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Nur nicht widersprechen

Über die Uniformität in der Wissenschaft

18.01.2021
8 Minuten
Fischschwarm im Gegenlicht (Malediven, Indischer Ozean) – Shoal of fish (Maldives, Indian ocean)

Dieses Thema bot ich drei Auftraggebern an. Zwei lehnten ab, in einem Fall zulasten „brennenderer Themen“. Eine Zeitschrift bestellte es für 2021, aber letztlich mit einem anderen Zuschnitt. Es ist ein leises Thema, latent aktuell, kritisch und hintergründig, mit fast philosophischem Charakter – nach meiner Wahrnehmung zäh verkäuflich. Perfekt ist es damit für das Online-Magazin „Unverkäuflich“, in dem Themen Platz finden, die es in klassischen Medien ausweislich schwer haben.

Wir haben es selten so erlebt: Anfang 2020 waren Masken sinnlos, im Frühsommer 2020 wurden sie sinnvoll und schließlich eine Pflicht. Die Wissenschaftler*innen stehen derzeit unter besonderem Druck in kurzer Zeit Positionen einzunehmen und möglichst gleichförmig zu vertreten, um gehört, verstanden und ja nicht missverstanden zu werden. Auch machen sie sich diesen Druck um des Geltungsanspruchs willen selbst.

Wissenschaft hat mittlerweile eine nie dagewesene Bedeutung. Das moderne Leben wird immer komplexer und ist von Technik in allen Bereichen durchdrungen. „Wissenschaft hat heute einen Stellenwert, der dem von Religionen in der Historie gleichkommt“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel, vormals an der TU München, und das nicht ohne kritischen Unterton. Dieser gesellschaftlichen Verantwortung müssten sich die Wissenschaftler*innen bewusster sein.

Wissenschaft ist für die Politik so wichtig wie nie

Zumal die wissenschaftliche Politikberatung unverzichtbar für die politische Wissen- und Willensbildung geworden ist. Institutionen von der Leopoldina über die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech bis zu den Fachgesellschaften, einzelnen Hochschulen und Expert*innen formulieren Standpunkte und erheben gezielt Daten, um Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Dabei wollen und sollen sie im besten Fall mit einer Stimme sprechen. So erwartet es auch die Politik. Besonders Institutionen versuchen geeint nach außen zu treten, um ihren Machtanspruch zu legitimieren. „Politiker wollen ihre Handlungen solide begründen. Da erwarten sie, dass die Wissenschaft die Argumente liefert und dafür einhellig auftritt“, sagt der Wissenschaftshistoriker Friedrich Steinle von der Technischen Universität Berlin.

Dieses Bemühen um unumstößliche, wissenschaftlich fundierte Standpunkte ist aber – nicht nur in Corona-Fragen – ein schwierigeres Unterfangen. Und die Fallstricke dieses Prozesses der wissenschaftsbasierten Konsensbildung werden bis dato wenig thematisiert.

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Wissenschaft selbst ist vielstimmig

Zum ersten ist Wissenschaft ihrer inneren Logik folgend immer vielstimmig. „Wissenschaft an sich spricht nach innen gerade nicht mit einer Stimme. Sie braucht viele Blicke auf denselben Erscheinungsbereich. Denn im Austausch, in der Debatte, auch im konstruktiven Streit entwickelt sie sich weiter und entsteht Neues“, sagt Steinle.

Das lehrt schon die Wissenschaftsgeschichte: So brachte Johannes Kepler die These ein, dass Planeten auf Bahnen um die Sonne kreisen und widersprach damit zusammen mit dem Astronomen Nikolaus Kopernikus, dem damals geläufigen heliozentrischen Weltbild. So kam Albert Einsteins Relativitätstheorie gegen Einsprüche seiner Kollegen in die Welt. „Das Strittige ist der Normalzustand. Wissenschaft lebt von der Vielstimmigkeit gut begründeter Auffassungen“, sagt Steinle.

