Ideen eines Bürger-Workshops: Wie kann Berlin grüner werden?

Die Klimakrise heizt die Innenstädte auf. Mehr Grün bietet Schutz gegen die Hitze. Deshalb werden in Berlin Parkplätze aufgerissen und in Grünflächen verwandelt. Ein Zukunftsszenario.

8 Minuten
Restaurierter Hinterhof mit den Eingängen zu einem Bürogebäude in Berlin, der Boden ist vollständig versiegelt, zwei Pflanzen in Pflanzgefäßen sind das einzige Grün.

Dorian Larson sitzt auf seinem Bagger und wartet auf die Freigabe. Er hat sich längst an den Widerstand gewöhnt. Szenen wie diese gibt es in Berlin in diesen Tagen immer wieder. Männer und Frauen haben sich an die Alufelgen ihrer Autos gekettet, deshalb kann die Polizei die Fahrzeuge nicht abschleppen. Ein Fernsehteam filmt den Protest. Zwei Polizistinnen versuchen gerade, einen Autobesitzer zu überzeugen, dass diese Aktion sinnlos ist. Sie erinnern ihn an das Urteil des Verfassungsgerichtes, aber der Protestler will nicht hören. Vor sechs Monaten hatte das höchste Gericht eine Entscheidung des Berliner Senats bestätigt. Der hatte beschlossen, dass niemand mehr das Recht darauf hat, seinen privaten Pkw kostenlos im öffentlichen Raum abzustellen.. Zwar muss die Stadt Parkraum einrichten, aber sie kann selbst entscheiden, wo sie das tun will. Die neugebauten begrünten Parkhäuser außerhalb des S-Bahn-Rings schaffen ausreichend Abstellflächen für Autofreunde – und zugleich Freiraum in der Stadt.

Viele BerlinerInnen haben sich mit dem Angebot angefreundet, aber Larsons Job bringt es mit sich, dass er immer wieder auch die andere Seite kennenlernt, die kleine Gruppe der Autoverteidiger. Dorian Larson arbeitet als Parkplatzaufreißer. Mit schwerem Gerät reißt er Kopfsteinpflaster und Asphaltdecken auf und hebt eine Grube aus. Heute steht ein „30er“ auf dem Arbeitszettel. 30 Parkplätze und ein Teil der Straße in einem Berliner Wohnkiez sollen zur Grünfläche werden. Die nahgelegene Grundschule will das Gelände betreuen. Als Praxisfläche für das neue Schulfach Biologische Vielfalt. Larson sieht, wie die Polizeibeamtin die Diskussion mit den angeketteten Autofans abbricht. Per Funkgerät ruft sie KollegInnen zur Hilfe. In 20 Minuten wird das Räumkommando der Polizei anrücken und die Demonstration auflösen. Auch die Abschleppwagen stehen schon bereit.

Larsons Mobiltelefon meldet sich mit Vogelgezwitscher. Seine Freundin Kathyln ruft an. „Hallo, was gibt’s?“, fragt er. „Was Berufliches“, antwortet Kathyln. „Kann ich dir nachher noch unser Expertenteam schicken? Es will begutachten, ob wir dort ein Regenwasserrückhaltebecken bauen können.“ Sie ist Abteilungsleiterin in der neuen Begrünungsbehörde der Stadt Berlin. 800 Mitarbeitende kümmern sich dort um die Veränderung der Stadt, damit Berlin die nächsten heißen Sommer besser übersteht. Ihr Arbeitsplatz ist gleichzeitig ein Hot-spot für Touristen. Die Behörde sitzt publikumswirksam im neuen GreenAlexanderpalais. Das Gebäude ist eine grasbedeckte Shoppingmall voller Bäume und erstreckt sich vom Fernsehturm zum Alexanderplatz und Nicolaiviertel. Aber Berlin hat zu wenig Platz für solche spektakulären Neubauten, auch, deshalb bearbeitet Dorian Larson mit seinem Team die versiegelten Flächen in den Wohnkiezen.

Der Baggerführer blickt rüber zu den Polizisten. „Das wird heute nichts, wir haben hier ziemlich viele Aktivisten“, antwortet er, „kommt lieber ein anderes Mal. Bei mir wird es heute bestimmt auch später.“ „Okay, dann warte ich mit dem Essen auf Dich“, antwortet Kathyln. Seit vier Jahren sind die beiden zusammen. Sie haben sich bei einem Praktikum an der Uni kennengelernt: dem 1-Milliarden-Pflanzen-Projekt, Grün für die ungenutzten Wände der Berliner Hinterhöfe.

