Erster mRNA-Impfstoff „made in Africa“

Warum Afrikas Open-Source-Impfstoff gegen Corona die Patent-Debatte in der Pandemie anheizt

7 Minuten
Zwei Forschende mit Masken, eine Frau und ein Mann, schauen im Labor auf die Anzeige eines Labor-Geräts

Petro Terblanche erinnert sich noch gut an einen Besuch von BioNTech-Vertretern im südafrikanischen Kapstadt. Der Plan ihrer Firma, Afrigen Biologics & Vaccines, den ersten mRNA-Impfstoff Afrikas herzustellen, war offenbar auf Interesse gestoßen. Doch statt Unterstützung, Technologie- und Informationsaustausch habe das deutsche Unternehmen angeboten, einen „Container in Südafrika aufzustellen“, sagt die Afrigen-Direktorin. Deutsche Experten sollten demnach für die, laut Konzern, „sehr komplizierte“ Produktion des Impfstoffs eingeflogen werden. Auch Übernahmeangebote habe Afrigen von Pharmakonzernen erhalten.

Doch auf beides ließ sich Terblanche nicht ein. Ihre internationalen Gäste seien überrascht gewesen, als sie gesagt habe, „dass es hier in Afrika so nicht läuft: Hier geht es darum, Leute zu befähigen, Kapazitäten aufzubauen und um Nachhaltigkeit.“ Ihre mittlerweile vierzig Angestellten habe sie auf dem einheimischen Arbeitsmarkt rekrutiert. An Mitarbeiter*innen mit entsprechenden Qualifikationen mangele es in Südafrika, entgegen verbreiteter Vorurteile, nicht.

Die Direktorin der Firma hat hellbraune Haare und trägt eine blaue Bluse, sie steht vor dem Firmengebäude. Ein Schild weist auf das
mRNA-Technologie-Transfer-Zentrum hin.
Petro Terblanche, Afrigen-Direktorin

Petro Terblanche steht auf dem Parkplatz vor ihrem Firmengebäude – auf den ersten Blick eine unscheinbare Lagerhalle zwischen Betten- und Stahllagern in einem Kapstädter Gewerbegebiet. Über dem Eingang hängt ein Schild mit der Aufschrift: „mRNA Vaccine Hub for Africa“, das auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation verweist. Afrigen steht im Mittelpunkt dieses globalen Technologie-Transfer-Zentrums, in dem eigene mRNA-Impfstoffe entwickelt, produziert und das Wissen darüber mit anderen Ländern des globalen Südens geteilt werden sollen.

Kurz bevor WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus die Firma in der vergangenen Woche besucht hatte, war der erste, entscheidende Durchbruch verkündet worden: In Zusammenarbeit mit der Universität von Witwatersrand in Johannesburg, wo Wissenschaftler schon seit Jahren mRNA-Forschung betreiben, ist es dem kleinen Team gelungen, einen Impfstoff-Kandidaten zu entwickeln. Die ersten Mikroliter eines mRNA-Impfstoffs „made in Africa“.

Natürlich habe man sich an internationalen Standards orientiert, sagt Terblanche. Und trotzdem gebe es Unterschiede zur Impfstoff-Entwicklung in Europa oder den USA. Sie deutet auf einen riesigen Diesel-Generator neben dem Eingang. Der garantiert eine lückenlose Stromversorgung, wenn Südafrikas staatlicher Energiekonzern Eskom wieder einmal die Nachfrage nicht stillen kann. „Stromausfälle können wir uns nicht leisten“, betont Terblanche. Wie überall auf der Welt müsse auch ihr Unternehmen bei der Entwicklung an die Kühlkette denken, ebenso wie an die Sicherheit und die Kosten des Produkts. Doch der „Mindset“ sei etwas anders.

„Wir müssen das Beste aus begrenzten Ressourcen machen“

Terblanche geht ein paar Schritte auf den Eingang zu. „Hinter diesen unscheinbaren Rolltoren verbirgt sich eine Einrichtung von Weltklasse“, sagt sie. Stolz und ein Hauch von Trotz schwingen in ihrer Stimme mit – zu oft hat sie gehört, dass Afrika für eine solche Aufgabe noch nicht bereit oder schlicht überfordert sei. „Wir müssen natürlich das Beste aus begrenzten Ressourcen machen und daher sehr einfallsreich sein.“ Jeder „Nanometer“ dieses relativ kleinen Gebäudes werde genutzt. Die Investitionskosten würden nur einen Bruchteil dessen betragen, was Pharmafirmen wie Moderna oder BioNTech für neue Einrichtungen ausgeben würden. Auch für die geplanten neuen Lizenzproduktionen in afrikanischen Ländern. „Trotzdem erfüllen wir internationale Voraussetzungen und Qualitätsstandards.“

Von innen wirkt das Gebäude, in dem bislang tiermedizinische Adjuvanzien hergestellt wurden, also Wirkverstärker, die auch in Impfstoffen verwendet werden, wie ein Labyrinth. Eine schmale Treppe führt zu den Büros im ersten Stockwerk, im Erdgeschoss verschachteln sich mehrere kleine Labore, durch Schleusen getrennt, ineinander. Einige werden gerade noch eingerichtet, auch weil etliche der benötigten Geräte erst mit Verspätung eingetroffen waren. Wie bei den Impfstoffen, so stehe Afrika auch für diese Hersteller nicht oben auf der Liste, meint Terblanche, sondern werde erst nach kaufkräftigeren Kunden im globalen Norden beliefert.

Die beiden stehen in weißen Kitteln und mit OP-Masken im Labor. Der Kollege der Wissenschaftlerin deutet auf einen Bildschirm.
Madelyn Johnstone-Robertson mit ihrem Kollegen
Der Wissenschaftler steht in weißem Kittel und mit Gesichtsmaske im Labor. Neben einem Gerät vor ihm stehen eine Sprühflasche und ein Karton mit Einmalhandschuhen.
Gerhardt Boukes bei der Arbeit

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