Wenige Daten, laute Stimmen

Besonders bei jenen Fragen, bei denen sich die Wissenschaft selbst im Aushandlungsprozess befindet, tut sie sich deshalb naturgemäß schwer, mit einer Stimme zu sprechen. „Dann erleben wir, wie Alexander Kekulé und Christian Drosten und andere einander widersprechen, weil sie allesamt auf dünner Datengrundlage zu unterschiedlichen Einschätzungen gelangen“, sagt Steinle. Der Wunsch nach Einstimmigkeit scheitert, weil schon die Grundlage, die Studien, fehlen.

Forscher*innen wissen wenig über die Coronapandemie. Sie wissen sicherlich mehr über die Prozesse der Erderwärmung oder das Artensterben. Alles wissen sie jedoch nie. Selten aber benennen Expert*innen die Grenzen ihres Wissens. Das würde ihr politisches Gewicht schmälern.

In Zonen dürftiger Daten handeln Wissenschaftler ihre Hypothesen dann mitunter als Fakten. Das ist aktuell besonders in Bezug auf die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ein Problem. Einerseits mag es logisch erscheinen, dass ein über die Atemluft übertragbarer Erreger es bei Abstand und Maske schwerer haben sollte, von einer Person zur nächsten zu gelangen. Andererseits wurde die Wirksamkeit von medizinischen Mund-Nasen-Schutz erst im Frühsommer 2020 mit Studien unterlegt, nachdem deutsche Unternehmen zu nähen begannen. Und bei vielen Fragen sind Politiker, auch Expert*innen noch heute gezwungen, mehr oder minder nach Hypothese, Versuch und Irrtum vorwärts zu stolpern.

Uniformität für die Karriere

In der Tendenz reden Wissenschaftler*innen nicht nur gern mit einer Stimme, um in der Politik mehr Einfluss zu haben, sondern mitunter auch aus Opportunismus. „Sie neigen dazu namhaften und damit karrieredienlichen Wissenschaftlern das Wort zu reden“, moniert Hannelore Daniel. Das führe zu mangelnder Auseinandersetzung in der Sache. Wissenschaftler*innen und ihre Institutionen versäumen es überdies zu betonen, dass Wissenschaft ihrer inneren Logik folgend keinen Allmachtsanspruch hat und sich selbst ständig fortentwickelt.

Wo Uniformität ihren Platz hat

Trotzdem steht deshalb nie das gesamte Wissen der Menschheit in Frage. Es gibt einen gewaltigen Fundus an Erkenntnissen, die mindestens in einer bestimmten Zeitperiode unstrittig ist, etwa, dass die menschliche Wirbelsäule aus 32 bis 34 Wirbeln besteht. „Dieser Konsens ist auch wichtig für die Wissenschaft: Wenn man pausenlos alles in Frage stellen würde, wäre Erkenntnisgewinn nicht mehr möglich“, erklärt Steinle.

Ergebnisse können genau dann als gut gesichert betrachtet werden, wenn viele Forschergruppen unabhängig voneinander mit verschiedenen Methoden den Befund identisch erhärten können. In der Forschersprache heißt diese goldene Regel: Ein Ergebnis ist reproduzier- und validierbar.

Beispielsweise ist die Existenz des derzeit zirkulierenden SARS-CoV-2 über zahllose Labore weltweit nachgewiesen. Das sich laufend und lokal verändernde Erbgut steht ständig unter Beobachtung ungezählter Wissenschaftler*innen. Der genetische Code kann in Dutzenden Datenbanken und Fachzeitschriften nachgelesen werden. Auch, weil der Karrierekraftstoff der Wissenschaft die hochrangige Publikation ist, wäre es erstens ausgesprochen unwahrscheinlich und zweitens eine Sensation, wenn ein Forscherteam nun wasserdicht abrupt belegen könnte, dass alle Expert*innen bis dato einem Irrtum aufgesessen wären, und es dieses Virus nicht gäbe. Andere würden es in Windeseile überprüfen und entweder widersprechen oder beipflichten.