Die Berliner Hochschulen mit den Green-City-Studiengängen sind ein wichtiger Treiber bei der Renaturierung der Stadt. Damit will Berlin seine ehrgeizigen Klimaziele erreichen. Dorian hatte den Schwerpunkt Baupraxis gewählt, Kathyln Verwaltung und Recht. Manchmal bedauert Dorian die Entscheidung für Bagger, Baustellenmanagement und Technik. Er würde gerne im Quartiersmanagement im direkten Kontakt mit Menschen arbeiten. In jedem Berliner Kiez betreuen GärtnerInnen und PädagogInnen die AnwohnerInnen bei der Pflege der Grünprojekte. Auf der anderen Seite ist er zufrieden, wenn er mit dem Fahrrad an einem der vielen Biotope vorbeifährt, die seine Baggerschaufel ermöglicht hat.

Die Polizistin kommt auf ihn zu. „In einer Stunde kannst du loslegen, wir sind mit der Räumung bald fertig“, sagt sie. Dorian ärgert sich über die Verspätung. Er sucht in den Bauunterlagen nach den Nummern der Lkw-Fahrer, die den Bauschutt zur Sortierungsanlage bringen werden. Diese Baustelle ist als Vier-Wochen-Projekt eingestuft. Die Straße wird zur Einbahnstraße werden, nur der Radweg darf in beide Richtungen genutzt werden. Vermutlich müssen sie einige Rohre und Stromkabel neu verlegen, bevor der Boden für die Pflanzen aufgefüllt werden kann. Die Grundschule wünschte sich Obstbäume und eine Totholzfläche, damit die Kinder Insekten beobachten können. Ein spezieller Auftrag, denkt Dorian Larson. Auch Bürogemeinschaften haben oft Sonderwünsche. Anlieger sind dagegen genügsam. Sie haben meistens keine hohen Erwartungen an das Straßengrün. Blumen und Stauden sind beliebt, vor allem die Arten, die bunte Schmetterlinge anlocken.

Als Dorian Larson endlich die Maschine startet, sieht er eine Gruppe Kinder im Seitenspiegel. Vorsichtig stellt er den Motor ab. Die Kinder winken begeistert. „Wir sind von der Grundschule und wollen Fotos machen“, sagt eines von ihnen. Dorian lässt sie gewähren, dafür wartet er gern. Eine Lehrerin entschuldigt sich. „Die Klasse will an einem Wettbewerb für das Innenstadt-Gelände mit den meisten Insekten teilnehmen“, sagt sie. „Dafür müssen wir ein Foto haben, auf dem zu sehen ist, dass hier früher nur Autos gestanden haben.“ Danach kann Dorian Larson endlich das erledigen, wofür er diesen Beruf gewählt hat. Berlin in einen Großstadt-Dschungel umwandeln – nicht nur in einen aus Straßen und Häusern, sondern in einen echten.

Hintergrund

Das Szenario ist im Juni 2022 während eines Workshops bei der Urania in Berlin entstanden. Die Teilnehmenden haben gemeinsam mit ZukunftsReporter Rainer Kurlemann Ideen für ein grünes Berlin entwickelt. Als Schwerpunktthema des Abends war grüne Architektur vorgesehen, doch bald waren sich alle einig, dass der Weg zu einem grüneren Berlin nicht über neue, begrünte Gebäude führt. In der Urania herrschte rasch Einigkeit: Der schnellere und vielsprechende Weg führt vor allem über eine Verbesserung des Bestands und mehr Grünflächen.

Grünflächen in Berlin schlecht verteilt

Der Workshop begann mit offiziellen Zahlen. Berlin präsentiert sich als grüne Stadt mit 430.000 Straßenbäumen und einem Grünflächenanteil von 59 Prozent. Der grüne Anteil Berlins wäre damit größer als die Fläche der Millionenstadt Köln. Doch die Workshop-TeilnehmerInnen waren skeptisch, ob das Bild der grünen Stadt stimmt. Ihr Alltag sieht anders aus, wie folgende Statements zeigen.

