Aufräumen am Fahrbahnrand: Wie Städte parkende Autos von der Straße vertreiben

Die Städte sind im Zugzwang: Autos verbrauchen immer mehr Platz im öffentlichen Raum. Maßnahmen, um Platz zu schaffen, gibt es viele

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Mehrere Autos und ein Radfahrer fahren eine einspurige Straße entlang

Die Mobilitätswende lässt auf sich warten. Trotz Klimaschutzdebatten, extremen Wetter wie Hitze, Dürre und Extremregen und Dauerstaus auf den Straßen wächst die Zahl der Autos und der gefahrenen Pkw-Kilometer. Anfang Januar 2022 waren bundesweit 48,5 Millionen Pkw zugelassen. Das waren 13 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor. Mit 575 Wagen pro 1000 Einwohner hatte der Autobesitz im Sommer 2021 bereits einen neuen Höchstwert erreicht. Die langjährige Taktik des Verkehrsministeriums und vieler Kommunen, Autofahrerïnnen mit Anreizen zum Umstieg auf nachhaltige Verkehrsmittel zu bewegen, ist fehlgeschlagen. Politik, Stadt – und Verkehrsplaner brauchen neue Strategien, wenn sie klimaresiliente Städte wollen mit mehr Rad- und Fußverkehr.

Mobilitätsexpertïnnen und der Deutsche Städtetag sind sich einig: Der Autobesitz und die Zahl der Pendlerfahrzeuge in den Städten müssen drastisch sinken. 2018 hatte das Umweltbundesamt für die „Stadt von Morgen“ maximal 150 zugelassene Pkw pro 1000 Einwohner als Zielwert genannt. Diese Vision ist nur in einer Stadt der kurzen Wege umsetzbar. „Wir müssen unsere Städte umbauen und unser Mobilitätsverhalten verändern, um das zu schaffen“, sagt der niederländische Mobilitätsexperte Bernhard Ensink vom Beratungsunternehmen Mobycon. Sein Konzept lautet: Autoverkehr vermeiden, verlagern und verändern. Möglichst viele Autofahrten sollten demnach überflüssig werden, notwendige Fahrten auf den Umweltverbund verlagert werden und erst in letzter Instanz sollten Verbrenner durch E-Autos ersetzt werden. Vorreiter-Kommunen wie Amsterdam machen vor, wie die Zahl der parkenden Autos systematisch aus der Innenstadt entfernt werden können.

Rechts und links von der Gracht parken Autos
Auch das gehört zur Fahrradstadt Amsterdam: parkende Autos säumen die Kaimauer

„Die Niederlande sind eine Fahrradnation, aber wir sind auch eine Autonation“, sagt Ensink. Das gilt auch für die Fahrradmetropole Amsterdam. Wer an den Grachten entlangschlendert, blickt statt auf Wasser auf Reihen von parkenden Autos. Die Politik will das ändern. Der Platz in den schmalen Straßen soll zurück an die Menschen gehen. Seit 2019 reduziert die Verwaltung deshalb die Zahl der Anwohnerparkausweise im Zentrum um rund 1.500 jährlich. Sobald jemand die Stadt verlässt, sein Auto aufgibt oder stirbt, werden die Ausweise nicht mehr ersetzt. Und das, obwohl die Warteliste für Parkausweise lang ist. Außerdem werden bei Umbauarbeiten und Renovierungen der Uferstraßen und Hafenkais weitere Parkflächen im Zentrum entfernt. Bis 2025 will die Verwaltung auf diese Weise rund 11.000 Parkplätze aus der Innenstadt entfernen.

Die Straße ist einspurig. Am rechten Fahrbahnrand parken große Autos
Die Größe der Autos wächst mit jedem Modellwechsel

Das Auto aus den Städten zu vertreiben, ist kein Selbstzweck –

Bernhard Ensink

Eine Straße ist Baustellenbaken für Autos gesperrt.
Straßen für den Rad- und Fußverkehr zu sperren, ist nur der erste Schritt.

Update vom 29.9., 22 Uhr. Beim Anlegen des Textes war der dritte Absatz verloren gegangen. Er wurde jetzt eingefügt.

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Lektorat: Steve Przybilla