Wenn ganze Fachdisziplinen weitgehend ungehört bleiben

In den meisten Fällen aber behindert zu viel Uniformität Erkenntnisse und kluge Entscheidungen. Wie wirksam etwa ein Besuchsverbot in Pflege- und Altenheimen ist, ist nicht genau bekannt – zumal das Personal die Erreger einträgt und die Innenraumluft im Gebäude zirkuliert. Und wie viel kann gewonnen werden, wenn die Bewohner dann vermehrt depressiv werden und sich womöglich häufiger aus den Fenstern stürzen? Das ist kein fiktives Szenario, sondern die häufigste Form des Suizids bei Senior*innen in Heimen; Altersdepressionen sind eine der wichtigsten Folgen von Vereinsamung, wie Psycholog*innen und Alternsforscher*innen längst wissen.

Aber Psycholog*innen, Soziolog*innen und Ökonom*innen sitzen derzeit seltener neben den Politikern als Virolog*innen, Intensivmediziner*innen und Infektiolog*innen. Dass sie weitgehend ausgeschlossen sind, führt zu einer unnötigen Uniformität und fahrlässigen Verengung der Perspektive. Denn, was Wissenschaftler*innen sehen und wissen, hängt auch von ihrem Erfahrungshintergrund ab.

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Uniformität in der Echokammer begünstigt die Fragmentierung

Im Übrigen sind alle drängenden Menschheitsprobleme vom Artensterben über die Degradation der Umwelt bis zum Klimawandel in hohem Maße interdisziplinär. Die Spezialisierung in der Wissenschaft ist aber soweit fortgeschritten, dass manche Veröffentlichung bald nur noch von einer Handvoll Experten weltweit gelesen und verstanden wird, wie ein US-Forscher einmal scherzend sagte. „Diese Versäulung von Wissen stößt irgendwann an Grenzen“, sagt Anna-Katharina Hornidge, Entwicklungssoziologin und Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. „Der Mehrwert von Spezialisierung führt dann zur Fragmentierung.“ Fragmentierung ist eines der Kernprobleme der Wissenschaft und der Gesellschaft derzeit.

Die Corona-Pandemie treibt die Fragmentierung der Wissenschaften und der lebensweltlichen Erfahrung auf die Spitze. Es reicht nicht die Frage zu stellen, schützt ein Besuchsverbot die Senioren und Seniorinnen vor dem SARS-CoV-2-bedingten Siechtum und dem Tod. Sondern der Fragenkatalog müsste mehr umfassen: Ist ein Besuchsverbot ihrer Gesundheit und ihrem Wohlergehen zuträglich – und dem des Personals? Nützt es dem Gemeinwohl? Und was kostet es die Gemeinschaft, es umzusetzen? Welche anderen realistischen Maßnahmen sind in Senioren- und Pflegeheimen denkbar, was würden sie nützen und in welchen Dimensionen schaden? Unter Einbeziehung aller Disziplinen ließen sich dann Antworten finden, die wir bis heute nicht gehört haben.

Der Blick durch viele Brillen braucht Zeit

Beim Klimawandel gelingt diese Perspektive durch die Brille von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen auf ein- und denselben Erscheinungsbereich – organisiert vom Weltklimarat. Rund sieben Jahre dauert es, bis hunderte Experten weltweit einen neuen Erkenntnisstand in Form von Sachstandsberichten vorlegen.

Diese Zeit kann sich in der Corona-Pandemie einerseits kein Experte nehmen, andererseits wäre mitunter mehr Zeit vorhanden, als sich manch einer nimmt. Etwa, war schon im Frühjahr klar, dass es zumindest wahrscheinlich ist, dass ein oder mehrere Impfstoffe entwickelt werden können.

Schon dann hätten Experten sich über Monate sorgsam Gedanken machen können, anhand welcher Kriterien die Verteilung erfolgen könnte. Fakt aber ist, dass es erst seit Impfbeginn Stellungnahmen der Fachgesellschaften und etlicher politikberatender Institutionen hagelt: Krebskranke sollten früher geimpft werden, finden die onkologischen Fachgesellschaften, Kinder doch auch, fordern die Kinderarztverbände und so weiter.

Die Corona-Pandemie ist auch eine Krise des beschleunigten Lebens. Im Takt des Reiseverkehrs kam das Virus in alle Erdteile. Im Takt der pandemischen Entwicklung äußeren sich Expert*innen.