„Das Grün ist sehr ungleich verteilt. Es gibt Bereiche in Berlin, die sind fast vollständig versiegelt, als Parkplätze genutzt. Das Grün muss viel mehr in den Innenstadtbereich. Innerhalb des S-Bahn-Rings gibt es viel zu wenig Grün und eine zu hohe Baudichte. Ich möchte aber keine Gebäude abreißen, sondern den Verkehr zurückdrängen.“

:„Wir tun eigentlich alles, was man nicht tun soll. Es wird viel zu viel versiegelt. Mehr Begrünung, weniger Verkehr, das sollte man tun. Wenn man das mit dem Verkehr ernst macht, könnte man auf ehemaligen Parkplätzen sehr viel anbauen.“

Diese Argumentation wiederholt sich immer wieder. Deshalb entschieden sich die Teilnehmenden später dafür,, dass die Hauptfigur des Szenarios ein Parkplatz-Aufreißer werden soll.

Gebäude im Ausgleich mit Natur

Der Workshop beschäftigt sich mit grüner Architektur, Gebäude mit Bäumen und Hecken, Grünflächen an den Fassaden. Diesen Trend gibt es seit etwa zehn Jahren. Der britische Architekt Thomas Heatherwick beschreibt seine Motivation für grüne Fassaden: „Überall, wo neue Gebäude gebaut werden, gibt es keinen ausreichenden Ausgleich mit Natur.“

Die BerlinerInnen können sich mit dieser Idee nur wenig anfreunden. Neue Gebäude benötige Berlin nicht. Es gab Zweifel an der Idee, aber einige Aspekte fanden auch Zustimmung.

„Ich bin sehr angetan von der Vertikalbegrünung, das würde ich mir auch für Berlin wünschen. Da muss die Politik mehr eingreifen, vor allem bei Neubauten. Das wird der Markt nicht von allein regeln. Wir haben ja eine Quote für Kunst am Bau, die müsste es auch für Natur geben.“

„Grüne Architektur muss nicht grün sein. Der Erfolg ist nicht die Zahl an Bäumen, sondern weniger CO2-Emmission. Bäume zählen, reicht nicht. Es geht auch um Klimaneutralität und Biodiversität, aber heimische Biodiversität.“

„Es müssen Ideen entstehen, wie man Bestandsgebäude besser begrünen kann. In den Hinterhöfen könnten grüne Fassaden entstehen. Die alten, schönen Fassaden würde ich ausnehmen, aber bei den anderen kann man was machen.“

„Es müsste Studiengänge geben, die all diese Themen viel mehr begleiten.“

Experten für grüne Architektur fehlen

Das Publikum in der Urania kam zu dem Schluss, dass es kaum Experten und nur einige wenige Startups auf diesem Gebiet gibt. Die Idee der Begrünung Berlins sollte aber von allen getragen werden. So entand der Gedanke der Green-City-Studiengänge und der Quartiersmanager, die Grünpflege betreiben und Menschen schulen. Als Autor des Szenarios habe ich mich dennoch entschieden, einen großen, begrünten Gebäudekomplex zu erbauen, weil Berlin als Vorbildstadt auch diese Gebäude benötigt. Rund um den Fernsehturm war es am Workshoptag besonders heiß, deshalb der Standort für das GreenAlexanderpalais. Dass es bei solchen Ideen nicht um Lifestyle geht, zeigt eine Zahl eindrücklich: In der Berlin gab es 2018 mehr als 500 Hitzetote, berichtet das Robert-Koch-Institut.

Grün überall: die Fassade des Aeres University of Applied Sciences in Almere  zeigt, wie Fassadenbegrünung bei Funktionsgebäuden aussehen kann. Es wurde 2022 eröffnet.
Das neue Gebäude der Aeres University of Applied Sciences in Almere ist komplett begrünt. Mehr als 30 Arten wachsen an der Fassade, Bäume gehören zum Gebäude.
Bürgersteig vor der grünen Fassade des Gebäudes der FH in Almere. Die Passanten können den Eindruck bekommen, sie laufen durch einen Wald.
Wer den Bürgersteig am neuen Gebäude der FH in Almere entlangläuft, wähnt sich im dichten Grün. Begrünte Fassade können Städte kühlen.
Beispiel auf der Florida für Fassadenbegrünung: Viele kleine Pflanztaschen versorgen die Pflanzen.
Die begrünte Fassade eines Gebäudes auf der Gartenausstellung Floriade besteht aus vielen einzelnen Pflanztaschen.
Erdbeerpflanzen wachsen in Nährkulturen in Behältern, die von der Decke eines Gebäudes hängen. So könnte Landwirtschaft in der Stadt aussehen, Licht und Bewässerung werden vom Computer gesteuert.
Erdbeerplantage ohne Erde, kontrolliert vom Computer. So könnte urbane Landwirtschaft aussehen, die beispielsweise in Parkhäusern verwirklicht werden kann.

