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Historiker zu Massengräbern in Kanada: „Es ist ein kultureller Genozid“

Nach den Funden von Kinderleichen in der Nähe früherer katholischer Schulen fordert der Historiker Manuel Menrath von der Kirche ein umfassendes Schuldeingeständnis

06.07.2021
7 Minuten
In der Dämmerung leuchten zahlreiche Solarlämpchen auf der Wiese vor einer Kirche, sie markieren die aufgefundenen Kindergräber.

Die kanadische Öffentlichkeit zeigt sich von den Funden von bislang unbekannten Massengräbern an früheren katholischen Schulen für indigene Kinder erschüttert. Die unmarkierten Gräber von bereits mehr als tausend Kindern erinnern die indigenen Gemeinschaft an die Zeit, in denen Kinder ihren Familien entrissen und zur Missionierung in katholische Schulen eingewiesen wurden. Die Funde haben zu Protesten in kanadischen Städten geführt, auch Anschläge gegen katholische Kirchen werden mit den Ereignissen in Verbindung gebracht.

Der Historiker Manuel Menrath arbeitet seit 2009 am Historischen Seminar der Universität Luzern. Die Forschung über die Missionierung der Indigenen Nordamerikas gehört zu seinen Schwerpunkten. 2016 erhielt er den Opus-Primum-Förderpreis der Volkswagen-Stiftung für sein Buch „Mission Sitting Bull“, in dem er die Geschichte der Bekehrung von Sioux durch Benediktiner erzählt. 2020 erschien von ihm das Buch „Unter dem Nordlicht“ über indigene Kulturen Kanadas.

***

Herr Menrath, wie sehr waren Sie von den Funden überrascht?

Überrascht war ich vom großen Ausmaß in ganz Kanada. Erstaunt wiederum aber nicht, da mir Indigene im Norden Ontarios immer wieder von Verwandten berichtet haben, die Beamte in eine hunderte Kilometer weit entfernte Residential School verschleppt hatten, und die spurlos verschwunden seien. Jetzt ist klar, es handelte sich nicht um Einzelfälle, sondern zahlreiche Kinder, die in den Schulen starben, wurden nicht zu ihren Eltern in den Reservaten zurücküberführt.

Sie erforschen seit längerem die katholische Missionierung Indigener in Nordamerika. Dass an Schulen so viele Kinder vorzeitig gestorben sind – ist das aus Ihrer Sicht Ausnahme oder System?

Es sind Tausende Kinder in diesen Schulen gestorben. Gewiss gab es auch viele Todesfälle in euro-kanadischen Internaten, also in Bildungseinrichtungen für weiße Kinder. Dennoch zeigt der Vergleich, dass die Sterberate in den Schulen für indigene Kinder um ein Vielfaches höher lag.

Indigene Kultur und Spiritualität galten den Missionaren als „primitiv“ und „Teufelswerk“.

Woran lag das?

Das hat mehrere Gründe. Erstens waren die Kinder aufgrund unzureichendem Essen oft unterernährt und daher geschwächt. Viele waren auch gegenüber europäischen Viren nicht sonderlich immun, die sich dann in den engen Schlafsälen rasch ausbreiten konnten. Ein großes Problem war die unter indigenen Kindern epidemisch wütende Tuberkulose. Einige Schülerinnen und Schüler hatten Unfälle oder kamen bei der Flucht aus dem Internat ums Leben, weil sie bei Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius versuchten, in ihre weit entfernten Dörfer zu gelangen.

Wie war es möglich, dass es an den katholischen Schulen so brutal zugegangen ist? Welche Haltung gegenüber Indigenen steckte dahinter?

Einerseits wollte man mit der so genannten „schwarzen Pädagogik“ die Kinder disziplinieren und sie gottesfürchtig machen. Man dachte, ihre Seelen seien verloren, wenn sie keine aufrechten Christen würden. Bestrafungen im Diesseits sollten vor noch schlimmeren Qualen im Fegefeuer bewahren. Die indigene Kultur und Spiritualität galten den Missionaren als „primitiv“ und „Teufelswerk“. Wenn die Kinder sich in den Schulen nicht dankbar zeigten, dass man ihnen den rechten Glauben vermittelte, hatten die Missionare kein Verständnis und bestraften ihre Schützlinge oft heftig.

In den Internaten wurde den Kindern mit der Hölle gedroht, wenn sie etwas Böses über ihre Erzieher sagen würden.

Welches Ausmaß hatten diese Praktiken in Nordamerika und anderswo, wieviele Kinder haben solche Schulen insgesamt durchlaufen?