Ethik bedingt immer verschiedene Einschätzungen

Verkompliziert werden die Dinge dadurch, dass bei einigen Fragen an die Wissenschaft ethische Motive für die Antwort eine erhebliche Rolle spielen. Das sehen wir etwa bei der Debatte, ob eine Corona-Impfung Pflicht sein soll und wer diese zuerst erhält. Die Ethik überformt in diesem Fall sogar die Antwort. „Wissenschaftler sind immer auch politische Menschen, vielleicht auch mit einer bestimmten Konfession. Sie gehen wählen, haben eine Meinung und sind vielleicht sogar in einer Partei. Das lässt sich nicht vollends voneinander trennen“, sagt der Jurist Volker Lipp von der Universität Göttingen, langjähriges Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Bei ethischen Fragen ist es besonders gefährlich, die Antworten im Kostüm der Wissenschaftlichkeit darzubieten. Denn auch Kritiker*innen erkennen, dass man bei anderer Moral und anderem Erfahrungshintergrund zu einer anderen Antwort kommt.

Darüber gestolpert ist vor kurzem die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, die vom Gesundheitsministerium aufgefordert war, eine Stellungnahme zur Sterbehilfe abzugeben. Die Fachgesellschaft sprach sich grundsätzlich gegen eine solche Praxis aus. Daraufhin regte sich erbitterter Widerstand innerhalb der Fachgesellschaft, sodass sich Mitglieder sodann in einem offenen Brief gegen ihre eigene Vertretung wandten. 40 Prozent der Mitglieder hätten sich für einen assistierten Suizid ausgesprochen, schrieben sie. Der Vorstand habe die Meinung der Fachmediziner*innen in undemokratischer Weise widergegeben und Kritik nicht aufgegriffen.

Der Wissenschaftshistoriker Friedrich Steinle erinnert einen ähnlichen Fall, als die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften vor Jahren zum Fortbestehen der Atomenergie riet. Als Mitglied war er damit nicht einverstanden und irritiert.

Im schlimmsten Fall verlieren Wissenschaftsinstitutionen im Zuge solcher Eklats ihre Legitimation. Ihr Ansehen nimmt Schaden; sie werden gar gespalten oder bekommen Konkurrenz.

Sichtbare Mehrstimmigkeit

Der Deutsche Ethikrat macht als den Deutschen Bundestag beratendes Gremium vor, wie in solchen Fällen vorgegangen werden kann. Bei strittigen Antworten etwa bei der Frage zur Aufhebung des Inzestverbotes formuliert er nach mehrmonatiger Debatte ein Mehrheits- und ein Minderheitsvotum, um den verschiedenen Positionen der Vertreter*innen Rechnung zu tragen. „Die Politik findet es natürlich gut, wenn wir eine Meinung haben, was auch vorkommt“, berichtet Lipp. „Aber ich persönlich finde es verwunderlich, dass wir es sogar schaffen, uns bei aller zu Anfang vorherrschenden Meinungsvielfalt auf zwei Standpunkte zu einigen.“ Der österreichische Ethikrat veröffentlicht gar alle Positionen, für die sich mehr als drei Stimmen finden.

Bei Fragen, bei denen Moral und Einstellung eine Rolle spielen, würden Wissenschaftsinstitutionen gut daran tun, zulasten der Einstimmigkeit Minderheitsmeinungen nicht tot zu schweigen und so ein gerechteres Abbild ihrer Meinungsvielfalt in die Öffentlichkeit zu tragen. Meinungen zu hören und auszutauschen, kostet allerdings Zeit. „Dafür brauchen wir immer mehrere Monate“, sagt Lipp. Diese Zeit haben Wissenschaftler und Wissenschaftsinstitutionen oft nicht, schon gar in Zeiten der Pandemie. Dann bliebe immer noch die Option, es mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu halten: Wovon man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen.

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Susanne Donner

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Die Wahrheit hat viele Farben.


Unverkäuflich

Im Online-Magazin „Unverkäuflich“ greift die Wissenschafts- und Gesellschaftsjournalistin Susanne Donner schwer verkäufliche oder unverkäufliche Themen auf. Sie möchte so einem anderen Journalismus Raum geben. Den Artikeln stellt sie voran, wie viele Medien das Thema ablehnten und warum.

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