringen die Garimpeiros immer weiter in das Gebiet der Yanomami vor, ohne dass die brasilianischen Behörden etwas dagegen unternehmen. Dies erhöht die Konflikt- und Spannungspunkte“, sagt Luiz Pecora. „Im Juni 2020 wurden zwei Indigene in der Region Parima grausam ermordet. Im Dezember gab es einen Konflikt, nachdem die Goldsucher Yanomami-Frauen entführt hatten, um sie sexuell auszubeuten. Anfang 2021 kam es in im Dorf Helepe, in der Region des Flusses Uraricoera, zu einem Angriff. Und nun lebt die indigene Gemeinde von Palimiú unter Hochspannung.“

In einer gemeinsamen Aktion hatten Agenten der brasilianischen Bundespolizei, des staatlichen Umweltinstituts (Ibama) und der Indianerschutzbehörde (Funai) aus Boa Vista nahe des Dorfes die Lager der Goldsucher und 16 Maschinen zerstört. Das hatte die Wut der Goldgräber entfacht. Auch war durchgesickert, dass die Bundespolizei Anfang Juni gegen die ungehemmte Ausweitung der illegalen Aktivitäten vorgehen wollte.

Dem wollten die Garimpeiros vermutlich zuvorkommen. Gegen 16 Uhr am 31. Mai 2021 brachen laut Polizeimeldung acht Vermummte in die Schutzstation „Estação Ecológica de Maracá“ ein, die vom Chico-Mendes-Institut für Biodiversitätserhalt betrieben wird. Sie holten sich alle Materialien zurück, die zwei Wochen zuvor im Naturschutzgebiet Maracá, beschlagnahmt worden waren. Außerdem stahlen sie fünf Geländewagen und acht Außenbordmotore. Die schwer bewaffneten Bergleute bedrohten die Inspektoren mit dem Tod und verschwanden dann auf dem Uraricoera-Fluss, der nach Palimiú und in die illegalen Abbaugebiete führt.

Vermutlich sind kriminelle Gruppierungen an den Minen beteiligt

Dass sich die Goldsucher auch gegenüber der Militärpolizei aggressiv verhalten, wie in Palimiú, ist ungewöhnlich. Das Magazin Amazonia Real hat vor Ort recherchiert und vermutet, dass die Goldsucher, die das Dorf Palimiú seit Wochen tyrannisieren, dem sogenannten „Ersten Kommandos der Hauptstadt“ angehören, einer gefürchteten Drogenmafia aus São Paulo.

„Es gibt starke Hinweise dafür, dass kriminelle Gruppierungen an den Minen auf den Territorien der Yanomami beteiligt sind, was die Gewalt und Kriminalität weiter antreibt“, bestätigt Jurist Luiz Pecora. „Ohne ein energisches und permanentes Eingreifen des brasilianischen Staates wird es zu immer mehr Gewalt kommen und es besteht die reale Gefahr eines Genozids.“

Das Massaker von Haximu sitzt den Yanomami noch in den Knochen

Das Ausschlachten des amazonischen Regenwalds und seiner Reichtümer ist nicht neu. Für die Yanomami liegt der erste Goldrausch 30 Jahre zurück und der Schock des Massakers von Haximu, einem Yanomami-Dorf nahe der venezolanischen Grenze. Damals, 1993, hatte sich die Gewalt so aufgeschaukelt, dass 16 Yanomami und zwei Goldgräber starben. Das sitzt den Yanomami noch in den Knochen.

Ein Kind schwimmt im Fluss
Die Fotografin Claudia Andujar porträtierte die Yanomami in der Serie „Völkermord an den Yanomami. Tod von Brasilien (1989)“ während des ersten Goldrausches. Die Situation ist mit der heute vergleichbar.

Die Behörden sehen zu

„Wir warten darauf, dass Polizei oder das Militär endlich eingreifen“, sagt auch Dário Kopenawa, der Vizepräsident der Organisation Hutukara. Obgleich die Staatsanwaltschaft vor Roraima, das MPF, bereits am 12. Mai eine einstweilige Verfügung beantragt hatte, um das Dorf vor weiteren Angriffen der Garimpeiros zu schützen, ist nichts geschehen. Im März war per Gerichtsbeschluss der Abzug der Bergleute aus dem Gebiet der Yanomami angeordnet worden; er hätte längst beginnen müssen. Doch wird das Urteil von der Bundesregierung ignoriert.

„Die Staatsanwaltschaft kann Bolsonaro zu gar nichts zwingen. Der Generalstaatsanwalt ist ein Anhänger Bolsonaros“, sagt der französische Anthropologe Bruce Albert. Er ist einer der besten Kenner der Yanomami, Direktor am Forschungsinstitut für Entwicklung (IRD) in Paris und Mitarbeiter des Sozial- und Umweltinstitut in São Paulo. Für ihn ist es die schlimmste Situation seit 46 Jahren. „Der Staat und die öffentliche Verwaltung stehen auf der Seite der Mafias: der Milizen, Landbesitzer, Holzfäller, „Grileiros“, also Personen, die sich mit falschen Dokumenten Land aneignen wollen, und Schmugglern. So etwas habe ich noch nie gesehen!“, sagt Albert.