Der nächste Aspekt im Szenario waren Straßen und der Verkehr. Nach der bisherigen Diskussion war es kein Wunder, dass das Publikum den Verkehr insgesamt zurückdrängen wollen:

„Viele nach Berlin Zugezogene bringen ihr Auto mit, weil sie meinen, es wäre in Berlin genauso nötig wie auf dem Land. Die öffentlichen Flächen sind nicht dazu da, dass jemand privates Eigentum abstellt.“

„Verbindungstraßen können bleiben. Aber ein Netz aus Straßen nur für Fußgänger und Radfahrer, das fände ich wunderbar. Es wäre eine völlig neue Erfahrung, ganz befreit zu sein von Abgasen und dem Stress des Verkehrs“.

„Wir brauchen mehr Pilotprojekte wie die autofreie Friedrichstraße, um die Herausforderung des urbanen Lebens kennenzulernen und clevere Lösungen schaffen zu können.“

Bürgerideen und die Allianz der freien Straßen

Purer Zufall, dass am gleichen Tag in Berlin die „Allianz der freien Straße“, bestehend aus der Denkfabrik paper planes e.V., den Mobilitätsforschenden am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und BeteiligungsexpertInnen der TU Berlin ein Manifest der freien Straße veröffentlichten.

Im Workshop stellte sich noch die Frage, welches Grün auf den neugeschaffenen Flächen wachsen soll. Biodiversität war allen wichtig. Eine Stimme aus der Diskussion:

„Man muss eine Stadt nicht in eine landwirtschaftliche Fläche umwandeln. Dennoch bin ich ein Fan von urban gardening, weil es dem Stadtmenschen hilft, seine Naturverbundenheit wieder aufzubauen. Wenn Menschen naturverbundener wären, würde unsere Stadt nicht so aussehen wie sie aussieht. Wir Menschen brauchen Natur, aber wir haben das vergessen.“

Eine einheitliche Meinung gab es in diesem Fall nicht. Im Szenario können die BürgerInnen deshalb selbst wählen, was auf den Grünflächen wächst. Einige Teilnehmende machten darauf aufmerksam, dass schon heute Wassermangel in Berlin herrscht und deshalb eher Pflanzen gewählt werden sollten, die mit wenig Wasser auskommen. Einige Berliner Initiativen nehmen sich dieser Problematik an, etwa die von Verbändengetragene Initiative für besseres Regenwassermanagement und Hilfe für der Trockenheit ausgesetzte Stadtbäume.

Mehr Personal für städtisches Grün

Im Workshop ging es auch um die Frage, wer sich um das neue Grün kümmern soll.

„Bei kleinen Flächen können sich Menschen zusammentun, die Interesse am Grün haben. Aber wenn wir es größer denken, dann brauchen wir professionelle Hilfe. Schon deshalb, weil viele Menschen viel zu wenig wissen, um Gemüse und Grün ordentlich anzubauen.“

„Rein mit Freiwilligkeit wird es nicht funktionieren. Es braucht Anreize, sowohl für Privatleute als auch für UnternehmerInnen. Ein Anreiz könnte ein „Green Label“ sein. Unternehmen, die auf ihrem Betriebsgelände mehr Grün schaffen, bekommen eine Steuerreduzierung oder so etwas.“

Die Diskussion über Freiwilligkeit warf die Frage auf, ob die Umwandlung von Parkplätzen ohne Widerstand hingenommen wird. Damit rechnete niemand im Publikum. Eine Teilnehmerin wünschte sich, dass die Autobesitzer ähnlich behandelt werden wie Umweltaktivisten. Das war zwar keine Mehrheitsmeinung, lieferte aber den Einstieg in das Szenario zu einem grüneren Berlin.

Wenn Sie Anregungen für das Szenario oder Kommentare haben – herzlich gern per E-Mail an die Adresse: hallo@zukunftsreporter.online

Weitere Szenarien der ZukunftsReporter beschäftigen sich mit dem Parkplatzmanagement in Innenstädten und der Verringerung von Luftschadstoffen wie Feinstaub und Stickoxiden.

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