Impfstoff-Produktion in Afrika: Die Ziele sind ehrgeizig, die Hürden hoch

Es ist eine Lehre aus der Corona-Pandemie: Afrika will mehr Impfstoffe selbst herstellen, um unabhängiger von Importen zu werden. Ein Gespräch mit Patrick Tippoo vom Verband afrikanischer Impfstoffhersteller.

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Zwei Forschende mit Masken, eine Frau und ein Mann, schauen im Labor auf die Anzeige eines Labor-Geräts

Die Corona-Pandemie hat viele strukturelle Probleme offengelegt: etwa das Ungleichgewicht zwischen dem globalen Süden und Norden, den Einfluss der Pharmaindustrie auf die öffentliche Gesundheit und die Abhängigkeit Afrikas von Impfstoff-Importen. Denn fast alle Vakzine, die in afrikanischen Staaten verabreicht werden – ganze 99 Prozent – werden importiert. Nicht nur Corona-Impfstoffe, sondern beispielsweise auch solche gegen Masern, Polio oder Pocken.

Die Konsequenz: Wenn die globale Nachfrage hoch ist, wie bei der Corona-Pandemie, werden afrikanische Länder erst nach dem globalen Norden beliefert. Während in Deutschland schon die ersten Booster verimpft wurden, hatten Bürger vieler afrikanischer Staaten noch nicht einmal ihre Erstimpfung erhalten. Das kann jederzeit wieder passieren, etwa wenn angesichts der Fälle von Affenpocken in Europa und den USA nun die Nachfrage nach Pocken-Impfstoff steigt. Länder wie Nigeria, in denen das Virus endemisch ist, könnten im Zweifelsfall leer ausgehen.

Die Afrikanische Union unterstützt deshalb den Aufbau einer eigenen Impfstoffproduktion: Bis 2040 sollen 60 Prozent der routinemäßig eingesetzten Impfstoffe für den Kontinent auch in afrikanischen Ländern hergestellt werden. Etliche neue Produktionsstätten sind im vergangenen Jahr eröffnet worden oder stehen kurz davor.

Allerdings gibt es auch erste Rückschläge: Den in Südafrika hergestellten Covid-Impfstoff ‚Aspenovax‘, der für den afrikanischen Markt produziert wird, hat noch niemand bestellt. GAVI, die globale Impfallianz, auf die der Konzern gesetzt hatte, begründet das mit einer unsicheren Nachfrage. Und das ist nicht die einzige Herausforderung für die junge Industrie, in die Experten wie Patrick Tippoo große Hoffnungen setzen. Bereits 2010 hat Tippoo die ‚African Vaccines Manufacturing Initative‘ (AVMI) gegründet, einen Verband zur Unterstützung afrikanischer Impfstoffhersteller.

Herr Tippoo, warum brauchte es erst die Corona-Pandemie, damit die Impfstoffproduktion auf dem afrikanischen Kontinent Fahrt aufnimmt?

„Vor Covid bestand die Herausforderung darin, Entscheidungsträger von der strategischen Notwendigkeit zu überzeugen. Denn es bestand kein akuter Mangel an Impfstoffen: Ein Teil konnte bestellt und über öffentliche Aufträge akquiriert werden, ein anderer wurde von Organisationen wie Unicef, mit finanzieller Unterstützung der globalen Impfallianz GAVI auf den Kontinent gebracht. Noch dazu wurden sie zu subventionierten Preisen oder kostenlos geliefert. Es schien also keinen Grund dafür zu geben, Zeit, Mühe und Geld in die eigene Herstellung und Entwicklung von Impfstoffen zu investieren.

Diese Ansicht änderte sich schlagartig, als Corona ausbrach und der Kontinent mit der harschen Realität konfrontiert wurde: Es wurden zwar Covid-Impfstoffe produziert, aber das bedeutete nicht automatisch, dass wir auch einen gleichberechtigen Zugang dazu hatten. Wenn diese Pandemie also irgendetwas Gutes hatte, dann ist es die Tatsache, dass niemand mehr bezweifelt, dass die Produktion von Impfstoffen auf dem afrikanischen Kontinent Priorität hat.“

Interessant ist der Vergleich mit Indien: Dort werden viele der Impfstoffe für afrikanische Staaten produziert. Indien ist bereits in den 60er Jahren in die Produktion eingestiegen. Liegt es nur an der recht bequemen Ausgangslage, die sie gerade beschrieben haben, dass der afrikanische Kontinent diese Entwicklung verpasst hat?

„Ich denke schon, denn eine solches Investment muss sich ja auch rechnen. Ich rede hier nicht über obszöne Profite, sondern davon, dass jeder Betrieb zumindest seine Kosten decken muss. Indien hatte es außerdem leichter, weil es ein Land mit einer riesigen Bevölkerung ist – es hat also einen großen eigenen Markt.

In Afrika leben zwar ähnlich viele Menschen, aber unser Markt ist fragmentiert. Die 54 Länder Afrikas müssen nicht nur über den Bau eigener Produktionsstätten entscheiden, sondern auch Entscheidungen auf regionaler und kontinentaler Ebene treffen. Das ist ein komplizierter und langwieriger Prozess.“

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