Die Fotomontage von zwei sich überlagernden Fotografien erinnern an den Mythos der Yanomami vom Ende der Welt, wenn der Himmel auf die Erde fällt.
Der Wald gehört den Yanomami. Für sie ist er der Rücken Hutukaras, des ersten Himmels in ihrem Universum. Er ist lebendig, groß und sein Atem ist lang. Der Wald singt und die Schamanen können seine Stimme hören, doch nun schreit er vor Schmerz. Die Yanomami müssen den Himmel stützen, so verlangt es ihr Glaube.

Indigene haben rechtlich kaum eine Chance

Eigentlich dürfen Bodenschätze auf indigenem Land in Brasilien laut Artikel 231 der Verfassung nur mit Genehmigung des Nationalkongresses und nach einer Befragung und finanzieller Beteiligung der betroffenen Gemeinden erschlossen und abgebaut werden. Allerdings haben die Indigenen kein formelles Vetorecht und der Konsultations-Prozess ist oft bestenfalls symbolisch.

Trotz zahlreicher Gesetzes-Vorstöße bleibt der Bergbau auf indigenem Gebiet bis heute unreguliert. Der Absatz 7 der Verfassung bestimmt jedoch, dass „jegliche Ausbeutung von natürlichen Ressourcen auf indigenem Land durch nicht-indigene Personen illegal ist“, sagt der Jurist Luiz Pecora.

Was könnten den Indigenen und dem Wald helfen?

Zu aller erst müssen die Gesetzesinitiativen der Bolsonaro-Regierung gestoppt werden. Dazu braucht es auch die internationale Aufmerksamkeit, weshalb die Indigenen in Brasilia vor dem Nationalkongress protestieren. Das Instituto Igarapé empfiehlt, den Goldankauf zu digitalisieren, um das Edelmetall effektiver rückverfolgen zu können. Auch müssten neue Kriterien für die Erteilung von Schürfgenehmigungen festgelegen werden, um sie besser kontrollieren. Damit das illegale Gold nicht in den Markt einsickern kann, müssen die Lieferketten durchsichtig gemacht werden.

Ein neuer Rechner beziffert die Schäden

Außerdem könnte der eben vorgestellte „Illegal Gold Mining Impact Calculator“ helfen, ein Rechner, der die sozio-ökologischen Auswirkungen des illegalen Goldabbaus ermitteln und die Strafen entsprechend anpassen kann. Entwickelt wurde das Tool von der Staatsanwaltschaft (MPF) von Pará, zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Conservation Strategy (CSF-Brazil). Damit steht der Wert des Goldes auf einmal in ganz anderem Licht.

Ein Kilo Gold erzielt auf dem Weltmarkt einen Preis von knapp 50.000 Euro. Für dieses Kilo werden:

+ durchschnittlich zehn Fußballfelder Urwald gefällt

+ 15.000 Kubikmeter Erde werden umgewälzt und erodieren

+ Dazu kommt die Trinkwasserverseuchung durch Quecksilber

+ die Verluste für den Fischfang

+ für den Erholungswert der Flüsse sowie deren Verschlammung.

Ein Kilo illegal geschürftes Gold kostet für 152,4 Millionen Euro – nach vorsichtigen Schätzungen. Schlägt man die irreversiblen gesundheitlichen und ökologischen Schäden noch dazu, landet man bei 307 Millionen Euro.

Allein für das Jahr 2020 belaufen sich die sozialen und ökologischen Schäden für 2.400 Hektar gerodeten Yanomami-Wald auf insgesamt 4,4 Milliarden Euro (26.741.100.388 Reais).

Den illegalen Goldabbau effektiv bekämpfen

Der Rechner kann Bußgelder, Entschädigungen und immateriellen Schäden berechnen, die in Prozessen geltend gemacht werde. So soll er Behörden wie der Staatsanwaltschaft, der Bundespolizei und der Umweltschutzbehörde Ibama bei der Bekämpfung dieser illegalen Aktivität unterstützen. Es sei jedoch naiv zu glauben, man könne die Tausenden von Garimpeiros strafrechtlich verfolgen, meint der Experte für die Bekämpfung des illegalen Bergbaus Sérgio Leitão gegenüber Mongabay „Wir müssen die Eigentümer der Bergbauunternehmen belasten. Die Menschen vor Ort haben einfach nicht das Kapital, um die Maschinen aufzustellen, die heute im Goldbergbau eingesetzt werden. Es sind informelle Arbeiter“, sagte Sérgio Leitão, Experte für die Bekämpfung des illegalen Bergbaus gegenüber Mongabay. “Wenn wir die richtigen Leute bestrafen, dann geht es in die richtige Richtung.“

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Ulrike Prinz

Ulrike Prinz

Ulrike Prinz ist promovierte Ethnologin und Journalistin. Sie lebt in München und Barcelona.


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