Es dehnte sich über ganz Nordamerika aus. Selbst Inuit aus Alaska wurden tausende Kilometer in Schulen zum Beispiel im US-Bundesstaat Pennsylvania verschleppt. In Kanada wurden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1996 etwa 150.000 Kinder in kirchlichen Internatsschulen „zivilisiert“, wie man es nannte. Heute leben noch über 80.000 ehemalige indigene Schulkinder, die man in Kanada „survivors“ nennt. In den USA waren es noch viel mehr. Allein 1973 lebten geschätzte 60.000 indianische Kinder in einer solchen Internatsschule.

Wer waren die Täter?

Die Täter waren in der Regel Geistliche verschiedener christlicher Denominationen. Im Falle der katholischen Mönche und Nonnen hatten sie eine sogenannte ultramontane, das heißt äußerst konservative Einstellung. Einige von ihnen sahen sich als Kulturkämpfer, also eine Art „Frontsoldaten“ für den Glauben. Mit der schwarzen Pädagogik haben Sie mit allen Mitteln versucht, aus den indigenen Kindern „aufrechte Christen“ zu machen. Sie machten es aber auch für sich selbst, da sie glaubten, dass Gott sie im Jenseits für jede „gerettete Seele“ belohnen würde. Aber auch die nicht-katholischen Kirchenleute waren eurozentrisch verblendet und fokussierten allein auf den christlichen Glauben. Für sie war die indigene Spiritualität ebenfalls „Heidentum“ und sie wollten die Indigenen „ans Licht“ führen. Tragisch ist auch, dass hinter dem Schutz der Internatsmauern viele Pädokriminelle ihre Triebe auslebten.

Wie haben die Kirchenleute so starke Kontrolle über das Leben indigener Kinder bekommen?

Alle Täter hatten praktisch totale Kontrolle über die Indigenen, weil sie vom Staat unterstützt wurden: Beamte beziehungsweise Polizisten holten Kindern aus den entferntesten Reservaten ab, wenn ihre Eltern diese nicht freiwillig in die Schule sandten. Auch drohten die Beamten den Eltern, Lebensmittelrationen zu entziehen und ähnliches. Die Indigenen waren daher völlig ausgeliefert – da oft ihre Jagdtiere nicht mehr vorhanden waren und in den Reservaten Hunger herrschte. Die indigenen Kinder konnten sich dann in den Internaten nicht wehren und ihre Eltern konnten kein Englisch oder hatten kein Geld, um sich Anwälte zu nehmen. Die Kinder konnten auch nicht über das fürchterliche Erlebte sprechen, da ihnen dafür die Worte fehlten.

Wie muss man sich den Schulalltag für indigene Kinder in der Hochphase der Missionierung vorstellen, was war ihnen verboten, wie war das Leben dort?

Der Alltag war geprägt von einem klar strukturierten Ablauf. Morgens um 5.30 Uhr Messe, dann Frühstück, Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Abendessen und Abendgebet. Die Kinder mussten auch viele körperliche Arbeiten verrichten, und mithelfen, dass sich die Schulen finanzieren konnten. Es war ihnen verboten, sich vom Schulgelände zu entfernen, ihre Sprache zu sprechen oder ihre Spiritualität auszuleben.

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Kinderschuhe stehen zum Protest auf den Stufen des Museums
Protest mit Schuhen und Spielzeug: In Vancouver gedachten Menschen Ende Mai der 215 Kinder, die vor Jahrzehnten in einer katholischen Schule der Provinz ums Leben gekommen sind und anonym begraben wurden.

Haben auch Kinder die Schulen freiwillig besucht?

Nein! In wenigen Ausnahmefällen war dies vielleicht so, wenn Kinder ihre Eltern verloren hatten.

Was wurde indigenen Familien über den Verbleib ihrer Kinder gesagt?

Man hat ihnen gesagt, dass die in guten Händen seien. Wenn ein Kind gestorben ist, hat man meist nur eine knappe Information zugestellt. Die genaue Todesursache wurden den Eltern ebenfalls nicht mitgeteilt.

Kinderleichen kann man nicht einfach so ignorieren.

Wie kommt es, dass das Thema erst heute, Jahrzehnte nach Schließung der Schulen, aufkommt?

Die indigene Gesellschaft wurde stummgeschaltet. In den Internaten wurde den Kindern mit der Hölle gedroht, wenn sie etwas Böses über ihre Erzieher sagen würden. Viele fanden sich als Erwachsene nicht mehr zurecht, da ihre Identität gebrochen war. Sie ertränkten ihren Schmerz in Alkohol oder griffen zu Drogen. Die Menschen wollten vergessen, sie hatten auch Angst, dass niemand ihnen Glauben schenken würde, wenn sie über die Grausamkeiten berichteten, die ihnen widerfuhren.

Seit wann kommen die Gräueltaten ans Licht?

In Kanada wurde das Schweigen erst in den 1990er Jahren gebrochen, als erste indianische Würdenträger öffentlich über die Schrecken berichteten. Darauf meldeten sich immer mehr ehemalige Internatskinder zu Wort. 2008 folgte die Entschuldigung von Premierminister Stephen Harper. Eine Wahrheitskommission wurde eingesetzt, die 2015 ihren erschütternden Bericht veröffentlichte. Doch erst die zahlreichen unmarkierten Kindergräber rüttelten die kanadische Gesellschaft heftig auf. Denn Kinderleichen kann man nicht einfach so ignorieren.

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Welche Folgen hat die erzwungene Missionierung bis heute?

Die indigene Gesellschaft wird noch Jahre unter den traumatischen Erlebnissen in den Internatsschulen zu leiden haben. Die Traumata sind generationsübergreifend.

Der Vorsitzende einer kanadischen Kommission rückte den Umgang der Kirche mit Indigenen in die Nähe von kulturellem Genozid. Wie beurteilen Sie diese Diagnose?

Es ist nicht nur in der Nähe eines kulturellen Genozids. Es ist ein kultureller Genozid, der auch viele Menschenleben forderte.

Eine offizielle Entschuldigung des Papstes ist unerlässlich.

Gibt es von Seiten der Kirche überhaupt eine kritische Aufbereitung dieser dunklen Vergangenheit oder Zeichen von Reue?

Das Thema wurde zur Kenntnis genommen und kirchliche Würdenträger haben auch ihre Betroffenheit ausgedrückt. Aber eine vollständige Aufarbeitung seitens der Kirchen wurde nicht angegangen.

In Deutschland steht die Kirche wegen sexuellem Missbrauch von Kindern im Fokus. Sind das getrennte Themen oder gibt es Gemeinsamkeiten?

Nein, das sind keine getrennten Themen. Denn auch in den Internatsschulen litten Kinder furchtbar unter sexuellem Missbrauch. Sie konnten sich nicht wehren, ihre Eltern sprachen kein Englisch und hatten kein Geld, sich Anwälte zu nehmen. Hinter den Mauern der Internate waren die Täter lange Zeit geschützt. Doch jetzt kommt immer mehr ans Licht und diese grausamen Verbrechen können nicht einfach mehr ignoriert werden.

Menrath trägt ein Basecap und steht zwischen den beiden Männern, Chief Meekis trägt traditionelle Kleidung.
Chief Bart Meekis, Manuel Menrath (Mitte) und Deputy-Chief Robert Kakegamic im Reservat der Sandy Lake First Nation im Norden Ontarios, 2018. Das Reservat ist nur per Kleinflugzeug erreichbar, da keine Strasse hinführt. Auch von hier wurden Kinder in Hunderte Kilometer entfernte Internatsschulen verschleppt.

Was sollte Papst Franziskus jetzt tun?

Eine offizielle Entschuldigung des Papstes ist unerlässlich. Hätte er sich sofort nach dem ersten Gräberfund in Kamloops entschuldigt und nicht nur sein Bedauern ausgedrückt, würden wohl nicht so viele katholische Kirchen brennen.

Viele holt die Vergangenheit ein und sie werden depressiv.

Erwarten Sie, dass in Kanada und den USA noch mehr dunkle Fakten ans Tageslicht kommen?

Ja, denn jetzt werden alle Gelände ehemaliger Internatsschulen untersucht und der Geschichte kommt eine noch nie dagewesene Bedeutung zu.

Wie können indigene Gemeinschaften mit diesen traumatischen Ereignissen umgehen?

Es ist schwer für die betroffenen Menschen. Viele holt die Vergangenheit ein und sie werden depressiv. Es hat für sie den Anschein, als höre der Schmerz der rassistischen Unterdrückung, den sie an Leib und Leben seit dem frühen Kindesalter erfuhren, niemals auf. Dennoch ist auch Erleichterung spürbar. Familien, die Jahrzehnte im Ungewissen über den Verbleib eines Kindes geblieben waren, erhalten nun erstmals Gewissheit und können die sterblichen Überreste in ihrer Heimaterde bestatten.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).

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